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Dr. Daniel Stahl | 19.02.2010 | 2991 Aufrufe | 3 | Artikel

Die Suche nach NS-Tätern in Südamerika

Wie hatte ein gesuchter NS-Täter so lange unerkannt leben können? Darüber rätselte die Öffentlichkeit seit der Entführung Eichmanns aus Argentinien jedes Mal, wenn wieder ein in NS-Verbrechen verwickelter Justizflüchtiger in Südamerika entdeckt worden war. Der beklagte Zeitraum wurde immer länger, die Herren, die in Polizeibegleitung den aus Übersee kommenden Flugzeugen entstiegen, immer älter, die Frage blieb die gleiche. Man hätte sie auch anders stellen können: Wie kam es überhaupt dazu, dass trotz Flucht einige der Untergetauchten NS-Täter gefunden und vor Gericht gestellt wurden? Das Promotionsprojekt geht diesen Fragen nach, indem es die seit dem Kriegsende stattgefundenen Bemühungen, nach Südamerika geflohenen NS-Täter vor Gericht zu bringen, untersucht.

Das vielfach als Nazijagd bezeichnete Unterfangen war keine rein zwischenstaatliche, sondern eine transnationale Angelegenheit. Die Bundesrepublik und die südamerikanischen Staaten, die in streng formalisierten diplomatisch-juristischen Verfahren die Fahndung nach Justizflüchtigen und ihre Auslieferung betrieben, sahen sich dem Druck einer immer größer werdenden Anzahl nichtstaatlicher Akteure ausgesetzt, die sich nicht allein aus dem europäischen und nordamerikanischen, sondern auch aus dem südamerikanischen Raum rekrutierten. Zwischen den verschiedenen Einzelpersonen und Institutionen, die sich für eine Auslieferung von NS-Tätern einsetzten, bildeten sich transnationale Netzwerke heraus, die dem Informationsaustausch und der Koordination von Aktionen dienten. Dem transnationalen Charakter der „Nazijagd“ trägt das Projekt Rechnung, indem es sowohl die staatlichen als auch die nichtstaatlichen Akteure auf beiden Seiten des Atlantiks in den Blick nimmt, die Interaktionen zwischen ihnen herausarbeitet und danach fragt, welche Rolle das Thema der geflohenen NS-Täter in den jeweiligen politischen Kulturen spielte.

Zoom

Ricardo Klement alias Adolf Eichmann, SS-Obersturmbannführer und Leiter des für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden zuständigen Eichmannreferats des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Für seine Flucht nach Argentinien besorgte er sich einen Pass des Roten Kreuzes, ausgestellt auf den Namen Ricardo Klement.

Kommentar

von Dr. Hans Moser | 23.02.2010 | 20:56 Uhr
Dazu ein Link zum Buch Nazis auf der Flucht, das wissenschaftlich fundiert herausarbeitet welche Organisationen Herrn Eichmann auf der Flucht geholfen haben. http://www.youtube.com/watch?v=lrVDHHcNh9A . Man sollte sich auch Fragen, wer denn die Akteure waren, die ein solch langes Versteckspiel erst möglich machten.

Kommentar

von M.A. Jens Christian Schneider | 03.03.2010 | 16:42 Uhr
Hier möchte ich auf meinen Kommentar zum Fall "Klaus Barbie" verweisen. Er passt auch auf dieses Thema. Schön, dass es auch schon so verwandte Themen gemeinsam ins Portal geschafft haben.

Kommentar

von Georgios Chatzoudis | 07.04.2010 | 14:23 Uhr
Sehr geehrter Herr Dr. Moser,
vielen Dank für Ihren Hinweis. Hätten Sie Zeit und Interesse einen Text-Beitrag zum Fall Eichmann oder ähnlichen Fällen für das Portal zu schreiben? Auch ein Beitrag über die Akteure, die nach 1945 die Fahndung nach NS-Verbrechern erschwerten bzw. verhinderten, wäre von großem Interesse für das Portal.
Viele Grüße, Georgios Chatzoudis (Redaktion L.I.S.A.)

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