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Melina Liebler | 05.03.2020 | 597 Aufrufe | Interviews

"Digitaler Aktivismus hat zugenommen"

Interview mit Nils Weidmann zur digitalen Kommunikation und dem Protest in Autokratien

Welche Rolle spielt das Internet in autokratischen Regierungen? Dieser Frage gingen Prof. Dr. Nils Weidmann und Geelmuyden Rød in ihrem Forschungsprojekt nach. Dabei untersuchten sie unter anderem, wie Protestbewegungen vom Internet und sozialen Medien beeinflusst werden und wie sich diese komplexe Beziehung beschreiben lässt. In einem Interview haben wir mit Professor Weidmann über die Forschungsergebnisse gesprochen und ihn außerdem um einen Ausblick gebeten: Wie werden sich politischer Protest und autokratische Regierungen in Zukunft verändern? 

Bild: (r.) Prof. Dr. Nils Weidmann, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft nicht-demokratischer Staaten an der Universität Konstanz

"Mal als Heilsbringer, mal als Unglück bezeichnet"

L.I.S.A.: Lieber Herr Weidmann, die Überschrift der Presseerklärung zu dem von Ihnen und Herrn Geelmuyden Røds veröffentlichten Buch[1] lautet ganz plakativ „Ist das Internet für die Diktatoren nützlich oder gefährlich?“ - Das hört sich fast nach einem Leitfaden zu der Benutzung des Internets für autokratische Regierungen an. Doch welches Forschungsinteresse verbirgt sich tatsächlich hinter „The Internet and Political Protest in Autocraties“?

Prof. Dr. Weidmann: Die Motivation, dieses Buch zu schreiben, war eine wissenschaftliche: Je nach aktuellen politischen Ereignissen wird digitale Kommunikation mal als Heilsbringer, mal als Unglück bezeichnet. Wir wollten hier prüfen, wie die empirische Evidenz aussieht. Dazu haben wir uns auf einen Typ von Aktivismus konzentriert: Den Protest gegen autokratische Regierungen. Wir haben dann über verschiedene Autokratien hinweg verglichen, wie die Verfügbarkeit von Internet mit der Häufigkeit von Protest zusammenhängt. 

"Ein wichtiges Hilfsmittel für politische Bewegungen"

L.I.S.A.: Nicht zuletzt durch die Protestbewegung des Arabischen Frühlings, auch infolge der aktuellen und internationalen Bewegung Fridays for Future, ist bekannt, dass das Internet – und vor allem soziale Medien – positive Auswirkungen auf die Mobilisierung von politischem Protest haben können. Die Schlussfolgerung liegt demnach nahe, dass das Internet zu Frieden und Demokratie verhilft. Doch die neuen Möglichkeiten für Aktivist*innen auf der einen Seite, bieten auch den Regierungen neue Taktiken der Kontrolle und Repression auf der anderen. Könnten Sie auf die komplexe Beziehung zwischen Internet und politischen Protest in Autokratien etwas näher eingehen? Welche Möglichkeiten gibt es für die sich gegenüberstehenden Akteure?

Prof. Dr. Weidmann: Es ist immer schwierig, auf der Basis einzelner Beispiele (Arabischer Frühling, Fridays for Future) generelle Schlussfolgerungen zu ziehen. Deshalb war uns wichtig, die Untersuchung über viele Länder und Ereignisse hinweg anzulegen. Grundsätzlich stimmen wir zu, dass das Internet ein wichtiges Hilfsmittel für politische Bewegungen sein kann. Aber gerade in Autokratien haben Regierungen einfach mehr Möglichkeiten, neue Formen von digitaler Kontrolle und Repression einzuführen: Jede Seite – Opposition und Regierung – versucht, die neue Technologie in ihrem Sinne einzusetzen. Beide profitieren also von digitaler Innovation, und wir wollten herausfinden, ob das bei einer Seite mehr als bei der anderen der Fall ist.

"Proteste verbreiten sich schneller"

L.I.S.A.: Unter welchen Bedingungen verhilft das Internet zur politischen Liberalisierung und unter welchen Bedingungen befeuert es die Unterdrückung von Widerstand?  Und daran anschließend: Warum verhelfen manche Bedingungen eher zur Mobilisierung von Aktivist*innen und andere zu Repressions- und Kontrollmaßnahmen von Regierungen?

Prof. Dr. Weidmann: Unsere Untersuchung zeigt, dass der Effekt des Internets abhängig von der Phase des Protests ist: Grundsätzlich zeigen die Ergebnisse, dass eine höhere Internetverfügbarkeit eher zu weniger Protest führt. Es scheint also, als ob eine zunehmende Ausbreitung digitaler Technologie politischen Aktivismus eher unterdrückt. Wenn aber dennoch eine Protestbewegung zustande kommt, hilft digitale Kommunikation dieser Bewegung: Proteste dauern dann länger und verbreiten sich schneller.   

"Weder eine reine „Befreiungs“- noch eine „Repressionstechnologie“"

L.I.S.A.: Gab es hier überraschende Befunde?

Prof. Dr. Weidmann: Die verschiedenen Auswirkungen des Internets in Abhängigkeit von der Phase des Protests sind sicher eine wichtige Erkenntnis unserer Studie. Dies zeigt einfach, dass das Internet weder eine reine „Befreiungs“- noch eine „Repressionstechnologie“ ist, wie vielfach angenommen wird. Wir haben auch untersucht, wie der protest-reduzierende Effekt des Internets über verschiedene Typen von Autokratie variiert. Hier sehen wir, dass Regierungen in politisch offeneren Systemen mehr vom Internet profitieren, dass also eine politische Liberalisierung auf bestimmten Ebenen durch mehr Einflussnahme über digitale Kanäle kompensiert werden kann.

"Zumindest dem Anschein nach offener und bürgernah"

L.I.S.A.: Wie wird sich die Form des politischen Protests, aber auch autokratischer Regierungssysteme Ihrer Meinung nach zukünftig verändern?

Prof. Dr. Weidmann: Das ist eine interessante, aber auch schwierige Frage! Vielfach wird ja angenommen, dass sich politischer Protest zunehmend auf digitale Kanäle und soziale Medien verlagert. Es ist sicher richtig, dass digitaler Aktivismus zugenommen hat, aber gleichzeitig sollte man nicht annehmen, dass dies – zumindest in autokratischen Systemen – zu mehr Effektivität und Einfluss führt. Es ist einfach noch ein großer Unterschied, eine politische Botschaft auf Twitter zu verbreiten, oder für eine politische Sache auf die Straße zu gehen und sich einer potentiell großen Gefahr auszusetzen, wie das viele Menschen z.B. in Hong Kong tun und getan haben. Deshalb bin ich der Meinung, dass nach wie vor aktiver Protest „auf der Straße“ eine wichtige Art politischer Einflussnahme bleiben wird. Daran schließt natürlich auch direkt Ihre Frage an, ob und wie dies autokratische Systeme in der Zukunft verändern wird: Hier sehen wir bereits jetzt, dass sich Autokratien zumindest dem Anschein nach offener und bürgernah geben – es gibt nur noch wenige totalitäre Systeme wie Nordkorea. Meine Mitarbeiterin Eda Keremoglu hat sich beispielsweise mit neuen Formen der Partizipation beschäftigt, die wir mehr und mehr in Autokratien beobachten können. Dies bedeutet, dass z.B. Einschränkungen von Grundrechten weniger offensichtlich stattfinden, als das bisher der Fall war. Für uns in der Autokratieforschung heißt das dann, dass die empirische Analyse schwieriger wird und wir genauer hinschauen müssen.

Prof. Dr. Nils Weidmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

Nachweise

[1] Weidmann, Nils B. and Espen Geelmuyden Rød. 2019. The Internet and Political Protest in Autocracies. Oxford Studies in Digital Politics. New York: Oxford University Press.

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