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Georgios Chatzoudis | 07.03.2017 | 753 Aufrufe | 2 | Interviews

Ein bekannter Unbekannter

Interview mit Dirk Sangmeister über Leben und Werk von Friedrich Christian Laukhard

Friedrich Christian Laukhard (1757-1822) nimmt im gegenwärtigen Kanon der deutschen Literatur keinen der vorderen Plätze ein. Dazu ist er der heutigen Leserschaft zu unbekannt. Das war vor gut 200 Jahren noch anders. Während seiner Schaffenszeit war er nicht unter den Gelehrten ein bekannter Schriftsteller, wenn ihm auch schon damals die Anerkennung weitgehend versagt geblieben ist. Dabei hatte er alles vorzuweisen, was ihm den Status eines der großen Literaten hätte einbringen können. Aber es kam anders. Der Germanist Dr. Dirk Sangmeister vom Forschungszentrum der Universität Erfurt hat sich diesen besonderen Außenseiter der Aufklärung genauer angeschaut, Leben und Werk Laukhards erforscht und seine Ergebnisse nun in einem Buch veröffentlicht. Wir haben Dr. Dirk Sangmeister unsere Fragen gestellt.

"Lange Zeit nur ein ganz einseitiges Bild von Laukhard"

L.I.S.A.: Herr Dr. Sangmeister, Sie haben eine Fallstudie zu einem deutschen Schriftsteller der Aufklärung vorgelegt: Friedrich Christian Laukhard. Wie kamen Sie darauf, einen – wie Sie schreiben – „Außenseiter der Aufklärung“ in den Blickpunkt einer Studie zu nehmen, über den schon mehrfach publiziert worden ist? Was interessiert Sie an diesem Außenseiter besonders? Und: Haben Sie dabei auf neues Quellenmaterial zurückgreifen können?

Dr. Sangmeister: Laukhard könnte man als einen »bekannten Unbekannten« bezeichnen: Sein Name ist den meisten Germanisten zwar geläufig, und zwar aufgrund seiner Autobiographie, den fabelhaft reichhaltigen und anschaulichen »Leben und Schicksalen«, die im Original vier Bände füllen, aber lange Zeit nur in schmalen Auswahlausgaben verfügbar waren und die ein ganz einseitiges Bild von Laukhard abgaben. Mich interessiert jedoch, wie schon Christoph Weiß, der 1992 die maßgebliche Monographie über Laukhard veröffentlicht hat, das Gesamtwerk Laukhards, und da vor allem diejenigen Schriften, die zensiert, indiziert und konfisziert wurden – oder die gar nicht erst veröffentlicht werden konnten. Über diese habe ich in diversen Archiven allerhand Dokumente finden können, die es mir ermöglichen, die damaligen Motive und Methoden der Zensur sowie einige der Gründe für die Ausgrenzung seiner Person zu rekonstruieren.

"Ein halsstarriger, eigensinniger Nonkonformist, der sich oft selbst im Wege stand"

L.I.S.A:. Was machte Laukhard zu einem der Außenseiter der damaligen deutschen Gelehrtenrepublik? War er für die Aufklärung schon zu spät oder war er seiner Zeit einfach schon voraus? Oder hatte die Verweigerung seiner Zeitgenossen ihn anzuerkennen ganz andere Gründe?

Dr. Sangmeister: Laukhard war Spätaufklärer und als solcher auf der Höhe seiner Zeit. Dass er in seinen Romanen und zeitgeschichtlichen Werken die Beschränktheit und Willkür diverser deutscher Duodezfürsten kritisierte und persiflierte und zugleich seine Sympathien mit der Französischen Revolution artikulierte, machte ihn zu einer suspekten Figur. Er war aber an sich ein halsstarriger, eigensinniger Nonkonformist, der sich oft selbst im Wege stand oder auf Abwege begab, wenn er nicht vorankam oder weiter wusste.

L.I.S.A.: Wie ist Laukhard selbst mit der Zurückweisung durch die Gelehrten seiner Zeit umgegangen? Hat ihn das sehr beschäftigt? Wie ist er überhaupt mit den zahlreichen Formen der Unterdrückung, die er zeitlebens erfahren hat, zurecht gekommen?

Dr. Sangmeister: Laukhard wusste sich schon zu wehren mit Worten, er blieb seinen Rezensenten und Gegenspielern selten eine Entgegnung schuldig, aber dadurch vermehrte er natürlich die Zahl seiner Feinde. Nur von seiner Feder konnte er aber auf die Dauer nicht leben. Seine Honorare waren zu gering, seine Ausgaben zu hoch. Er hätte eine dauerhafte Stelle gebraucht, aber deshalb klein beizugeben, zu antichambrieren oder gar zu buckeln, dazu war er zu stolz, zu eigensinnig, auch zu unbesonnen. Hinzu kam: Er trank viel mehr, als seinem Ruf und seiner Gesundheit zuträglich war, und so wurde aus einem habilitierten Akademiker, der intellektuell durchaus das Zeug zu einem Professor gehabt hätte, ein Privatlehrer mit einem Alkoholproblem in der pfälzischen Provinz, der eine kümmerliche, am Ende jämmerliche Existenz führte und schon zu Lebzeiten in der deutschen Gelehrtenrepublik als längst gestorben galt.

"Mehr Leser gefunden als von Kleist oder Hölderlin"

L.I.S.A.: Trotz des Ausschlusses aus der Gelehrtenrepublik sind die Werke Laukhards von den Zeitgenossen rege gelesen worden. Wie passt die breite Rezeption seiner Publikationen zu der versagten Anerkennung durch die Eliten? Ist das die Logik, die in der Biographie eines „Unterhaltungsautors“ steckt?

Dr. Sangmeister: Ich würde Laukhard nicht in erster Linie als Unterhaltungsautor bezeichnen wollen. Er wollte seine Leser sicherlich unterhalten, aber in erster Linie musste er sich und seine Familie unterhalten, nämlich finanziell – nur deshalb hat er, meist mit flüchtiger Feder, um der Honorare willen mehr als ein Dutzend Romane und Erzählungen geschrieben. Das sind vielfach Brotarbeiten, dabei aber bissiger, witziger, realistischer und auch viel politischer als etwa die Räuberpistolen eines Christian August Vulpius oder die Liebesromane eines August Lafontaine, um mal zwei Matadore der damaligen Belletristik zu nennen. Diese Bücher standen dann – wenn sie denn nicht verboten wurden – in den Regalen der Leihbibliotheken und gelangten so in die Hände der Leute, die lesen und einen Groschen erübrigen konnten. Seine Werke haben so sicherlich mehr Leser gefunden als die Erzählungen und Dramen von Kleist oder die Gedichte von Hölderlin – aber ein weithin populärer Autor ist er nicht gewesen.

"Laukhard war ein eminent politischer Kopf"

L.I.S.A.: Werfen wir zum Schluss einen Blick auf die Rezeptionsgeschichte post mortem: Wann setzte in der Wahrnehmung und Wertschätzung Laukhards ein Wandel ein? Was waren dafür die Gründe? Und in welchem Kosmos der Literaturgeschichte zieht er heute seine Bahnen?

Dr. Sangmeister: Laukhard wurde viel zu lange reduziert auf den Typus des burschikos-famosen Studenten, dessen Memoiren amüsante Anekdoten und kurzweilige Kuriosa aus der deutschen Universitäts-, Sitten- und Zeitgeschichte um 1800 enthalten. Dieses eindimensionale Bild wird ihm nicht gerecht. Laukhard war ein eminent politischer Kopf, der Deutschland wie Frankreich aus eigener Anschauung genau kannte: er zog als einfacher Musketier gegen das revolutionäre Frankreich zu Felde, erlebte die Kanonade von Valmy im Schlamm der Champagne und hatte schon demzufolge eine ganz andere Perspektive auf die weltgeschichtlichen Umwälzungen jener Jahre als der Schlachtenbummler Goethe in seiner gefederten Kutsche. Und nicht zu vergessen: für Linguisten und Lexikographen ist Laukhard ein geradezu unschätzbarer Autor, weil seine Schriften überaus reich sind an farbigen Belegen für die damalige Umgangs- und Studentensprache, das ist wirklich »krass« zu lesen, um mal ein Wort zu gebrauchen, das damals in seinem Milieu geprägt wurde und bis heute gängig ist.

Dr. Dirk Sangmeister hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Herbert Schauer | 08.03.2017 | 10:13 Uhr
Daß Laukhard jetzt schon selbst auf die Fragen antwortet, ist ja hochinteressant. Aus dem Grabe per Telephon oder wie?

Kommentar

von Georgios Chatzoudis | 08.03.2017 | 10:33 Uhr
Herr Laukhard hat uns gerade auch auf unseren Fehler aufmerksam gemacht und uns gebeten, die von Ihnen zurecht angesprochene Korrektur vorzunehmen. Vielen Dank für den Hinweis!
Mit freundlichen Grüßen, Ihre L.I.S.A.Redaktion

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