Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 18.07.2017 | 718 Aufrufe | Interviews

"Ein imperialer Wissensspeicher"

Interview mit Jonas Kreienbaum über Konzentrationslager im südlichen Afrika

Die ersten Konzentrationslager, in denen militärische und politische Gegner konzentriert und massenhaft gefangen gehalten wurden, entstanden im Zuge des Zweiten Burenkriegs (1899-1902). Die britische Kolonialarmee richtete sogenannte concentration camps für inhaftierte Buren und später auch für die afrikanische Bevölkerung ein. Ähnlich verfuhren die deutschen Kolonialherren im Verlauf des Herero- und Nama-Austands von 1904. Tausende Gefangene wurden in eigens dafür eingerichteten Lagern zusammengepfercht. Aber waren Gefangenenlager im Zusammenhang mit kriegerischen Konflikten tatsächlich etwas Neues? Der Historiker Dr. Jonas Kreienbaum von der Universität Rostock hat die Konzentrationslager im südlichen Afrika erforscht und miteinander verglichen. Seine Ergebnisse hat er im Rahmen seines Dissertationprojekts veröffentlicht. Wir haben ihm zu seinem Buch, das mit dem Preis für Übersetzungsförderung 2017 des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden ist, unsere Fragen gestellt.

"Die Praktiken kolonialer Gewalt ähnelten sich oft"

L.I.S.A.: Herr Dr. Kreienbaum, Sie haben zu den kolonialen Konzentrationslagern im südlichen Afrika geforscht und dazu ein Buch mit dem Titel „Ein trauriges Fiasko“ veröffentlicht. Das Buch wurde jüngst mit einer Übersetzungsförderung durch das Programm "Geisteswissenschaften International" ausgezeichnet. Bevor wir auf das Buch genauer eingehen, was hat Sie zu Ihrem Thema geführt? Welche Ausgangsfrage liegt Ihrer Arbeit zugrunde?

Dr. Kreienbaum: Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit kolonialen Konzentrationslagern war die Debatte um mögliche Kontinuitäten zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus, die sich bis zu Hannah Arendt zurückverfolgen lässt und etwa seit der Jahrtausendwende vor allem durch den Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer erneut angestoßen wurde. Dabei entsteht mitunter der Eindruck, es lasse sich ein deutscher Sonderweg genozidaler Gewalt vom Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (1904-1908) bis zum Holocaust identifizieren. Die Lager, die in beiden Kontexten existierten und zeitgenössisch jeweils als „Konzentrationslager“ bezeichnet wurden, scheinen diese Interpretation suggestiv zu bestätigen.

An einem tieferen Verständnis sowohl der kolonialen als auch der aufgerufenen NS-Lager mangelt es dabei aber vielfach. Vor allem wird meist übersehen, dass die Kolonialimperien um die Jahrhundertwende stark miteinander vernetzt waren und sich die Praktiken kolonialer Gewalt oft ähnelten. Das gilt insbesondere für den Einsatz kolonialer Konzentrationspraktiken, die um das Jahr 1900 auch von Spaniern, Briten und US-Amerikanern zur Beendigung kolonialer Kriege eingesetzt wurden. Dementsprechend untersuche ich neben den deutschen Konzentrationslagern in Südwestafrika auch die concentration camps, die die Briten während des Krieges gegen die Buren (1899-1902) im benachbarten Südafrika errichteten. Allgemein frage ich nach den Charakteristika dieser beiden Lagersysteme: Warum, also mit welchen Motiven, errichteten die beiden Kolonialmächte Lager? Wie funktionierten diese im Alltag und warum kam es in ihnen zum Massensterben? Inwiefern glichen und unterschieden sich die Lager in Süd- und Südwestafrika und „kopierten“ die Deutschen eventuell das britische Vorbild? Und schließlich: Wo liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den späteren NS-Konzentrationslagern?

"Kern des Konzentrationslagerbegriffs ist seine auffällige Wandelbarkeit"

L.I.S.A.: Sie diskutieren in Ihrem Buch die Herkunft eines im Rahmen Ihrer Untersuchung zentralen Begriffs: das Konzentrationslager. Dabei denkt man in erster Linie an nationalsozialistische Konzentrationslager wie Dachau, Buchenwald oder auch Auschwitz. Sie zeigen aber, dass der Begriff deutlich älter ist und im Laufe der Zeit wichtige semantische Verschiebungen erfahren hat. Auf welches Verständnis von „Konzentrationslager“ kommt es Ihnen im Kern an?

Dr. Kreienbaum: Tatsächlich stammt der Begriff aus dem Südafrikanischen Krieg, wo das britische Militär Mitte 1900 die ersten sogenannten „refugee camps“ errichtete, die dann seit 1901 zunehmend als „concentration camps“ bezeichnet wurden. Ob des Massensterbens der weißen, burischen Lagerinsassen, das zu einem Skandal in der britischen Öffentlichkeit führte – das gleichzeitige Leiden in den separaten Lagern für Afrikaner erregte kaum Aufmerksamkeit – und über das weltweit berichtet wurde, fand der Begriff umgehend Eingang ins Französische, Russische usw. und als „Konzentrationslager“ eben auch ins Deutsche. Seitdem wurde der Begriff von Zeitgenossen – um nur einige Beispiele zu nennen – für verschiedene koloniale Lager etwa in Deutsch-Südwestafrika oder Libyen, aber auch in der Schlafkrankheitsbekämpfung in Zentralafrika, für Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg, für Internierungslager für sogenannte Feindstaatenausländer z.B. in den USA im Zweiten Weltkrieg und natürlich im Nationalsozialismus verwendet. Angesichts der extremen funktionalen und phänomenologischen Vielfalt, die sich hinter diesen Beispielen verbirgt, lässt sich als wahrer Kern des Konzentrationslagerbegriffs am ehesten seine auffällige Wandelbarkeit betonen.

Für die kolonialen Lager, die in meiner Arbeit im Fokus des Interesses stehen, lässt sich allerdings schon eine entscheidende Gemeinsamkeit benennen: Sie entstehen jeweils im Kontext eines langwierigen Kolonialkrieges und sollen dem kolonialen Militär zunächst einmal dazu dienen, diesen zu beenden.

"Wir haben es hier mit einem interimperialen Lernprozess zu tun"

L.I.S.A.: Sie vergleichen in Ihrer Studie im Wesentlichen die britischen Konzentrationslager während des Burenkriegs um 1900 in Südafrika mit den deutschen im Zuge des Herero- und Nama-Krieges in Südwestafrika von 1904. Anhand der Funktionen, die die Lager zu erfüllen hatten – militärische, erzieherische, bestrafende und arbeitstechnische –, stellen Sie signifikante Unterschiede fest. Inwiefern sind diese Unterschiede situativen, topographischen und ethnischen Gesichtspunkten unterworfen? Welche Rolle spielte möglicherweise auch die jeweilige „koloniale Kultur“ der Kolonialherren?

Dr. Kreienbaum: Tatsächlich lässt sich ein Gemisch aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden identifizieren, wobei ich die Betonung distinkter, nationaler Kolonisierungsstile zur Erklärung von Differenzen für nur bedingt aussagekräftig halte. Auffällig ist die enge Vernetzung der Kolonialimperien um die Jahrhundertwende und die Herausbildung von gemeinsamen Standards der Kolonialkriegsführung. Gerade am Beispiel der Lager lässt sich nachvollziehen, dass deutsche Kolonialakteure über direkte Erfahrungen mit den britischen concentration camps in Südafrika verfügten, die sie drei Jahre später nutzten, um eigene Konzentrationslager in Südwestafrika einzurichten. Wir haben es hier mit einem interimperialen Lernprozess zu tun, der Ausdruck einer zunehmend geteilten „kolonialen Kultur“ war und zur Entstehung eines gemeinsamen imperialen Wissensspeichers – sozusagen einer „imperial cloud“ – beitrug.

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Lagersystemen lassen sich meines Erachtens am plausibelsten mit den unterschiedlichen Konstellationen vor Ort erklären. Dabei ist vor allem zentral, dass wir es in Südafrika mit zwei separaten Lagersystemen für „weiße“ Buren und „schwarze“ Afrikaner zu tun haben. Der zeitgenössische Rassismus diktierte, dass man diese Insassengruppen nach sehr unterschiedlichen Maßstäben behandelte. Das wird besonders deutlich im Umgang mit der Massenmortalität, die in allen Lagern nach kurzer Zeit einsetzte. Während das Sterben der Buren in Großbritannien zu einem Skandal führte und das Kolonialministerium umgehend große Summen bewilligte, um die Bedingungen zu verbessern, führten ähnliche Zustände sowohl in den sogenannten black camps in Südafrika als auch in den deutschen Lagern für Herero und Nama lediglich zu zaghaften Verbesserungsversuchen. In dieser wie in vielerlei Hinsicht ähneln die deutschen „Gefangenenkraale“ den britischen Lagern für Afrikaner weit mehr als den Burenlagern.

"Konzentrationslager waren für die Kolonialmächte hochgradig attraktiv"

L.I.S.A.: Inwiefern sind die Konzentrationslager ein Produkt der Moderne? Anders gefragt: Schaffte erst die Moderne die ideologischen, politischen, ökonomischen und technischen Bedingungen, Konzentrationslager zu denken, zu entwerfen und zu realisieren? Welche Bedeutung kommt dabei vor allem dem Faktor „Arbeit“ sowie der sogenannten „White man’s Burden“ zu?

Dr. Kreienbaum: Solche Interpretationen, die ja prominent von Zygmunt Bauman, Giorgio Agamben und für den kolonialen Kontext auch von Jonathan Hyslop, vertreten wurden, haben einiges für sich. Allerdings erscheinen mir für den kolonialen Kontext um die Jahrhundertwende die Fähigkeiten, Lager zu denken, weit stärker vorhanden als jene, die geschaffenen Institutionen mit modernen Methoden auch effektiv zu managen. Konzentrationslager waren für die verschiedenen Kolonialmächte, auch weil sie (oft erstmals) einen wirklich effektiven Zugriff auf die koloniale Bevölkerung versprachen, die sich dem Kolonialstaat sonst oft in den Weiten des kolonialen Raumes zu entziehen vermochte, hochgradig attraktiv. In den Lagern schienen sich die dezidiert modernen Ziele des kolonialen Projektes, der kolonialen Wirtschaft in großem Stile lokale Arbeitskräfte zuzuführen und die Kolonie so „in Wert zu setzen“ und die Internierten gleichzeitig – und zwar nicht zuletzt durch die regelmäßige Arbeit – zu „zivilisieren“ (der „white man’s burden“), verwirklich zu lassen.

Angesichts der Unfähigkeit, die Internierten in den Lagern auch ausreichend mit Nahrung, Kleidung, Unterkünften etc. zu versorgen und den Ausbruch von Epidemien zu verhindern, muss allerdings hinterfragt werden, ob die „Moderne“ tatsächlich die ökonomischen und technischen Bedingungen für die Lager bereits geschaffen hatte. Diese Unterversorgung entsprach nämlich keinem „modernen“, genozidalen Plan europäischer Kolonialbürokraten, sondern unter anderem dem Mangel an einer ausreichenden modernen Infrastruktur (Eisenbahnlinien), die es erlaubt hätte, Versorgungsgüter von der Küste schnell zu den Lagerstandorten zu transportieren.

"Koloniale Lager und NS-Konzentrationslager unterscheiden sich stark voneinander"

L.I.S.A.: Wenn man die vorangehende Frage auch mit Blick auf sich beschleunigende Modernisierungsprozesse weiterdenkt, ist dann in den Konzentrations- und vor allem in den Vernichtungslagern der NS-Diktatur eine Fortschreibung kolonialer Erfahrungen zu sehen? Oder speisen sich die KZs der Nationalsozialisten aus einer ganz anderen Sozialtechnik?

Dr. Kreienbaum: Auf einer sehr abstrakten Ebene lassen sich meiner Meinung nach Fortschreibungen identifizieren. So finde ich es plausibel, von einer gewissen Kontinuität im Rassedenken vom kolonialen zum NS-Kontext auszugehen oder den Expansionismus Nazi-Deutschlands als eine Form extrem aggressiven Imperialismus zu verstehen. Was die konkrete Institution Konzentrationslager angeht, spricht aber sehr wenig für eine nationalsozialistische Fortschreibung. Koloniale Lager und NS-Konzentrationslager unterscheiden sich weit stärker, als sie sich ähneln und das gilt umso mehr für NS-Vernichtungslager. Bezeichnend ist nicht zuletzt, dass die einen ursprünglich geschaffen wurden, um einen Kolonialkrieg zu beenden, und die anderen, um innenpolitische Gegner zu bekämpfen. Vor allem aber liefert die NS-Lagerforschung keinerlei Hinweise darauf, dass die zentralen Akteure beim Aufbau der Konzentrationslager auf koloniale Vorbilder rekurrierten. Erst nach Kriegsbeginn behaupteten einige Nationalsozialisten, das Konzentrationslager sei eine britische Erfindung aus Südafrika, die man lediglich übernommen habe. Doch das ist ganz offensichtlich eine propagandistische Konstruktion. Auf der Suche nach Vorbildern für die nationalsozialistischen KZ sollte man eher auf die preußische Tradition der „Schutzhaft“, auf europäische Arbeitshäuser, die Lager des Ersten Weltkrieges oder bestimmte Konzentrationslager genannte Abschiebelager der Weimarer Republik schauen.

Dr. Jonas Kreienbaum hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

2PXNC0