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Judith Wonke | 13.09.2018 | 781 Aufrufe | Interviews

"Ein wichtiger Teil der deutschen nationalen Identität"

Interview mit Christoph Kienemann über den Osteuropa-Diskurs des Deutschen Kaiserreiches

Mit dem deutschen Kolonialismus werden üblicherweise Länder in Afrika wie beispielsweise das heutige Namibia, ehemals Deutsch-Südwestafrika, oder auch Kamerun und Togo assoziiert. Doch inwieweit bemühte man sich um Kolonien in Osteuropa und können die deutschen Ambitionen gen Osten auch als eine Form des Kolonialismus verstanden werden? Christoph Kienemann, Mitarbeiter der Arbeitsstelle Historische Stereotypenforschung an der Universität Oldenburg, ist dieser Frage in seiner Promotion nachgegangen. Im Interview spricht der Historiker über den kolonialen Osteuropadiskus, sein Quellenmaterial und die Stereotypen, die die Zeit des Deutschen Kaiserreichs bestimmten. 

"Interesse für Stereotype über Osteuropa"

L.I.S.A.: Lieber Herr Dr. Kienemann, in Ihrer aktuellen Publikation beschäftigen Sie sich mit dem deutschen Osteuropadiskurs zur Zeit des Kaiserreichs. Woher rührt Ihr Interesse an diesem – von der Forschung lange nicht beachteten – Thema?

Dr. Kienemann: Während meines Studiums in Oldenburg erhielt ich die Gelegenheit, am Doktorandenkolloquium meines späteren Doktorvaters Prof. Hans Henning Hahn teilzunehmen. Wir haben uns dort u. a. mit Larry Wollfs „Inventing Eastern Europe“ befasst, wodurch mein Interesse für Stereotype über Osteuropa geweckt wurde. Zu dieser Zeit gab es, ausgehend von der US-amerikanischen Germanistik, erste Wissenschaftler, die das deutsche Verhältnis zu Osteuropa kolonial interpretierten. Durch diese Anregungen entstand die Idee zu einer Studie, die die Frage klären sollte, ob der deutsche Osteuropadiskurs als kolonialer Diskurs gelesen werden kann.

"Methode der Historischen Stereotypenforschung"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihrer Arbeit? Und welche methodischen Überlegungen liegen den Forschungen zu Grunde?

Dr. Kienemann: Grundsätzlich ist die Arbeit im Theorieumfeld der historischen Diskursanalyse und der postcolonial studies verankert. Da sich koloniale Diskurse gerade durch die Konstruktion eines besonderen Identitätsverhältnisses zwischen Kolonisatoren und ihren Objekten zeigen, habe ich für die Entschlüsselung dieser Identitätskonstruktion auf die Methode der Historischen Stereotypenforschung zurückgegriffen. Auf diese Weise ließ sich bestimmen, wie koloniale Identitäten im Diskurs konstruiert wurden. Der Quellenkorpus bestand einerseits aus wissenschaftlichen Publikation, z. B. aus der Geschichtswissenschaft, der Geographie oder der Ökonomie, deren Gegenstand Osteuropa war. Neben diesen Schriften habe ich auch die Publizistik des Kaiserreiches betrachtet, um einen Einblick in die gesellschaftliche Vermittlung der Osteuropabilder zu erhalten.

"Der Osteuropadiskurs steht keinesfalls für sich"

L.I.S.A.: Handelt es sich bei dem deutschen Osteuropadiskurs um einen kolonialen Diskurs?

Dr. Kienemann: Es hat sich gezeigt, dass der deutsche Osteuropadiskurs an vielen Stellen die Gestalt eines kolonialen Diskurses annimmt. Gerade an den Osteuropavorstellungen der Deutschen und an dem Wissen, das im Kaiserreich produziert über Osteuropa wurde, zeigt sich, wie bedeutend koloniale Denkweisen für Teile der damaligen Gesellschaft waren. Darüber hinaus zeigt sich an vielen Stellen die, schon von Sebastian Conrad beschriebene, „koloniale Globalität“ der deutschen Gesellschaft. Der Osteuropadiskurs steht keinesfalls für sich, sondern wird vor dem Hintergrund globaler Entwicklungen betrachtet.

"Die Osteuropäer galten vielen Deutschen als ungebildet, irrational, kulturlos"

L.I.S.A.: In Ihrer Untersuchung konzentrieren Sie sich unter anderem auf die „Konstruktion des osteuropäischen Menschen“: Welche Stereotypen konnten Sie in Ihrer Forschung festmachen – wie wurde die osteuropäische Bevölkerung in Deutschland wahrgenommen?

Dr. Kienemann: Zu den grundlegenden Stereotypen, die die Wahrnehmung der Osteuropäer prägten, muss man die attestierte Unfähigkeit zu vorausschauendem Denken und Wirtschaften zählen. Die Osteuropäer galten vielen Deutschen als ungebildet, irrational, kulturlos und als schlicht nicht fähig, sich ein Staatswesen aufzubauen. Im Kontrast dazu steht das deutsche Autostereotyp des Kulturträgers. Nur durch die besonderen Fähigkeiten der Deutschen sei es in Osteuropa zu wirtschaftlichem und kulturellem Fortschritt gekommen. Viele glaubten, die Menschen in Osteuropa seien auf deutsche Kulturleistungen angewiesen. Am ausgeprägtesten zeigt sich dieses Bild im Stereotyp des ‚russischen Naturmenschen‘, von dem man sich durchaus bedroht fühlte.

"Mythos einer kolonialen Zivilisierungsmission der Deutschen in Osteuropa"

L.I.S.A.: In Ihrer Einleitung schreiben Sie, dass Ziel der Arbeit nicht nur eine Beschreibung, sondern ebenso eine Kontextualisierung des Osteuropadiskurses ist: Welche Auswirkungen hatte dieser auf die deutsche Politik und wie beeinflusste er das Verständnis der nationalen Identität der Deutschen?

Dr. Kienemann: Der ‚Osten‘ spielte im Deutschen Kaiserreich eine zentrale Rolle für die Konstruktion der deutschen Identität. Viele Deutsche wollten sich als Teil einer europäischen Kulturgemeinschaft sehen, deren Merkmal gerade die Fähigkeit zur Kolonisation war. Den Beweis dafür, dass die Deutschen auch eine kolonisierende Nation sind und waren, glaubte man in Osteuropa gefunden zu haben. Gerade der Mythos einer kolonialen Zivilisierungsmission der Deutschen in Osteuropa war ein wichtiger Teil der deutschen nationalen Identität.

Der koloniale Osteuropadiskurs beeinflusste mit Sicherheit auch die deutsche Politik. Die Siedlungspolitik in den Ostmarken des Reiches war durch die Annahme kolonialer Hierarchien beeinflusst, ebenso wie Debatte um deutsch-polnische Mischehen. Mit der Errichtung des Landes Ober Ost während des Ersten Weltkrieges, schuf man dann eine faktische Kolonie und betrieb dort eine koloniale Segregationspolitik.

"Expansion des Deutschen Reiches nach Osten war ein wichtiges Kriegsziel"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung kann dem Osteuropadiskurs für die weiteren Ereignisse – beispielsweise die nachfolgenden Weltkriege – beigemessen werden?

Dr. Kienemann: Der koloniale Osteuropadiskurs stellt eine Art Klammer oder Bindeglied für die Ereignisse dar, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg folgten. In beiden Weltkriegen war schließlich die Expansion des Deutschen Reiches nach Osten ein wichtiges Kriegsziel. Mit Ober Ost wollte Ludendorff eine Kolonie in Osteuropa errichten, die rücksichtslos ausgebeutet wurde. Auch in der Ideologie der Nationalsozialisten spielte der Osten eine wichtige Rolle, man könnte auch von einer Ostfixiertheit sprechen. Die Vorstellung, hier „Lebensraum im Osten“ schaffen zu können, geht auf den kolonialen Osteuropadiskurs zurück. Liest man den Osteuropadiskurs als kolonialen Diskurs, dann zeigt sich, dass die Ereignisse nach 1914 kein Betriebsunfall der Geschichte waren, sondern vielmehr wie sie in der deutschen Geschichte verankert sind.

Dr. Christoph Kienemann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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