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Georgios Chatzoudis | 26.09.2011 | 3575 Aufrufe | Interviews

"Die Quote sagt nichts über die Qualität aus"

Interview mit Dr. Kurt Denzer

Der Archäologiefilm im deutschen Fernsehen erreicht ein Millionenpublikum. Bis zu sieben Millionen Zuschauer schalten ein, wenn Sendungen wie beispielsweise "Terra X" oder "Schliemanns Erben" ausgestrahlt werden. Das sollte eigentlich Archäologen, Produzenten und die Sender gleichermaßen freuen. Doch dem ist nicht immer so. Archäologen und Filmschaffende fühlen sich von der Sendern unter Quotendruck gesetzt und fürchten um die Qualität ihrer Produktionen.

In Kiel haben sich im Juni Autoren und Sendevertreter beim Symposium "Archäologie und Film" über zwei Tage ausgetauscht. Wir haben nun mit dem langjährigen Veranstalter und Vorsitzenden von Cinarchea, Dr. Kurt Denzer, über Verlauf und Ergebnisse des Symposiums gesprochen.

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"Es wurde sehr engagiert diskutiert"

"Die Öffentlich-Rechtlichen segeln im Windschatten der Privaten"

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Dr. Kurt Denzer, Veranstalter des Archäologiefilmfestival Cinarchea

"Der französische Archäologiefilm ist ein gutes Beispiel"

"In Deutschland herrscht die Ergebnisdarstellung vor"

"Wie ist unsere Filmrubrik L.I.S.A.video besprochen worden?"

"Die Archäologen in Deutschland sind am Film leider nicht interessiert"

Zoom

Die Referenten des Symposiums

Das Interview mit Dr. Kurt Denzer in einer Datei

Tagungsbericht zum Symposium "Archäologie im Film"
Kieler Kunsthalle, 9. und 10. Juni 2011
von Dr. Kurt Denzer

Nach der 9. Cinarchea im April 2010  erhielt Festivalleiter Kurt Denzer vom Wissenschaftsportal L.I.S.A. der Gerda Henkel Stiftung das Angebot, eine Tagung zum o. a. Thema vorzubereiten. Im Vordergrund stand für uns die kritische Auseinandersetzung mit der Darstellung archäologischer Fachbereiche im Medium Film und deren Vermarktung in der Öffentlichkeit. Das Fach Archäologie fungierte dabei als Paradigma der Darstellung eines Wissenschaftsbereichs im Medium Film.

Dr. Kurt Denzer führte in die Tagung ein und überraschte mit einem sw-Film aus den 50er Jahren, der -  formal betrachtet - viele Ingredienzien späterer Archäologie-Filme enthielt: Ergebnisvorstellung statt Darstellung der Arbeit, Einsatz großer Technik als Imponiergehabe, Veredelung der Darstellung durch Musik. Auffallend war allerdings die verhältnismäßig behutsame sprachliche Darstellung, superlativische Ausdrücke waren selten. Selbstverständlich war dieser Film in schwarz-weiß – der Farbe seriöser Wissensvermittlung.

Bis in die 80er Jahre führte die Archäologie ein Schattendasein im Dokumentarfilm, im FWU-Katalog von 1995/96 kam kein eigenes Stichwort dazu vor. Das änderte sich mit dem Beginn der internationalen Archäologie-Film-Festivals und in Deutschland  durch die von Gisela Graichen ausgelöste Erfolgswelle archäologischer Themen im ZDF. Die damit einhergehende Gratwanderung zwischen historischer Korrektheit und quotenanbiedernden Hybridformen stand im Mittelpunkt des Vortrags von AG-Dok-Autorin Prof. Dr. Kerstin Stutterheim: „Herrscht König Quote im demokratischen Fernsehen? – Materialisationen vergangener Kulturen in Form von Re-Enactment oder Animationsszenen in Archäologiefilmen der letzten Jahre“. In die Rolle der Verteidigerin bei der Auswertung der Quote geriet Frau Dr. Elisabeth Milin vom SWR bei ihrem Beitrag  TV-Produktion – Ziele, Erwartungen, Ergebnisse. Sie untersuchte den Wandel der Erzählweise in TV-Dokumentationen von einer faktenorientierten Information hin zum „Storytelling“, also einem Filmaufbau, der sich an fiktionalen Formaten orientiert, und verglich die Ermittlung von Einschaltquoten mit der Qualität der Erhebung von Wahlprognosen, ohne allerdings den affirmativen Charakter dieser Untersuchungsmethode kritisch zu befragen.

Ein schönes Moment des Exotischen brachte der Cutter Thomas Balkenhol ins Programm mit der Schilderung seiner Erfahrungen in der editorialen Betreuung von Dokumentarfilmen und seinem zwanzigjährigen „Kampf“ mit der speziellen TV-Ästhetik. Sein eher künstlerischer Ansatz verstieß dabei völlig gegen die TV-Norm.

Zum Thema Film im Museum - Luxus, Ärgernis und Notwendigkeit referierte Kurt Denzer seine Konzeption von Filmen, die eigens für das Mehrsprachen-Kino im Wikinger Museum Haithabu geschaffen wurden und dort seit 1985 laufen. Leitlinien sind ihm dabei, nichts im Film darzustellen, was das Museum mit seinen Mitteln besser kann. Höhepunkt dieses Programmpunkts war der Auftritt des Experimentalarchäologen Harm Paulsen vom Landesmuseum Schleswig, mit dem Denzer seit den 80ern Filme zur experimentellen Archäologie produzierte. Beide berichteten von ihrer Zusammen-Arbeit bei den Filmen für Schloss Gottorf, in denen in kurzen Stummfilmloops in Vitrinen Paulsens Vorstellungen von steinzeitlicher Bearbeitungstechnik bildlich dargestellt werden. Zu aller Überraschung zeigte Christoph Boekel einen 16mm-Film, den er 1975 über  Harm Paulsen drehte und dessen steinzeitliche Technik, Feuer zu machen. Dr. Charlotte Trümpler stellte das Ausstellungs-Projekt Das große Spiel – Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus (1860 – 1940) vor, das 2010 im Weltkulturerbe Zeche Zollverein, Essen, entstand. Den Film über die Ausstellung, Das große Spiel, brachten die Autoren Rasmus Gerlach und Thomas Tode im Kommunalen Kino zur Ur-Aufführung.

Die Bedeutung der Naturwissenschaften für die Archäologie und die Herausforderung bei der filmischen Umsetzung demonstrierte Prof. Dr. Pieter Grootes vom Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung an der CAU Kiel. Seine beeindruckende Zusammenstellung von gleichartigen Ausschnitten zahlreicher TV-Filme zeigte die phantasielose Gleichförmigkeit der Montage und gab reichlich Anlass zu Fragen nach der deutschen TV-Ästhetik. - Die Moorleiche im Gegenlicht – Strategien der Emotionalisierung in den Archäologiefilmen war ein Höhepunkt, weil der Archäologe Tom Stern und der Filmhistoriker und –autor Thomas Tode hier detailliert darlegten, wie die vielgepriesenen Filme der französischen Gedeon-Programmes-Produktion die Zuschauer in den Bann ziehen.

Peter Prestel, Mitarbeiter von Gisela Graichen, berichtete von seinem Projekt für die Gerda Henkel Stiftung, 80 Internet-Spots in der Postproduktion zu betreuen, wozu die Archäologen nach einer Kamera-Einweisung die Aufnahmen liefern. Die meisten Fragen aus dem Publikum betrafen die Konzeption, seinen Anteil an der redaktionellen Arbeit und der Zielsetzung dieses Prejekts. AG-Dok-Mitglied Christoph Boekel forderte in seinem Vortrag Wider die Missachtung der Phantasie mehr Mut von den TV-Redakteuren. Den modernsten Ansatz und einen kritischen Ausblick auf die Zukunft des Fernsehens und seiner Formate gab Dr. Martin Emele in seinem Vortrag Der Archäologiefilm ist tot – es lebe die Bewegtbild-Wertschöpfung 2.0.

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