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Georgios Chatzoudis | 02.12.2011 | 2421 Aufrufe | Interviews

"Die Situation ist heute noch aussichtsloser"

Interview mit Prof. Dr. Moshe Zimmermann

Die arabischen Nachbarstaaten Israels befinden sich in einem historischen Umbruch. Libyen hat sich vom Gaddafi-Regime befreit, Tunesien sich Ben Alis entledigt und bereits Wahlen durchgeführt, in Ägypten hat das Volk Mubarak entmachtet und wehrt sich nun gegen eine Militärdiktatur, in Syrien tobt weiter der Machtkampf und im Jemen ist Präsident Saleh nach langen Protesten nun doch zurückgetreten, ohne dass sein Clan die Macht wirklich abgegeben hätte. Wie wird dieser historische Wandel in Israel wahrgenommen?

Wir haben darüber mit dem Historiker Prof. Dr. Moshe Zimmermann von der Hebräischen Universität Jerusalem gesprochen. Er ist dort Direktor des "Richard-Koebner-Center for Geman History".

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Prof. Dr. Moshe Zimmermann

"Israels fürchtet um den Anspruch, die einzige Demokratie zu sein"

L.I.S.A.: Herr Professor Zimmermann, die Nachbarstaaten Israels befinden sich in einem historischen Umbruch. Wie wird der "Arabische Frühling" in der israelischen Öffentlichkeit wahrgenommen? Was herrscht vor - Freude, Erleichterung, Hoffnung, Gleichgültigkeit, Skepsis oder gar Angst?
  
Prof. Zimmermann: Die israelische Politik ist ahnungs- und fassungslos: Der Anspruch Israels auf das Dasein als "einzige Demokratie im Nahen Osten" droht zu verschwinden, und damit auch die quasi automatische Unterstützung seitens der westlichen Demokratien für Israel. Deswegen versucht man zu erklären, dass es nur um eine Schein-Demokratisierung geht, dass die Araber von Natur aus nicht demokratisch handeln können, und dass Demokratie in der arabischen Welt identisch ist mit Islamismus und Fundamentalismus.

Diese Behauptung ist jedoch nicht von der Hand zu weisen: Überall, gleich ob in Tunesien, Marokko oder Ägypten sind muslimische Parteien, Fundamentalisten oder Islamisten die Wahlsieger. Ob das die Demokratisierung garantieren kann, ist fraglich. Dabei zeigt sich hier eine Schwäche der Demokratie: Wenn Mehrheitsbildung zum Kernprinzip der Demokratie wird, sind oft die Minderheiten und die Menschenrechte in Gefahr. Das haben wir im Gaza gesehen, wo die Hamas nach Wahlen an die Macht kam.

"Netanjahu blockiert weiter den Friedensprozess"

L.I.S.A.: Wie reagiert die israelische Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf den Wandel in der arabischen Welt? Unterstützt sie die neuen Kräfte oder verhält sie sich eher zurückhaltend? Anders gefragt: Was ist aus Netanjahus Sicht die denkbar günstigste geopolitische Konstellation?

Prof. Zimmermann: Die neue Situation schafft in Netanjahus Augen Klarheit: Alle Welt wird sehen, dass die Araber nicht für den Frieden mit Israel sind und Demokratie falsch verstehen. Kurz: Netanjahu wir diesen "Frühling" als ein weiteres Mittel instrumentalisieren, um den Friedensprozess zu blockieren. Das tut er ja seit 1996.

"Die Medien schüren Ängste"

L.I.S.A.: In Deutschland mischt sich in der Freude über den arabischen Wandel auch Skepsis. Viele fragen sich: Was kommt nach den alten Regimen? Es gibt Befürchtungen, Islamisten könnten an die Macht kommen. Gibt es diese Befürchtungen auch in Israel?

Prof. Zimmermann: Es ist nicht nur die Regierung, die Ängste schürt, sondern es sind auch die Medien. Die Experten und die Journalisten pochen eher auf die Gefahren, weniger auf die Chancen. Die öffentliche Meinung schwebt zwischen Ignoranz, Desinteresse und Angst.

Moshe Zimmermanns Buch von 2010 ist nur in Deutschland erschienen.

"Hoffnung und Skepsis unter den Palästinensern"

L.I.S.A.: Was bisher wenig diskutiert wird: Wie reagieren die Palästinenser auf den Arabischen Frühling?

Prof. Zimmermann: Die Palästinenser sind eigentlich die Ersten, die sich demokratisiert haben, unter israelischer Besatzung. Manche erhoffen sich jetzt mehr Druck auf Israel, auch aus dem Westen, und andere schauen mit Skepsis, weil sie die Taktik von Nenanjahu und Liebermann durchschauen.

"Die Diskette im Kopf wechseln"

L.I.S.A.: Was ist Ihrer Meinung nach das Kernproblem, das gelöst werden müsste, um dauerhaft Frieden in der Region zu schaffen?

Prof. Zimmermann: Die Kontrahenten müssen die Diskette im Kopf wechseln, rational denken und den Konflikt entreligionisieren. Leicht gesagt. Wenn man kompromisbereit ist, sind alle Probleme lösbar. Nur wenn man auf historische Rechte pocht, oder auf die göttliche Verheissung, gibt es keinen Ausweg. Deswegen ist die Situation heute noch aussichtsloser als vor 20 Jahren, als die Mauer fiel und eine andere Revolution begann.

Prof. Dr. Moshe Zimmermann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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