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Prof. Dr. Frank Becker | 16.03.2013 | 17614 Aufrufe | Artikel

Diem als Demokrat

Die Methoden der Diem-Apologie

Die öffentliche Debatte um Carl Diem, von Jounalisten zu einem „Historikerstreit“[1] erklärt, wird bereits seit 2010 geführt. Es ist Zeit für eine erste Bilanz.[2] Anlass hierzu gibt auch das von L.I.S.A. mit dem Sportwissenschafler Michael Krüger geführte Interview. In diesem Interview treten die Strategien der Diem-Apologie noch einmal in aller Deutlichkeit zu Tage. Sie sollen im Folgenden analysiert werden. Insgesamt lassen sich drei Strategien unterscheiden: 1. Meine Forschungsergebnisse werden falsch wiedergegeben; 2. die Genese des Konflikts zwischen den Antagonisten der Diem-Debatte wird unrichtig geschildert; 3. Diems historische Rolle wird einerseits heruntergespielt, andererseits fehlerhaft dargestellt.

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Die Führer der deutschen Olympiamannschaft Staatsekretär Lewald(links) und Dr. Diem (rechts) in St. Moritz. (Original-Bildunterschrift)

1. Jedem Leser des Krüger-Interviews wird es merkwürdig vorkommen, dass Krüger sich bei seinen apologetischen Behauptungen mehrmals ausgerechnet auf mich als seinen Debattengegner zu stützen versucht. Diese Vorgehensweise hängt mit einem grundlegenden Problem zusammen, das die Position der Verteidiger Diems extrem schwächt: Es fehlt an Diem entlastender Forschung. Krüger hat nur einen oder zwei kleine Aufsätze zu diesem Thema verfasst; das Carl und Liselott Diem-Archiv an der Deutschen Sporthochschule Köln, mit dem die Diem-Apologie gleichsam institutionalisiert wurde, hat seit seiner Gründung 1964 keine einzige größere Forschungsarbeit zu Diem vorgelegt.

Die Diem-Apologeten haben also nichts eigenes, worauf sie sich stützen können. So haben sie den – schon etwas skurril anmutenden – Versuch unternommen, meine Diem-Biografie in die gewünschte Richtung umzudeuten. Gegen diese Vereinnahmung habe ich mich schon verschiedentlich öffentlich verwahrt; Krüger weigert sich, dies zur Kenntnis zu nehmen. Ich hätte geschrieben, behauptet Krüger in seinem Interview, „nachdem die Olympischen Spiele von 1936 vorbei waren, hatte er [Diem] im Prinzip seine Schuldigkeit für den nationalsozialistischen Staat erfüllt“. Solche Schutzbehauptungen hat Diem nach 1945 selbst aufgestellt; der Forschungsstand, den Krüger ausblendet, ist schon seit den Arbeiten von Hajo Bernett aus den 1970er Jahren ein anderer. Diem übernahm 1938 die Leitung des Internationalen Olympischen Instituts in Berlin, 1939 die Leitung des Gaues Ausland im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen; in das Jahr 1940 fallen sein Propagandatext „Sturmlauf durch Frankreich“, in dem er die deutsche Wehrmacht auf dem „Sturmlauf in ein besseres Europa“[3] sieht, und sein Brief an den deutschen Botschafter in Paris, den er zu überpüfen ersucht, ob zwei bestimmte französische Sportfunktionäre Juden seien – dann könne man sie aus ihren Ämtern entfernen. Ab Sommer 1943 war Diem über den Holocaust informiert; trotzdem bedauerte er Ende 1943 noch, im Frühjahr nicht zum Nachfolger des verstorbenen Reichssportführers bestellt worden zu sein – er hatte also nach wie vor keine Bedenken, Ämter mit hoher politischer Verantwortung im NS-Staat zu übernehmen. Im März 1945 schließlich hielt Diem seine berüchtigte Durchhalterede vor Hitlerjungen.

Darüber hinaus versucht Krüger mich als Kronzeugen dafür zu benennen, dass Diem kein Antisemit gewesen sei. Krüger ignoriert, dass es unterschiedliche Formen von Antisemitismus gegeben hat. Wenn Diem kein Antisemit im Sinne des NS-Vernichtungsantisemitismus war, so war er doch ein Antisemit in dessen wilhelminischer Variante. Dafür gibt es in Bd. I und II meiner Biografie zahlreiche Belege.[4] Weitere Belege bringt Ralf Schäfer.[5] Unlängst hat Dieter Langewiesche in einer Rezension geurteilt: „Diem war Antisemit. Daran wird man nicht mehr zweifeln können, wenn man dieses Buch [Schäfers Studie] gelesen hat.“[6]

2. Der Konflikt zwischen den Antagonisten der Diem-Debatte verlief völlig anders, als Krüger ihn darstellt. Krüger behauptet, ich hätte über meine abschließende Empfehlung zu Diem nicht mit ihm gesprochen; tatsächlich fand dieses Gespräch im Beisein zweier Studentischer Hilfkräfte, die im Projekt beschäftigt waren, am 3. März 2008 im Sportinstitut der Universität Münster statt. Anschließend übermittelte ich meine Empfehlung mit Schreiben vom 7. März 2008 an die Projektgeber und an den Sportpädagogen Ommo Grupe, der dem Projektbeirat vorstand. Der DOSB bestätigte den Eingang der Empfehlung mit Schreiben vom 11. März 2008. Daraufhin hörte ich einige Zeit nichts mehr, bis ich mit der „Information“ überrascht wurde, ich sei gar nicht berechtigt gewesen, diese Empfehlung zu geben – schon vor dem Start des Projekts, so eine Email von Grupe vom 1. Oktober 2008, sei festgelegt worden, dass es Sache des Beirats sei, das Gesamturteil zu Diem zu fällen.

Selbstverständlich bat ich Grupe umgehend mit Brief vom 15. Oktober 2008 um die Vorlage der entsprechenden Projektstatuten, da seine Aussage allem widersprach, was bisher vereinbart und durchgeführt worden war. Grupe jedoch verweigerte die Vorlage und brach stattdessen die Kommunikation mit mir ab. Ich musste also davon ausgehen, dass die Vorgehensweise des Beirats irregulär war. Als der Beirat im Februar 2010 trotz meines scharfen Protests zusammentrat, um einen 'Freispruch erster Klasse' für Diem auf den Weg zu bringen, durfte ich mich hieran natürlich nicht beteiligen, weil ich das irreguläre Verfahren ansonsten implizit anerkannt hätte.

Hinzu kommt, dass an der Kompetenz und Neutralität des Beirats erhebliche Zweifel bestehen. Krüger behauptet in seinem Interview, dieses Gremium habe aus „anerkannten Fachleuten“ bestanden. Stattdessen ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei dieser Kommission um eine Gruppe von Personen handelte, die Kenntnisse in Teilbereichen der Sportpädagogik und Sportgeschichte besitzen, aber gerade zu den Themen, die für die Diem-Debatte maßgeblich sind – allgemeine NS-Forschung, Antisemitismusforschung, Rassismusforschung, Militarismusforschung, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik – überhaupt nicht ausgewiesen sind.

Zudem waren viele Beiratsmitglieder in der „causa Diem“ offenkundig befangen. Den Vorsitz hatte der bereits erwähnte Sportpädagoge Grupe inne, ein Diem-Schüler, von dem Michael Krüger schreibt, seine Haltung sei durch „engagierte Parteinahme für seinen Lehrer und Mentor Diem“[7] gekennzeichnet. Krüger selbst hat als Grupe-Schüler stets dieselbe Haltung an den Tag gelegt. Beiratsmitglied Karl Lennartz, seit 1989 als Nachfolger von Diem-Witwe Liselott Leiter des „Carl und Liselott Diem-Archivs“, macht gar keinen Hehl daraus, mit der Familie Diem persönlich befreundet zu sein.[8]
  
In dem abschließenden Urteil, das dieses Gremium zu Diem durchzusetzen versuchte, heißt es u.a.: „War Diem Nationalsozialist, Rassist, Antisemit? Antwort: nein“ – „Er äußerte sich im Gegenteil immer wieder kritisch über den Nationalsozialismus und die NS-Sportführung sowie gegenüber Rassismus und Antisemitismus“ – Es gebe „keine Hinweise auf moralisch verwerfliche Entscheidungen oder Handlungen Carl Diems im Dritten Reich“ –  Diem nutzte vielmehr „den ihm zur Verfügung stehenden Handlungsspielraum“, um „unabhängig von den nationalsozialistischen Machthabern zu agieren“.[9]

Angesichts dieses 'Freispruchs erster Klasse', der Diem sogar noch Lob dafür zollt, dass er im NS-Staat 'unabhängig von den Machthabern agierte', ist es bemerkenswert, dass Krüger sich in seinem L.I.S.A.-Interview nun für eine differenzierte Betrachtung ausspricht. „Einfache Urteile“, schreibt er, „sind fehl am Platze“. Diem-Straßen möchte er nicht mehr deswegen erhalten sehen, weil nichts gegen Diem vorliege, sondern weil sie zu einer kritschen Auseinandersetzung einlüden, die auch die „Abgründe und Irrwege des Sports in der Geschichte“ reflektiere. Es ist erstaunlich, wie weit Krüger bereits zurückrudern musste; man darf gespannt sein, was noch folgen wird.

3. Zu den Methoden der Diem-Apologie gehört auch das Herunterspielen von Diems Gestaltungsmöglichkeiten – um damit auch dessen Verantwortung verkleinern zu können. Diem habe niemals „in der ersten Reihe“ gestanden, behauptet Krüger. Das ist falsch. Die Vorgesetzten, die Diem hatte, waren oft nur Galionsfiguren, die ihren „Generalsekretär“ oder „Prorektor“ nach dessen Belieben schalten und walten ließen. „Diem war eine kleine Nummer“, äußert Krüger zudem, „und der Sport war kein Thema, mit dem sich die Eliten ensthaft auseinandergesetzt hätten“. Auch diese Einschätzung geht völlig in die Irre. Schon im Kaiserreich waren es vor allem die Eliten, die sich für den Sport begeisterten; in den Jahren der Weimarer Republik sorgte ein regelrechter Sportboom dafür, dass der Sport in Politik und Medien, Wirtschaft und Militär zu einer viel beachteten Größe wurde. 1933 wertete ihn der NS-Staat zusätzlich auf: Der Sport war wichtig für das, was die Nationalsozialisten „Rassenpflege“ nannten, und er wurde massiv als Instrument der Auslandspropaganda und für die Massenunterhaltung genutzt. Im Frühjahr 1933 stritten sich mehrere Ministerien darum, wer den Sport in seinen Zuständigkeitsbereich überführen dürfe.[10]

Die „kleine Nummer“ Diem verkehrte seit der Gründung des „Jungdeutschlandbundes“ 1911 (der die Wehrertüchtigung der deutschen Jugend betrieb) mit hochrangigen Politikern und Generälen[11]; als er 1939 das Angebot der NS-Führung annahm, die für Anfang 1940 geplanten Olympischen Winterspiele zu organisieren, sprach er sich in der Folge mit Hitler persönlich ab.[12] Schon 1934 war er in Rom von Mussolini empfangen worden.[13]
Falsch ist es auch, wenn Krüger behauptet, die Umbenennung des Carl Diem-Weges und des Hindenburgplatzes im westfälischen Münster seien nur deshalb erfolgt, weil man die „Namen der so genannten großen Männer“ zurückdrängen wolle. In beiden Fällen orientierte sich die Stadtverwaltung am Urteil einer Straßennamenkommission, der renommierte Historiker angehörten. Diese Kommission empfahl die Umbenennung des Diem-Weges, weil der Protagonist durch die Ergebnisse meiner Biografie hoch belastet sei; für die Umbenennung des Hindenburg-Platzes wurde votiert, weil die Biografie von Wolfram Pyta den Nachweis erbracht hat, dass Hindenburg bereits in der Zeit der Präsidialkabinette gezielt auf die Beseitigung der Weimarer Demokratie hinarbeitete und Hitler im Januar 1933 im vollen Bewusstsein der Tragweite seines Tuns zum Reichskanzler ernannte.[14]

Nachdem Krüger schon mit einer Intervention in der Debatte um den Carl Diem-Weg gescheitert war, gehörte er einige Zeit später zu den Unterzeichnern eines Briefes an den Oberbürgermeister von Münster, in dem die Beibehaltung des Namens Hindenburg-Platz gefordert wurde; es gebe keinen Grund für eine Umbenennung. Sämtliche Professoren und Mitarbeiter des Historischen Seminars der Universität Münster sprachen sich hingegen mit Hinweis auf den Forschungsstand für die Umbenennung des Platzes aus. Krüger stand also im Konflikt mit der gebündelten geschichtswissenschaftlichen Kompetenz der Universität – so wie er auch in der „causa Diem“ im Hinblick auf die Antisemitismus-Frage besser urteilen zu können glaubte als die Wissenschaftler vom „Zentrum für Antisemitismusforschung“ an der TU Berlin.

In den Folgemonaten musste Krüger erleben, dass die Pro-Hindenburg-Initiative zunächst die öffentliche Auseinandersetzung verlor; anschließend scheiterte sie im September 2012 bei einem Bürgerentscheid: Die Wählerinnen und Wähler der Stadt votierten für den neuen Namen Schlossplatz. Diese Entscheidung rechnet Krüger in seinem Interview der „gebildeten bürgerlichen Klasse“ zu – ein klassenkämpferisches Vokabular, das seltsam berührt.

Krüger scheint zu glauben, Diems politische Einstellung lasse sich aufgrund der Aussagen von dritten Personen bestimmen, die nur in einem losen Kontakt zu ihm standen. Das für geschichtswissenschaftliches Arbeiten grundlegende Verfahren der Quellenkritik wird von Krüger ignoriert. Sonst wäre ihm aufgefallen, dass Robert Atlasz, jener jüdische Sportfunktionär, der 1937 nach Israel floh und anschließend äußerte, dass Diem „als Mann von 'unzweifelhaft demokratischer Gesinnung' galt“, dieses Urteil nicht einmal selbst fällte, sondern auf das Urteil anderer Personen hinwies – ohne deren Namen angeben zu können. Diem soll als Demokrat 'gegolten haben'... wann? bei wem? Solche vagen Außenbeobachtungen ex post, wie Atlasz sie hier vornimmt, werden von jedem Historiker als praktisch wertlos eingestuft. Dagegen gibt es eine Fülle von Selbstzeugnissen, die direkten Einblick in Diems politisches Denken geben und unmissverständlich zeigen, dass Diem alles andere als eine 'demokratische Gesinnung' hegte. So schrieb er 1932, unter vielen schlechten Regierungsformen sei die Diktatur immer noch die relativ beste.[15]

Abschließend kann man nur noch einmal betonen, wie gut der DOSB daran tat, Krüger und seinem Beirat das Vertrauen zu entziehen. Hoffentlich ist jetzt der Weg frei für eine realistische und wissenschaftlich seriöse Beurteilung Diems – und für ein auf solcher Beurteilung beruhendes geschichtspolitisches Handeln.
  


[1] Historikerstreit um Diem, in: Der Spiegel 25 (21.6.2010), S. 149 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71030058.html).

[2] Eine Bilanz hat im wissenschaftlichen Schrifttum inzwischen auch bereits vorgelegt Horst Thum, Nationalist, Militarist, Antisemit? Carl Diem im Spiegel seiner Kritiker und Apologeten, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 60 (2012), H. 10, S. 831-842.

[3] Carl Diem, Sturmlauf durch Frankreich, in: Reichssportblatt vom 25. Juni 1940.

[4] Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Bd. I: Kaiserreich, Duisburg 2009; Bd. II: Weimarer Republik, Duisburg 2011.

[5] Ralf Schäfer, Militarismus, Nationalismus, Antisemitismus: Carl Diem und die Politisierung des bürgerlichen Sports im Kaiserreich, Berlin 2011; ders., Carl Diem, der Antisemitismus und das NS-Regime, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011), H. 3, S. 252-263.

[6] Dieter Langewiesche, Rezension zu Ralf Schäfer, Militarismus, Nationalismus, Antisemitismus: Carl Diem und die Politisierung des bürgerlichen Sports im Kaiserreich, Berlin 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 6 (http://www.sehepunkte.de/2012/06/21495.html).

[7] Michael Krüger, Einleitung, in: ders. (Hg.), Erinnerungen an Carl Diem, Münster 2009, S. 1-5, hier 4.

[8] Karl Lennartz, Rezension zu Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Bde. I, III u. IV, Duisburg 2009-10, in: Stadion 35 (2010), S. 373-388, hier 383.

[9] Die Empfehlung des Beirats ist abgedruckt in: Michael Krüger, In Sachen Carl Diem – auf den Spuren der Wahrheit, in: Olympisches Feuer 59 (2010) 4-5, S. 42-47, hier 45f. Dass die Aussagen dieses Textes meinen Forschungsergebnissen völlig zuwiderlaufen, weist im Detail mein Aufsatz nach: Frank Becker, Carl Diem und der Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011), H. 3, S. 242-251.

[10] Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Bd. III: NS-Zeit, Duisburg 2009, S. 20ff.

[11] Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Bd. I: Kaiserreich, Duisburg 2009, S. 129ff.

[12] Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Bd. III: NS-Zeit, Duisburg 2009, S. 175ff.

[13] Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Bd. III: NS-Zeit, Duisburg 2009, S. 95ff.

[14]Wolfram Pyta, Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, Berlin 2007.

[15] Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Bd. II: Weimarer Republik, Duisburg 2011, S. 258.

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