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Judith Wonke | 06.03.2018 | 744 Aufrufe | Interviews

"Eine maskulin codierte Emotionsgemeinschaft"

Interview mit Stefanie Pilzweger-Steiner zur Emotionsgeschichte der 68er-Bewegung

Die populärhistorischen, aber auch fachwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der 1968er Studentenbewegung sind zahlreich. Kaum beachtet wurde bei diesen Überlegungen jedoch die Gefühlskultur der Bewegung: Wie beeinflussten Emotionen das politische Handeln innerhalb der 1968er Bewegung? Dieser Frage ging Dr. Stefanie Pilzweger-Steiner in ihrer Dissertation nach. War die Studentenbewegung männlich codiert? Welche Rolle kam den Frauen zu? Im Interview stellten wir ihr unter anderem Fragen nach dem Verhältnis von Männern und Frauen innerhalb der 68er-Bewegung und wie die These einer männlich codierten Protestbewegung mit der aufkommenden Frauenbewegung der 1970er Jahre einhergeht. 

"Männliche Akteure dominierten die Protestkultur zahlenmäßig und inhaltlich"

L.I.S.A.: Populäre und fachwissenschaftliche Publikationen zu 1968 gibt es zahlreiche, es scheint, als hätte jeder Aspekt der Geschehnisse inzwischen Beachtung gefunden. Sie konzentrieren sich in Ihrer Forschung jedoch auf eine Emotionsgeschichte der Bewegung. Was hat sie motiviert, sich mit der 68er-Bewegung zu beschäftigen? Gibt es vergleichbare Studien, die Ihrer vorausgingen?

Dr. Pilzweger-Steiner: Die Geschichte der Gefühle als junges und produktives Forschungsfeld hatte sowohl in empirischer, als auch in methodisch-theoretischer Hinsicht bis dahin kaum Eingang in das in der Tat sehr umfangreiche Repertoire an Publikationen zur 68er-Bewegung gefunden. Gerade im Bereich des kollektiven politischen Protests eröffnet sich eine ganz neue Forschungsperspektive, wenn die verhaltenssteuernde Rolle von Emotionen und deren soziale Konstituierungsprozesse in das Zentrum der Untersuchung gerückt werden. Mich hat interessiert, welche Rolle kollektive Gefühle bei der Entstehung, in der Hochphase und beim Niedergang der Protestbewegung spielten. Dazu habe ich das antiautoritäre Milieu als emotionale Gemeinschaft betrachtet, die in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft eigene emotionale Stile und Standards entwickelte. Da männliche Akteure die Protestkultur zahlenmäßig und inhaltlich dominierten, war für mich zudem die Frage spannend, inwieweit die Gefühlskultur der „68er“ auch von maskulin codierten „Regeln“ des Fühlens geformt und dominiert wurde.

"Die 68er-Bewegung als maskulin codierte Emotionsgemeinschaft"

L.I.S.A.: Sie beziehen sich in Ihren Überlegungen unter anderem auf das Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“. Können Sie dies erläutern? Welche weiteren theoretischen Überlegungen liegen der Studie zu Grunde?

Dr. Pilzweger-Steiner: Mit dem Theoriemodell hegemonialer Männlichkeit von Raewyn Connell lassen sich asymmetrische Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen, aber auch zwischen verschiedenen Ausformungen von Männlichkeit untersuchen. Das Leitbild hegemonialer Männlichkeit entspricht einem kulturellen Männlichkeitsideal, das an der Spitze der Geschlechterhierarchie steht. Es ist eine soziokulturell und historisch variable Relation, die jederzeit in Frage gestellt werden kann. Insofern ist hegemoniale Männlichkeit auch als generatives Prinzip zur Konstruktion von Männlichkeit zu verstehen. Die Überlegungen von Connell lassen sich sehr gut mit Pierre Bourdieus Theorieansatz zum maskulinen Habitus kombinieren. Dieser bietet einen Anknüpfungspunkt zwischen Emotionen von Individuen und Gruppierungen und der Reproduktion männlicher Hegemonie.

Insgesamt basiert die Studie auf einem theoretisch-methodischen Mix aus Ansätzen der Männlichkeits- und Emotionsforschung. Aus der geschichtswissenschaftlichen Emotionsforschung kommen die Theorien des emotionalen Regimes von William M. Reddy und der emotionalen Gemeinschaften von Barbara Rosenwein hinzu.

Die Modelle beider Disziplinen beschäftigen sich damit, wie gesellschaftliche Gruppen hegemonialen Status erlangen und ihr Normenrepertoire durchsetzen. Bedeutend für die Untersuchung der 68er-Bewegung als maskulin codierte Emotionsgemeinschaft war die Annahme, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen sich in ständiger Konkurrenz um die Definitionsmacht hegemonialer Männlichkeits- und Gefühlscodes befinden.

"Die utopische Sehnsucht nach einer besseren Welt"

L.I.S.A.: Betrachtet man die 68er Bewegung aus emotionsgeschichtlicher Perspektive: Zu welchem Schluss kommen Sie - welche Rolle spielten Emotionen?

Dr. Pilzweger-Steiner: Das Handeln der 68er-Bewegung als politischer Akteur erfolgte nicht ausschließlich zweckrational, sondern war maßgeblich von kollektiven Gefühlen begleitet und motiviert; dies lässt sich für den gesamten historischen Verlauf der sozialen Bewegung nachvollziehen. Die zumeist männlichen Aktivisten bildeten im gemeinsamen Kampf für die Revolution einen kollektiven Protesthabitus heraus, über den vergeschlechtlichte Gefühlslagen transportiert wurden. Manche Gefühle wurden von der Protestgemeinde gutgeheißen, gefördert und zur Norm erhoben, andere Emotionen wurden abgelehnt, missbilligt oder gar verleugnet.

Eine relevante Gefühlslage in der Initialphase der 68er-Bewegung war beispielsweise die utopische Sehnsucht nach einer besseren Welt. Es herrschte eine euphorische, siegessichere Gewissheit, durch bedingungslose Solidarität und totale Kritik die unmittelbare Zukunft aktiv verändern zu können. Damit grenzte sich die idealistische junge Protestgeneration von der konservativen Nachkriegsgesellschaft ab, die in ihren Augen saturiert, reaktionär und politisch desinteressiert war. Angetrieben von einem soziokulturell männlich konnotierten Machtstreben, entwickelten manche Protagonisten angesichts des Anspruchs aus eigener Kraft einen historisch bedeutsamen Wandel herbeizuführen, einen revolutionären Übermut bis hin zu Omnipotenzgefühlen. Dies ging so weit, dass von der Protestgemeinschaft ein normierender Druck auf den Einzelnen ausging, das Unmögliche für möglich zu halten. Zweifel an der Umsetzbarkeit der utopischen Umsturzpläne zu zeigen war verpönt.

"Frauen waren zahlenmäßig unterrepräsentiert"

L.I.S.A.: Wie war das Verhältnis von Männern und Frauen innerhalb der 68er-Bewegung? Und wie spiegelt sich dieses Verhältnis in der Rezeption von „68“ wider?

Dr. Pilzweger-Steiner: Gegen Ende der 1960er Jahre befanden sich Frauen an den bundesdeutschen Hochschulen noch in einer Minderheitenposition. In dem von mir untersuchten Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und den Kommunen I und II waren Frauen zahlenmäßig unterrepräsentiert und nahmen selten führende Positionen ein. Die Planung, Organisation, inhaltliche Gestaltung und Durchführung des Protests lag also zu großen Teilen in Männerhand. Obgleich die Agenda des SDS in sozialistischer Tradition formal die Gleichstellung der Geschlechter und den Kampf gegen autoritäre gesellschaftliche Strukturen beinhaltete, wurde der Verband vielfach als „Männerverein“ mit chauvinistischen Attitüden wahrgenommen. Politisch engagierte Frauen hatten es dementsprechend schwerer, sich Respekt und Gehör in der männlich codierten Protest- und Gefühlsgemeinschaft zu verschaffen.

Die Akteure der maskulin dominierten 68er-Bewegung gerierten sich auch nachträglich als Mitglieder einer männlich-politischen Generation. Eine generationelle Selbstzuschreibung von Frauen als „68erinnen“ hingegen blieb meist aus. Ehemalige Aktivisten der Bewegung nahmen die retrospektive geschichtspolitische Deutungshoheit der Ereignisse rund um das Jahr 1968 und deren mehr oder minder nach wissenschaftlichen Standards verfahrende Aufarbeitung stark für sich in Anspruch.

"Revolutionäre Kraft der freien Sexualität als Mittel gesellschaftlicher Befreiung"

L.I.S.A.: Die 68er gelten heute unter anderem als eine Zeit der sexuellen Befreiung – die sogenannte „neue Frauenbewegung“ ist eng mit der Geschichte der Studentenproteste verknüpft. Wie geht dies mit Ihrer These einer männlich codierten Protest- und Gefühlskultur überein?

Dr. Pilzweger-Steiner: Die „68er“ lehnten das Kulturmuster der romantischen Liebe ab und propagierten die revolutionäre Kraft der freien Sexualität als Mittel gesellschaftlicher Befreiung. Das Primat der Luststeigerung durch Promiskuität und die Entemotionalisierung von Sexualität prägten die emotionalen Normen der maskulin dominierten Protestkultur. Insgeheim überforderte das Gebot der freien Liebe so manchen Akteur der Protestszene emotional, wenn es zum Beispiel darum ging Gefühle der Scham oder Eifersucht gänzlich abzulegen. Für viele Frauen kollidierte die sexuelle Revolution auf Geheiß der Männer mit den eigenen sexuellen Bedürfnissen und emotionalen Ansprüchen an eine Paarbeziehung.

Im SDS entzündete sich im Herbst 1968 ein politisierter Geschlechterkampf daran, dass sich die Frauen von ihren Genossen als Sexualobjekte degradiert und in ihren emanzipatorischen politischen Forderungen nicht ernstgenommen fühlten. Eine Gruppe weiblicher SDS-Mitglieder rebellierte gegen die als patriarchal empfundene Geschlechterordnung in der linken Protestszene und gab den Anstoß dazu, sich in Frauengruppen außerhalb des SDS zu organisieren. Die Initiatorinnen dieses Protests bestimmten die zu Beginn der 1970er Jahre erstarkende Frauenbewegung maßgeblich mit.

L.I.S.A.: Welches Quellenmaterial liegt Ihren Forschungen zu Grunde?

Dr. Pilzweger-Steiner: In die Untersuchung eingeflossen sind Quellen, die auf die Selbstrepräsentation, die Selbstsicht und das Selbstgefühl der 68er-Bewegung schließen lassen. Dazu gehören autobiografische Dokumente und Zeitzeugeninterviews, sowie zeitgenössische Publikationen der Protagonisten von „1968“. Des Weiteren wurden unmittelbare Zeugnisse des Protests wie Flugblätter, Positionspapiere, Reden, offene Briefe, Erklärungen, Plakate oder Parolen analysiert. Berücksichtigung fanden auch die Ideologien, Theorien und Denkmodelle, die das Denken, Handeln und Fühlen der Akteure beeinflussten. Neben Textquellen wurden auch fotografische Zeugnisse untersucht. Der Körper als Medium des vergeschlechtlichten Gefühlsausdruckes lässt sich anhand von Bildmaterial der Protestierenden sehr gut analysieren.

"Der SDS als geistiges und organisatorisches Zentrum der Protestbewegung"

L.I.S.A.: Untersuchungsgegenstand Ihrer Studie ist der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) mit besonderem Blick auf die Kommunen I und II. Wie erfolgte die Auswahl? Warum haben Sie sich auf diese Akteure konzentriert?

Dr. Pilzweger-Steiner: Die Protestbewegung rund um das Jahr 1968 bestand aus einem losen Netzwerk zahlreicher heterogener Trägergruppen und Organisationen. Die Gruppierungen verfolgten oft sehr widersprüchliche Ziele, wiesen jedoch auch gewisse intentionale Schnittmengen auf. Insofern übersteigt es die Kapazität einer einzelnen Studie, alle Strömungen gleichermaßen zu berücksichtigen. In meiner Arbeit habe ich den Fokus auf das studentische Umfeld des Protests gelegt. Der SDS nahm als geistiges und organisatorisches Zentrum der Protestbewegung eine herausgestellte Rolle ein. Mit dem SDS als theorie- und politikdominierte, intellektuelle Neue Linke und den daraus hervorgehenden Kommunen I und II als hedonistischem Selbstverwirklichungsmilieu konnten zugleich die zwei bedeutendsten subkulturellen Strömungen der antiautoritären Revolte in den Blick genommen werden.

Dr. Stefanie Pilzweger-Steiner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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