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Johannes Plate | 06.07.2010 | 2404 Aufrufe | Artikel

Ein Traum an der Ostsee – Die Sommerakademie der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S vom 28. Juni bis zum 3. Juli 2010

Wie schon in den letzten Jahren ermöglichte es die Gerda Henkel Stiftung  auch in diesem Jahr fünf Stipendiaten, an einer von insgesamt zwei Sommerakademien der Hamburger Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.  teilzunehmen. Die Toepfer Stiftung organisiert unter anderem ein Stipendienprogramm für Studierende und Promovenden aus Mittel- und Osteuropa, die an deutschen bzw. Wiener Hochschulen studieren oder forschen. Dazu kommt noch ein Stipendium für Nachwuchswissenschaftler aus Oxford, das eine zweijährige Unterstützung für Forschung in Deutschland bietet. Um ein gegenseitiges Kennenlernen der Stipendiaten zu ermöglichen, werden seit einigen Jahren auf dem Gut Siggen in Holstein Sommerakademien ausgerichtet, bei denen vormittags in Seminaren gearbeitet wird, am Nachmittag aber so viel Freizeit zur Verfügung steht, dass Ausflüge unternommen oder Konzerte gegeben werden können, und man Zeit für Gespräche oder die nahe Ostsee findet.

Aufgrund der Zusammenarbeit  der Gerda Henkel Stiftung mit der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. fand ich mich also in der bisher heißesten Woche des Jahres zusammen mit einem hochsympathischen Haufen von Stipendiaten aus den verschiedensten osteuropäischen Ländern (und einem Waliser – es war der Tag nach dem 4:1 Sieg der Nationalmannschaft gegen die Engländer) auf dem gepflegten ehemaligen Landsitz des Stifters im Grünen ein. Anders als die Henkel Stiftung, die ja rein wissenschaftlich fördert, versteht sich die Toepfer Stiftung als ideeller Förderer und sucht durch ein mehrstufiges Auswahlverfahren außergewöhnliche Persönlichkeiten, die sie fördern kann.   Dass dieses Verfahren funktioniert, zeigte sich eindrucksvoll an der einmaligen Stimmung der Akademie. Die Stiftung fördert sehr breit, so dass sich auf dem Gut unter anderem eine russische Dirigentin, eine georgische Architektin, ein albanischer Violinist, ein bulgarischer Oboist, ein russischer Jurist, eine litauische Kunsthistorikerin, eine Linguistin aus Tatarstan, eine Modedesignerin aus Weißrussland und noch andere Vertreter unterschiedlicher Länder und Disziplinen einfanden. Ein weiterer Stipendiat der Henkel-Stiftung und ich waren die einzigen Deutschen, insgesamt nahmen an der Akademie 14 Stipendiaten teil. Schnell wurde durch die gediegene und angenehme Atmosphäre des Veranstaltungsortes, aber auch durch die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Stipendiaten und Stiftungsmitarbeiter klar, dass uns eine spannende und gute Woche bevorstehen würde.

Von 9 bis 13 Uhr wurde an den folgenden vier Tagen (Anreise war Montag, Abreise am Samstag) in Seminaren gearbeitet. Zur ersten Sommerakademie, die schon Anfang Juni stattgefunden hatte, waren die Seminare „Was ist Mut? Menschliches Handeln in Krieg und Frieden“ und  „Bestimmen, bestimmen lassen und bestimmt werden“ angeboten worden, im Juli konnten wir zwischen den Themen „Wer bestimmt in den Medien? Einblicke in den Wissenschaftsjournalismus“ und „Das Kunstwerk als  work in progress: von der ersten Idee zum vollendeten Kunstwerk“ wählen. Das erste Seminar unserer Woche wurde von zwei Journalisten geleitet und hier wurde ganz konkret versucht, Forschungsergebnisse der Stipendiaten in journalistische Texte umzusetzen. Ich hatte mich für das kunsthistorische Seminar entschieden, das von dem emeritierten Professor für Kunstgeschichte an der Universität Wien Artur Rosenauer und dem zeitgenössischen Lyriker Franz Josef Czernin, ebenfalls aus Österreich, geleitet wurde. In den folgenden Tagen entstand so eine ausgesprochen fruchtbare und interessante Auseinandersetzung  mit der Entstehungsgeschichte verschiedener Meisterwerke der bildenden Kunst, die durch Einblicke in die Entstehung von Lyrik ergänzt wurde.

Zoom

Seminar auf Gut Siggen

Austausch und Kontemplation

Nach dem sehr guten Mittagessen, das wir immer auf der wunderschönen Terrasse mit Blick ins Grüne einnehmen konnten, wurden an zwei Tagen gemeinsame Ausflüge unternommen. An zwei weiteren Tagen blieb der Nachmittag frei, so dass wir ausgiebig die Ostsee genießen konnten. Da das Nachmittags- bzw. Abendprogramm bewusst nicht überfüllt war (es blieb sogar noch Zeit für die Weltmeisterschaft), konnten so auch kurzfristig noch Programmpunkte hinzugefügt werden. So gaben die drei Musiker der Gruppe am Donnerstag ein wunderbares kleines Konzert und Franz Josef Czernin stellte uns am letzten Abend seine Übertragungen der Sonette von Shakespeare vor, nachdem uns schon seine ebenfalls anwesende Ehefrau, Adriana Czernin, Einblicke in ihre Arbeit als bildende Künstlerin gegeben hatte. Die beiden zusätzlichen Veranstaltungen waren ganz spontan entwickelt und organisiert worden und ergaben sich aus Ideen, die bei den zahlreichen Gesprächen entstanden waren. Diese absolut uneitle Bereitschaft aller Stipendiaten und Dozenten, ganz natürlich und selbstverständlich ihr persönliches Wissen, ihre Fähigkeiten und Erfahrungen beizusteuern und mit den Anderen zu teilen, prägte die angenehme Atmosphäre eines entspannten geistigen Austauschs.

Gepaart mit den Annehmlichkeiten auf Gut Siggen war das ein außergewöhnliches Erlebnis, sowohl von der intellektuellen wie menschlichen Seite, als auch in der Kombination von zahlreichen Gesprächen und der Möglichkeit zur Kontemplation. Ich hoffe sehr, dass noch zahlreiche Stipendiaten der Gerda Henkel Stiftung diese wunderbare und luxeriöse Erfahrung machen können und die einmalige Möglichkeit haben, so viele interessante und herzliche Menschen kennenzulernen.

Zoom

Teilnehmer des kunsthistorischen Seminars auf Gut Siggen

Zum Umgang mit der Geschichte

Da die Gerda Henkel Stiftung nun mal den Schwerpunkt auf der Geschichtswissenschaft hat, noch eine kleine Anmerkung. Der Gründer der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., der Hamburger Kaufmann Alfred Toepfer, wollte mit seiner 1931 gegründeten Stiftung nationalistische Kulturpolitik betreiben und tat das auch während der Zeit des Nationalsozialismus, indem er etwa das „Deutschtum“  in Polen oder auch im Elsass förderte. Selbst wohl nie Parteimitglied, arbeitete er doch eng mit der nationalsozialistischen Kulturpolitik zusammen. Obwohl die Verstrickungen Alfred Toepfers mit den  Nationalsozialisten von namhaften Historikern im Auftrag der Stiftung untersucht und dargestellt wurden, sind Vorwürfe gegen die Stiftung immer wieder zu hören. In diesem Jahr forderte der  britische Politikwissenschaftler  Michael Pinto-Duschinsky mit Verweis auf die Person Toepfers die Beendigung der Kooperation der Universität Oxford mit der Stiftung. Es würde zu weit führen, die Debatten hier nachzuzeichnen, die auf der Homepage der Stiftung sehr gut dokumentiert sind. Ich möchte aber festhalten, dass mein Eindruck nach dieser Woche, vor allem nach den die Akademie eröffnenden  Worten des Vorstands, Herrn Wimmer,  und einem Gespräch, dass ich mit einem weiteren Mitglied des Vorstandes, Herrn Holz,  geführt habe, ist, dass die Stiftung ungewöhnlich offen, ehrlich und mit großer Ernsthaftigkeit mit ihrer Geschichte umgeht.  Dafür steht auch diese Sommerakademie mit ihren Teilnehmern aus 11 verschiedenen Ländern.

Johannes Plate, Berlin

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