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Judith Wonke | 08.02.2018 | 812 Aufrufe | Interviews

"Die Unterschiede in den Fachverbänden sind erheblich"

Interview mit Berno Bahro zur Einführung des Arierparagraphen

Während die Rolle des Fußball-Bundes (DFB) zur Zeit des Nationalsozialismus umfangreich erforscht ist, fehlt es bislang an Regional- und Vereinsstudien, die kleinere und mittlere Clubs in den Blick nehmen. Dr. Berno Bahro betrachtet diese in seinen Forschungen näher und untersucht die Auswirkungen des "Arierparagraphen" in Berliner und Brandenburger Turn- und Sportvereinen. Im Interview gibt er unter anderem Antworten auf Fragen nach Sanktionierungen bei einer Nicht-Einführung und Unterschieden zwischen den Fußballvereinen, Vereinen der Deutschen Turnerschaft und des Deutschen Ruderverbandes. 

"Keine Konsequenzen für die einzelnen Vereine"

L.I.S.A.: Herr Bahro, Sie widmen sich in Ihrer Arbeit den Berliner und Brandenburger Turn- und Sportvereinen und untersuchen die Einführung sogenannter Arierparagraphen. Lässt sich ein Muster erkennen, wann diese Paragraphen und das „Führerprinzip“ eingeführt wurden?

Bahro: In der Regel wird in den Jahren 1933/34 auf Führerprinzip umgestellt, spätestens mit den Einheitssatzungen des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen, die 1935 erschienen und für alle Verein verpflichtend waren. In dieser Einheitssatzung war mit Rücksicht auf das Ausland wegen der Olympischen Spiele 1936 kein Arierparagraph vorgeschrieben. Deshalb verhält es sich in diesem Punkt ganz unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab, u.a. davon, welchem Fachverband der Verein angehörte und ob in dieser Frage Vorgaben beschlossen wurden. Dies war beispielsweise beim Ruderverband und bei der Deutschen Turnerschaft der Fall, im Fußball nicht.  

L.I.S.A.: Wie stark wurde eine Nicht-Einführung der Paragraphen sanktioniert?

Bahro: Es lassen sich aus den Akten keine Konsequenzen für die einzelnen Vereine ablesen, die keine Arierparagraphen umgesetzt haben. So gibt es Turnvereine, die bis 1935 keine Satzungsänderungen vorgenommen haben und erst im Zuge der Umsetzung der DRL-Einheitssatzung einen Arierparagraphen einführten. In den untersuchten Akten fand sich sogar der Fall eines Rudervereins, der 1934 einen Arierparagraphen einführte und diesen dann bei der Umsetzung der DRL-Einheitssatzung wieder entfernte, denn dort war er nicht vorgeschrieben. Konsequenzen von Seiten des Verbandes sind nicht überliefert.

"Unterschiede in den Fachverbänden sind erheblich"

L.I.S.A.: Die untersuchten Vereine gehören dem Deutschen Fußball Bund (DFB), dem Verein Deutscher Turnerschaft (DT) und dem Deutschen Ruderverband (DRV) an. Lassen sich Unterschiede in den Entwicklungen festmachen?

Bahro: Die Unterschiede in den Fachverbänden sind sogar erheblich. Alle drei Verbände habe sich öffentlich zu den neuen Machthabern bekannt, sind aber intern sehr unterschiedlich damit umgegangen. Der Ruderverband beschloss im Mai die Einführung eines Arierparagraphen, veröffentlichte im Dezember 1933 eine entsprechende neue Mustersatzung und drängte gegenüber den angeschlossenen Vereinen auf Umsetzung. Die Deutsche Turnerschaft beschloss zwar den schärfsten Arierparagraphen, kontrollierte die Realisierung in den Vereinen aber weniger streng. Am kulantesten zeigte sich der Fußball. Zwar zeigte sich die DFB-Führung nach außen systemtreu, überließ die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung aber eher den Vereinen. Im Vergleich zum Rudern und Turnen führten in der von mir untersuchten Stichprobe für den Raum Berlin-Brandenburg  nur vier von 41 Fußballvereine einen Arierparagraphen in ihre Satzungen ein. Diese vier haben, wie auch der erwähnte Ruderverein oben, diesen Paragrafen mit Umsetzung der DRL-Einheitssatzung wieder entfernt.

L.I.S.A.: Gibt es Erhebungen, wie sich der Ausschluss von jüdischen Sportlern auf die Leistungsfähigkeit der Vereine auswirkte?

Bahro: Es ist nur schwer zu sagen, wie sich der Ausschluss jüdischer Sportler auf dies Leistungsfähigkeit ausgewirkt hat. Da ich in meiner Untersuchung keinen biografischen Ansatz verfolgt habe, kann ich die Frage auf dieser Basis nicht beantworten. Aus anderen Studien ist jedoch belegt, dass sich der teilweise gravierende Mitgliederrückgang und auch der Verlust von Leistungsträgern auf die Leistungsfähigkeit der Vereine ausgewirkt haben. Dies betraf vor allem aber große Mehrspartenvereine wie den Berliner Sportclub oder den SC Charlottenburg, aber auch den sehr renommierten LTTC rot-weiß Berlin.

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihren Forschungen?

Ich stütze mich in meiner Untersuchung vor allen auf zwei Quellensorten. Zum einen auf zeitgenössische Sportfachzeitschriften, zum anderen auf Vereinsregisterakten. Letztere geben Aufschluss vor allem über Veränderungen der Satzungen der Vereine und oft auch über die Einführung und Durchsetzung von Arierparagraphen.

Dr. Berno Bahro hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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