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Georgios Chatzoudis | 27.09.2016 | 725 Aufrufe | Interviews

"Zugänglichkeit zu Texten für alle erhöhen"

Interview mit Constanze Baum über die ZfdG und das digitale Publizieren

Es gibt kaum noch Lebensbereiche, die nicht in irgendeiner Weise vom digitalen Wandel erfasst worden sind. Smartphones sind allgegenwärtig, Einkäufe werden zunehmend digital getätigt, zahlreiche Dienstleistungen vom Geldabheben über die Reiseplanung bis zur Steuererklärung erfolgen vermehrt digital. Die Geisteswissenschaften nehmen sich dieses Wandels bisher eher zögerlich an, vor allem im Bereich des digitalen Publizierens. Wir haben uns zuletzt in mehreren Beiträgen - in einer Podiumsdiskussion über Open Access, einer Präsentation verschiedener digitaler Publikationsformen sowie mit einer neuen L.I.S.A.Publikation - des Themas "Digitales Publizieren" intensiver angenommen. Nun folgt dazu ein weiterer Beitrag: Ein Interview über das neue Online-Fachperiodikum Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften (ZfdG), das sich zum Ziel gesetzt hat, eine nachhaltige Webinfrastruktur für digitale geisteswissenschaftliche Publikationen zu bieten. Wir haben der Redaktionsleiterin der ZfdG, Dr. Constanze Baum, unsere Fragen gestellt.

"Digitales Publizieren als seriöses und vertrauenswürdiges Format etablieren"

L.I.S.A.: Frau Dr. Baum, seit gut einem halben Jahr besteht das E-Journal „Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften“ (ZfdG), das von Ihnen redaktionell geleitet wird. Bevor wir eine erste kleine Rückschau machen – was ist die zentrale Idee hinter dem Journal? Wie ist es überhaupt entstanden? Wer steckt dahinter?

Dr. Baum: Die Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften (ZfdG) hat sich zum Ziel gesetzt, relevante Forschungsbeiträge aus dem Bereich der Digital Humanities (DH) in einer innovativen digitalen Publikationsumgebung zu veröffentlichen. Inhalt und Form sollen korrespondieren, weshalb wir ein reines Digital-Magazin entwickelt haben. DH verbindet informatische und geisteswissenschaftliche Fragestellungen und Methoden in unterschiedlichster Weise, ein faszinierendes Feld für neue Forschungsfragen und -perspektiven auf Texte und Objekte. Elektronische Journale mit einer vergleichbaren Ausrichtung im deutschsprachigen Raum sind rar gesät. Hier haben wir einen Bedarf identifiziert, den wir mit der ZfdG abdecken wollen, um uns zugleich im Feld des digitalen Publizierens zu positionieren. Der Erfolg der ersten Phase gibt uns recht: die ZfdG ist innerhalb kurzer Zeit sehr gut von der DH-Fachcommunity angenommen worden, unsere konzeptuellen Ideen wurden bereits prämiert. Die mittlerweile veröffentlichten Artikel und die redaktionelle Arbeit finden vielfach Aufmerksamkeit und werden bereits zitiert und empfohlen.

Wir möchten aber nicht nur einen Anlaufpunkt für Beiträger etablieren, die ihre Forschungen in der Kategorie „Projektvorstellung“ zur Diskussion stellen, sondern auch Raum für eine kritische Diskussion über DH bieten, denn die Begegnung von Informatik und Geisteswissenschaft offenbart an vielen Punkten ja nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch Grenzen unserer Fachkulturen. Entsprechend haben wir auch unseren ersten Sonderband, den ich zusammen mit Thomas Stäcker verantworte, in Anlehnung an eine internationale DH-Konferenz betitelt, aus der die Beiträge hervorgegangen sind, in dem wir diesem produktiven Spannungsverhältnis nachgehen: Grenzen und Möglichkeiten der Digital Humanities.

Es geht der ZfdG darüberhinaus darum Beiträge vorzustellen, die sich Beständen aus Archiven und Bibliotheken widmen und diese zum Anlass nehmen, eine digital ausgerichtete Fragestellung zu entwickeln, um das kulturelle Text- und Objekterbe in neue Ansätze einzubinden und für unsere Forschungen lebendig zu halten. Dies hängt unmittelbar mit den Kontexten zusammen, in denen die ZfdG entstanden und situiert ist – dazu gleich ausführlicher. Es war uns jedenfalls daran gelegen, für die Diskussionen der Digital Humanities eine deutschsprachig operierende Plattform zu gründen, die den rasanten Entwicklungen der letzten Jahre in dieser Hinsicht Rechnung tragen kann und ein adäquates Publikationsmedium unter einer starken Trägerschaft bietet. Dass wir eine solche Aufgabe angehen können, ist der Tatsache zu danken, dass sich die drei großen Forschungsbibliotheken und -archive in der Bundesrepublik – das Deutsche Literaturarchiv Marbach, die Klassik Stiftung Weimar und die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel – zu einem Forschungsverbund zusammengeschlossen haben. Dieser wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und erlaubt uns, neben spezifischen Forschungsprojekten und der Entwicklung einer virtuellen Forschungsumgebung, die die Häuser digital zusammenbinden wird, auch in Hinblick auf Publikationsformate gemeinsam an neuen Ideen und Konzepten zu arbeiten. Neben der bereits existierenden Zeitschrift für Ideengeschichte (ZIG) als einem klassischen Print-Produkt des Verbundes schien es besonders reizvoll, die Möglichkeiten digitalen Publizierens auszuloten. Die Anbindung an die reichhaltigen Bestände unserer Häuser wollen wir dabei im Blick behalten und sind deshalb bestrebt, auch solchen Beiträgen zu Publikation zu verhelfen, die sich im Rahmen unseres Profils dezidiert damit auseinandersetzen.

Ich bin vom Forschungsverbund MWW Mitte 2014 mit der Aufgabe betraut worden, ein solches innovatives E-Journal aufzubauen und – sagen wir zu einem gewissen Anteil – quasi zu ‚erfinden’ oder jedenfalls neu zu denken. Eine erste Phase meiner Arbeit bestand in der Sichtung und Auseinandersetzung mit vorhandenen digitalen Publikationsformaten und der Erarbeitung eines eigenen Konzepts für die ZfdG. Bewusst haben wir die Chance ergriffen, jenseits von zurzeit kursierenden Standardlösungen (z.B. OJS im Bereich des E-Journalbereichs) nach Perspektiven Ausschau zu halten, die es ermöglichen, das digitale Publizieren überhaupt als Format für die Geisteswissenschaften attraktiv zu gestalten und damit zu stabilisieren. Anleihen und Anregungen kommen hier von Konkurrenzprodukten aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, aber auch aus der Open Science-Bewegung. Wichtige Komponenten sind dabei Open Access, eine transparente Lizensierung, eine persistente Adressierung und das Angebot einer Langzeitarchivierung der Beiträge sowie eine Indexierung in bibliothekarischen Katalogsystemen. Wir operieren mit dem Ausgangsformat XML und bieten vielfältige Ausgabeformate für unsere Nutzer, die das Arbeiten und Lesen der bei uns veröffentlichten Artikel in den für sie geeigneten Medienformaten vornehmen können.

Wenn es uns gelingt, digitales Publizieren in diesem Sinne als seriöses und vertrauenswürdiges Format zu etablieren – und das gilt es auf der vor uns liegenden Wegstrecke langfristig noch zu erweisen –, dann leisten wir damit unseren Anteil an der wissenschaftspublizistischen Wende, die die Geisteswissenschaften in den nächsten Jahren beschäftigen wird. Eine Vision meiner Arbeit ist es dabei immer gewesen, ein Format zu schaffen, dass auch für andere anschlussfähig ist oder anregt, vergleichbare Wege einzuschlagen.

Wer steckt aber konkret hinter der ZfdG? Die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, in der die Entwicklungen im Bereich Digitalisierung und digitaler Edition in den letzten Jahren stark vorangetrieben worden sind, ist Hauptstandort der Redaktion. Diese Redaktion besteht aus der redaktionellen Leitung, die ich zurzeit innehabe, und einem kleinen Team von Mitarbeitern, das sich zusammen mit mir um die technische Entwicklung und Umsetzung sowie die Betreuung der Autoren und die Archivierung der Beiträge kümmert. Die technische Expertise steuert Timo Steyer bei, für die bibliothekarische Nachhaltigkeit sorgt Henrike Fricke. Mit Kathleen Marie Smith von der Standford University haben wir eine ausgewiesene Fachkraft für das englische Lektorat gefunden. Für inhaltliche Fragen zeichnet hingegen eine Fachredaktion verantwortlich, die sich aus Expertinnen und Experten zusammensetzt, die aus den Häusern des Forschungsverbunds stammen und die Arbeit der ZfdG neben ihren eigentlichen Tätigkeiten durch ihre Expertise unterstützen. Zudem arbeiten wir eng mit dem Verband Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) zusammen. Auch dieser entsendet Experten in die Fachredaktion. Der Redaktionsalltag organisiert sich sehr stark über elektronische Kommunikation. Operationales können wir also in Wolfenbüttel klären, Inhaltliches wird im virtuellen Raum verhandelt – auch das stellt neue Herausforderungen an eine Zeitschrift: In der Hauptsache gilt es, verschiedene elektronische Kommunikationskanäle zu bedienen und zu koordinieren – mein Telefon klingelt daher sehr selten.

"Schnell und unkompliziert die relevanten Forschungsdiskurse verfügbar haben"

L.I.S.A.: Was macht digitales Publizieren aus Ihrer Sicht aus? Was sind die Vorteile gegenüber dem gedruckten Buch? Warum sollte man digital publizieren?

Dr. Baum: Das sind gewichtige Fragen, die ich nur für einen Teilbereich des Publikationsgeschäfts, nämlich dem Publizieren von wissenschaftlichen Beiträgen, insbesondere geisteswissenschaftlichen, beantworten kann und möchte, denn das Feld ist hier zu heterogen, als sich hier alles über einen Kamm scheren ließe. Digitales Publizieren wird ein wichtiges Format der Zukunft sein. In vielen Fachdisziplinen, vor allem den Naturwissenschaften, hat es sich schon länger durchgesetzt und eine Dynamisierung von Wissensdiskursen bewirkt. Gedruckte Monographien in den Geisteswissenschaften werden dagegen meines Erachtens eher als exklusives Nischenprodukt mit geringer Auflage verfügbar sein, denn alles andere ist zwar von Seiten mancher gern gesehen, aber wirtschaftlich kaum rentabel. Wer ein Buch will, muss es teuer bezahlen. Schon heute stehen die Zuschuss-Kosten für eine Dissertation, die bei einer Pflichtauflage von 300 Exemplaren schnell einmal bei 5.000 Euro liegen können (reden wir nicht darüber, wie die Kosten in die Höhe schnellen, wenn Abbildungen hinzukommen), in keinem Verhältnis zu den Möglichkeiten, die das digitale Publizieren bieten kann, wenn entsprechende digitale Publikationsmöglichkeiten und -umgebungen vorhanden sind. Das haben auch Universitäten und Fördergeber erkannt und passen ihre Richtlinien an.

Vieles hängt aber auch vom Renommee ab, das sich mit dem Medium der Publikation verbindet. Digitale Publikationsformen müssen für Forscherinnen und Forscher aus den Geisteswissenschaften hinreichend attraktiv sein. Volltextserver, auf denen die eigenen Veröffentlichungen unter schriftlichen Referaten, Tagungsberichten und Vorlesungsskripten verschwinden, sind hier meines Erachtens noch kein adäquates Gegengewicht zum gedruckten Buch, wenn wir auf die Frage der Reputation blicken, mit der sich das Publizieren in den Geisteswissenschaften unmittelbar verknüpft. Publikationen müssen wahrgenommen werden. Dies gelingt in der digitalen Welt auf vielfältige Weise, z.B. über Twitter oder Online-Rezensionsforen, muss aber auch entsprechende initiiert werden.

Das sind Entwicklungen, die den gesamten Bereich des wissenschaftlichen Publizierens betreffen. Viele Wissenschaftsverlage befinden sich seit längerem in einer Umstellungsphase, es entwickeln sich momentan eine Reihe neuer Überlegungen und Geschäftsmodelle. Vergessen wir bei allem nicht: auch wissenschaftliches Publizieren ist Teil eines Marktes und Wertschöpfungsprozesses. Eines Marktes wohlbemerkt, von dem die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst bislang nur wenig profitiert haben. Das VG-Wort Urteil vom April 2016 hat ja deutlich gemacht, dass die Rechte von Autorinnen und Autoren im Wissenschaftsbereich insgesamt sehr lange beschnitten wurden. Ob digitales Publizieren die Lage hier verbessern kann, vermag ich nicht zu entscheiden. Aber das digitale Publizieren bewirkt, dass sich lange eingeübte Traditionen des Publizierens verschieben, verändern und in Bewegung geraten.

Neben den wirtschaftlichen Aspekten, die hinter Veröffentlichungen im wissenschaftlichen Bereich stehen, gibt es aber auch viele andere Aspekte, die das digitale Publizieren attraktiv machen, vorausgesetzt, dass die digitalen Inhalte Open Access, also frei zugänglich sind und Rechtefragen nicht den Weg auf Inhalte verstellen. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten mit digital erschlossenen Inhalten, seien diese nun retrodigitalisiert oder digital born. Warum? Sie wollen schnell und unkompliziert die relevanten Forschungsdiskurse für ihre Fragestellung verfügbar haben. Die Erschließungsmöglichkeiten der Bibliotheken haben sich, was elektronische Publikationen anbelangt, inzwischen an die veränderte Lage angepasst. Mit zwei bis drei Klicks kann man heute schon in vielen Fällen eine Volltextversion eines Aufsatzes auf dem eigenen Bildschirm haben, wenigstens das Inhaltsverzeichnis des Zeitschriftenheft oder des Sammelbands. Fernleihen von bis zu vier Wochen, wie wir sie aus der Buchkultur kennen, oder andere zeitaufwändige Rechercheverfahren entfallen. Wer benutzt heute noch einen Zettelkasten-Katalog? Wichtig ist dabei natürlich, dass Inhalte, die digital vorliegen, den Kriterien unserer Wissenschaftskultur genügen: sie müssen qualitätsgeprüft und verlässlich sein.

Des Weiteres entstehen historisch-kritische Editionen, die im digitalen Raum Möglichkeiten des vergleichenden Lesens zwischen Manuskriptansichten und verschiedenen Druckfassungen bieten, wie sie bislang im Buchdruck immer auf kaum zu überwindende Schwierigkeiten trafen: Studienausgaben sind zwar lesbar, verzichten aber zugunsten dieser Lesbarkeit auf einen allzu ausufernden, kritischen Apparat. Großangelegte kritische Editionen sind nur für Bibliotheken anzuschaffen und setzen oft eine hohe Fachkompetenz im Umgang mit dem Apparat voraus. Digitale Editionen können dagegen über verschiedene Ansichten den individuellen Bedürfnissen von Forschenden viel leichter Rechnung tragen, denn sie sind anpassungsfähig, kritische Apparate, Lesarten oder Faksimiles lassen sich ein-, ausblenden oder nebeneinander anzeigen.

In digitalen Umgebungen können bestimmte Fachdisziplinen der Geisteswissenschaften ihre Forschungsgegenstände auch deutlich besser präsentieren als im starren Buchformat, denken wir an die Musikwissenschaft, die Theaterwissenschaft, die Filmwissenschaft. Bewegtbild- und Audiomaterial lässt sich technisch relativ simpel integrieren. Ich rede hier aber von Publikationen als Arbeitsmittel der Forschung und nicht von einer allgemeinen Lesekultur. Wer dergestalt lesesozialisiert ist, dass das Gedruckte geeigneter scheint, Inhalte angemessen zu erfassen, sollte dies weiterhin tun können. Wie bei vielen anderen technischen Innovationen gehe ich davon aus, dass es künftig Mischkulturen geben wird, das Fernsehen hat auch das Radio nicht abgelöst.

Ich will aber noch ein praktisches Beispiel geben, das vielleicht zeigt, wie die Qualität unserer Forschung und auch der Lehre aus der Digitalisierung Gewinn ziehen kann: Wer eine universitäre Lehrveranstaltung plant, hat bislang oft auf schwer greifbare oder alte Quellen verzichtet, wenn diese nicht durch einen Kopierer gejagt werden konnten. Entsprechend kanonisch wurden häufig Seminarthemen angeboten, die dem entsprechen, was auf dem Buchmarkt greifbar oder erschlossen war. Heute können wir Seminarinhalte auch auf Grundlage von digitalen Faksimiles organisieren und so kommen auch entlegene oder bislang zu unrecht vernachlässigte Texte zu den Studierenden: eine seltene Ausgabe eines Textes von Hans Sachs über Martin Luther ist unproblematisch online aufzurufen, mittels Zoomstufen können sie an den hochauflösenden Scan so weit ‚herankriechen’, dass jeder einzelne Frakturbuchstabe des Drucks lesbar wird und Satzfehler dechiffrierbar werden. Der Textstand eines Werkes kann so ganz anders erarbeitet und erfasst werden, als wenn man lediglich auf Erschwingliches aus dem Verlagsangebot des Buchhandels zurückgreifen muss. Auch der ‚Run’ auf die in der heimischen Uni-Bibliothek mitunter nur spärlich vorhandene Forschungsliteratur für die wissenschaftlichen Hausarbeiten kann durch zunehmend digital greifbare Sekundärliteratur nicht nur deutlich entspannt werden, sondern es entstehen auch qualitativ bessere Arbeiten, wenn mehr Studierende zeitgleich Zugriff auf jüngere Forschungsergebnisse haben können.

Für die Buchkultur gilt dabei natürlich nicht, dass diese ganz verschwinden wird und es wird sicherlich auch immer Sektoren geben, in denen das gedruckte Buch als verlässliches Medium Bestand haben wird. Wenn es durch digitales Publizieren gelingt, die Zugänglichkeit zu Texten für alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu erhöhen, so ist dies aber als Gewinn für die Forschung zu werten. Buchkulturen werden sich da erhalten, wo entsprechende finanzielle Ressourcen und der Wunsch nach solchen Formaten vorliegen.

"Im Bereich des digitalen Publizierens Leuchttürme aufbauen"

L.I.S.A.: Digitales Publizieren in den Geisteswissenschaften hat nach wie vor ein zentrales Problem gegenüber der Publikation als Buch: es wirkt weniger wichtig, hat weniger Renommee. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Dr. Baum: Dieses Argument wird immer wieder angeführt, ich habe ja schon einiges dazu gesagt. Ich möchte zurückfragen: Sollten wir uns nicht einmal fragen, warum digitales Publizieren eigentlich weniger Renommee hat? Was sind die Gründe? Sind es ganz banal die Ressentiments gegenüber einer medialen Form, zu der man noch kein Vertrauen gewonnen hat? So wie die Skriptoren des ausgehenden Mittelalters gegen das Gutenberg’sche Druckverfahren wetterten? Natürlich ist die Sozialisation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über eine jahrhundertelange Tradition davon geprägt, dass man die Buchregale seiner Bibliothek nicht nur mit Quellen- und Forschungstexten, sondern auch mit seinen eigenen Werken gefüllt wissen wollte. Das ist ein alter Topos: die Fortschreibung des Eigenen durch die Werke, die ewig bleiben sollen. Oder zumindest lange Zeit. Virtualität scheint uns dagegen im ganz haptischen Sinn zu wenig greifbar und deshalb ephemer, das Thema Langzeitarchivierung hat deshalb für die Frage der digitalen Aufbereitung Konjunktur. In einem Zeitalter der Bewahrung sind ephemere Kulturen vermeintliche Destabilisatoren des kulturellen Gedächtnisses – man hat Angst verlorenzugehen oder vergessen zu werden, im schlimmsten Fall gelöscht zu werden. Ich denke aber, dass das Digitale ebenso ephemer oder stabil zu denken ist, wie Bibliotheken und Archive, die immer schon gefährdet waren (ich muss die Reihe der Bibliotheksbrände oder Bücherverluste jetzt nicht aufmachen). Wenn es gesellschaftlicher Wille ist, Dinge zu erhalten, dann stellt Digitalisierung hierfür einen Weg dar, der von den entsprechenden Instanzen mit der gleichen kuratorischen Sorgfalt begleitet wird wie die Bewahrung von Zeugnissen der Druckkultur. Datenspeicherung, -erhalt, -verwaltung und -rekonstruktion werden deshalb in den kommenden Jahrzehnten auch arbeitsmarktpolitisch einen neuen Stellenwert erlangen.

Aber zurück zur Frage des Renommees: Geht es nicht auch und vor allem um die Inhalte, die durch Veröffentlichungen vermittelt werden sollen? Was verbirgt sich hinter dem Schlagwort vom Renommee? Im Bereich der wissenschaftlichen Publikation sind es gewiss nicht die Verkaufszahlen, wohl eher ein Garantieversprechen, dass das solchermaßen vermittelte Wissen in bestimmten Medienformaten seriös und qualitätsgeprüft ist. ‚Renommiert’ wird dabei m.E. allzu schnell mit ‚gewohnt’ verwechselt und mit dem Versprechen verknüpft, dass man seine Forschungsergebnisse nur unter einem ganz bestimmten Label der Öffentlichkeit präsentieren könne, um als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler etwas zu gelten. Das Publikationsformat erweist sich damit als ein soziales System oder Netzwerk, das sich mitunter von seinen Inhalten entkoppelt. Das ist schade, aber vielleicht nicht ganz zu verhindern. Ich sehe in digitalen Publikationsformaten eine Chance für mehr Austausch und ein Diffundieren von Inhalten in erweiterte, auch internationale Rezipientenkreise unabhängig von dem Label, das sich mit einem Verlag verbindet. Ein zweites Argument ist die Haptik. Auch ich kann mich dem nicht ganz entziehen. Ein Buch in der Hand zu halten und aufzuschlagen, empfinde ich als einen spezifischen Akt der Lesehaltung, ein Erleben. Es verführt aber auch dazu, sich von der Qualität des Mediums zu einem Urteil über den Inhalt verleiten zu lassen. Einem schön und prunkvoll aufgemachten Hardcover trauen wir Einiges mehr zu, als einer grau eingeschlagenen Paperback-Ausgabe. Auch im digitalen Raum haben wir solche Qualitätsmerkmale, die eigentlich Fragen des Designs und der Präsentation betreffen. Lassen wir uns weder vom Papier und seiner Haptik noch von einer gut designten Weboberfläche täuschen: es geht um Erkenntnisse und deren Vermittlung. Sie benötigen das Papier nicht – auch jenseits von ökonomischen und ökologischen Rechnungen –, um Relevanz zu bezeugen. Relevanzzuweisung muss sich vielmehr von dieser Bindung an sein Trägermedium freimachen. Darin liegt auch eine Chance für die Wissenschaft zu einer objektiveren Annäherung an Inhalte. Digitales Publizieren verheißt damit natürlich genauso wenig, dass hier alles Gold ist, was glänzt.

Im Bereich des digitalen Publizierens müssen wir meines Erachtens mehr oder überhaupt Leuchttürme aufbauen. Vielleicht kann die ZfdG einer davon sein, das wäre sehr schön. Wenn es uns gelingt, namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu zu bewegen, künftig oder ab sofort, ihre Publikationen online und sogar Open Access erscheinen zu lassen, dann werden sich auch Gewohnheiten und Renommee ändern. Stellen wir uns beispielsweise vor, was passieren würde, wenn in einem Sektor der Geisteswissenschaften, nehmen wir einmal die Kunstgeschichte, nur allein die Hälfte der jetzt existierenden Lehrstuhlinhaber ab sofort digital publizieren würden. Wenn sie sich zudem bei den benutzten und gezeigten Abbildungen auf das Zitatrecht beriefen, das auch für Bilder angewendet werden kann, könnte vielleicht auch an diesem diffizilen Punkt einiges in Bewegung geraten.

Die ZfdG möchte ein stabiles und auch designerisch ansprechendes Medienformat für die Publikation bieten. Beiträge, die bei uns erscheinen, sind qualitätsgesichert. Dies geschieht in zweierlei Hinsicht: die Fachredaktion prüft die Eignung des Themenvorschlags, eine weitere Begutachtung setzt dann mit der Fertigstellung des Beitrags ein. Wir bieten unseren Autoren hier eine Option: Sie können diese Begutachtung im bekannten Fahrwasser eines double-blind-Verfahrens vor der Veröffentlichung ihres Beitrags durchlaufen, oder aber sich für ein offenes Begutachtungsverfahren entscheiden, das nach der Veröffentlichung des Beitrags ansetzt. Wir setzen zudem auf Transparenz unserer Arbeit. Mit hermetischen, strukturkonservativen Exklusionsmechanismen lockt man meines Erachtens im 21. Jahrhundert und schon gar nicht im digitalen Bereich den wissenschaftlichen Nachwuchs hinterm Ofen hervor. Gesellschaft und Wissenschaft öffnen sich und dies sollte sich auch in den zugehörigen Publikationsformaten abbilden.

"Die Buchkultur wird sich vielleicht als ein exklusives Nischenprodukt erhalten"

L.I.S.A.: Kritiker des digitalen Publizierens monieren, dass durch die Forderung nach mehr Open Access, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu gezwungen würden, digital zu publizieren. Was halten Sie als Befürworterin von Open Access dagegen?

Dr. Baum: Zwang ist nie etwas Gutes, auch nicht in der Wissenschaft, deren höchstes Gut ja die Freiheit von Lehre und Forschung ist. Das betrifft auch das Publizieren von Forschungsergebnissen und -inhalten. Zunächst zum Vorwurf: Wer im Print publizieren will, der sollte das weiterhin tun dürfen, aber vielleicht muss akzeptiert werden, dass dies nun unter veränderten Bedingungen möglich ist. Ich habe schon vorhin davon gesprochen, dass Buchkultur sich vielleicht als ein exklusives Nischenprodukt im Wissenschaftsbereich erhalten wird. Ich weiß, dass das für viele Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler wie ein Schlag ins Gesicht klingen mag, aber wir müssen auch den Realitäten ins Auge sehen. Wenn wir die Bedingungen unserer Fachkulturen im Digitalen adäquat abgebildet haben wollen, sollten wir der Veränderung nicht mit verschränkten Armen gegenüberstehen. Wir können auch aktiv unsere Anforderungen formulieren und modellieren. Viele Verlage bieten Möglichkeiten der Hybrid-Publikation, sei es, dass Inhalte „On Demand“ auch gedruckt geliefert werden können, sei es, dass dem gedruckten Buch eine elektronische Fassung zur Seite gestellt ist, deren Bedingung ausgehandelt werden können und müssen (Embargo-Fristen, Zugänglichkeiten etc.). Es ist eine Frage der Ressourcenverteilung und des Engagements, sich hier entsprechend als Urheber einzubringen. Die Geisteswissenschaften sind im Getriebe der großen Wissenschaftsverlage oft nur ein kleiner Fisch. Schauen wir auf Wiley, Elsevier und Co. Das sollte auch nicht vergessen werden.

Jetzt zu der Forderung von Open Access: Wir leben momentan in einer Gesellschaft, die sich insgesamt das Ziel gesetzt hat, das Digitale in allen Bereichen voranzubringen und ihre Wissenskulturen über Fachdiskurse hinaus gesellschaftlich zu öffnen. Politisch steht dies national wie europäisch auf der Agenda. Mit welcher Begründung sollen einzelne Wissenschaftsbereiche hiervon abrücken?

Es geht ja in diesen Initiativen auch darum, für die digitale Nutzung zu werben, um mehr Partizipation zu erreichen. Ich kann nicht sehen, was daran falsch sein soll. Forschung ist staatlich gefördert, sie ist Teil unserer Gesellschaft und sollte dies entsprechend auch in die Gesellschaft zurückspielen bzw. der Forschungsgemeinschaft zur Verfügung stellen wollen. Forschung, die sich im Elfenbeinturm verschanzt, macht sich exklusiv. Das ist in diesem Fall aber kein Qualitätsmerkmal! Noch einmal: Exzellenz sollte immer von den Inhalten gedacht werden. Das Buch- und Druckformat galt hier lange als das bestmöglichste Verbreitungsmedium, Bibliotheken als wichtiger Anlaufpunkt. Das hat sich im digitalen Zeitalter verändert, Wissen und Wissensstände können online besser und schneller ausgetauscht werden. Auch unser Wissensbegriff ist viel weiter und offener geworden. Das sehe ich als Vorteil und Chance, andere mögen dies als bedrohlich empfinden. Hier treffen verschiedene Haltungen aufeinander. Ich sehe meine Aufgabe als leitende Redakteurin eines reinen Online-Mediums hier vor allem als Botschafterin des Digitalen. Kritikkultur soll dabei nicht außen vor sein, auch um eine Sensibilität zu schaffen für die Werte, die es im digitalen Bereich aufzufangen gilt. Denn natürlich verlangt es auch, dass wir uns als Teil der Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft um die Aufbereitung und Darbietung unserer Inhalte mit der gleichen Sorgfalt kümmern, wie wir dies auch zuvor getan haben. Ein digitaler Aufsatz kann schneller und global abgerufen werden, ihn zu schreiben oder seine Thesen zu erfassen, braucht immer noch dieselbe Zeit konzentrierter und intensiver Forschungsarbeit. Open Access ist ein sehr guter Gedanke der Inklusion für die globale Forschungsgemeinschaft. Ich denke nicht, dass man ihn allein verordnen kann, es muss auch von allen Beteiligten erkannt werden, welche Chancen zur Erweiterung unserer Horizonte darin liegen.

Wenn wir einen Artikel in der ZfdG veröffentlichen, haben wir, auch dank der sozialen Medien, die inzwischen von vielen Forschenden genutzt werden, eine gute Verbreitung und Aufmerksamkeit. Wir erreichen mit großer Wahrscheinlichkeit relativ schnell diejenigen, für die diese Inhalte wichtig für ihre eigenen Forschungsfragen sind.  

"Regelmäßig erreichen uns neue Anfragen und Artikelvorschläge"

L.I.S.A.: Nach nun einem halben Jahr können Sie auf wie viele digitale Publikationen in der ZfdG zurückblicken? Wie wird das Angebot angenommen?

Dr. Baum: Die ZfdG bietet eine neue Publikationsmöglichkeit für wissenschaftliche Fachartikel, die als Einzelartikel, in Heften und Sonderbänden erscheinen. Das sind verschiedene Produktlinien, die wir aufbauen. In unserer Pilotphase 2015 haben wir einen ersten Sonderband mit 20 Beiträgen veröffentlicht. Seit Juni 2016 veröffentlichen wir nun auch Einzelartikel, fünf sind bereits erschienen, in diesem Jahr werden noch etliche folgen, die uns bereits vorliegen, jedoch noch in der redaktionellen und technischen Bearbeitungsläufen sind. Das mag zunächst nicht viel erscheinen, aber für ein junges Medium, dass seine Beiträger- und Leserschaft noch sucht, ist dies ein sehr guter Output. Wenn die Routinen des Redaktionsapparats laufen, die wir im work in progress-Verfahren entwickeln, werden sich auch die Zeiten, die es bis zur Veröffentlichung eines Artikels braucht, noch reduzieren. Sie müssen bedenken, dass wir eine relativ klein operierende Redaktion im Bereich der konkreten Lektorats- und Aufbereitungsabläufe sind. Ein kleines, aber sehr produktives Team, wie ich finde. Regelmäßig erreichen uns neue Anfragen und Artikelvorschläge. Ich kann mich über mangelndes Interesse von Seiten der Forschenden also nicht beklagen. Wir haben im Bereich DH eine wachsende Zahl großer nationaler und internationaler Konferenzen, neue Forschungszentren und an vielen Universitäten neue Lehrstühle. All dies bringt potentielle Beitragsgeber für die ZfdG. Zudem werden durch die Etablierung von DH-Curricula an den Universitäten in den nächsten Jahren neue Forschergenerationen heranwachsen. Ich bin optimistisch, dass wir für diese ein mögliches, gutes Format anbieten, ihre Forschungen zu präsentieren oder zu diskutieren. An den sehr wohlwollenden Reaktionen in den Social Media lässt sich ablesen, dass die ZfdG auch von der Fachcommunity gut aufgenommen worden ist. Ich weiß nicht, ob sich wissenschaftliches Renommee im 21. Jahrhundert auch mit Likes und Retweets erzielen lässt, das will ich nicht überbewerten, aber es sind positive Signale, die mich in meiner Arbeit bestätigen.     

Dr. Constanze Baum hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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