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Georgios Chatzoudis | 26.11.2012 | 4689 Aufrufe | 1 | Interviews

"Eine Art damnatio memoriae verhängt"

Interview mit Michael Krüger zur Debatte um Carl Diem

Die Debatte um das historische Erinnern an den deutschen Sportfunktionär Carl Diem entzündet sich vor allem an einer Frage: War Carl Diem von antisemitischer und nationalsozialistischer Gesinnung? Hat er als Antisemit gewirkt? Die Experten sind sich darin nicht einig. Der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Michael Krüger von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist sich jedenfalls sicher: Carl Diem war weder Antisemit noch Nazi. Wir haben ihn dazu befragt.

Prof. Dr. Michael Krüger, Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft, Institut für Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

"Ein ehrgeiziger Aufsteiger aus bescheidenen Verhältnissen"

L.I.S.A.: Herr Professor Krüger, Sie haben sich als Sportwissenschaftler intensiv mit der Person und dem Wirken des deutschen Sportfunktionärs Carl Diem beschäftigt. Welche Bedeutung hat Carl Diem für den organisierten deutschen Sport?

Prof. Krüger: Diem war zweifellos eine wichtige Figur und Persönlichkeit des deutschen und olympischen Sports. Er steht einerseits dafür, dass wir heute den Sport als einen eigenständigen Bereich von Kultur und Gesellschaft wahrnehmen. Andererseits steht Diem für die Verbindung der nationalen Sportentwicklung zur internationalen, olympischen Bewegung. Dafür steht sein Engagement für die Olympischen Spiele von Berlin, die er zuerst 1916 hätte organisieren sollen. Nachdem daraus wegen des ersten Weltkriegs nichts geworden war, konnte er diesen Traum aller deutschen Sportler 1936 in seinem Amt als hauptamtlicher Generalsekretär der Spiele von 1936 realisieren.

Diems Verdienst besteht darin, dass er in Deutschland seit der Kaiserzeit und dann vor allem zur Zeit der Weimarer Republik eine Sportorganisation aufgebaut hat, deren Sinn und Strukturen im Kern bis heute bestehen. Er trat für starke Sport-Fachverbände und eine Dachorganisation des Sports in Deutschland ein, die politisch, konfessionell und weltanschaulich prinzipiell neutral und unabhängig sein sollten. Nur solche Verbände schienen ihm anschlussfähig an den internationalen olympischen Sport zu sein. Heute hat sich das Fachverbandsprinzip neben dem Prinzip der Landessportbünde durchgesetzt.

Aber man darf die Bedeutung Diems auch nicht zu hoch hängen. Er war ein ehrgeiziger Aufsteiger aus bescheidenen kleinbürgerlichen Verhältnissen, der es durch den Sport schaffte, in der „sationsfaktionsfähigen Gesellschaft“, wie Norbert Elias dies nannte, anzukommen. Er wurde nie ins Internationale Olympisch Komitee aufgenommen und stand zu keiner Zeit und in keinem der vier Regime, in denen er im und für den Sport wirkte, in der ersten Reihe. Selbst als Professor und Rektor der Deutschen Sporthochschule in Köln, ein Amt, das er von 1947 bis zu seinem Tod 1962 bekleidete, schaffte er es nicht, dass die Sporthochschule als gleichberechtigte Universität anerkannt wurde. Dies geschah 1971, nachdem die Universitäten reformiert worden waren. Diems Kampf um die Anerkennung des Sports als wertvolles Bildungs- und Kulturgut in Staat und Gesellschaft, den er sein ganzes Leben in Wort und Schrift führte, war auch sein eigener Kampf um Anerkennung und Erfolg in der bürgerlichen Gesellschaft. Ich habe mich immer gefragt, was ihn wohl getrieben hat, nicht nur ständig alles aufzuschreiben, was er erlebt und was ihn bewegt hat, sondern das Geschriebene auch peinlich genau für die Nachwelt aufzubewahren, so dass ein gewaltiger Nachlass zurückblieb. Damit kann der Eindruck entstehen, als ob Diem der Sport selbst gewesen sei. Aber das ist natürlich falsch. Er war nur eine, wenn auch wichtige Person in der Sportentwicklung. Wir sollten uns trotzdem in angemessener Form an ihn und an das erinnern, wofür er stand; ebenso wie wir an andere Personen und Ereignisse erinnern sollten, die ebenfalls ihren Teil zur Entwicklung des Sports beigetragen haben. Ich denke beispielsweise an Fritz Wildung, den Kollegen Diems als Generalsekretär der sozialdemokratischen Arbeitersportbewegung, oder an Ludwig Wolker, der für den konfessionell gebundenen Sport steht. Ich hebe diese drei Namen – Diem, Wildung und Wolker – deshalb hervor, weil sie trotz aller Unterschiedlichkeit für die Entwicklung des Sports zu einem kulturell als sinn- und wertvoll anerkannten Bereich unserer Gesellschaft beitrugen. Der Deutsche Sportbund hatte in ihrem Namen Preise vergeben. Heute ist das nicht mehr der Fall.

Jedenfalls ist es völlig unangemessen und irreführend, Diem beispielsweise mit Hindenburg zu vergleichen, wie dies der Diem-Biograph Frank Becker getan hat. Diem war eine kleine Nummer, und der Sport war kein Thema, mit dem sich die Eliten ernsthaft auseinandersetzten. Dieser schiefe Vergleich zeigt, wie sehr Herrn Becker die Maßstäbe entglitten sind bzw. wie sehr er sich von seinem Thema hat überwältigen lassen, dass es ihm nicht mehr gelingt, Diem und seine Rolle in Sport, Kultur und Gesellschaft zu relativieren.

"Diem war sicher kein Antisemit"

L.I.S.A.: Sie haben vor einigen Jahren ein vom Deutschen Olympischen Sportbund mitfinanzierten Forschungsprojekts zu "Leben und Werk Carl Diems" geleitet. Ein wichtiges Kapitel ist dabei die Rolle Carl Diems während des Nationalsozialismus. Eine Reihe von Historikern behauptet, Carl Diem sei ein Antisemit gewesen. Stimmt das?

Prof. Krüger: Das sind zwei Fragen: Erstens Diems Rolle im Nationalsozialismus. Dazu gibt es, wie Sie wissen, eine sehr umfangreiche und kontroverse Debatte. Sowohl der Diem-Biograph Frank Becker als auch der Wissenschaftliche Beirat kommen zu dem Ergebnis, dass Diems Rolle und Bedeutung im nationalsozialistischen Sport eher gering war. Nachdem die Olympischen Spiele von 1936 vorbei waren, hatte er im Prinzip seine Schuldigkeit für den nationalsozialistischen Staat erfüllt.

Diem war sicher kein Antisemit, schon gar nicht im Sinne der nationalsozialistischen „Weltanschauung“. Äußerungen, die von Herrn Schäfer in seiner Dissertation über Diem in der Kaiserzeit als „antisemitisch“ gedeutet werden, liegen auf einer anderen Ebene. Das ist im Übrigen auch die Meinung von Frank Becker. Im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Antisemitismus gegen Diem wird immer wieder der Artikel Schäfers über Carl Diem im Handbuch des Antisemitismus erwähnt. In diesem Artikel verzichtet Schäfer auf solide Belege. Das ist gerade bei einem solch schwerwiegenden Vorwurf unverantwortlich und hat mit wissenschaftlicher Sorgfalt nichts zu tun, aber viel mit Rufmord. 

Einige Jahre nach dem Krieg wurde Robert Atlasz, der ehemalige stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Sportorganisation Bar Kochba und Sportwart des deutschen Makkabi-Kreises, über seine Erfahrungen im jüdischen Sportwesen in Deutschland vor und nach 1933 befragt. Die Aufzeichnungen befinden sich heute in der Holocaust-Gedenkstätte  Yad Vashem in Tel Aviv. Sie sind eine sehr aussagekräftige, belastbare Quelle. Atlasz war 1937 nach Israel geflüchtet. Ohne dass er dazu ausdrücklich gefragt worden wäre, äußerte er sich darin auch zu Diem. Er hob hervor, dass Diem als Mann von „unzweifelhaft demokratischer Gesinnung“ galt, den die Nazis 1933 nur deshalb nicht aus seinem Amt als Generalsekretär des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele in Berlin gejagt hätten, weil er „sehr großes Ansehen (…) genoss“, und es sich die Nazis damals nicht hätten erlauben können, ihn zu entlassen.

Diem heute als Nazi und Antisemiten zu bezeichnen, ist einfach falsch. Diem war nachweislich nie Mitglied der NSDAP und hat sich auch nie darum bemüht.

"Anlass für eine nachhaltige Diskussion zur Erinnerungskultur im Sport"

L.I.S.A.: In den Medien ist die Frage um die Rolle Carl Diems während des Dritten Reichs zu einer Diem-Debatte bzw. Diem-Kontroverse erklärt worden. Wo verlaufen da genau die unterschiedlichen Konfliktlinien? Woran entzündet sich die Debatte konkret?

Prof. Krüger: Diem-Debatten gibt es schon lange. Sie waren der Anlass für das schon erwähnte Forschungsprojekt zu Leben und Werk Cal Diems, das ursprünglich vom Deutschen Sportbund und der Deutschen Sporthochschule angestrengt wurde. Die Krupp-Stiftung konnte dafür gewonnen werden, ein dreijähriges Postgraduierten-Stipendium dafür bereitzustellen. Herr Becker hatte sich dafür beworben und dieses Stipendium erhalten. Ich war Projektleiter, und wir haben drei Jahre lang von Anfang 2005 bis Ende 2007 sehr gut zusammen gearbeitet. Wir haben beispielsweise mehrere Fachtagungen durchgeführt, die dafür gedacht waren, einen größeren theoretischen und methodischen Rahmen für die Anfertigung der Diem-Biographie bereitzustellen.

Die Unterschiede, die zu Kontroversen führten, lagen eigentlich weniger in inhaltlichen und fachlichen Fragen. Kritik ist Teil des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Die Kontroverse oder genauer der Konflikt entstand zu dem Zeitpunkt, als das Projekt zu Ende war und erst einer von vier Bänden der Diem-Biographie vorlag. Es war der dritte (allerdings zuerst erschiene) Band über die NS-Zeit. In diesem Band hatte Frank Becker von sich aus eine Stellungnahme zum Umgang mit Diem für die Auftraggeber formuliert, die im Grunde darin bestand, dass er keine konkrete Empfehlung abgab. Er weigerte sich auch, mit mir als Projektleiter und dem Beirat darüber zu sprechen. Als nun der Deutsche Sportbund den Beirat aufforderte, eine konkrete Empfehlung abzugeben, wie denn nun mit Diem-Straßen,  Diem-Hallen usw. verfahren werden solle, lud der Beirat Herrn Becker ein, mit ihm darüber zu diskutieren. Er folgte der Einladung leider nicht. Der Beirat musste sich also selbst ein Urteil bilden. Es lautete, wie man im Einzelnen nachlesen kann, dass keine neuen Erkenntnisse vorlägen, die es rechtfertigen würden, über Diem eine Art damnatio memoriae zu verhängen. Vielmehr empfahl der Beirat, Diem zum Anlass für eine nachhaltige Diskussion zur Erinnerungskultur im Sport zu nehmen.

"Erinnerungsorte werden getilgt"

L.I.S.A.: Infolge der sogenannten Diem-Debatte sind zahlreiche nach Diem benannte Straßen und Institutionen umgewidmet worden. Zurecht?

Prof. Krüger: Ich finde nicht. Zumindest war und ist dies die Meinung des Wissenschaftlichen Beirats zum Diem-Projekt, der aus anerkannten Fachleuten besteht. Mit solchen Umbenennungen von Straßen wird auch die Chance verspielt, sich mit der Geschichte dieser Personen und wofür sie stehen, konstruktiv auseinanderzusetzen. Sie werden als Erinnerungsort getilgt.

Ich kann in gewisser Weise verstehen, wenn man die Namen der so genannten großen Männer, die anscheinend Geschichte gemacht haben, aus dem öffentlichen Leben zurückdrängt, indem etwa der Hindenburgplatz in Schlossplatz umbenannt wird, wie dies in Münster nach einer hitzigen Debatte der Fall war, die die ganze Bürgerschaft entzweite. An Hindenburg kommt im Geschichtsunterricht ohnehin niemand vorbei. Aber bei Leuten wie Diem ist das anders. Wer kennt sie schon? Wenn man die Erinnerung an sie aus dem öffentlichen Leben tilgt, gerät rasch auch all das aus dem Gedächtnis, das sie als Personen symbolisieren. Gerade bei Diem wäre das wichtig, weil er eben sowohl für Aufstieg und Blüte des Sports zu einem Kulturphänomen des modernen Lebens steht als auch für die Abgründe und Irrwege des Sports in der Geschichte.

Bemerkenswert an der Debatte um Straßennamen in Münster war beispielsweise, wie rasch und widerspruchslos die bildungsbürgerlichen Eliten der Domstadt die Umbenennung des Diem-Wegs nicht nur hinnahmen, sondern forcierten, während sie sich im Fall Hindenburgs eine Art Kulturkampf lieferten. Der Sport ist eben immer noch nicht ganz in der gebildeten bürgerlichen Klasse angekommen, zumindest nicht als Kulturgut, an das erinnert werden sollte.

"Die Debatte ist viel zu sehr politisch geführt worden"

L.I.S.A.: Wie sieht Ihrer Meinung nach eine wissenschaftlich-kritische Beurteilung von Carl Diem aus?

Prof. Krüger: Bei allen negativen Seiten dieser Diem-Debatten, die bis in persönliche Beleidigungen hinein reichten, haben sie dennoch vieles zum besseren Verständnis Carl Diems und seiner Zeit beigetragen. Auch die Bücher Frank Beckers liefern dazu wichtige Mosaiksteine, auch wenn ich mir erlaubt habe, manches daran zu kritisieren. Aber die Debatte ist viel zu sehr politisch geführt worden. Die sportlichen, sporthistorischen und sportkulturellen Aspekte, die im Übrigen in der Diem-Biographie Beckers nur am Rande auftauchen, sind dabei in den Hintergrund geraten. Und damit eben auch die nötigen Relativierungen der Bedeutung Diems und seines sportkulturellen Modells. Es gab und gibt auch andere Aspekte der Sportentwicklung, die nichts oder weniger mit Diem zu tun haben wie beispielsweise der Profisport, den Diem zum „Nicht-Sport“ erklärte, oder die schulische Leibeserziehung, die ebenfalls im Sportverständnis Diems keine zentrale Rolle spielte.

Wenn Sie nach der wissenschaftlich-kritischen Beurteilung Diems fragen, bin ich übrigens nicht weit von der Beurteilung Frank Beckers entfernt. Einfache Urteile sind fehl am Platze. Niemand aus dem Projektbeirat und schon gar nicht das Präsidium des DOSB verfolgte mit dem Projekt das Ziel, Diem als eine Lichtgestalt des deutschen und olympischen Sports zu inszenieren. Von Anfang an war die Zielstellung des Projekts, eine wissenschaftlich-kritische und an Originaldokumenten verfasste Diem-Biographie zu schreiben, an der sich wesentliche Entwicklungen des Sports selbst spiegeln. Diem war nicht der Sport, wie dies etwa Manfred Ewald, der leitende Sportfunktionär der DDR, von sich behauptete. Es gibt weder makellose Biographien noch ist die Geschichte des Sports frei von Fehlern und Irrtümern. Aber Diem und die Geschichte des Sports verdienen differenzierte Analysen und Bewertungen. Deshalb ist es auch falsch, Diem aus dem öffentlichen Gedächtnis zu löschen.

Prof. Dr. Michael Krüger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Klaus Bailly | 17.12.2012 | 09:51 Uhr
Die Diem-Debatte wird viel zu sehr verengt, wenn man sich nur auf die Frage konzentriert, ob Diem Nationalsozialist oder Antisemit war, anstatt das gesamte Weltbild und Sportverständnis des Mannes in den Blick zu nehmen. Diem war wohl kein Nationalsozialist im eigentlichen Sinne des Wortes, aber er war ein Faschist sui generis. Sein Sportverständnis war eng verknüpft mit dem Ideal des Soldatischen, Werte wie Manneszucht, Unterordnung des Individuums unter die Gemeinschaft und Härte gegen sich und andere standen bei ihm obenan. Er ist damit meilenweit entfernt von einem modernen Sportverständnis. Ein Mann, der schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik ernsthaft versucht hat, eine Allgemeine Sportpflicht (analog zur Allgemeinen Wehrpflicht) durchzusetzen, kann für eine freiheitliche demokratische Gesellschaft kein Vorbild sein.

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