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Georgios Chatzoudis | 11.12.2018 | 702 Aufrufe | Interviews

"Eine frühe Vorwegnahme der marxschen Ideologiekritik"

Interview mit Gregor Ritschel über eine neue Lesart von Jeremy Bentham und Karl Marx

Jeremy Bentham (1748-1832) und Karl Marx (1818-1883) werden für gewöhnlich als Antipoden gelesen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Rezeption Benthams durch Marx, der den englischen Sozialreformer als ideologischen Statthalter der Bourgeoisie und deren Besitzverhältnisse ausmachte. Marx dagegen stellte die historische Legitimation der bürgerlichen Herrschaft über Staat und Markt radikal in Frage. Doch jenseits dieser Frontstellung einte beide Denker die Kritik an der jeweils bestehenden Gesellschaftsordnung und deren Ideologie. Der Politikwissenschaftler Dr. Gregor Ritschel von der Universität Halle-Wittenberg hat im Rahmen seines Dissertationsprojekts Bentham und Marx neu gelesen und deren Denken auf Gemeinsamkeiten untersucht. Wir haben ihn zu seinen Ergebnissen und den daraus möglichen Rückschlüssen auf gegenwärtige Verhältnisse befragt.

"Eine fortlaufende Kritik an den jeweils politischen Zuständen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Ritschel, Sie haben sich im Rahmen Ihres Dissertationsprojekts mit zwei ideengeschichtlich bzw. philosophisch konträren Denkern befasst: mit Jeremy Bentham sowie mit Karl Marx. Bevor wir zu einigen Details kommen, was hat Sie bewogen, beide komplementär zu lesen?

Dr. Ritschel: Beider Grundanliegen erscheint mir von einer ähnlichen Struktur geprägt. Bentham wollte das „Glück der größten Zahl“ zum Leitprinzip der Politik machen und es gegen die Vormacht der Aristokratie in Stellung bringen. Wenige Jahrzehnte später glaubte Karl Marx, dass die bürgerliche Eigentumsordnung sowie die kapitalistische Produktionsweise dem „Interesse der Mehrheit“ entgegenstehe. Damit war in erster Linie die folgenschwere Trennung der Arbeiter von dem Produktionsmittel und die damit einhergehende Entfremdung gemeint. Ferner seien aber auch die industriellen Kapitalisten letztlich Gefangene einer unerbittlichen Konkurrenzsituation. Ich sehe hier eine fortlaufende Kritik an den jeweils etablierten politischen Zuständen.

Das Spannende ist nun aber der gleichzeitig bestehende Gegensatz: Marx polemisierte heftig gegen Bentham, der ihm als Ausdruckträger des Establishments bzw. des bürgerlichen Denkens galt. Doch wer sich besonders heftig gegenüber etwas oder jemandem äußert, ist oft im Kern von jener Sache berührt. Besonders polemisch äußerte sich Marx immer dann, wenn er seine sozialistischen Zeitgenossen angriff. Er übte wie er selbst einst formulierte „Kritik im Handgemenge“ um seine Konkurrenten auf dem Feld zu schlagen. Aufrufe für mehr Liebe und Brüderlichkeit oder für spontane Bewusstseinswandlungen wurden aus der marxschen Sicht nicht der verstrickten Lage gerecht. Ich denke Bentham galt ihm in ähnlicher Weise als ein ungeliebter Nachbar aus der unmittelbaren Vorgeschichte. Dieser ging ihm auf die Nerven, weil er aus seinen, auch aus der marxschen Sicht durchaus richtigen, Analysen die falschen Schlüsse zog und mit großem Eifer an Reformprojekten bastelte. Im Manifest von 1848 spricht Marx von einem philanthropischen „Bourgeoissozialismus“, der soziale Missstände abschaffen wolle, um soziale Kämpfe und politische Veränderungen zu vermeiden. Polemisch fügt Marx hinzu, dass dieser selbst Zellengefängnisse im Interesse der arbeitenden Klasse fordere. Bentham galt für Marx sicher als ein solcher Bourgeoissozialist.

"Die Textproduktion beider nochmal gegen den Strich lesen"

L.I.S.A.: Der Untertitel Ihrer Arbeit lautet „Zwei Perspektiven der Demokratie“. Das suggeriert, dass beide Denker auf eine demokratische gesellschaftliche Ordnung hinwirken wollten. Nun verbindet man aber gemeinhin weder mit Bentham noch mit Marx die Demokratie als der anzustrebenden Gesellschaftsformation – bei Bentham denkt man etwa an das disziplinierende Panoptikum, den Überwachungsstaat, bei Marx nicht zuletzt an die Diktatur des Proletariats. Wo sehen Sie da die demokratische Inspiration?

Dr. Ritschel: Eben jene problematischen Aspekte verdecken bis heute beider Werke, die – wie ich glaube –  tatsächlich demokratisierend wirken sollten. Die heutigen historisch-kritischen Editionen scheinen mir dies zu bestätigen. Bentham wollte breitere Schichten in den politischen Prozess einbeziehen, um auf diese Weise die Vorherrschaft des organisierten Adels aufzubrechen. Benthams Motto lautete: „Everybody count for one, nobody for more than one“. Marx hingegen wollte die Arbeiterschaft gegen das mittlerweile politisch stark aufgestellte Bürgertum mobilisieren. Dank Foucaults Buch Überwachen und Strafen (1975/1976 dt.) und bedingt durch den sogenannten „real existierenden Sozialismus“ sind die von Ihnen genannten negativen Assoziationen allerdings noch immer stark.

Ich wollte demgegenüber, mit etwas historischen Abstand, die Textproduktion beider nochmal gegen den Strich lesen und all die Momente versammeln, die hier Gegenteiliges zeigen. Konkret kann man dann entdecken, dass Bentham eine modernes parlamentarisches System entwarf, das durch Transparenz und ein funktionierendes und vielfältiges mediales System in eine weitere Öffentlichkeit eingebettet werden sollte, wie im Übrigen auch das berüchtigte Panoptikum allen Bürgern zur Besichtigung offen stehen sollte, da Benthams Idee nach die inhaftierten Devianten dort resozialisiert werden sollten. Ebenso wird dann offenbar, dass Marx für eine Gesellschaft stritt, in der ein jeder nicht nur formal frei und gleich sein sollte, sondern auch faktisch bzw. materiell teilhaben können sollte. Hier könnte man heute etwa an die Entwicklung der Mietpreise denken. Überlässt man sie dem „freien Markt“, führen sie zu einer immer stärkeren faktischen Spaltung der Gesellschaft.

"Marx stilisierte Bentham zum idealtypischen Denker des Bürgertums"

L.I.S.A.: Ihre Studie ist von dem Gedanken geleitet, Bentham und Marx in einer neuen Lesart miteinander zu versöhnen. Zentral seien unter anderem das Aufbegehren gegen eine bestehende Ordnung – bei Bentham gegen die der Aristokratie, bei Marx gegen die der Bourgeoisie – sowie ihr Eintreten für jeweils unterprivilegierte Gruppen bzw. Klassen. Tatsächlich aber baute Marx Kritik nicht auf der Benthams auf – im Gegenteil: Marx distanzierte sich deutlich von Bentham, den er verächtlich „Urphilister“ nannte. Wie passt das zusammen?

Dr. Ritschel: Bentham, dessen Schriften Marx nur bruchstückhaft und wahrscheinlich durch französische Übersetzgen kannte, galt Marx als Philosoph des Eigennutzes, der vor allem über das bürgerliche Selbstinteresse das Glück aller erreichen wollte. Dies war eine falsche oder zumindest verkürzte Lesart, da der späte Bentham sehr wohl auch auf soziale Bedingungen blickte. Marx jedoch stilisierte Bentham zum idealtypischen Denker des Bürgertums. So schreib Marx im Kapital von 1867: „Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham […]. Bentham! Denn jedem […] ist es nur um sich zu thun.“ Soweit zum Gegensatz. Andererseits bezogen sich Marx und Engels positiv auf die Kämpfe der Chartisten in England, die für eine Erweiterung des Wahlrechts und eine Arbeitszeitverkürzung eintraten. Der Chartismus war wiederum stark von Benthams Utilitarismus und der politisch einflussreichen Gruppe der Philosophical Radicals inspiriert, zu der neben Bentham auch John Stuart Mill gehörte.Zudem war und blieb Marx Hegelianer, trotz aller Kritik. Dies wiederum bedeutet, dass die bürgerliche Philosophie aus Marxʼ Sicht die Französische Revolution inspirierte. Diese große bürgerliche Revolution galt ihm als ein Entwicklungsmoment des retrospektiv beobachtbaren Freiheitsstrebens des Menschen. Marx war etwa der Ansicht, dass die bürgerlichen Revolutionen die unabdingbare Grundlage zukünftiger proletarischer Revolutionen seien. Und tatsächlich folgten auf die Revolutionen des Bürgertums die der Arbeiter, also etwa die Pariser Kommune von 1871 oder auch die Novemberrevolution von 1918/19. Die bürgerliche Philosophie, die die bürgerlichen Revolutionen begleitet hatte, war Marx zudem auch ein notwendiges Durchgangsstadium seines Schaffens, denn erst in der Auseinandersetzung mit dieser konnten Marx und Engels ihre eigene materialistische Geschichtsphilosophie entwickeln. Bentham gehörte hierzu ebenso wie auch Adam Smith oder David Ricardo.

Im marxschen Werk finden sich daneben aber auch anthropologische Annahmen, die sich auf Aristoteles zurückführen lassen. Dazu gehört die Annahme, das Ziel sei eine politischen Ordnung, in der sich ein jeder, je nach seinen Anlagen, frei entfalten können solle. Diese individualistische Ausrichtung findet man emblematisch im Kommunistischen Manifest, in dem es heißt: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ Diese Streben nach schöpferischer Individualität, das sich nur in und mit der Gesellschaft vollziehen kann, grenzt Marx vom bürgerlichen Individualismus ab.

"Bewusst um Verschleierung gesellschaftlicher Hierarchien bemüht"

L.I.S.A.: Sie vergleichen Bentham und Marx Schriften systematisch und in verschiedenen Bereichen: ideologisch, mit Blick auf Staat und Öffentlichkeit, in ihrer jeweiligen Kritik an den Menschenrechten, in ihren Ansichten zu Pauperismus und Wohlstandsversorgung sowie über den Kolonialismus. In welchen dieser Bereiche sehen Sie die entscheidenden Schnittmengen, die uns auch heute noch etwas zu sagen hätten?

Dr. Ritschel: Ich glaube, dass hier insbesondere die Entwicklung Benthams beachtenswert ist. Er beginnt als methodologischer Individualist und entwickelt während seiner Schaffenszeit einen Sinn für gesellschaftliche Determinationen. Zunächst spricht er von Interessen der Individuen und davon, dass im Idealfall jede Stimme gleichermaßen beachtet werden solle. Im Verlaufe seines Schaffens und angesichts von frustrierenden Erfahrungen, wie dem Scheitern seines Panoptikum-Projektes, spricht er mehr und mehr vom „sinister interest“ der organisierten Eliten, einem eigensinnigen Interesse, das den Interessen aller anderen Bürger entgegenstehe. Das „sinister interest“ sei teils bewusst um Verschleierung gesellschaftlicher Hierarchien bemüht, teils leite es aber auch unbewusst die Wahrnehmungen und rufe so systematisch Trugschlüsse hervor. Darin sehe ich eine frühe Vorwegnahme der marxschen Ideologiekritik, die sicher noch sehr viel mehr Facetten hat und die bis heute aktuell bleibt.

Ich denke auch, dass es nie ein „postideologisches“ Zeitalter geben wird und die Rede von einem solchen uns skeptisch machen sollte. Heute könnten wir beispielsweise hinterfragen warum unsere Gesellschaften so stark am Modell der immer prekärer werdenden Lohnarbeit hängen und wir unseren Selbstwert primär aus dieser generieren zu scheinen. Ein anders Beispiel wäre vielleicht auch der Finanzsektor, der es sich zum Geschäftsmodell gemacht hat, Nebelschleier der Komplexität um sich aufzubauen, während Politik und Öffentlichkeit oftmals viel zu lange im Dunkeln tappen, bis die nächste Krise wieder ganz plötzlich offenbar wird.

"Bentham und Marx schärften den Blick dafür, Produktionsweise und Politik zusammen zu betrachten"

L.I.S.A.: Würden Sie soweit gehen und in einer Synthese aus Bentham und Marx als Frucht einer neuen Lesart beider Denker, einen neuen dritten Weg zu sehen für eine Zeit, in der der Nachkriegskonsens aus Kapital und Arbeit seine Kraft eingebüßt hat? Liest man Bentham und Marx komplementär, landet man dann bei einem sozialliberalen Politikansatz?

Dr. Ritschel: Ich denke wir können hier keine direkten Rezepte ableiten. In Anlehnung an Etienne Balibar würde ich jedoch sagen, dass Gleichheit und Freiheit in der historischen Rückschau nicht ohne einander können. Bentham und Marx schärften den Blick dafür, Produktionsweise und Politik zusammen zu betrachten. Marx erkannte wohl zurecht, dass sich verändernde Produktionsweisen immer auch neue politische Gebilde hervorbringen. Bentham hingegen fühlte eher, dass es neuer Regeln für eine neue Zeit bedurfte. So bemühte er sich darum, vormals abgeschlossene politische Entscheidungsverfahren durch die Implementierung von erweiterter Teilhabe und von Transparenz, etwa vermittelt durch ein professionelles Pressewesen, zu öffnen.

Im Zeitalter des globalen und zunehmend digitalen Kapitalismus geraten nun erneut die einst bewährten politischen Strukturen unter Veränderungsdruck. Ähnlich wie Bentham einst fordern manche heute totale (digitale) Transparenz und unmittelbarere Feedbacksysteme. Sie verkennen dabei aber die gewachsene Komplexität der repräsentativen Demokratie, die auch abgeschotteter Entwicklungsräume bedarf. Intransparente Räume befördern nicht nur die gesellschaftliche Gedankenvielfalt und Experimentierfreudigkeit, sondern sie befördern etwa auch die Möglichkeiten der Kompromissbildung in den Ausschüssen unsere Parlamente. Benthams Idee war seinerzeit revolutionär, heute hingegen gilt es diesbezüglich das richtige Gleichgewicht zu finden.

Daneben müssen wir heute über unsere zukünftige Produktionsweise nachdenken. Gehen durch die Digitalisierung Arbeitsplätze verloren, so kann das eine Chance sein, unsere lohnarbeitszentrierte Gesellschaft neu zu gestalten. Soziale Tätigkeiten, die bisher eher schlecht gestellt sind, könnten so aufgewertet werden. Marx und die Arbeiterbewegung stritten nicht nur für eine Begrenzung des Arbeitstags sondern auch eine demokratisierte Produktion, die sich vom Wachstumsimperativ verabschiedet. Seiner Vorstellung nach wäre dies mit mehr freier Zeit zur persönlichen Verfügung verbunden, die zur individuellen Entfaltung in Kunst und Wissenschaft, aber eben auch für den sozialen Austausch genutzt werden könne. Die zukünftige digitalisierte Produktion bietet vielleicht diese Chance eine solche Gesellschaft zu ermöglichen in der sich nicht mehr alles um Produktion und Konsum dreht. Dies käme schließlich auch der Umwelt zugute. Momentan haben wir aber leider eher so etwas wie einen Plattformkapitalismus, der auch unser Kommunikation und Gastfreundschaft zur Ware macht. Neue Wege brauchen wir früher oder später sicher.

Dr. Gregor Ritschel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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