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Judith Wonke | 21.07.2020 | 435 Aufrufe | Interviews

"Dynamische Orte der gesellschaftlichen Sinnstiftung"

Interview mit Heidemarie Uhl und Ljiljana Radonić zur musealen Ausstellung von Zeitgeschichte

Wie kann Zeitgeschichte in Museen ausgestellt werden? Welche Rolle haben Museen mit Blick auf Nationbuilding, Dekonstruktion und traditionelle Geschichtsbilder? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt der Tagung "Das umkämpfte Museum. Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung", die von PD Dr. Heidemarie Uhl und Dr. Ljiljana Radonić organisiert wurde und zu der kürzlich ein Sammelband erschienen ist. Wir haben mit den Herausgeberinnen gesprochen und um eine Einschätzung der Entwicklungen gebeten: Vor welchen Herausforderungen stehen zeitgeschichtliche Museen? Inwiefern grenzen sie sich von Gedenkstätten ab? Und angesichts der zahlreichen geschichtspopulären Angebote: Brauchen wir Museen heute überhaupt noch? 

Ljiljana Radonić (l.) und Heidemarie Uhl (r.)

"Avantgarde der selbstkritischen Auseinandersetzung mit Identität"

L.I.S.A.: Dr. Radonić, Dr. Uhl, Sie haben gemeinsam den Sammelband „Das umkämpfte Museum. Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung“ herausgegeben. Welches Forschungsinteresse liegt dem Projekt zu Grunde? Und welche Vorarbeiten gingen dem Projekt voraus?

Dr. Radonić: Uns hat fasziniert, dass zeithistorische Museen in manchen Ländern derzeit die Avantgarde der selbstkritischen Auseinandersetzung mit Identität und Machtverhältnissen sind, während sie in anderen als Flaggschiffe einer nationalistischen Umdeutung der Vergangenheit fungieren. Das haben wir dann – unmittelbar vor der Eröffnung des Hauses der Geschichte Österreich – mit MuseumstheoretikerInnen und ‑praktikerInnen bei der gleichnamigen Konferenz am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften diskutiert, auf die der Band zurückgeht. In meinem Fall sind Museen meine tägliche Arbeit: der Gegenstand meiner Habilitation über den Zweiten Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen, wie auch des von mir geleiteten und vom Europäischen Forschungsrat (ERC) finanzierten Projektes über Globalisierte Gedenkmuseen, in dem mein Team und ich 50 Museen weltweit untersuchen.

"Orte der Produktion hegemonialer Narrative"

L.I.S.A.: Wie haben Sie die Autoren und Autorinnen für den Sammelband ausgewählt? Und mit Bezug auf die Aufsätze in Ihrem Sammelband: Gab es Erkenntnisse, die sie besonders überrascht haben?

Dr. Uhl: Wir haben nach den Praxisfeldern gefragt, die derzeit die größten Herausforderungen für zeithistorische Museen darstellen. Ausgangspunkt sind die Anforderungen an Museen nach dem Cultural turn – nämlich die kritische Selbstreflexion über die eigene Rolle im Dispositiv des kollektiven Gedächtnisses. Das zeigt sich etwa am 2018 eröffneten Haus der Geschichte Österreich, das sich als Verhandlungsort und Diskussionsforum definiert. Museen sind gerade deswegen umkämpft, weil sie Orte der Produktion hegemonialer Narrative sind. Emanzipatorische Bewegungen fordern nicht zuletzt die Repräsentation im Museum – etwa migrantische Communities. Damit stellt sich auch die Frage nach der aktiven Partizipation jener Gruppen, über die das Museum „spricht“. Es war spannend für uns zu sehen, wie intensiv die Frage nach der Realisierung und den Grenzen des partizipativen Anspruchs derzeit diskutiert werden, was vor allem die Beiträge über das Ausstellen von Migration zeigen.

"Ein unüberbrückbarer Graben zur Dekonstruktion nationaler Erzählungen"

L.I.S.A.: Wie Sie im Titel Ihrer Publikation deutlich machen, stehen zeitgeschichtliche Museen aktuell vor der Herausforderung, einerseits gängige Erzählungen dekonstruieren und unterdrückte Minderheiten sichtbar machen zu wollen, anderseits jedoch auch der Aufgabe nachkommen müssen, Wertesysteme zu vermitteln und zum sogenannten „Nationbuilding“ beizutragen. Sehen Sie hierin einen Wiederspruch? Inwiefern lassen sich diese unterschiedlichen Ansätze in zeitgeschichtlichen Museen vereinen?

Dr. Radonić: Denken in Widersprüchen ist ja nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil, genau dieses Spannungsverhältnis inspirierte uns zu dem Buch. Bis zu einem gewissen Grad ist das gut miteinander vereinbar: Dekonstruktion nationaler Narrative als zu vermittelnder Wert. Aber das stößt dort an eine Grenze, wo von Gedenkstätten etwa erwartet wird, Demokratieerziehung an einem einzigen Tag zu vollbringen. Und wichtig ist auch zu betonen, dass derzeit leider auch in Europa ein „Nationbuilding“ betrieben wird, das selbstkritische Aufarbeitung nicht als erstrebenswert, sondern als „nationale Schande“ betrachtet, wie dies aktuell bei der polnischen und ungarischen Geschichtspolitik der Fall ist. Das ist ein unüberbrückbarer Graben zur Dekonstruktion nationaler Erzählungen, gegen den die Gegenöffentlichkeit in den beiden Ländern derzeit leider vergeblich ankämpft.

"Die Aura des Authentischen wird auch am nichthistorischen Ort erzeugt"

L.I.S.A.: Aktuell lässt sich beobachten, dass Helden-, Widerstands- und Märtyrernarrative in klassischen Museen von Opfernarrativen abgelöst werden. Übernehmen Museen damit zunehmend die Aufgabe von Gedenkstätten? Wie werden und sollen sich Museen und Gedenkstätten zukünftig noch unterscheiden?

Dr. Radonić: Ja, das Konzept des Memorial Museums, für das vor allem das US Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. und Yad Vashem in Israel als Vorbilder gelten, hat vor allem in den neuen östlichen EU-Mitgliedsländern Schule gemacht, sodass die Einbeziehung von Gedenkelementen in Museen und der Fokus auf Opfernarrative weite Verbreitung fanden. Hierbei ist aber wesentlich zu unterscheiden, ob von individuellen Opfern oder kollektiven Opfernarrativen die Rede ist. Hierbei scheint mir eine Unterscheidung zwischen Gedenkstätten als sogenannten in-situ-Orten und anderen Museen nicht so wichtig, wie eine Scheidung entlang der Linie: Aufarbeitung vs. patriotische Großerzählung.

Dr. Uhl: Dieser Befund von Ljiljana Radonić, Leiterin des ERC-Projekts „Globalized Memorial Museums“, basiert auf der Analyse von über 50 Museen auf vier Kontinenten. Der Unterschied zwischen Gedenkstätten und Memorial Museums muss gerade aufgrund der Ergebnisse dieses richtungweisenden internationalen Forschungsprojekts neu gedacht werden. Denn die Aura des Authentischen wird auch am nichthistorischen Ort durch historische Objekte und ihre Einbettung in ästhetische Gestaltungsformate erzeugt. Womöglich sind es die Vielstimmigkeit und Widersprüchlichkeit der Erfahrungen und Ereignisse, die den historischen Ort ausmachen und seiner Domestizierung durch eine Erzählperspektive entgegenwirken. Zudem: Die Geschichte der Opfer darzustellen wirft in den ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern immer auch die Frage nach den konkreten TäterInnen auf.

"Museen bilden einen Resonanzkörper der jeweiligen Gegenwart"

L.I.S.A.: Das Angebot an geschichtskulturellen und geschichtspopulären Formaten ist vielfältig – längst konkurrieren Museen mit TV und Film, digitalen Spielen und Apps, die ebenso Geschichte darstellen und Deutungsmöglichkeiten der Vergangenheit anbieten. Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Museen ein? Werden diese nicht längst durch die – oft populäreren – geschichtskulturellen Angebote ersetzt?

Dr. Radonić: Ersetzt werden die Museen nicht, eher werden neue Medien verstärkt auch in Museen und Gedenkstätten eingesetzt, bis hin zum Einsatz von „virtual reality“ in Gedenkstätten, in denen kaum mehr Spuren der Vergangenheit erhalten sind. Auch interaktive Elemente halten vermehrt Einzug in Museum, begleitet von Museumswebseiten, die eigene Webausstellungen kuratieren. Die Grenzen zum physischen Museum sind hier fließend. Wichtig ist hierbei jedoch, sich immer bewusst zu machen, dass die Darstellbarkeit von Massenmord, Genozid und Holocaust in jedem Medium an ihre Grenzen stößt und ein Nacherleben von industrieller Massenvernichtung oder des „Holocaust by bullets“ keinesfalls das Ziel sein kann.

Dr. Uhl: Museen sind Erfahrungsräume, Begegnungszonen, die durch die Ko-Präsenz der BesucherInnen lebendig werden. In ihren Museen wird eine Gesellschaft klarer sichtbar als durch statischere Formen der Repräsentation – Denkmäler, Straßennamen, architektonische Symbole. Museen sind dynamische Orte der gesellschaftlichen Sinnstiftung, die sensibel auf gesellschaftliche Zeitströmungen reagieren können. Im Wechselspiel von Dauer- und temporären Ausstellungen bilden Museen einen Resonanzkörper der jeweiligen Gegenwart. Deswegen stehen sie auch im Fokus kulturwissenschaftlicher Forschung.

"Wichtige Kristallisationspunkte des Kampfes um die Erinnerung"

L.I.S.A.: Nach all der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Thematik: Gehen Sie noch gerne ins Museum?

Dr. Radonić: Aber ja, zum Glück teilt mein Partner die Selbstverständlichkeit, mit der wir bei jedem Urlaub in einer neuen Region die relevanten zeithistorischen Museen ansteuern. Das haben wir aber auch vor meiner Fixierung auf Museen als Hauptarbeitsgebiet schon getan, denn es sind ja schließlich wichtige Kristallisationspunkte des Kampfes um die Erinnerung – oder im post-jugoslawischen Kontext sogar des Krieges um die Erinnerung.

Dr. Uhl: Nirgends kann man in so kurzer Zeit so viel über eine Gesellschaft erfahren wie im Museum – vom Dorfmuseum bis zu den nationalen Flaggschiff-Institutionen.

Dr. Heidemarie Uhl und Dr. Ljiljana Radonić haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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