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Georgios Chatzoudis | 14.06.2016 | 1741 Aufrufe | Interviews

"Digital vergiftet sind wir heute wohl alle"

Interview mit Daniela Otto über einen neuen Umgang mit dem Digitalen

Auch dieser Beitrag ist nur digital verfügbar - wie so viele andere Informationen und Inhalte, die wir heute Tag für Tag abrufen, auch. Ob Smartphone, Tablet oder der inzwischen klassisch gewordene Rechner, unser Alltag ist ohne digitale Medien kaum noch vorstellbar. Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Daniela Otto geht noch weiter und spricht sogar von einer digitalen Vergiftung unseres Lebens, das dringend einer Detox-Kur unterzogen werden müsste. Nachdem sie sich bereits in ihrer Dissertation - "Vernetzung. Wie Medien unser Bewusstsein verbinden" - intensiv mit dem Ursprung unserer Vernetzungssehnsucht auseinandergesetzt hat, legt sie nun einen kleinen Ratgeber zu einem kritischen Umgang mit digitalen Medien und Ressourcen nach. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

"Unser Umgang mit digitalen Medien hat oftmals pathologische Züge"

L.I.S.A: Frau Dr. Otto, Sie beschäftigen sich bereits seit Ihrer Promotion mit der Frage, wie sich die Vernetzung von Medien auf das menschliche Bewusstsein auswirkt. Nun haben Sie einen kleinen Ratgeber vorgelegt, der Anleitungen für einen vernünftigen Umgang mit digitalen Geräten und Medien geben möchte. „Digital Detox“ nennen Sie diese Anleitung. Waren Sie jemals digital vergiftet? Mussten Sie sich vom Digitalen entgiften?  

Dr. Otto: Vielleicht müssten wir eher fragen: Wer ist das nicht? Digital vergiftet sind wir heute wohl alle – natürlich mehr oder weniger. Unser Umgang mit digitalen Medien hat oftmals pathologische Züge, wir scheinen nicht mehr ohne zu können und das sollte nicht so sein. Es ist auch einfach schade. Ich persönlich hatte ein Schlüsselerlebnis, als ich mitten im amerikanischen Nirgendwo kein Netz hatte und regelrecht Panik verspürt habe. Kein schönes Gefühl und für mich ein klares Zeichen, dass irgendetwas nicht stimmt.  

"Verlangen, wieder einen heilsamen Zustand der Einheit zu erlangen"

L.I.S.A.: Ein Schlüsselgedanke in Ihrem Buch ist die Herleitung der Sucht, immer wieder auf das Smartphone blicken, permanent kommunizieren und digitale Inhalte konsumieren zu müssen. Sie greifen dabei auf psychologische Erklärungsansätze zurück - Stichworte: Urbedürfnis Verbindung, Ödipuskomplex. Könnten Sie uns das erläutern? Welche Rolle spielt dabei das Konzept „Vernetzung“?  

Dr. Otto: Unsere Sehnsucht nach Verbundenheit ist ein ganz elementares Urbedürfnis. Im Grunde genommen fängt bei der Geburt unser Urschmerz an – wir werden ja buchstäblich ‚abgenabelt’, sind fortan keine Einheit mehr mit einem anderen Menschen, sondern werden zum solitären Individuum. Der Ödipuskomplex ist ein schönes Bild für dieses fundamentale und eben auch regressive Verlangen, wieder einen heilsamen Zustand der Einheit zu erlangen. Salopp gesagt: So schön und warm und behütet wie im Mutterleib ist es nirgendwo sonst auf der Welt. Vernetzungsmedien setzen mit ihrem Versprechen, dass wir nicht alleine sind, bei diesem Urbedürfnis nach Einheit an. Deswegen sind sie so unglaublich attraktiv für uns.  

"Jedes neue Medium löst zunächst einen gewissen Schock aus"

L.I.S.A.: Eine Ihrer Hauptthesen lautet: „Weniger online bedeutet mehr leben.“ Das klingt beinahe so, als würde das eine das andere ausschließen. Ist das mit Blick auf unser digitales Zeitalter nicht etwas unrealistisch gedacht? Können wir überhaupt noch weniger online sein?

Dr. Otto: Ja, das können wir. Wir haben immer die Wahl. Vor allem können wir bewusst online sein wollen und ein Gefühl für eine gesunde Balance zwischen Leben und Mediennutzung entwickeln. Das halte ich für elementar wichtig. 

L.I.S.A.: Die Klage darüber, dass der Einzug neuer Medien, unser Leben verschlechtern würde, ist nicht neu. Die Mediengeschichte zeigt, dass die Erfindungen neuer Medien immer mit Kritik und Ablehnung zu kämpfen hatten. Wieso reiht sich Ihr Buch nicht in diese traditionelle Medienkritik ein?  

Dr. Otto: Ich argumentiere genau aus dieser mediengeschichtlichen Erkenntnis heraus, dass jedes neue Medium zunächst einen gewissen Schock auslöst. Das war auch beim Fernsehen so und es legt sich, sobald man gelernt hat, damit umzugehen. Man kann also beruhigt durchatmen. Natürlich ist jedoch die Entwicklung der digitalen Medien derart rasant fortgeschritten, dass wir bei diesem Lernprozess noch etwas Nachholbedarf haben. Daher meine Haltung: Die digitalen Medien sind da, sie gehen nicht mehr weg, sie bringen Gutes mit sich, implizieren aber auch einen hohen Leidensdruck, z.B. wenn sie uns stressen, überfordern oder gar unglücklich machen. Ich will daher weder klagen noch jammern – schön wäre es einfach, wenn wir entspannt damit umgehen.

"Wir bringen Smartphone, Tablet & Co. reale Gefühle entgegen"

L.I.S.A.: Sie fordern in Ihrem Buch eine neue Life-Media-Balance zu finden. Wie sieht die aus? Was sind dafür die wichtigsten Gebote?  

Dr. Otto: Wichtig ist, dass wir unsere Autonomie zurückerlangen. Ich kenne viele Menschen, die regelrecht Angst vor ihrem E-Mail-Postfach entwickeln, die sofort aufspringen, wenn das Handy klingelt oder es gar nicht mehr abschalten können, auch nachts nicht. Das muss nicht sein, es ist auch einfach ungesund. Wie gesagt, die neuen Medien gehören zu unserem Leben, aber sie dürfen unser Leben nicht bestimmen. Was passiert denn, wenn wir einmal nicht sofort antworten, einmal nicht erreichbar sind, einen Anruf oder eine Eilmeldung verpassen? Die Antwort ist verblüffend einfach: nichts. Viel Druck machen wir uns selbst. Um eine neue Entspanntheit und Balance zu finden, ist es daher sehr wichtig, dass wir unser eigenes Mediennutzungsverhalten hinterfragen und verstehen, was Medien mit uns machen. Wir bringen Smartphone, Tablet & Co. ja reale Gefühle entgegen – diese Gefühle sind keine Hirngespinste und sollten wir ernstnehmen. Nur wer seine eigenen Handlungsmuster reflektiert und Stressfaktoren erkennt, kann ein Medienbewusstsein entwickeln.

Im zweiten Schritt dürfen wir aktiv werden: Wir können Stressfaktoren minimieren, indem wir gezielt dagegen vorgehen. In meinem Buch stelle ich viele praktische Tipps und Übungen vor, das beginnt zum Beispiel damit, dass man sein Handy gründlich ausmistet und Inhalte reduziert – nicht jeder Newsletter ist sinnvoll und die Mails müssen auch nicht im Minutentakt einrauschen, das nur als Beispiel. Es hat aber auch viel mit einer inneren Haltung zu tun, auch die können wir trainieren. Gezielte Bewusstseinsübungen helfen dabei, sich gegen den digitalen Stress zu wappnen.

Im letzten Schritt können wir langfristig profitieren, indem wir von Digital Detox als Lebensstil profitieren: Wer regelmäßig kleine Offline-Rituale in den Alltag integriert, wird dauerhaft mehr Ruhe im Alltag haben. Dabei helfen auch schon kleine Dinge und man kann jederzeit damit beginnen: Offline in den Tag zu starten ist zum Beispiel ein guter Anfang.

Dr. Daniela Otto hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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