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Georgios Chatzoudis | 14.02.2017 | 316 Aufrufe | Interviews

"Durch symbolische Konstruktionen ein nationales Selbstverständnis"

Interview mit Gerald Stieg über die nationale Identität Österreichs

Die Frage, was Österreich tatsächlich ausmacht beziehungsweise was Österreich ist, steht wieder auf der Tagesordnung. Deutlich wurde dieses in Österreich nicht wirklich neue Bedürfnis nach Selbstvergewisserung zuletzt im Zuge der Debatten rund um die emotional aufgeladene Wahl des Bundespräsidenten. Einmal mehr ringen die Österreicher darum, was ihre nationale Identität im Kern ausmacht. Kein leichtes Unterfangen angesichts der zahlreichen politischen, kulturellen sowie historischen Referenzmöglichkeiten, welche die Österreich-Idee bietet: Habsburger- und Donaumonarchie, Großdeutschland, Republik Österreich. Der Kulturhistoriker Prof. Dr. Gerald Stieg hat die wieder virulente Frage nach der österreichischen Identität zum Anlass genommen, darüber ein Buch zu schreiben, das bereits im Titel die Ambivalenz des Themas deutlich macht: Sein oder Schein? Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Die Frage, wie und ob die österreichische Identität überhaupt definierbar ist"

L.I.S.A.: Herr Professor Stieg, in Ihrem Buch „Sein oder Schein“ gehen Sie der Fragen nach, was die Identität Österreichs eigentlich ausmacht. Sie umreißen dabei die Zeit von Kaiserin Maria Theresia im 18. Jahrhundert bis zum Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938. Warum dieses Buch? Welche Frage hat Sie bei den Vorüberlegungen geleitet?

 

Prof. Stieg: Das Buch verdankt sich dem Auftrag eines französischen Verlags, der allerdings ein ganz anderes Resultat gewünscht hatte, etwas im Geist der „Welt von gestern“ Stefan Zweigs oder der in Frankreich  besonders intensiven Ausstrahlung der Wiener Moderne. Für mich wurde diese unerwartete Auftragsarbeit jedoch der Anlass, mich auf die Suche nach der österreichischen nationalen Identität zu begeben. Es wurde eine ironische Suche, geleitet vom Epigramm „Nationalismus“ des österreichischen Erzsatirikers Karl Kraus:  

 

Dass du nicht meiner Mutter Sohn,          

Das wird mich dauernd empören.          

Es ist und bleibt der Stolz der Nation,          

Zur anderen nicht zu gehören.  

 

Am Beginn der 1980er Jahren war diese Frage Thema zweier engagierter Bücher, das eine vom katholischen Historiker und Kulturphilosophen Friedrich Heer unter dem Titel „Der Kampf um die österreichische Nation“, das andere vom austro-marxistischen Begründer der Österreichstudien in Frankreich, Félix Kreissler, unter dem sprechenden Titel „Die österreichische Nation. Ein Lernprozess mit Hindernissen“. Es waren zwei Kampfbücher leidenschaftlicher Patrioten, geschrieben in einer Phase der endgültigen Konsolidierung des österreichischen Nationalbewusstseins. Doch der Mythos einer ihrer selbst gewissen harmonischen „Insel der Seligen“ (Papst Paul VI.) war nicht von Dauer. 1986 hat im Präsidentschaftswahlkampf der Kandidat Kurt Waldheim die verschleierte Vergangenheit aufgerissen und im Inland und Ausland Zweifel an der offiziellen Identität seines Landes entstehen lassen. Im Jahr 2000 wurde die Republik durch den Koalitionspakt mit Jörg Haider, der seine Sympathien für das Dritte Reich kaum verhehlte, von der Europäischen Gemeinschaft mit Sanktionen belegt. In beiden Fällen wurde Österreich von einer Vergangenheit eingeholt, die Zweifel an der Echtheit seiner Identität erweckte. Denn diese beruhte weitgehend auf der von den Alliierten 1943 aufgestellten These, Österreich sei das erste Opfer des Dritten Reiches gewesen. Durch den Staatsvertrag von 1955 wurde Österreich von denselben Alliierten auf ein ewiges Anschlussverbot an Deutschland verpflichtet, als wäre dem Opferstatus der Republik nicht ganz zu trauen.

 

Für mich stellte sich auf diesem Hintergrund die Frage, wie und ob die österreichische Identität überhaupt definierbar sei. Die bloß historischen Fakten schienen mir dabei zwar wichtig, aber weniger aufschlussreich als das ständige Bemühen, durch symbolische Konstruktionen zu einem nationalen Selbstverständnis zu gelangen. Das Buch ist also voll von Versuchen der „Kulturgeschichtskonstrukteure“ (Musil), das Wesen des „homo austriacus“ zu definieren. Auch aus diesem Grund habe ich es für richtig gehalten, meine persönlichen Erfahrungen in Kindheit und Jugend einzubeziehen, in denen sich wenn auch nur fragmentarisch die offizielle Schulpolitik der 1940er und 1950er Jahre spiegelt, die die Erziehung zum Österreichbewusstsein zum Ziel hatte und deren signifikantesten Aspekte die Ersetzung des Faches Deutsch durch Unterrichtssprache und die Einführung eines österreichischen Wörterbuches waren.

"Kaiserreich Österreich kein Nationalstaat, sondern multinationaler Familienbesitz"

L.I.S.A.: Sie nennen das Buch „Sein oder Schein“ – die Kernfrage bei der Suche nach Identität. Wo liegen die wesentlichen Ursachen dafür, dass Österreich, wie Sie in Ihrer Arbeit schreiben, sich nicht nur stets seiner Identität selbst vergewissern muss, sondern sich aufgefordert fühlt, diese immer wieder neu zu konstruieren? 

 

Prof. Stieg: Der Zweifel an der österreichischen Identität ist sehr alt. Er geht parallel zur Geburt des deutschen Nationalismus in den napoleonischen Kriegen. Die Jahre 1809 bis 1813 sind im Wesentlichen preußisch-deutsche Gedächtnisorte geworden: damals hat Österreich den ersten Krieg der Symbole verloren. Schon 1843 hat der liberale Politiker Andrian-Werburg die österreichische Nation in seinem Buch „Österreich und seine Zukunft“ als „Chimäre“ bezeichnet, denn das Staatsgebilde mit dem Namen „Kaiserreich Österreich“ (seit 1804) war kein Nationalstaat, sondern ein multinationaler Familienbesitz. Zu den seltsamsten symbolischen Auseinandersetzungen in der Identitätsfrage gehört darum, dass die österreichische Kaiserhymne, ursprünglich als Hymne des Heiligen Römischen Reiches , d.h. als Gegenstück zur „Marseillaise“ in kaiserlichem Auftrag von Haydn komponiert, ab 1841 durch das „Lied der Deutschen“ („Deutschland, Deutschland über alles“) eine nationalistische Konkurrenz erhielt, die nach 1918 und erst recht nach 1933 triumphierte. Nach 1945 hat Österreich „blutenden Herzens“ auf die vom NS „geschändete“ Melodie Haydns verzichtet. 1848 wurde das „Lied der Deutschen“ im Namen des großdeutschen Liberalismus vor dem kaiserlichen Schloss in Wien gesungen. Seither bestand eine Kluft zwischen der Treue zur Familie Habsburg und der Sehnsucht nach der deutschen Einheit, eine Kluft, die durch die Niederlage von 1866 und die Gründung des kleindeutschen Reiches 1871 unheilbar wurde. Bis 1866 führte Österreich noch formal den Vorsitz im Deutschen Bund, dem Nachfolger des Heiligen Römischen Reichs. Für die österreichischen Großdeutschen wurde die Monarchie zu einem Scheingebilde.

 

Der Titel des Buches geht auf die kritischen Schriften Ferdinand Kürnbergers, eines Bewunderers Bismarcks, zurück, der Österreich, inbesonders seine Hauptstadt, als einen der deutschen Nation unwürdigen, slawisch-deutschen Meltingpot herabsetzte, gekennzeichnet durch „Weibertemperament, Weiberschwachheit, Weiberweichheit“. „Ein weibisches Volk seid ihr, kein männliches. Nennt euch nicht deutsch!“ Nach ihm nahm Österreichs Geschichte „unaufhaltsam den Gang des Scheins. Man schämte sich, russisch zu sein, man hasste es deutsch zu sein. Einzige Auskunft – überhaupt nicht zu sein, sondern zu scheinen." Von 1848 bis 1938 rissen die Versuche nicht ab, die Existenz des jeweiligen österreichischen Staates zu verteidigen oder radikal in Frage zu stellen. Höhepunkte dieser Rechtfertigungsstrategien beider Lager sind die Jahre des Ersten Weltkriegs und die austro-faschistische Periode von 1934 bis 1938. Der Grund dafür ist die Unentschiedenheit in der Frage nach der Nation: die deutsche ist seit der Reichsgründung ihrer selbst sicher, die österreichische ist mehr Idee als Wirklichkeit, mehr Schein als Sein.

"Hie Beethoven und Wagner, da Mozart und Schubert"

L.I.S.A.: Betrachtet man den Zeitraum Ihrer Arbeit, fällt auf, dass dieser mit einer Dauerkonstellation beginnt und endet, die Sie als „Urgrund des Problems“ bezeichnen: Preußen/Deutschland gegen Habsburg/Österreich. Weitere Antithesen bieten sich, wie Sie in Ihrem Buch zeigen, an: Hohenzollern gegen Habsburger, weiblich in der Gestalt Maria Theresias gegen männlich in der Figur Friedrich II., Protestantismus gegen Katholizismus, Kleindeutschland gegen Großdeutschland oder sogar Hitler versus Mozart. Ist der große Nachbar im Norden stets die Folie, vor der sich die Identität Österreichs erst bilden kann? 

 

Prof. Stieg: Die Identität Österreichs als Nation ist in der Tat fundamental an die Abgrenzung von Preußen/Deutschland gebunden. Doch diese Rivalität ist älter als der Nationalismus, ihre Urzelle ist ohne Zweifel der Kampf zwischen Maria-Theresia und Friedrich II., also zunächst ein anscheinend dynastischer Zwist, der aber im Laufe der Zeit zu einer anthropologischen Antithese zwischen männlich-soldatisch und weiblich-mütterlich geworden ist. Jedenfalls wurde Maria Theresia zur politischen Ikone Österreichs gegenüber Preußen und einem als prussifiziert angesehenen Deutschland. Der unglückliche Kronprinz Rudolf beschwor seinen willensschwachen Vater, es der Ahnin im Kampf gegen Bismarck gleichzutun. Hofmannsthal erhob die Kaiserin und ihre Epoche während des Ersten Weltkriegs zur schlechthinnigen Verkörperung österreichischer Kultur. Im Kampf der beiden Faschismen (Austro-Faschismus versus Nationalsozialismus) um Österreich wird das Haus Habsburg im allgemeinen und Maria Theresia im besonderen als Schutzpatronin heraufbeschworen. Marienkult (Mater Austriae) und Kult der mütterlichen Kaiserin verschränken sich. Das Stereotyp männlich gegen weiblich enthält auch eine nahezu ethnologische Komponente: das Weibliche wird immer wieder mit dem Slawischen assoziiert und abwechselnd als „lüstelnde Sinnlichkeit“ ab - oder als weibliche „Anmut“ aufgewertet. Der Geschlechtergegensatz wird auch verknüpft mit dem Gegensatz alt (Habsburg/Österreich) und jung (Hohenzollern/Preußen), wobei alt je nachdem altehrwürdig oder senil, jung Parvenutum oderTatwillen bedeuten. Die Opposition Habsburg/Hohenzollern nimmt auch die Form Katholizismus/Protestantismus an, wobei der Katholizismus positiv als Vorbild einer verträglichen multinationalen Gesellschaft, negativ als abergläubisches Gift (slawischer Herkunft) für den nationalen Zusammenhalt, der Protestantismus positiv als Religion der Vernunft und der Tat, negativ als Zerstörer des Universalismus und Urheber der modernen Maschinenwelt gesehen werden. (Friedrich Naumann warnt aus  Angst vor dem Katholizismus 1900 vor einem Anschluss Österreichs an Deutschland). Daraus ergibt sich auch die ständig berufene Antithese von Organisation und Schlamperei, die alle Lebensbereiche bestimmt, vor allem aber den militärischen Bereich. Sehr häufig sind diese Stereotypen Ausdruck eines ungleichen Verhältnisses: ein überlegenes Deutschland dominiert ein inferiores Österreich. Die großen Autoren der österreichischen Literatur der Epoche (Musil, Hofmannsthal, Kraus, Roth) injizieren diese Stereotypen in ihre Werke. Karl Kraus und Musil haben aus dem deutschen “m.w.“ („machen wir!“) die Quintessenz des Gegensatzes gemacht: dem „m.w.“ Bismarcks oder Wilhelms II. antwortet das ohnmächtige „da kann man halt nix machen“ des altersschwachen Franz Joseph I. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel liefert die Rolle der Musik: hie Beethoven und Wagner, da Mozart und Schubert und erst recht der hedonistische Walzer. Mozart wird sogar zum wichtigsten Antipoden Hitlers erklärt, als ob der kleine österreichische David den national-sozialistischen Goliath überwinden könnte. Mozart verkörpert nicht nur ein sublimes humanistisches Österreichertum, er hat auch mit der Figur des Papageno dem Hanswurst, den der deutsche Protestantismus von der Bühne verjagt hatte, ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Österreich war also auch Kind im Vergleich zu einer Reihe dominierender Vaterfiguren von Luther über Friedrich II., Bismarck, Wilhelm II. zu Hitler. Nach 1945 hieß der alles beherrschende negative österreichische Gedächtnisort Hitler, der positive zunächst Maria Theresia, bevor Mozart zum unumschränkten Kulturheros der österreichischen Identität und einer postulierten „humanitas austriaca“ aufgestiegen ist, die ihre Wurzeln in der Epoche der großen „Muttermacht“ hatte. (Das jüngst erschienene Buch über Maria Theresia der französischen Feministin Elisabeth Badinter verwandelt auf ihre Art die Kaiserin in eine Ikone der weiblichen Macht).

"'National' bedeutete in Österreich noch lange nach 1945 ausschließlich 'deutschnational'"

L.I.S.A.: Ihr Buch ist im Wesentlichen in zwei große Kapitel aufgeteilt: das eine befasst sich mit der politischen Geschichte als Fundus der Identitätstiftung, das andere mit kulturellen Identitätskonstruktionen. Deutet sich darin das Dilemma zwischen Staatsnation und Kulturnation an? Hat Österreich das Problem, dass es sich nicht für eines der beiden Nationskonstrukte entscheiden kann?           

 

Prof. Stieg: Man kann auf diese Frage am besten mit der Feststellung antworten, dass über lange Zeit „Österreich“ (in seinen vielfältigen Formen seit dem Mittelalter) ein Staat ohne Nation war, und „Deutschland“ eine Nation ohne Staat, die auch die „Deutschösterreicher“ umfasste. Es war also durchaus denkbar, ja wünschenswert, dass Habsburg die nationale Einigung unter seiner Führung vollziehen werde. Um es paradoxal zu formulieren: bis zur Gründung des kleindeutschen Reiches war die deutsche Nation eine Kultur- und Sprachnation ohne Staat, nach 1871 befanden sich wichtige Teile dieser Nation („soweit die deutsche Zunge reicht“) außerhalb der staatlichen Grenzen. In Österreich bestand diese Vorstellung der Sprach- und Kulturnation weiter und radikalisierte sich. Um eine österreichische Identität jenseits der Bindung an das Herrscherhauses („ewig bleibt mit Habsburgs Hause Österreichs Geschick vereint“) zu definieren, musste man kulturelle Konstruktionen schaffen, die andere Kriterien als die Sprache lieferten. Am Ende der Monarchie waren diese Kriterien ohnmächtig gegenüber dem Wunsch, den großdeutschen national-liberalen Traum von 1848 endlich zu verwirklichen. Österreich ist vermutlich der einzige Staat, der in seiner provisorischen Verfassung (1918) seine Selbstauflösung und den Anschluss an einen anderen Staat, nämlich die deutsche Republik, proklamiert hat, ein Angebot das die Weimarer Konstituante enthusiastisch mit „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern“ begrüßt hat. 1918 wurde der Anschluss freiwillig von der gesamten Bevölkerung und allen politischen Parteien außer den Monarchisten gewünscht. 1938 wurde er dem Land aufgezwungen, das nicht fähig oder gewillt gewesen war, sich als eigenständige Nation zu konstituieren.

 

Dabei spielte auch der politische bis zum Bürgerkrieg gehende Gegensatz zwischen Katholizismus und Sozialdemokratie eine verhängnisvolle Rolle: die Sozialdemokratie sah sich kulturell und politisch als Erbin der deutschen Klassik und der Revolution von 1848, der politische Katholizismus träumte von einer Wiederherstellung der Monarchie und einer katholisch-deutschen Identität. Der Ständestaat bezeichnete sich in seiner Verfassung ausdrücklich als „christlich-deutsch“. Erst die staatliche Auslöschung von 1938 bis 1945 hat ein eigenständiges Österreichbewusstsein hervorgebracht, das aber keineswegs sofort von der Mehrheit akzeptiert wurde. Es wurde ein „Lernprozess mit Hindernissen“. Das größte Hindernis war linguistisch: das Wort „national“ bedeutete in Österreich noch lange nach 1945 ausschließlich „deutschnational“. Der verspäteten Nation folgte die späteste. Ich vertrete bewusst die provokante These, dass die österreichische Nation von heute ohne Hitler nicht existieren würde.

"Der ideologisch-historische Horizont der FPÖ-Elite sind die Jahre 1813 und 1848"

L.I.S.A.: Im gegenwärtigen Österreich ist die Debatte um das Wesen der österreichischen Identität eine politisch stark aufgeladene. Noch lange vor dem allgemeinen Rechtsruck in Europa und dem Aufstieg einer neonationalistischen Rechten der jüngsten Zeit hat sich in Österreich mit der FPÖ eine Partei mit einer ausgeprägt völkischen Agenda rechts von der konservativen ÖVP etablieren können. Sehen Sie eine der Ursachen für diesen frühen Aufstieg auch in der kontinuierlichen Identitätskrise eines ganzen Landes?  

 

Prof. Stieg: Die FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) wurde 1955  im Wesentlichen von ehemaligen Großdeutschen und Nationalsozialisten gegründet, die bis 1949 aus dem politischen Leben ausgeschlossen waren und sich zunächst als „Verband der Unabhängigen“ konstituiert hatten. Ihre Haltung zur österreichischen Nation war eindeutig: in ihren Augen war sie eine historische  Missgeburt, eine „kommunistische Erfindung“. Bei den ersten Bundespräsidentenwahlen 1951 erreichte der Kandidat der „Ehemaligen“ 15,7 Prozent. Dann begann ein langsamer, aber unaufhaltbarer Abstieg bis nahe an die 5 Prozent-Hürde im Jahre 1970. Die Partei schien sich sogar in eine wirklich „liberale“ Partei zu verwandeln und koalierte zwischen 1983 und 1986 mit der SPÖ. 1986 kam es zu dem parteiinternen Putsch Jörg Haiders, mit dem der unaufhaltsame Aufstieg der FPÖ bis zur Regierungsbeteiligung im Jahr 2000 begann.

 

Der ideologisch-historische Horizont der FPÖ-Elite sind die Jahre 1813 und 1848. Jörg Haider hat in seinem Buch „Freiheit, die ich meine“ klargestellt, dass diese Freiheit auf die Freiheitskriege gegen Napoleon zurückgeht, die sich in der Gründung der Burschenschaften 1817 und dem Paulskirchen-Parlament fortgesetzt haben. Die in Österreich lange verbotenen Burschenschaften mit  sprechenden Namen wie Germania, Teutonia, Gothia, Albia usw. haben ihre nationalen Ideale gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit einem radikalen Antisemitismus verbunden. Dass von ihnen auch noch nach 1945 die österreichische Nation vehement geleugnet wurde und „Deutschland, Deutschland über alles“ weiter zu ihrem symbolischen Liederkanon gehörte, ist bekannt. Aus ihnen rekrutiert sich weiter die Führungsschicht der FPÖ. Der Präsidentschaftskandidat der FPÖ im Jahre 2016 hatte wie andere FPÖ-Mitglieder die Gewohnheit, eine Kornblume im Knopfloch zu tragen. Diese blaue Blume war im 19. Jahrhundert Symbol für die Bewunderer Bismarcks, zwischen 1934 und 1938 diente sie als Erkennungszeichen der damals verbotenen NSDAPÖ. Während dieses Wahlkampfs hat der Vorsitzende der FPÖ eine Variante der Haydnhymne ausgekramt, in der Religion und Nation („Gott mit dir Deutsch-Österreich“) einträchtig beisammen waren. Er hat auch öffentlich den Vorschlag gemacht, das deutschsprachige Südtirol (Provinz Alto Adige) wieder an Österreich anzugliedern.

 

Das Wort „völkisch“ in Ihrer Frage ist, glaube ich, heute nicht mehr ganz angemessen. Denn trotz dem Bekenntnis zur “deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft“ im FPÖ-Programm wird die Eigenstaatlichkeit Österreichs bejaht, ja die FPÖ ist zur Trägerin eines aggressiven österreichischen Chauvinismus geworden. Mutatis mutandis könnte man übertreibend sagen, dass sich die FPÖ-Österreicher von heute wie die Austro-Faschisten für die besseren Deutschen (als Angela Merkel) halten.            

Prof. Dr. Gerald Stieg hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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