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Georgios Chatzoudis | 12.03.2019 | 1930 Aufrufe | 4 | Interviews

"Ein komplexes zivil-militärisches Beziehungsgeflecht"

Interview mit Linda v. Keyserlingk-Rehbein über das Netzwerk "Widerstand 20. Juli 1944"

Das Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 ist mit einem wirkmächtigen Narrativ verbunden. Demnach hat eine recht überschaubare Gruppe von Verschwörern den Anschlag geplant und begangen. Im Zuge des gescheiterten Putsches konnten binnen kurzer Zeit nahezu alle Beteiligten verhaftet und verurteilt werden. Die NS-Propaganda konnte seitdem erfolgreich die Vorstellung festigen, dass es sich bei den Attentätern lediglich um eine "ganz kleine Clique" gehandelt habe. Bis heute stützen vor allem populäre Verarbeitungen der Ereignisse dieses Bild, so beispielsweise der aufwändige Hollywood-Film "Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat" von 2008. Die Historikerin Dr. Linda v. Keyserlingk-Rehbein hat Zweifel an dieser Darstellung und zeigt anhand der historischen Netzwerkanalyse, dass die NS-Ermittler damals deutlich mehr über Attentäter, Beteiligte und Eingeweihte wussten, als sie vorgaben. Wir haben Frau v. Keyserlingk-Rehbein dazu unsere Fragen gestellt.

"Eine systematische Untersuchung zum Netzwerk vom 20. Juli 1944 fehlte bislang"

L.I.S.A.: Frau Dr. v. Keyserlingk-Rehbein, Sie haben im Rahmen Ihrer Dissertation die NS-Ermittlungen zum Netzwerk des 20. Juli 1944 erforscht. Es ist nicht die erste Publikation zum gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler. Inwiefern schließt Ihre Arbeit dennoch eine Forschungslücke?

Dr. v. Keyserlingk-Rehbein: Neben Erinnerungsberichten gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Biographien, Monographien, Sammel- und Überblickswerken, Lexika, Regionalstudien und Quelleneditionen zum 20. Juli 1944. Die meisten Publikationen porträtieren einzelne Persönlichkeiten, stellen die Ereignis- oder auch Rezeptionsgeschichte des Umsturzversuches dar oder widmen sich Fragen der Motive und Ziele der Beteiligten o.ä. Nur wenige Darstellungen haben bislang die zahlreichen und komplexen Verbindungen zwischen den Akteuren des Widerstands in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. Arbeiten zu quantitativen und strukturellen Fragen sind besonders selten.

Die Bedeutung von Kontakten und Netzen zwischen den Beteiligten des Umsturzversuchs ist in der Forschung bereits mehrfach betont worden, doch eine systematische Untersuchung zum Netzwerk vom 20. Juli 1944 fehlte bislang. Mit Hilfe der Historischen Netzwerkanalyse habe ich diese Forschungslücke nun soweit wie möglich zu schließen versucht. Eine komplette Rekonstruktion des Netzwerks des 20. Juli, wie es tatsächlich bestanden hat, ist aufgrund der bruchstückhaften Überlieferung nicht mehr möglich. Hingegen lässt sich in etwa rekonstruieren und visualisieren, was die NS-Ermittler darüber herausgefunden haben. Dass sie dabei zahlreiche wichtige Kontakte des Widerstandes übersehen haben, wird durch einen exemplarischen Abgleich mit zeitgenössischen Briefen und Tagebüchern der Beteiligten sehr deutlich.

Das Netzwerk vom 20. Juli 1944 aus Sicht der NS-Verfolger.

"Bei der Fokussierung auf nur eine Person geht oft der größere Zusammenhang verloren"

L.I.S.A.: Die Rezeption der Ereignisse rund um das Attentat verengen sich nicht nur in der Populärkultur – man denke beispielsweise an den Kinofilm „Operation Walküre“ – auf die Person Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Stimmen Sie mit dieser Konzentration auf einzelne Persönlichkeiten überein? Was gewinnt man bei so einer Perspektive an Erkenntnis, was geht dabei möglicherweise verloren?

Dr. v. Keyserlingk-Rehbein: Regelmäßig erscheinen neue Biographien und Quelleneditionen zu bekannten oder auch weniger bekannten Personen des Widerstands. Zu Stauffenberg gibt es gleich mehrere umfangreiche Biographien, die regelmäßig neu aufgelegt werden. Stauffenberg wird häufig zu einer Art Symbol der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus stilisiert, andere Akteure werden dabei in den Hintergrund gedrängt. Deutlich wurde dies u.a. in dem von Ihnen genannten Kinofilm „Operation Walküre“, der m.E. filmisch sehr gut gemacht ist, aber durch den starken Zuschnitt auf Tom Cruise als Hauptdarsteller in der Rolle Stauffenbergs das unhistorische Bild einer One-Man-Show vermittelt.

Zum Verständnis des Widerstands ist es sehr wichtig, die Lebenswege der Beteiligten zu kennen und zu verstehen, welche Motive und welche Handlungsoptionen sie hatten. Gute biographische Darstellungen helfen sehr, die einzelnen Personen des Widerstandes in all ihrer Vielschichtigkeit zu begreifen. Oft sind es sehr beeindruckende Persönlichkeiten und die Beschäftigung mit ihren Biographien, Tagebüchern und Briefen kann eine Mahnung sein und Mut machen, sich selbst gegen Unrecht einzusetzen.

Bei der Fokussierung auf nur eine Person geht jedoch oft der größere Zusammenhang verloren. Rund 200 Personen waren aktiv an der Vorbereitung und Durchführung des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 beteiligt, etwa 130 Personen haben die NS-Ermittler als Beteiligte eingestuft. Die Staatsstreichvorbereitung war ein komplexes Unterfangen, bei dem alle Beteiligten bestimmte Funktionen im Netzwerk hatten. Das Zusammenspiel verschiedenster Faktoren des umfangreichen Beziehungsgeflechts lässt sich nicht in einzelnen biographischen Darstellungen, sondern nur in Strukturanalysen erkennen.

"Im strukturellen Kern des Netzwerks waren auch viele zivile Personen vertreten"

L.I.S.A.: Das NS-Regime sprach im Zusammenhang des Attentats vom 20. Juli 1944 von einer „ganz kleinen Clique“. Zu welchen Schlüssen sind Sie im Rahmen Ihrer Arbeit gekommen, das Geschehen einer historischen Netzwerkanalyse zu unterziehen? Wie zeichnete sich das Netzwerk aus? Wer war Teil der Verschwörung und welche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens waren Teil des Netzwerks?

Dr. v. Keyserlingk-Rehbein: Die Methoden der Historischen Netzwerkanalyse bieten die Möglichkeit, eine Vielzahl von Einzelinformationen zu einer bestimmten Gruppe von Akteuren und den zwischen ihnen bestehenden Kontakten zu verarbeiten und die Forschungsergebnisse u.a. in Grafiken zu visualisieren. Dabei hat sich gezeigt, dass eine einzige Visualisierung des Netzwerks vom 20. Juli 1944 aus Sicht der NS-Verfolger ausreichend ist, um den eklatanten Widerspruch aufzuzeigen zwischen der tatsächlich vorhandenen Kenntnis der Verfolger über das große und komplexe zivil-militärische Netzwerk des Umsturzversuchs und der von der NS-Propaganda unermüdlich wiederholten Behauptung, es habe sich nur um eine vornehmlich militärische »kleine Clique« mit reaktionären Zielen gehandelt. Auch haben die NS-Verfolger immer wieder behauptet, dass im Kern der Verschwörung vor allem Militärs gestanden hätten. Die Analyse zeigt jedoch, dass die Gestapo-Beamten ermittelt hatten, dass im strukturellen Kern des Netzwerks auch viele zivile Personen vertreten waren, zu denen prominente Sozialdemokraten und Gewerkschafter wie Wilhelm Leuschner, Julius Leber und Max Habermann ebenso gehörten wie konservative Vertreter wie Ulrich von Hassell und Johannes Popitz oder Angehörige des Kreisauer Kreises.

Durch die Visualisierungen wird zudem deutlich, wie eng die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen wie Offiziere, Verwaltungsbeamte, Diplomaten, Juristen, Industrielle, Theologen, Gutsbesitzer, Gewerkschafter und Sozialdemokraten nach Kenntnis der NS-Verfolger im Netzwerk des 20. Juli miteinander verwoben waren. Darüber hinaus lässt sich die in der Forschung bereits geäußerte Vermutung verifizieren, dass die Reserveoffiziere sehr häufig als Schnittstelle und damit als Vermittler zwischen dem zivilen und dem militärischen Bereich des Netzwerks fungiert haben.

Neben der Darstellung des Gesamtnetzwerkes kann mit Hilfe von Filterprozessen in reduzierten Grafiken gezeigt werden, wie bspw. das Kontaktnetz einer einzelnen Person (ein sogenanntes Ego-Netzwerk) aussah oder wie sich der allmähliche Aufbau des Netzwerks gestaltete. Dadurch wird beispielsweise deutlich, dass sowohl in den NS-Quellen als auch in der Forschungsliteratur zwar häufig über die frühen, verwandtschaftlich oder privat entstandenen Kontakte gesprochen worden ist, dass jedoch die meisten Kontakte zwischen den Verschwörern – insbesondere im militärischen Bereich – aus dem dienstlichen Umfeld stammten und zahlreiche Kontakte erst in den letzten Kriegsjahren gezielt für den Umsturzversuch vermittelt worden sind.

"NS-Quellen mit zeitgenössischen Ego-Dokumenten der Beteiligten abgeglichen"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihrer Studie? Was ist noch vorhanden?

Dr. v. Keyserlingk-Rehbein: In meiner Arbeit habe ich das Wissen der NS-Verfolger über das Netzwerk vom 20. Juli 1944 untersucht und visualisiert. In einem zweiten Schritt habe ich die Angaben aus den NS-Quellen mit drei wichtigen und umfangreichen zeitgenössischen Ego-Dokumenten der Beteiligten abgeglichen: den Briefen, die Helmuth James Graf von Moltke, Kopf des Kreisauer Kreises, ab 1938 bis 1944/45 fast täglich an seine Frau Freya geschrieben hat, sowie den Tagebüchern des Diplomaten Ulrich von Hassell von 1932-1944 und den Tagebüchern des Reserveoffiziers Hermann Kaiser aus den Jahren 1941 und 1943.

Die NS-Quellen zu diesem Thema bestehen vor allem aus Ermittlungsberichten, Anklageschriften, Stenogrammschriften und Tonmitschnitten der Hauptverhandlungen sowie Urteilen und Prozessberichten. Verfahrensakten und damit auch Verhörprotokolle gibt es nur in den seltensten Fällen. Inhalte fehlender Verhörprotokolle oder Anklageschriften können jedoch durch überlieferte Ermittlungsberichte, Urteile oder auch Prozessberichte zumindest indirekt berücksichtigt werden. Schließlich bauten die Anklageschriften ebenso wie die Ermittlungsberichte auf den Verhören auf und gaben deren Inhalt zusammengefasst wieder. Die Urteile und Prozessberichte enthielten wiederum im Wesentlichen die Inhalte der Anklageschriften, insbesondere was Angaben über persönliche Kontakte der Beteiligten anging, die wiederum für eine Netzwerkanalyse entscheidend sind.

Auf Grundlage dieser Quellen lässt sich somit analysieren, was die Verfolger über die Einbindung einzelner Persönlichkeiten wie auch bestimmter Gruppen in das Gesamtnetzwerk gewusst haben. Durch den Vergleich mit den oben genannten Tagebüchern und Briefen der Beteiligen lässt sich erkennen, was die NS-Verfolger vermutlich übersehen haben.

"Zahlreiche Kontakte blieben zwischen den Verschwörern unentdeckt"

L.I.S.A.: Die Verschwörer wurden teils noch in derselben Nacht erschossen oder später vor den Volksgerichthof gestellt und zum Tode verurteilt. Viele Beteiligte blieben jedoch unentdeckt. Lässt sich heute rekonstruieren, warum die NS-Ermittlungen nur einen kleinen Teil des Netzwerkes aufdecken konnten? Anders gefragt: Was wussten die NS-Ermittler wirklich, was nicht?

Dr. v. Keyserlingk-Rehbein: Zwei Dinge sollten meiner Ansicht nach festgehalten werden:

  • Die NS-Ermittler wussten sehr viel über die Hintergründe des 20. Juli 1944, nur haben sie in der Öffentlichkeit dieses Wissen nicht preisgegeben. Den Ermittlern waren insgesamt 132 Personen als aktiv Beteiligte des Umsturzversuches bekannt und 650 Kontakte zwischen diesen Personen, die aus allen Bereichen der Gesellschaft stammten. Trotz dieses Wissens hat das NS-Regime bis zum Ende behauptet, es sei nur eine kleine Clique vornehmlich reaktionärer Militärs gewesen, die diesen Umsturzversuch getragen hätten.

  • Trotz intensiver Ermittlungen – die neu eingesetzte Sonderermittlungskommission 20. Juli umfasste 400 Beamte – und monatelanger Verhöre der Beteiligten blieben zahlreiche Kontakte zwischen den Verschwörern unentdeckt. Dies ist zum Einen auf das geschickte Agieren der Beteiligten während der Verhöre zurückzuführen. Oft wurden bspw. möglichst jene Personen belastet, die bereits tot waren. Zudem wurden viele wichtige Kontakte zu den Widerstandszentren in Paris und in der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront verschwiegen. Somit konnten zahlreiche Personen geschützt werden, die von der Umsturzplanung wussten und teilweise auch aktiv daran beteiligt gewesen, aber nicht von der Gestapo ermittelt worden sind. Zum anderen hat den Verhafteten auch das erfolgreiche konspirative Vorgehen vor dem Umsturzversuch geholfen. Denn viele waren aus Sicherheitsgründen nur in jene Teilaspekte des Staatsstreiches eingeweiht worden, die für deren jeweilige Aufgabe zum Staatsstreich unabdingbar gewesen waren. Namen von Mitverschwörern wurden während der Vorbereitung bspw. nur mit größter Vorsicht genannt. So waren viele Beteiligte keineswegs über den Gesamtumfang des Netzwerks, sondern nur über einen kleinen Teilbereich informiert. Dies war bei Verhören ein sehr wichtiger Schutz für alle Betroffenen.

"Von der NS-Propaganda konstruiertes Bild einer 'ganz kleinen Clique' ist haften geblieben"

L.I.S.A.: Welche Folgen müssten Ihrer Meinung nach Ihre Ergebnisse auf die Erinnerung an den 20. Juli 1944 haben? Sehen Sie hier Anlass zu einer Revision der Gedenkkultur?

Dr. v. Keyserlingk-Rehbein: Die allgemeine Berichterstattung und Erinnerungskultur, die häufig sehr auf die Person von Claus Schenk Graf von Stauffenberg fokussiert sind, könnten m.E. eine etwas größere Vielfalt vertragen. Die Forschung bietet hierzu bereits reizvolle Ansätze durch zahlreiche Studien, die auch weniger bekannte Persönlichkeiten des 20. Juli porträtieren.

Grundsätzlich würde ich mir aber auch eine Reflexion darüber wünschen, wie viel von dem damals durch die NS-Propaganda konstruierten Bild einer „ganz kleinen Clique“ möglicherweise noch heute im kollektiven Gedächtnis haften geblieben ist. Die flächendeckende NS-Propaganda hatte diese Darstellung von Juli 1944 bis zum Kriegsende 1945 gebetsmühlenartig wiederholt. Auch wenn kritische Geister den Angaben in den NS-Medien misstrauten, blieb bei dem Großteil der Bevölkerung vermutlich eine Menge von dem nationalsozialistischen Narrativ einer „ganz kleinen Clique“ hängen.

Darüber hinaus wäre es denke ich sinnvoll, auch noch mehr über den zivilen Bereich des 20. Juli 1944 zu berichten. Bis heute wird dieser Tag in der Öffentlichkeit häufig vornehmlich als Tag des gescheiterten Attentats von Stauffenberg und damit als Tag des militärischen Widerstandes wahrgenommen. Mitunter wird auch noch auf den darauffolgenden Umsturzversuch Bezug genommen, der ebenfalls hauptsächlich von Angehörigen des Militärs getragen wurde. Seltener wird hingegen über den geplanten Aufbau eines neuen deutschen Rechtsstaates gesprochen, der wiederum vor allem von Zivilisten vorbereitet worden war.

Ich hoffe, dass meine Arbeit zur Vermittlung der Erkenntnis beitragen kann, dass es sich bei dem Netzwerk des 20. Juli 1944 um ein sehr umfangreiches und komplexes zivil-militärisches Beziehungsgeflecht gehandelt hat, in dem unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppen sehr eng miteinander verwoben waren, mit dem Ziel, das NS-Regime zu stürzen, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden und einen Rechtsstaat aufzubauen.

L.I.S.A.: Ihre Antwort liest sich so, als müsste der Widerstand der Deutschen gegen Hitler und dessen Regime größer veranschlagt werden, als bisher gemeinhin angenommen. Zugespitzt gefragt: Die Deutschen also ein Volk von Widerständlern gegen den Nationalsozialismus?

Dr. v. Keyserlingk-Rehbein: Nein, im Vergleich zur deutschen Gesamtbevölkerung waren die Beteiligten des 20. Juli 1944 eine ausgesprochene Minderheit. Sie hofften zwar, die Bevölkerung nach einem Umsturz für sich gewinnen zu können, sahen jedoch aufgrund des starken Rückhalts der Nationalsozialisten in großen Teilen der Bevölkerung auch die Gefahr eines Bürgerkriegs.

Rund 200 Personen waren nach heutigem Stand der Forschung aktiv an der Umsturz- und der Aufbauplanung beteiligt, das ist nur ein Bruchteil der Deutschen, aber es ist eben sehr viel mehr als nur eine „ganz kleine Clique“.

Dr. Linda v. Keyserlingk-Rehbein hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Ioanis Spiropoulos | 14.03.2019 | 09:22 Uhr
Woraus geht hervor, dass die Verschwörer einen Rechtsstaat aufbauen wollten? Wurden sie während der Weimarer Zeit derartig geprägt?

Kommentar

von Linda von Keyserlingk-Rehbein | 15.03.2019 | 11:40 Uhr
Die Gruppe der Verschwörer war sehr vielseitig. Einige von ihnen - wie bspw. ehem. führende Sozialdemokraten und Gewerkschafter (z.B. Wilhelm Leuschner) - hatten die Weimarer Republik schon früh gegen den aufkommenden Nationalsozialismus verteidigt.

In der Regierungserklärung, die nach dem Umsturz abgegeben werden sollte, hieß es unter Punkt 1: "Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts. Die Regierung selbst muß darauf bedacht sein, jede Willkür zu vermeiden, sie muß sich daher einer geordneten Kontrolle durch das Volk unterstellen." (Die Regierungserklärung, die in Unterlagen von Carl Goerdeler gefunden worden war, ist dem Ermittlungsbericht vom 5.8.1944 als Anlage beigefügt.)

Auch aus den überlieferten Grundsatzpapieren des Kreisauer Kreises geht deutlich das Ziel des Rechtsstaatsaufbaus hervor. Wesentliche Ziele waren das Ende des Nationalsozialismus, dessen Machtpolitik und Rassengedanken sowie die Beendigung der Gewalt des Staates über den Einzelnen. (Vgl. hierzu bspw. https://www.kreisau.de/kreisau/kreisauer-kreis/ sowie u.a. die Publikationen von Ger van Roon zum Kreisauer Kreis)

Kommentar

von Maxim R. Garrtner | 11.04.2019 | 22:35 Uhr
Vielen Dank für die ausgezeichnete Arbeit, Frau Dr. von Keyserlingk-Rehbein. Mich interessiert insbesondere die historische Netzwerkdatenbank, die sich aus der Forschungsarbeit ergeben hat. Ist es möglich diese für weitere Forschung und Ergänzung nutzen zu können? An wen darf ich mich wenden?

Im Übrigen, die Rechtsstaatlichkeit und das Ende der Willkür des Nazismus, war einer der entscheidenden Aspekte, die den Widerstand vorantrieben. Bereits 1937 war es deutlich, dass dieser Rechtsstaat faktisch nicht mehr existent war und der Widerstand formierte sich. Wobei Widerstand sich eher passiv äußerte.

Kommentar

von Linda von Keyserlingk-Rehbein | 12.04.2019 | 22:04 Uhr
Danke für das positive Feedback, lieber Herr Garrtner. Im umfangreichen Anhang meines Buches sind ja alle Quellenbelege für die aufgeführten 650 Kontakte zwischen den untersuchten Akteuren des Netzwerks explizit aufgeführt. Die ausgewerteten Informationen zu den Personen und den Kontakten können somit von jedem jederzeit in den Quellen nachgelesen werden. Die umfassende Datenbank dazu habe ich über Jahre hinweg aufgebaut. Gerne können wir uns darüber noch einmal direkt austauschen. Wenden Sie sich dafür am besten direkt an die Redaktion von L.I.S.A.

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