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Georgios Chatzoudis | 19.09.2017 | 753 Aufrufe | Interviews

"Ein genuines Produkt des Kalten Krieges"

Interview mit Bernd Stöver über die Geschichte des US-Geheimdienstes CIA


Vor 70 Jahren und ein halbes Jahr nach der Truman-Doktrin trat in den Vereinigten Staaten von Amerika das Gesetz zur Gründung der Central Intelligence Agency, kurz CIA, in Kraft. Ihr Aufrag war klar: Kampf gegen den internationalen Kommunismus, insbesondere gegen die Sowjetunion. Mit dem Untergang der UdSSR 1991 galt die Mission als erfüllt, der Triumph für die CIA war groß. Doch wie lautete der neue Auftrag? Wer war der neue Feind, den es nun ins Visier zu nehmen galt? Welche Bedeutung kommt dabei dem Terroranschlag vom 11. September 2001 zu? Der Historiker Prof. Dr. Bernd Stöver von der Universität Potsdam hat sich der 70-jährigen Geschichte der CIA angenommen und darüber einen kleinen Band verfasst. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Geheimdiensten kam im Kalten Krieg eine niemals zuvor erreichte Bedeutung zu"

L.I.S.A.: Herr Professor Stöver, Sie haben einen kleinen Band zur Geschichte des US-Geheimdienstes CIA vorgelegt. Bevor wir auf einige Einzelheiten näher eingehen, wie kam es zu dieser Arbeit? Warum die Geschichte der CIA?

Prof. Stöver: Ich habe mich seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Fragen zur Geschichte des Kalten Krieges beschäftigt. Dazu gehörten unter anderem Veröffentlichungen zu seinen Strukturen und Strategien, aber auch zu einzelnen Konflikten. Nicht zuletzt habe ich immer die Mentalitätsgeschichte des Kalten Krieges als besonders interessant angesehen. Die jetzt erschienene Geschichte der CIA reiht sich darin ein, schließlich war die Agency ein genuines Produkt des Kalten Krieges, die bezeichnenderweise 1947, also dem Jahr, als der Kalte Krieg quasi-offiziell mit der „Truman-Doktrin“ und der „Zwei-Lager-Rede“ Andrej Schdanows erklärt wurde. In die allgemeine Umorganisation der Institutionen und Organisationen auf die Bedürfnisse des Kalten Krieges fiel mit dem am 18. September 1947 in Kraft getretenen National Security-Gesetz die Gründung der CIA und des für die Beratung des Präsidenten in Fragen der Nationalen Sicherheit zuständige National Security Council (NSC). Dessen Direktiven wurden für die CIA bindend und zum Teil für Jahrzehnte gültig. Den Geheimdiensten kam im Kalten Krieg eine niemals zuvor erreichte Bedeutung zu, weswegen die CIA 1991 auch davon ausging, dass ihre Arbeit für die Auflösung des Ostblocks und den „Sieg des Westens“ entscheidend gewesen sei.

"Eine unverzichtbare Quelle für Historiker sind die sogenannten Whistleblower"

L.I.S.A.: Ein Geheimdienst lebt ganz grundsätzlich davon, dass seine Aktivitäten geheim sind und auch bleiben. Kann man, wenn man von dieser Prämisse ausgeht, als Historiker einem Thema, das einen Geheimdienst zu seinem Untersuchungsgegenstand hat, überhaupt noch gerecht werden? Welche Quellen standen Ihnen mit Blick auf die Geschichte des CIA zur Verfügung? Unterscheidet sich die Quellenlage dabei von der zu anderen sagenumwobenen Geheimdiensten – beispielsweise dem KGB oder dem Mossad?

Prof. Stöver: Es stimmt, die Geschichte von Geheimdiensten ist für Historiker, die ja prinzipiell auf verifizierbare und damit öffentlich einsehbare und kontrollierbare  Quellen angewiesen sind, eine besondere Herausforderung. Kein Geheimdienst lässt sich freiwillig in die Karten schauen. Die zurückliegende 70-jährige Geschichte der CIA war allerdings mit zahlreichen Skandalen durchzogen, denen seit den Siebzigerjahren immer wieder öffentliche Untersuchungsausschüsse folgten. Sie haben Einblick in viele Details möglich gemacht. Eine ebenso unverzichtbare Quelle für die Öffentlichkeit wie für den Historiker sind zudem die sogenannten Whistleblower, die schon für die ersten Untersuchungsausschüsse der Siebzigerjahre zu den „Family Jewels“ eine zentrale Bedeutung hatten. Heute geben Whistleblower-Plattformen wie WikiLeaks, zentrale Einsicht in die Geschäfte der CIA. Tatsächlich ist dadurch die Quellenlage zur CIA trotz aller Einschränkungen besser als etwa zum KGB oder zum Mossad.

"Das Ende des Kalten Krieges nahm der CIA ironischerweise ihre zentrale Aufgabe"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrem Buch, dass der CIA im Wesentlichen ein Kind des Kalten Kriegs war, dass der Kalte Krieg das natürliche Biotop der Agency war. Der Kalte Krieg ist seit mehr als 25 Jahren beendet, der CIA aber mit Blick auf seine Befugnisse heute mächtiger denn je. Wie passt das zusammen? Das auch vor dem Hintergrund, dass der CIA in vielen entscheidenden Fällen versagt – Koreakrieg, 9/11 – oder ahnungslos agiert hat, zum Beispiel bei der Unterstützung von Islamisten in Afghanistan.

Prof. Stöver: Innenpolitisch setzten die überraschenden Anschläge des 11. September 2001 auf das Pentagon und das World Trade Center, in dem sich auch eine Dependance der Agency befunden hatte, mit fast 3.000 Toten die erst wenige Monate amtierende Regierung von George W. Bush und damit auch die CIA, die solche Überraschungen ja eigentlich verhindern sollte, unter massiven Druck. Die Agency stand erneut vor einem Desaster ihrer Geheimdienstarbeit, einem, wie es in der Öffentlichkeit schnell hieß, „neuen Pearl Harbor“. Bei aller berechtigten Kritik an der CIA: Die fehlende zeitgenaue Warnung vor dem japanischen Angriff auf den US-Flottenstützpunkt im Pazifik Anfang Dezember 1941 konnte nicht der CIA zugerechnet werden – es gab sie schlicht noch nicht, – und so völlig ahnungslos, wie die US-Führung unter Franklin D. Roosevelt sich gab, war sie bekanntlich nicht, was danach die Basis für Verschwörungstheorien wurde. Beim Angriff Nordkoreas auf den Süden des Landes am 25. Juni 1950 lag die CIA dagegen gar nicht so weit daneben; man hatte drei Monate vor dem Angriff auf den Juni getippt.

Wie immer auch die Vorgeschichte für die CIA war: Die CIA stand unter massivem Druck. George W. Bush reagierte auf den 11. September 2001 unter anderem mit einer Fülle neuer Sicherheitsgesetze, die in den folgenden Jahren kontinuierlich erweitert wurden und das innenpolitische Klima in den USA bis heute massiv veränderten. Mit dem Department of Homeland Security (DHS) entstand schon 2002 eine neue Sicherheitsbehörde mit umfassenden Befugnissen. Alles dies schien auf eine Entmachtung der erneut gescheiterten CIA hinauszulaufen.

Dies war für die Agency umso bitterer, weil sie glaubte, erst wenige Jahre zuvor eine weitere gravierende Legitimationskrise überwunden zu haben: Das Ende des Kalten Krieges bescherte ihr nicht nur einen der größten Triumphe. Es nahm ihr ironischerweise gleichzeitig ihre zentrale Aufgabe, die ihre Arbeit in den letzten über vierzig Jahren bestimmt hatte: die Bekämpfung der Sowjetunion und des Kommunismus. Ein neues, vergleichbares und konsistentes Feindbild lag noch nicht vor und die Agency tat sich auch in den folgenden Jahren sehr schwer, dieses zu entwickeln. Der islamistische Terrorismus rückte tatsächlich erst mit den Anschlägen des „9/11“ zentral ins Blickfeld. Auffällig ist die bemerkenswerte Ahnungslosigkeit der CIA vor allem über die weitere Entwicklung von Al-Qaida. So wusste man nicht, dass sich die Gruppe um Osama bin Laden bereits Anfang der Neunzigerjahre so weit konstituiert hatte, dass sie 1993 den ersten Angriff auf das World Trade Center durchführen konnte. Die entscheidenden Hinweise zur Aufklärung der Tat kam bezeichnenderweise vom FBI, die zudem deutlich machten, dass der Drahtzieher, Omar Abd al-Rahman, der „blinde Scheich“ 1990 wohl sogar mit Unterstützung der Agency in die USA gekommen war.

Die Budgetkürzungen und Entlassungen sowie die Schließung von über zwanzig CIA-Filialen seit 1992 schienen kaum einen anderen Schluss zuzulassen als den: die CIA hatte sich anscheinend überlebt. Parallel dazu verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Langley und dem Weißen Haus unter Präsident Bill Clinton unübersehbar. Das zeigte sich auch in der Amtszeit der CIA-Direktoren. Nach Robert Gates (bis 1993), R. James Woolsey (1993-1995) und John M. Deutch (1995/96) durfte erst George J. Tenet (1997-2004) wieder etwas länger bleiben. Er reorganisierte einen Teil der Agency, bevor er 2004 wohl auch aus Protest gegen die amtierende US-Regierung zurücktrat.

Vor diesem Hintergrund war es eine Überraschung, dass der Anschlag vom 11. September 2001 keinen massiven Kompetenzverlust der CIA oder sogar das Ende der Agency in ihrer bisherigen Form bedeutete. Anders als in Langley befürchtet und wohl anfänglich auch geplant, wurde das Department of Homeland Security aber nicht zur vorgesetzten Dienststelle der CIA. Die Agency verlor zwar ihre bisherige institutionelle Sonderstellung, als sie durch das 2004 in Kraft gesetzte Intelligence Reform and Terrorism Prevention-Gesetz dem neugeschaffenen Amt des Director of Intelligence (DNI) unterstellt wurde, der damit gleichzeitig die gesamte Geheimdienstkoordination übernahm, die bis dahin der Director of Central Intelligence (DCI) wahrgenommen hatte. Der DCI amtierte nun nur noch als der dem DNI berichtspflichtiger Chef der CIA (D/CIA).

Gleichzeitig gewann die Agency aber neue Zuständigkeiten. Schon das Patriot-Gesetz und die Military Order erlaubten der CIA 2001, auch im Inland zu ermitteln – ein Zugeständnis, das in den Siebzigern noch zu einem öffentlichen Skandal und Untersuchungsausschüssen geführt hatte. Telefonate durften abgehört, Häuser und Wohnungen ohne Wissen der Bewohner, persönliche Daten, aber auch Server von US-Unternehmen durchsucht werden. Außerhalb der USA bekam sie sogar noch größere Rechte, sowohl gegenüber US-Bürgern als auch gegenüber Ausländern, die unbeschränkt und ohne Gerichtsverfahren festgehalten und „verschärft“ befragt werden durften. Viele der dafür eingerichtete Black Sites des „CIA-GuLag“ (A. W. McCoy) wurden erst durch Whistleblower bekannt, aber es gibt bis heute keine endgültige Liste. Zum wichtigsten dieser geheimen Orte, der geradezu zur Chiffre für den Freibrief wurde, den die CIA durch den Krieg gegen den Terror erhielt, wurde das 2002 entstandene „Camp Delta“ in Guantánamo auf Kuba – trotz der ebenso traurigen Berühmtheit etwa von Abu Ghraib oder Camp Bucca im Irak.

Den Hintergrund dieser doch sehr merkwürdigen Logik, dass die CIA trotz ihres eindeutigen Versagens gegenüber dem islamistischen Terror doch fast unbeschadet aus ihrer Niederlage kam, bildete vor allem das in der amerikanischen Gesellschaft und Geschichte tief verwurzelte Bedrohungsgefühl. Ironischerweise bedient die CIA trotz ihrer Fehler in letzter Konsequenz die Hoffnung der US-Bevölkerung, „wirklich alles“ zu tun, um in mehr Sicherheit zu leben.

"Die Öffentlichkeit traut der CIA so ziemlich alles zu"

L.I.S.A.: Liest man von den vielen einzelnen Operationen, die der CIA seit seiner Entstehung bis heute durchgeführt hat – von denen, wie Sie schreiben, man nur einen Bruchteil kennt – beschleicht einen das Gefühl, dass Verschwörungstheorien nicht von ungefähr kommen. Eine typische Aufgabe des CIA scheint es – wie Sie in Ihrem Buch zeigen - schon immer gewesen zu sein, missliebige Regierungen zu destabilisieren, Bürgerkriege auszulösen und zu unterhalten sowie freundliche Regime einzusetzen. Obwohl dieses Muster historisch nachweisbar ist, werden bei aktuellen Konflikten kritische Stimmen oft als verschwörungstheoretisch abgetan. Warum?

Prof. Stöver: Selbstverständlich bietet sich die verdeckte Arbeit der Geheimdienste und gerade die CIA für wilde Spekulationen besonders an. Über die Jahre sind so viele Skandale der Agency ans Licht gekommen, dass die Öffentlichkeit der CIA so ziemlich alles zutraut. Beispiele dafür gibt es zuhauf. So wurde die CIA sogar für die Zerstörung der Twin Towers am 11. September 2001 verantwortlich gemacht. Geheimnisumwittert blieben insbesondere die Vorgänge in der „Area 51“, einem militärischen Sperrgebiet im US-Bundesstaat Nevada, das von der Agency genutzt wurde. Aufgrund der Geheimhaltung, die Langley erst 2013 aufhob, war es wohl unumgänglich, dass dort der Mythos CIA ins Phantastische wuchs.

Der Historiker kann und muss auf Verschwörungstheorien und entsprechend wilde Spekulationen nur mit Aufklärung, d.h. mit seinen Werkzeugen reagieren, und dazu gehört zuallererst die seriöse Quellenkritik. Was nicht durch glaubwürdige und nachprüfbare Quellen belegt ist, muss eben in das Reich der Spekulationen und Märchen verwiesen werden. Auch Verschwörungstheorien kann man nur mit Aufklärung begegnen. Und so bleibt in Bezug auf die Area 51 nur Irdisches nachgewiesen, d.h. insbesondere Waffentests und Black Projects, die die CIA in Zusammenarbeit mit anderen, etwa der Air Force und Rüstungsfirmen vorantrieb: Das CIA-Programm AQUATONE, die Entwicklung eines Aufklärers, der von der feindlichen Flugabwehr lange nicht erreicht werden konnte und die Bezeichnung Lockheed U-2 Dragon Lady erhielt, startete 1954. Danach kamen spektakuläre Nachfolgeprojekte, etwa die noch futuristischer anmutende Lockheed A-12 Oxcart (weiterentwickelt als SR-71 Blackbird) oder auch Tarnkappenbomber.

"In den 1980er Jahren förderte die CIA den Politologen Samuel Huntington"

L.I.S.A.: Sie schreiben an einer Stelle, dass auch die Geisteswissenschaften von der CIA profitierten. Inwiefern? Welche Rolle spielen Geisteswissenschaftler beim Geheimdienst?

Prof. Stöver: Grundsätzlich legte die CIA, wie im Übrigen viele andere US-Institutionen von Anfang an Wert darauf, ihre Arbeit mit wissenschaftlichen Methoden vorzubereiten und zu begleiten und damit Ergebnisse zu sichern. Ein zentrales frühes Beispiel ist das 1951 gegründete Psychological Strategy Board (kurz PSB, ab 1953 OCB: Operations Coordination Board), zu dessen Stammbesetzung neben dem stellvertretenden US-Außenminister und dem Verteidigungsminister auch der CIA-Chef gehörte. Grundsätzlich glaubte man schon während des Zweiten Weltkriegs im Vergleich zu den Feindmächten viel zu wenig für die Psychologische Kriegsführung getan und darum in Konflikten viel zu hohe Verluste verbucht zu haben. Der jeweilige Leiter des PSB wurde entsprechend der Bedeutung des Amtes bezeichnenderweise vom Präsidenten selbst ernannt und nahm an den NSC-Treffen teil.

Es gibt zahlreiche Beispiele für die Rekrutierung von Wissenschaftlern durch die CIA, wobei „Geisteswissenschaften“ in den USA anders verstanden werden als etwa in Europa. In den USA sind sie Teil der sogenannten Human Sciences. Neben den im deutschen Verständnis klassischen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, wie der Geschichts-, Literatur-, Sprach-, Religions- und Musikwissenschaft, rechnete man in den USA auch Psychologie, Biologie oder Anthropologie dazu. Die Kooperation mit Professoren („P Source“) begann bereits in den frühen Jahren der CIA und schloss insbesondere die renommierten amerikanischen „Ivy League“-Universitäten ein, zu denen unter anderem Harvard, Princeton, Yale und Columbia gehören. Bereits 1950 ging die Gründung des CIA-Office of National Estimates (ONE), das Dossiers erstellte, die dem Präsidenten bei Entscheidungsfindungen helfen sollte, auf die Initiative des Harvard-Professors William L. Langer zurück. Langer war zeitlebens davon überzeugt, dass insbesondere die Psychoanalyse der Politik erheblichen Nutzen bringe. „Völkerpsychologie“, so ein Credo, erleichtere das Verständnis für andere Nationen und damit eigene Strategien.

Verbindungen zu einigen Forschungs- und Bildungseinrichtungen blieben bestehen. In den Achtzigerjahren förderte die CIA verdeckt den neokonservativen Politologen Samuel Huntington in Harvard, der 1993 durch einen Artikel und drei Jahre später durch das vieldiskutierte Buch The Clash of Civilizations bekannt wurde. Huntington prognostizierte für das 21. Jahrhundert unter anderem den Verlust „westlicher“ Einflussnahme in der Weltpolitik und zunehmende Konflikte mit dem Islam und China.

"Für die CIA ist Geheimnisverrat zwar nicht neu, aber im Umfang unbekannt"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielen für die CIA Enthüllungen wie die der sogenannten Whistleblower Julian Assange und Edward Snowden? Auf was wirkt sich der Schaden vor allem aus – auf die Organisation oder eher auf das Image? Oder wohnt dem eher eine besondere Dialektik bei, demnach der Mythos CIA durch solche Enthüllungen und den dadurch in Gang gesetzten Phantasien nur noch weiter gefüttert wird, ein Mythos, hinter dem sich das eigentliche Wirken gut verbergen ließe? Ist demnach das Gewähren eines Einblicks letztlich die beste Tarnung?

Prof. Stöver: Ohne Informanten, also Whistleblower, aber auch reguläre journalistische oder wissenschaftliche Recherchen, also die traditionelle „Vierte Gewalt“, und nicht zuletzt die einschlägigen Untersuchungsausschüsse des US-Kongresses, so lässt sich zusammenfassen, wären die Kenntnisse über die CIA nicht so weit gediehen, dass man eine fundierte Untersuchung über den Geheimdienst schreiben kann.

Für die CIA blieb jede Aufdeckung von Geheimnissen im Zweifelsfall eine Gefährdung der Nationalen Sicherheit und tatsächlich stellt sich die Frage, ob die Aufdeckung aller Geheimnisse eines Staates seiner Sicherheit wirklich dient. Als größte Bedrohung auf diesem Feld gilt der CIA im Augenblick weniger ein einzelner Informant wie Edward Snowden, sondern eher eine Internetplattform wie WikiLeaks, gegründet von Julian Assange, einem ehemaligen Hacker, dem mittlerweile wohl bekanntesten Whistleblower. Dabei wird häufig verschwiegen, dass solche Plattformen nur funktionieren, weil die Zahl der Zugangsberechtigten zu vertraulichen Informationen aufgrund der allgemeinen Technikgläubigkeit in den US-Institutionen allgemein massiv erhöht worden war. Dies war die eigentliche Sicherheitslücke im System.

Jedes Leck wirkt sich auch auf die CIA-Organisation aus. Im Jahr 2010 wurde zur Abwehr eine eigene Whistleblower Task Force eingerichtet. Allerdings kann sie bisher nur wenige Erfolge zu verzeichnen, wie die weitere Veröffentlichung von hochgeheimen CIA-Papieren zeigte. Die Gitmo Files zum Lager Guantánamo kamen 2011 und der Bericht Best Practices in Counterinsurgency zu den Gezielten Tötungen der CIA 2014 in die Öffentlichkeit.

Für die CIA ist Geheimnisverrat zwar nicht neu, aber im Umfang unbekannt. Die Enthüllungen über „fragwürdige Aktivitäten“ der Agency am Beginn der 1970er Jahre, die unter dem Namen „Family Jewels“ bekannt wurden, gingen zumindest zum Teil von einem Whistleblower aus, dem Armeegeheimdienstoffizier Christopher Pyle, der den US-Senat darüber informierte, dass die CIA im Inland illegal die Friedensbewegung, Parteien, Studentenorganisationen und die Bürgerrechtsbewegung überwachte.

Selbstverständlich aber bedeutet bis heute jedes Leck einen öffentlichen Imageschaden für die Agency. Je nach Blickrichtung zeigen solche Enthüllungen eben auch, dass die CIA nicht in der Lage ist, ihre Geheimnisse und damit eben auch die Nationale Sicherheit der USA zu schützen. Die Öffentlichkeitsarbeit der CIA, wie sie etwa über die eigene Website, aber auch über das (allerdings ihr 1996 aufgezwungene) Programm CREST geführt wird, ist daher eigentlich nur der Versuch, ein wenig neue Politur auf das Image zu bringen, gleichzeitig aber nichts Wesentliches preiszugeben.

Prof. Dr. Bernd Stöver hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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