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Dr. Birte Ruhardt | 10.03.2015 | 1415 Aufrufe | Interviews

"Die wohl dunkelste Epoche deutscher Museumsgeschichte"

Interview mit Marcus Trier und Jan Krämer über einen besonderen Fund

Vor fünf Jahren kamen bei archäologischen Ausgrabungen im Vorfeld des Baus der Berliner U-Bahn Skulpturen der "Entarteten Kunst" ans Tageslicht. Schon damals gab uns Dr. Meike Hoffman ein Interview zu diesem besonderen Fund. Nun sind die Skulpturen nach Köln gekommen und können noch bis Ende April im Römisch-Germanischen Museum betrachtet werden. Dr. Marcus Trier, Direktor des Römisch-Germanischen Museums, und der promovierte Volontär Jan Krämer berichten in diesem Interview über diese Doppelausstellung, die auch mit einer wahrhaft "jecken" Überraschung aus dem Kölner Bombenschutt aufwartet.

Dr. Marcus Trier und Jan Krämer

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"Ein Zeugnis der wohl dunkelsten Epoche deutscher Museumsgeschichte"

L.I.S.A.: Was macht den Skulpturenfund aus dem Berliner Bombenschutt so besonders?

Trier: Der Berliner Skulpturenfund ist ein Zeugnis der wohl dunkelsten Epoche deutscher Museumsgeschichte: 1937 hat das NS-Regime mehr als 20.000 Kunstwerke aus deutschen Museen gerissen, die sie mit dem Titel „Entartete Kunst“ diffamierten. Eine Auswahl wurde zwischen 1937 und 1941 in zahlreichen deutschen Museen ausgestellt, anderes wurde gegen Devisen verkauft oder direkt zerstört. Völlig überraschend konnten 2010 bei Ausgrabungen vor dem Roten Rathaus in Berlin 16 Skulpturen aus diesem Bestand geborgen werden. Die Ausgrabungen in Berlin beleuchten zugleich schlaglichtartig, welche Bedeutung auch Funde unserer jüngeren Geschichte für die moderne Archäologie haben.

"Auch von der Domplatte aus gut zu bewundern"

L.I.S.A.: Wie viele Skulpturen der „Entarteten Kunst“ sind ausgestellt und wie werden sie präsentiert?

Krämer: Von den 16 Fundobjekten sind 15 im Römisch-Germanischen Museum ausgestellt. Die Skulpturen stehen im Foyer des Römisch-Germanischen Museums an exponierter Stellung, da sie durch die Glasfassade des Hauses auch von der Domplatte aus gut zu bewundern sind. Zur Parallelausstellung „Archäologie der Moderne in Köln“ leitet ein großes Panoramafoto von Karl Hugo Schmölz über, das die Kölner Innenstadt nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges zeigt.  

Der Berliner Skulpturenfund im Foyer des Römisch-Germanischen Museums in Köln (Foto: Römisch-Germanisches Museum/ Rheinisches Bildarchiv Köln, Anja Wegner)

"Arzneimittel, Plunder und Nippes"

L.I.S.A.: Köln litt ebenfalls unter den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg. So wurden im Mai 1942 in nur 90 Minuten über 3300 Häuser vollständig zerstört. Wurden vergleichbare Funde auch im Kölner Bombenschutt gemacht?

Trier: Die Befunde und Funde aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges gehören zum Tagesgeschäft der Archäologie in Köln. Bei ihrer Arbeit stoßen die Ausgräber immer wieder auf Gegenstände, die für die Menschen wichtig waren. Es sind Dinge des täglichen Gebrauchs: Kleidung, Nahrung, Einrichtungsgegenstände, manchmal auch Habseligkeiten von wirtschaftlichem oder persönlichem Wert, Geräte und Werkzeuge, Dinge des Glaubens oder auch der Freizeitgestaltung, Arzneimittel, Plunder und Nippes, kurzum alles, was das Leben im Privaten wie im Beruflichen ausmachte. Die „Archäologie der Moderne in Köln“ zeigt eine Auswahl von Funden, die oftmals Zeitzeugen der schrecklichen Bombennächte des Zweiten Weltkrieges sind, manchmal aber auch auf eher humorvolle Weise von ihrer früheren Verwendung erzählen. Begleitet wird diese „materielle“ Ausstellung von 21 großformatigen Fotografien des Hugo und Karl Hugo Schmölz aus den Jahren 1926 bis 1953. Sie geben einen weiteren Eindruck von den dramatischen Auswirkungen der Kriegshandlungen in Köln und zeigen zugleich, unter welchen Umständen viele der ausgestellten Funde in den Boden gelangt sind.

Funde aus dem Kölner Bombenschutt (Foto: Römisch-Germanisches Museum/ Rheinisches Bildarchiv Köln, Anja Wegner)

"Eine wahrhaft ,jecke' Überraschung"

L.I.S.A.: Was sind typische Funde vom Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts? Welche Schlüsse kann man daraus ziehen?

Krämer: Die meisten Funde vom Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts stammen aus Kellern. Somit handelt es sich üblicherweise um Dinge, die von den Eigentümern dort gelagert wurden, wie z. B. Kohlebriketts oder Glasflaschen. Im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und den anschließenden Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten gelangte aber auch eine Vielzahl von besonderen Funden mit dem Kriegsschutt in die Keller. Im Zuge von Sanierungsarbeiten an der Kölner Oper wurde beispielsweise eine weibliche, lebensgroße Bronzebüste geborgen, die der Künstler Leon Lauffs schuf und signierte. Im Bereich der Archäologischen Zone auf dem Vorplatz des Kölner Rathauses stießen die Ausgräber in einem Keller auf einen Steinguttopf mit den beinah komplett erhaltenen Schalen von zwölf Soleiern. Die teilweise stark deformierten Apothekerfläschchen von der Kämmergasse sind ein beeindruckender Beweis für die verheerende Wirkung der Brandbombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Dem gegenüber zeugt das Konvolut von Karnevalsorden, ebenfalls aus einem Keller an der Kölner Oper geborgen, von der lokalen Brauchtumspflege – eine wahrhaft „jecke“ Überraschung.

Dr. Marcus Trier und Dr. des. Jan Krämer haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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