Registrieren
merken
Dr. Andy Reymann | 28.07.2020 | 463 Aufrufe | Interviews

Digitalität in Zeiten von Corona

Interview mit Doreen Mölders über Museen und Öffentlichkeit in der Coronakrise

Vom 12.-14. November 2020 wird das internationale Film- und Medienfestival „Artefacta“ in Düsseldorf stattfinden. Aus mehreren hundert Einreichungen digitaler Medien, filmischer Dokumentationen, Apps, Games und Videokurationen wird eine hochkarätige Jury die besten Beiträge auswählen. Die Preistträger werden dann im Rahmen des Festivals ihre Beiträge präsentieren, eingerahmt von Fachvorträgen renommierter Spezialisten. Eine der Vortragenden, Dr. Doreen Mölders, konnten wir für ein Interview gewinnen. Sie ist Archäologin und seit Januar 2019 Direktorin des Westfälischen Landesmuseums für Archäologie beim Landschaftsverband Westfalen Lippe. Als langjährige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft „Theorien in der Archäologie“ und mit viel Erfahrung im Umgang mit neuen Medien am Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz im Gepäck betrachtet sie das Verhältnis zwischen Museen und Öffentlichkeit aus einer teilweise ungewohnten Perspektive. Doch diese könnte gerade vor dem Hintergrund der Corona-Krise äußerst gewinnbringend sein.

Doktor Doreen Mölders

Reymann: Frau Mölders - als die bundesweiten Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 einsetzten, war in Herne gerade die große Sonderausstellung PEST! zu sehen. Wie war das, gerade bei einem solchen Thema wegen einer Pandemie zu schließen?

Mölders: Der erste Moment war ein Schock, obwohl mit Blick auf China und europäische Nachbarländer die Entwicklung natürlich abzusehen war. Und dennoch geht es emotional an die Substanz, ein Museum für unbestimmte Zeit für das Publikum schließen zu müssen – schließlich machen wir unsere Ausstellungen und unsere Programme für die Öffentlichkeit.
Als hier im Haus die Planungen für die Ausstellung PEST! begannen, waren Corona und die damit verbundenen Entwicklungen nicht abzusehen. Umso erschreckender dann die sichtbaren Parallelen zwischen beiden Seuchen, weniger auf der medizinischen, als vielmehr auf der gesellschaftspolitischen Ebene. Letztes Jahr im Sommer haben wir in einem partizipativen Projekt gemeinsam mit der Herner Bevölkerung noch Masken für die Ausstellungsgestaltung hergestellt. Ein paar Monate später wurden in denselben Räumen Mund-Nase-Masken zum Schutz vor COVID-19 zusammengesetzt. Das war mehr als befremdlich.

Seit dem 5. Mai 2020 sind das Museum und damit auch die Sonderausstellung PEST! wieder geöffnet. Wir konnten in kürzester Zeit erreichen, dass wir die Ausstellung bis zum 15. November 2020 verlängern können, denn eigentlich wäre der 10. Mai der letzte Tag gewesen. Kolleginnen und Kollegen aus anderen Häusern waren dabei ausgesprochen kooperativ und haben der Verlängerung von Leihverträgen sofort zugestimmt; meines Erachtens ein großer Akt der Solidarität untereinander.

Reymann: Wie reagierten Sie in Herne auf die angekündigten Maßnahmen?

Mölders: Das Interesse an der Ausstellung war seit der Eröffnung recht hoch, und wir hatten mit den ersten Nachrichten über die sich entwickelnde Corona-Pandemie noch einmal einen merkbaren Publikumsanstieg. Mit der Museumsschließung erreichten uns über die Social Media zahlreiche enttäuschte Aussagen, dass gerade die Ausstellung PEST! nicht mehr zu sehen war. Diese Kommentare und vor allem unsere Erkenntnis über die Vergleichbarkeit der gesundheitspolitischen Maßnahmen seit dem Mittelalter haben bei uns sehr schnell zum Entschluss geführt, dass wir Video-Führungen durch die Ausstellung online stellen werden. Bereits wenige Tage nach der Schließung hatten wir das erste Video veröffentlicht. Es folgten im Verlauf der Wochen zahlreiche weitere Videos, darunter eine komplette Ausstellungsführung in 11 Teilen. Auch haben wir ein Video zum Vergleich Pest und Corona gedreht. Wie man sich vorstellen kann, hat dieses Video eine der höchsten Zugriffszahlen.

Generell sind die Videos für uns eine Erfolgsgeschichte, auch wenn es in der Qualität der Aufnahmen und im Hinblick auf die Formate noch Luft nach oben gibt. Im Team haben wir durch die spontane Reaktion auf die ungewöhnliche Situation viel gelernt. Für die Zukunft wird es wichtig sein, dass wir die gemachten Erfahrungen reflektieren und analysieren, um das LWL-Museum für Archäologie in Bezug auf digitale Vermittlungsformate besser aufstellen und professionalisieren zu können.

Blick in die Ausstellung

Reymann: In zahlreichen Museen Deutschlands wurden als Reaktion auf Corona spontane „Kuratorenführungen“ gepostet. Mitarbeiter des Hauses zeigten dabei ausgewählte Objekte oder führten virtuelle Besucher durch leere Flure. Der Erfolg war dabei extrem unterschiedlich - von völliger Ablehnung bis zur Begeisterung reichten die Reaktionen der „Besucher“. Woran könnte das liegen?

Mölders: Das Thema „Digitaler Kulturbetrieb“ wird im Grunde kontrovers diskutiert, seitdem digitale Medien in die Ausstellungspräsentation Einzug gehalten haben. Und ich meine, dass es immer ein Spannungsfeld zwischen liebgewonnener Tradition und – vielleicht nicht immer geglückter - Innovation geben wird. Im Ausstellungwesen ist dabei das Original mit seiner ihm zugeschriebenen Aura Dreh- und Angelpunkt. Und in der Tat sind Abbildungen in der Regel kein adäquater Ersatz für das Original. Allerdings ist hierbei zwischen Kunst und Kulturgeschichte zu unterscheiden. Während Kunstausstellungen auf Erfahrungswissen, die Interpretationsleistung durch die Betrachter und auf Emotionalisierung ausgerichtet sind und dafür die eingehende Betrachtung des Kunstobjekts notwendig ist, zeichnen sich kulturgeschichtliche Ausstellungen durch ein Narrativ und einen hohen Anteil an Wissens- und Informationsvermittlung aus, und Geschichten können digital ebenso gut transportiert werden wie analog in einer Ausstellung. Insofern lässt sich die Frage nach den Gründen von Ablehnung und Begeisterung für digitale Formate und insbesondere Online-Führungen nicht pauschal beantworten. Meiner Meinung nach hat sich durch Corona und die Folgen für viele Häuser auch eine Chance des Experimentierens aufgetan. Die oft schnell und mit geringen finanziellen Mitteln und Kapazitäten entstandenen Online-Angebote waren dabei nicht immer auf höchstem Niveau. Sicherlich hat das einige Besucher irritiert und vielleicht auch verschreckt. Jedoch hat sich den Museen dadurch ein großes Lernfeld aufgetan, an dem die Institutionen in Hinblick auf das Thema Digitalisierung nur wachsen können.

Reymann: Wie gestaltet man Ihrer Meinung nach eine gute virtuelle Präsentation? Worauf legen die Besucher am Computer daheim wert?

Mölders: Diese Frage müssten Sie eigentlich die Besucher*innen fragen. Ich selbst schaue digitale Angebote anderer Museen immer auch durch die Brille einer Museumsleiterin, d. h. ich kann mich von konzeptionellen Fragen nach dem Wieso, Weshalb und Warum eine Anwendung so und nicht anders gestaltet worden ist nicht frei machen. Generell aber sprechen mich interaktive Präsentationen mehr an als Angebote, bei denen ich „nur“ Betrachterin bin. Die Übertragung analoger Ausstellungen in den virtuellen Raum durch Videos oder 360°-Rundgänge ist ein Angebot, das seine Zielgruppen hat und das inzwischen zum Standard musealer Vermittlung gehören sollte. Eine gute virtuelle Präsentation sollte aber die Möglichkeiten des Digitalen nutzen und die Grenzen sprengen, die mit der Präsentation im physischen Raum auch verbunden sind. Ich denke z. B. an die uneingeschränkte Betrachtung von 3D-Exponaten, deren physische Originale maximal von drei Seiten angesehen werden können. Oder nehmen wir als Beispiel die Rekonstruktion historischer Kontexte, seien es Gebäude, seien es Orte oder seien es Landschaften als virtuelle Realität. Alle, die schon einmal durch eine VR-Brille geschaut haben, wissen, dass diese immersiven Bilder beeindruckend sind und sich nachhaltig einprägen. Dementsprechend genau müssen sie in der Rekonstruktionsleistung allerdings auch sein.  Auch Augmented Reality ist ein wunderbares virtuelles Format, dessen Einsatzmöglichkeiten im Museum bislang nur in Ansätzen ausgelotet worden sind. Allerdings gelten bei virtuellen Präsentationen dieselben Grundsätze wie bei analogen: Welche Hauptaussage möchte ich mit der Anwendung vermitteln, wer ist die Zielgruppe und muss es wirklich dieses oder kann es auch ein anderes Medium sein? Die Besucher*innen am Computer oder am Smartphone möchten ebenso ernst genommen werden wie das Publikum, das ins Museum geht. Dementsprechend sollte sich Publikumsforschung des digitalen Raums ebenso als relevante Museumsarbeit etablieren. 

Blick in die Ausstellung

Reymann: Wenn wir vom Thema „Digitalisierung“ sprechen - was verstehen Sie persönlich darunter? Vor allem im Bezug zur Archäologie?

Mölders: Das Thema Digitalisierung ist ein weites Feld und umfasst alle Arten der Umwandlung analoger Werte in digitale Daten. Dies schließt – um innerhalb der Archäologie zu bleiben – die digitale Vermessung und Aufnahme von Befunden und Funden auf einer Ausgrabung ebenso mit ein wie die Darstellung immersiver Welten in Virtual oder Augmented Reality. Die Menge an Daten, die inzwischen in der Archäologie erhoben werden, ließe sich ohne die Digitalisierung nicht mehr verarbeiten, ordnen, analysieren, speichern, kommunizieren. Datenbanken, Bildbearbeitung, Digital Mapping, 3D-Scans, Sensorik etc. sind schon längst feste Bestandteile und Grundlagen archäologischen Arbeitens. In Zukunft wird es daher vor allem darum gehen, eine einheitliche Sprache (in Form von Thesauri) für die digitalen Daten zu erarbeiten, um überregional damit arbeiten und sich vernetzen zu können. Außerdem bedarf es weiterer Entwicklungsleistungen für den Transfer von Forschungsdaten hin zu öffentlich wirksamen digitalen Formaten der Kulturvermittlung.

Reymann: Sehen Sie Digitalisierung als Chance - oder gibt es da auch Probleme, die Ihrer Meinung nach auftreten könnten?

Mölders: Ich denke, dass wir über den Punkt längst hinaus sind über das Für und Wider von Digitalisierung nachzudenken. Es ist eher an der Zeit, dass Digitalisierung strategisch auf allen Ebenen des Kulturbereichs mitgedacht wird, von der Verwaltung, über die Ausstellungsentwicklung, die Vermittlung bis hin zur Besucher*innenführung durch die Museen. Diese Entwicklung setzt allerdings voraus, dass sich in den Institutionen ein digitales Mindset entwickelt. Damit ist grundsätzlich zunächst eine Haltung bzw. Einstellung gemeint, mit der digitale Möglichkeiten in Prozessen generell mitgedacht werden. Und digitales Mindset steht für Offenheit gegenüber technischen Entwicklungen, für ein Interesse an neuen Prozessen und Medien sowie für eine positive Grundhaltung gegenüber Innovation, Transformation und Wandel. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, kann Digitalisierung zu einem Problem werden, da das Verständnis von den Möglichkeiten und Grenzen fehlt.

Um Digitalisierung positiv zu nutzen, ist eine digitale Strategie ein unabdingbares Instrument. Hierin wird formuliert, wie und für welche Zwecke Digitalisierung in einer Institution genutzt werden kann und welche Mittel dafür benötigt werden. Mit ihr wird das Handlungsfeld umrissen, auf dem man sich bewegt, das aber jederzeit Erweiterungen und Veränderungen auch zulassen sollte.  

Zum Abschluss noch ein Punkt: Die Digitalisierung ist meines Erachtens ein wichtiger Bestandteil der Demokratisierung von Kultureinrichtungen mit Blick auf mehr Publikumsbeteiligung. Dieser Prozess setzte mit der Nutzung der Social Media ein und findet inzwischen seinen Fortgang in Hackathons, Game Jams und der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Digitalprojekten. Diese Entwicklung ist eine der größten Chancen, die für mich mit Digitalisierung verbunden ist und eine, die wir auf jeden Fall nutzen sollten.

Reymann: Liebe Frau Mölders, vielen Dank für das Interview!

Kommentar erstellen

3K4L7