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Georgios Chatzoudis | 08.05.2018 | 379 Aufrufe | Interviews

"Eine Konzeption des guten und gelingenden Lebens"

Interview mit Michael Quante zur Philosophie von Karl Marx

Zum 200. Geburtstag von Karl Marx haben sich Pop- und Konsumwelt geradezu überschlagen. Von der Marx-Skulptur, über den Marx-Kaffeebecher, bis zum Marx-Einkaufschip - in den Läden dieser Welt gab es kaum einen Gegenstand, der nicht mit dem Portrait des Jubilars versilbert werden sollte. Er selbst hätte sich mit Blick auf kapitalistische Aneignungs- und Verwertungslogiken sowie der Theorie vom Warenfetisch vermutlich mehr als bestätigt gefühlt. Aber gilt dies auch für seine Überlegungen über die Natur des Menschen? Was gehört für einen Menschen zu einem guten und gelingenden Leben? Entlang dieser Fragestellung hat der Philosoph Prof. Dr. Michael Quante von der Universität Münster Karl Marx neu gelesen und darüber einen Band veröffentlicht. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Ethische Annahmen im Rahmen einer philosophischen Anthropologie"

L.I.S.A.: Herr Professor Quante, Sie haben zum diesjährigen Karl Marx-Jubiläum einen Band herausgegeben, der den Titel „Der unversöhnte Marx. Die Welt in Aufruhr“ trägt. Inwiefern hat Marx der heutigen Welt, die sich nach Ihrer Einschätzung in Aufruhr befindet, noch etwas zu sagen? Worin sehen Sie Marx‘ Aktualität begründet?

Prof. Quante: Dass sich die Welt derzeit in Aufruhr befindet, ist sicher nicht nur meine Einschätzung. Die Aktualität von Marx angesichts der vielen Unruheherde und Probleme sehe ich in seiner kritischen Analyse des Kapitalismus, der in seinen Augen ein misslingendes menschliches Leben darstellt. Diese normative Kritik beruht bei Marx auf ethischen Annahmen, die er im Rahmen einer philosophischen Anthropologie entfaltet hat. Diese philosophische Konzeption liegt auch seiner im engeren Sinne ökonomiekritischen Analyse zugrunde, die er in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ vor gut 150 Jahren erstmals veröffentlicht hat.

"Auch eine philosophische Analyse kann praktische Relevanz entfalten"

L.I.S.A.: Sie vertreten die These, dass Marx‘ Analyse des Kapitalismus keine Gerechtigkeitstheorie sei, sondern vielmehr der Entwurf einer philosophischen Anthropologie. Das Kapital sei in erster Linie philosophisch zu begreifen und keine Anleitung für politisches Handeln, beispielsweise in Sachen „Gerechtigkeit“. Wie aber passt das zur viel zitierten These Marx‘, Philosophen würden die Welt nur verschieden interpretieren, anstatt sie zu verändern?

Prof. Quante: Das sind drei unterschiedliche Fragen, die sachlich selbstverständlich zusammenhängen. Ich fange mit der letzten Frage, die auf die berühmte elfte Feuerbachthese anspielt, an. Marx hat sie 1845 in ein Notizheft geschrieben, zu einer Zeit, als er sich mitten in der Auseinandersetzung mit einer Gruppe von radikalen Philosophen befand, die man heute Links- oder Junghegelianer nennt. Diesen Autoren wirft Marx vor, die Welt alleine dadurch verändern zu wollen, dass man das Bewusstsein der Menschen verändert. Dagegen erhebt er den Anspruch, dass eine wirkliche Veränderung der Gesellschaft und des menschlichen Bewusstseins immer auch eine Veränderung der sozialen Institutionen sein müsse. Zu dieser Veränderung bedarf es auch einer neuen, kritischen Interpretation der Welt. Aber sie reicht zur Veränderung nicht aus. Es war Friedrich Engels, der diese Thesen von Marx 1888 erstmals veröffentlichte und dabei den Wortlaut auch dieser elften These um eine entscheidende Nuance veränderte. Engels fügte in die Formulierung von Marx („es kommt darauf an, sie zu verändern“) ein „aber“ ein. Damit wird ein Gegensatz zwischen Interpretieren und Verändern suggeriert, der in dieser Ausschließlichkeit bei Marx nicht zu finden ist.

Was die „Anleitung für politisches Handeln“ betrifft, so hängt einiges von der genauen Bedeutung des Wortes „Anleitung“ ab. Marx hat sich immer dagegen gewehrt, Rezepte zur Herbeiführung einer besseren Welt auszustellen. Die von ihm in „Das Kapital“ vorgelegte kritische Analyse des Kapitalismus hatte ohne Zweifel auch den Anspruch, ein Instrument der politischen Veränderung zu sein. Deshalb nennt Marx sein Buch in einem Buch das fürchterlichste „missile“, das dem Kapitalismus je an den Kopf geschleudert worden sei. Wenn man akzeptiert, dass eine wissenschaftlich-kritische Analyse ein hilfreiches Instrument für politisches Handeln ist, dann ergibt sich hier auch kein Widerspruch. Und wenn man dann noch akzeptiert, dass auch eine philosophische Analyse in diesem Sinne praktische Relevanz entfalten kann, dann löst sich der mutmaßliche Gegensatz in meinen Augen auf. Natürlich bleibt die Frage, um welche Art von Philosophie es sich bei dem Marxschen Programm einer Kritik der politischen Ökonomie genau handelt. Darauf spielen Sie mit dem Hinweis auf meine These, es handele sich nicht um eine Gerechtigkeitstheorie, ja auch an.

"Eine bloße Umverteilung ist Marx nicht radikal genug"

L.I.S.A.: Eine Passage im Kapital von Karl Marx hat nicht nur den Zeitgenossen, sondern auch nachfolgenden Marxisten Probleme bereitet, nämlich Marx Vorstellung, dass dem Tausch Arbeitskraft gegen Lohn, auch unter dem Aspekt der Ausbeutung des Mehrwerts, nichts Ungerechtes anhafte. Mehrwert- und damit Profiterzeugung auf Kosten des Arbeiters sei gerechtigkeitstheoretisch kein Problem. Ist das nicht eine Widerspruch in Marx‘ Denken?

Prof. Quante: Wenn man den Kontext der Marxschen Argumentation beachtet und zugleich daran denkt, dass „Gerechtigkeit“ ein vieldeutiges Konzept ist, ergibt sich kein Widerspruch. Er behauptet in seiner Analyse lediglich, dass dieser Tausch im Sinne der Tauschgerechtigkeit nicht zu beanstanden ist. Unter der Voraussetzung von Vertragsfreiheit ist der Kapitalismus nicht auf der Basis einer Vorstellung von gerechter oder ungerechter Verteilung zu kritisieren. Die von Marx vorausgesetzten ethischen Normen und Werte entnimmt er aus seiner philosophischen Anthropologie. Diese enthält eine Konzeption des guten und gelingenden Lebens, in dem die Werte der Solidarität, der Anerkennung und des wechselseitigen Respekts entscheidend sind. Der Gesichtspunkt der Verteilungsgerechtigkeit ist darin nicht fundamental. Hinzusagen muss man aber auch, dass Marx sich niemals gegen die Forderung gestellt hätte, dass die Arbeiter für eine Umverteilung des produzierten gesellschaftlichen Reichtums kämpfen sollten. Er war nur der Meinung, dass eine bloße Umverteilung nicht radikal genug ist, weil sie nicht bis zu den Wurzeln der Entfremdung und der Verdinglichung dringt.

"An der sozialen Nahbeziehung der Liebe zwischen zwei Individuen orientiert"

L.I.S.A.: Warum der „unversöhnte“ Marx? Gibt es dabei einen Zusammenhang zu Marx‘ Vorstellung, dass jede mittelbare Versöhnung ein Ausdruck von Entfremdung sei? Muss der Widerspruch sichtbar sein, damit das Gattungswesen Mensch der Entfremdung entgehen kann bzw. ab wann ist der Mensch nicht mehr seiner selbst entfremdet?

Prof. Quante: Ich habe meinem kleinen Buch den Titel „Der unversöhnte Marx“ gegeben, weil ich zum Ausdruck bringen wollte, dass die Kritik von Karl Marx bis heute ihre kritische Kraft nicht verloren hat. Er entwirft, zumindest implizit, eine Konzeption des guten und gelingenden Lebens, die wir auch heute noch nicht realisiert haben. Aus diesem Grunde ist seine Theorie bis heute mit den bestehenden Verhältnissen nicht versöhnt, ihr normativer Gehalt bis heute nicht eingelöst.

In dieser Unversöhnlichkeit verbirgt sich allerdings auch ein fundamentales Problem: Marx unterstellt in seiner Konzeption der Entfremdung ein Modell von gelingendem Leben, welches an der sozialen Nahbeziehung der Liebe zwischen zwei Individuen orientiert ist. Auf komplexe soziale Gebilde übertragen führt dies zu einer strukturellen Überforderung.

Man kann Marx philosophisch darin folgen, dass der Zustand der Nicht-Entfremdung erst nach einem Lernprozess, also durch eine Phase der Entfremdung hindurch, erreicht werden kann. In einem vorentfremdeten Paradies hätte er sicher nicht die angemessene Verwirklichung seiner Vorstellung des guten und gelingenden Lebens gesehen. In diesem Sinne ist der Widerspruch in Form einer individuellen und sozialen Lernerfahrung sicher unverzichtbar.

Aber wir sollten uns kritisch dazu verhalten, welches Ausmaß an Entfremdung wir bereit sind, als unaufhebbar zu akzeptieren, indem wir beispielsweise komplexe soziale Institutionen anerkennen, in denen Menschen nicht die hohen Ansprüche von Liebesbeziehungen erfüllen können oder sollten. Damit soll nicht der Widerspruch zwischen den Menschen, den Marx als Entfremdung analysiert, in allen Formen gerechtfertigt werden. Aber wir werden ihn zu einem gewissen Teil aushalten wollen, wenn wir in einer modernen, arbeitsteiligen und die Freiheit der Individuen sicherstellenden Gesellschaft leben wollen.

"Es wäre schwierig, Beispiele für nicht entfremdete Verhältnisse zu finden"

L.I.S.A.: Bleiben wir bei Marx‘ zentralem Begriff der Entfremdung. Gehen wir von Ihrer dialektischen Feststellung aus, dass falsche Selbstinterpretationen zu falschen sozialen Verhältnissen führen und falsche gesellschaftliche Verhältnisse fehlerhafte Selbstinterpretationen hervorrufen, dann muss es Entfremdung nicht nur zu Zeiten von Karl Marx gegeben haben, sondern heute auch noch. Haben Sie ein oder zwei Beispiele für gegenwärtigen Verhältnisse?

Prof. Quante: Es gibt in dieser Welt Kinderarbeit, an der wir partizipieren, wenn wir Kleidung billig kaufen. Es gibt Menschen, die vor Kriegen flüchten müssen, in denen unsere exportierten Waffen zum Einsatz kommen. Es gibt junge Menschen auch in Deutschland, deren familiäre Herkunft sie von der Kita an benachteiligt und daran hindert, an unserer Gesellschaft teilzuhaben. So gestellt ist ihre Frage leicht zu beantworten; es wäre schwieriger, ein oder zwei Beispiele für nicht entfremdete Verhältnisse oder Erlebnisse zu finden, fürchte ich.

"Von der Überzeugung getragen, dass man soziale Verhältnisse ändern kann"

L.I.S.A.: Sie behaupten in Ihrem Buch, dass Marxsche Philosophie gerade heute, in Zeiten der Globalisierung, auf ein Neues in der Lage sein, kritisches Potential zu entfalten? Worin genau sehen Sie dieses Potential im Denken und Werk von Karl Marx?

Prof. Quante: Marx hat sich nie mit dem bloßen Anschein zufrieden gegeben oder mit unplausiblen Erklärungen bzw. Rechtfertigungen. Dass allein ist heute wertvoll. Darüber hinaus ist sein ganzes Denken von der Überzeugung getragen, dass man soziale Verhältnisse ändern kann. Angesichts der Ideologie von Sachzwängen und der Resignation eines „there is no alternative“ hat dies ein befreiendes Potential. Vor allem aber war Karl Marx der Meinung, dass man sich selbst für eine bessere Welt einsetzen muss und nicht darauf warten darf, dass andere für uns die Freiheit verteidigen. Das mag erst mal nicht spektakulär klingen, aber es birgt ein ungeheures und ungeheuer wertvolles Potential.

Prof. Dr. Michael Quante hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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