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Dr. Birte Ruhardt | 17.08.2013 | 15436 Aufrufe | 2 | Interviews

Die psychiatrische Einweisungspraxis in Nationalsozialismus, DDR und BRD (1941-1963)

Interview mit Stefanie Coché zur Geschichte der Psychatrie in Deutschland

Was ist normal und ab wann gilt man als psychisch krank? Häufig ist die Abweichung von Normen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft ein Grund für eine Einweisung in eine psychatrische Anstalt. Doch diese Normen und Wertvorstellungen können sich im Laufe der Zeit stark verändern. Die Historikerin Stefanie Coché untersucht in ihrem Disserationsprojekt die psychiatrische Einweisungspraxis in Nationalsozialismus, DDR und BRD im Zeitraum von 1941-1963, um mehr über die damaligen Mentalitäten und das damalige Alltagsverhalten zu erfahren. Durch den Fall Gustl Mollath erhält ihr Thema nun einen aktuellen Bezug. Lassen sich Bezüge zwischen diesem momentan viel diskutierten Fall und der Geschichte der psychiatrischen Einweisungspraxis erkennen?

Irrenanstalt - Betreten auf eigene Gefahr!

L.I.S.A.: In Ihrem Dissertationsprojekt befassen Sie sich mit der Psychiatrie im Nationalsozialismus, der DDR und der BRD. Wieso haben Sie psychiatrische Einweisungspraxen als Forschungsgegenstand ausgewählt?

Coché: Wenn man sich mit Kontinuitäten und Brüchen zwischen der NS-Zeit und den beiden Nachfolgestaaten beschäftigt, fällt auf, dass diese vor allem hinsichtlich personeller und institutioneller Kontinuitäten erforscht wurden. Über Mentalitäten und Alltagsverhalten ist hingegen kaum etwas bekannt. Genauso wie sich die weit öfter gestellte Frage stellt, wie die Deutschen zu Nationalsozialisten wurden, stellt sich jedoch auch andersherum die Frage, ob, wie und wann sich Mentalitäten und Alltagsverhalten nach Kriegsende veränderten. Dieser Frage gehe ich durch das Prisma der Einweisungspraxis nach. Ich nehme dabei an, dass die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt oder Klinik ein Aushandlungsprozess ist, der widerspiegelt, was in einer Gesellschaft als nicht normal oder nicht tolerierbar gilt. Im Vorfeld und im Zuge einer Einweisung äußern sich unterschiedliche Personengruppen: auf institutioneller Ebene äußern sich Ärzte und eventuell Polizisten oder Juristen im Falle von Zwangseinweisungen. Mindestens genauso wichtig sind jedoch die Familie und das soziale Umfeld des Patienten sowie der Patient selbst. Sie alle äußern sich während des Einweisungsprozesses dazu, was sie aus welchen Gründen für gesund und normal bzw. krank und nicht normal halten. Dabei geht es mir nicht darum, herauszufinden, wer im medizinischen Sinne „wirklich“ krank war, sondern darum zeit- und regimespezifische Zuschreibungen von Krankheit und Gesundheit und Vorstellungen von Normalität zu analysieren.

Gleichzeitig ist die psychiatrische Einweisungspraxis auch aus psychiatriegeschichtlicher Perspektive ein besonders interessantes Forschungsgebiet. Denn zumindest für das 20. Jahrhundert in Deutschland wird vor allem zur wissenschaftsgeschichtlichen und regulatorischen Ebene geforscht. Mit Hilfe der Einweisungspraxis kann ich einen Schwerpunkt auf die Patienten und deren Umfeld legen, ohne die beiden anderen Ebenen aus den Augen zu verlieren. So kann ich untersuchen, wie und ob sich Normalitätsvorstellungen bei ganz „normalen“ Deutschen veränderten und wie dies mit der regulatorischen Ebene zusammen oder nicht zusammen hing.

L.I.S.A.: Ihre Untersuchungen beziehen sich auf die Jahre von 1941 bis 1963. Wieso konzentrieren Sie sich genau auf diesen Zeitraum?

Coché: Ich möchte Kontinuitäten und Brüche zwischen der Zeit des Zweiten Weltkrieges und den beiden Nachfolgestaaten untersuchen. Ich beginne im Jahr 1941, da man spätestens nach dem offiziellen Abbruch der Aktion T4 davon ausgehen kann, dass es in der Bevölkerung ein Wissen um die Krankenmorde gab. Ich analysiere die psychiatrische Einweisungspraxis von 1941 bis Kriegsende also unter nationalsozialistischen Extrembedingungen, um von dort aus nach Veränderungen oder Kontinuitäten zu fragen. Mein Untersuchungszeitraum endet bevor die Psychiatriereformen in den 1960er Jahren richtig Fahrt aufnehmen. Mit den Psychiatriereformen beginnt ein neues Kapitel in der 1963 wurden in der DDR die „Rodewischer Thesen“ formuliert, die viele wichtige Impulse für Psychiatriereformen in Ost und West benannten, an der Tagung in Rodewisch nahmen auch Psychiater aus dem Westen teil. So wurden u.a. offene Kliniken, Familienpflege und die Gleichstellung psychisch Kranker mit somatisch Kranken diskutiert, die in meinem Untersuchungszeitraum kaum von Relevanz waren.

L.I.S.A.: Sie gehen von der Annahme aus, dass Inklusions- und Exklusionspraktiken wesentliche Instrumente zur Generierung gesellschaftlicher Normalität sind. Wie unterschied sich das damalige gesellschaftliche Verständnis von Krankheit, Gesundheit, Normalität, Sicherheit und „Sittlichkeit“ zur heutigen Zeit?

Coché: Die meisten meiner Ergebnisse beruhen auf der Auswertung von Krankenakten und lassen Schlüsse auf das Verständnis von Krankheit, Normalität und Sittlichkeit in der Familie des Patienten, seinem direktem sozialem Umfeld und durch Briefe oder andere Egodokumente beim Patienten selbst zu. Auf dieser tieferen Ebene gibt es keine Erkenntnisse für die heutige Zeit, da Patientenakten zur Analyse aus Gründen des Arztgeheimnisses, bzw. des Patientenschutzes nicht zur Verfügung stehen.

Auf einer allgemeineren Ebene kann man einige Veränderungen, aber auch Kontinuitäten feststellen. Es gab drei grundlegende Veränderungen, die für das gesellschaftliche Verständnis von großer Bedeutung waren: am bekanntesten sind die Psychiatriereformen der 1970er Jahre, in deren Zuge der Umgang mit psychiatrisch Kranken in den Anstalten und Kliniken von vielen Seiten hinterfragt wurde. Daneben gibt es zwei nicht ganz so prominente, aber in ihren Auswirkungen sehr folgenreiche Entwicklungen aus dem medizinischen Bereich.

Zum einen ist die Einführung der Psychopharmaka in den 1950er Jahren zu nennen. Bis zur Einführung der Psychopharmaka gab es kaum erfolgreiche Behandlungsmethoden für klassische psychiatrische Erkrankungen, wie Depressionen oder Schizophrenie. Ob eine Krankheit als heilbar oder zu mindestens durch Medikamente handhabbar gilt, ist jedoch sowohl für die behandelnden Ärzte, als auch für Patienten und deren Umfeld von großer Wichtigkeit.

Zum anderen hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine Differenzierung der Anstalten stattgefunden. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Anstalten u.a. zum Sammelbecken für alte Leute, die in der Weimarer Republik und dann später in BRD und DDR in Altersheimen untergebracht wurden. Gleichzeitig gab es bis zur Eindämmung von Syphilis und Gonorrhoe durch Antibiotikum viele Geschlechtskranke in den Anstalten, da die unbehandelten Infektionen zu progressiver Paralyse führen konnten. Darüberhinaus wurden Einweisungen in psychiatrische Anstalten auch nach einer deutlichen Eindämmung der Geschlechtskrankheiten gegen Ende der 1940er Jahre, zumindest in der BRD auch in den 1950er Jahren im juristischen Diskurs/in der Diskussion um ein neues Gesetz zur Zwangseinweisung weiterhin meist im Kontext von Isolierung bei ansteckenden Krankheiten, insbesondere von Geschlechtskrankheiten, thematisiert. Diese enge Verbindung von Geistes- und Geschlechtskrankheiten ist in der heutigen Gesellschaft hingegen kaum mehr existent.  

Trotz dieser Veränderungen gibt es zwei durchaus vergleichbare Phänomene. So wurde und wird erstens die öffentliche Diskussion dominiert von Fragen zu Psychiatrie und Sicherheit: entweder zum Thema „ungerechtfertigte Zwangseinweisung“ oder andersherum zum Thema „Warum wurde nicht eingewiesen bevor etwas passiert ist?“. Das für die allermeisten Patienten und Familien vorrangige Thema „Krankheit“ und Hilfe bei Krankheit verbleibt dahingegen eher im Bereich des Privaten. Zweitens gibt es zweifelslos im Alltag eine Kontinuität in der zwanglosen Benutzung des Begriffs „Asozial“ zur Umschreibung von „Nicht-Normalität“ der unteren Schichten – im Gegensatz zum medizinischen Diskurs, der sich dieses Begriffes seit den 1960er Jahren sukzessive entledigt hat. Die unreflektierte Benutzung dieses Begriffes würde ich im Zusammenhang mit der relativ späten Aufarbeitung der Krankenmorde und des in der Forschung und der Gesellschaft eher geringen Interesses am Umgang mit sogenannten „Asozialen“ im Nationalsozialismus sehen.

Stefanie Coché

L.I.S.A.: Für Ihre Arbeit ziehen Sie psychiatrische Krankenakten heran. Welche Gründe werden in den damaligen Akten für eine psychiatrische Einweisung angegeben und wie lief eine Einweisung genau ab?

Coché: Eine Einweisung konnte unterschiedlich ablaufen. Die Zuständigkeit für Zwangseinweisungen variierte in Nationalsozialismus, DDR und BRD. So spielte in der NS-Zeit die Polizei eine maßgebliche Rolle, während in der BRD und der DDR nur nach richterlichem Beschluss zwangseingewiesen werden dürfte. Im größten Teil meines Untersuchungszeitraumes herrschte jedoch weder für die DDR (bis 1968) noch für die BRD (bis 1956) eine verbindliche bundesweite Regelung. Es gab also erheblichen Handlungsspielraum und größere regionale Differenzen. Dies trifft umso mehr für die sehr viel zahlreicheren formell freiwilligen Aufnahmen in Kliniken und Anstalten zu. Hierbei handelt es sich hinsichtlich des Verfahrens um eine weitgehend nicht reglementierte Prozedur, auf die neben Ärzten auch der Patient und seine Familie erheblichen Einfluss hatten.
Die beiden offiziellen Gründe für einen Anstaltsaufenthalt waren „Krankheit“ und „Sicherheit“. Sicherheit konnte bedeuten, der Patient stellte eine Gefahr für sich selbst oder für andere dar. Während der NS-Zeit hatte gemäß der „Volksgemeinschaftsideologie“ die Gefährdung anderer jedoch Vorrang vor der Selbstgefährdung.  

In der Praxis spielten jedoch auch andere Gründe eine mindestens genauso große Rolle. Diese finden sich in den Krankenakten in der sogenannten Eigenanamnese und objektive Anamnese, in denen der Patient und Personen aus seinem Umfeld zum bisherigen Verlauf der Krankheit befragt werden. Zudem enthalten manche der Akten Egodokumente, wie Briefe. In den allermeisten Fällen fand das Feststellen einer psychischen Anormalität oder die Zuschreibung von Krankheit Monate bis Jahre vor der ersten Einweisung der Person statt. Für eine Einweisung waren also zwei zeitlich zum Teil weit auseinander fallende Schwellen konstitutiv: Die Zuschreibung von Krankheit in der Familie und dem sozialen Umfeld sowie manchmal durch den Patienten selbst und die Zuschreibung von Anstaltsbedürftigkeit. Im Alltagsleben machten viele Patienten und ihr Umfeld diese beiden Schwellen an zwei Themenkomplexen fest, nämlich an den Themenfeldern „Arbeit und Leistung“ und „Geschlechterrollen und Sexualität“, wobei diese in den Argumentationen natürlich verbunden sein konnten. Sexualität spielte dabei bei Frauen in deutlich größerem Maße eine Rolle als bei Männern. Während Männer um als sexuell abweichend zu gelten, meist klar fassbare strafrechtlich relevante Verstöße begangen haben musste, z.B. Kindesmissbrauch, reichten bei Frauen oft vage Beschreibungen geringfügig abweichenden Verhaltens aus der subjektiven Perspektive des Ehemanns, wie z.B. die Beschreibung „sie war kalt beim Geschlechtsverkehr“. Im Themenfeld Arbeit war ein Nachlassen der Arbeitsfähigkeit für viele Patienten ein Indikator für Erkrankung und ebenfalls oft ausschlaggebend bei der konkreten Entscheidung zur Einweisung.

L.I.S.A.: In ihrem Projekt untersuchen Sie insgesamt sechs psychiatrische Anstalten, von denen zwei auf dem Gebiet der ehemaligen DDR liegen. Ist eine Kontinuität der Einweisungspraxen über den ausgewählten Zeitraum zu erkennen oder lassen sich schon Unterschiede in der Geschichte der Psychiatrie zwischen BRD und DDR skizzieren?

Coché: Es lassen sich durchaus Unterschiede in der Praxis der Einweisung in der BRD und der DDR konstatieren. In dem einen der gerade genannten Felder „Geschlechterrollen und Sexualität“ finden sich viele Gemeinsamkeiten zwischen DDR und BRD in den 1950er Jahren, wenn auch nicht ausschließlich. Insgesamt nimmt sowohl in DDR als auch in BRD die Rolle des weiblichen Körpers für die Krankheitszuschreibung im Vergleich zur Zeit des Zweiten Weltkrieges etwas ab, während durch die Kriegsanforderungen verwischte traditionelle Geschlechterrollen wieder wichtiger werden.  Das andere  Themenfeld „Arbeit und Leistung“ weist hingegen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten auf. Während Arbeit in der DDR auf der offiziellen Ebene in der Einweisungspraxis eine immer größere Rolle spielt, nimmt die Bedeutung von Arbeit für die Definition eines gesunden Selbst für größere Teile der Bevölkerung ab. So wird bei jeder Einweisung zwar ärztlicherseits detailliert nach dem Gehalt und nach Arbeitsumständen gefragt, gerade viele Arbeiter führen aber Nachlassen der Arbeitsfähigkeit für die Selbstzuschreibung von Krankheit kaum mehr an. In der BRD hingegen bleibt Arbeit bzw. Arbeitsunfähigkeit in den Erzählungen von Patienten und Familie von enormer Bedeutung, während andersherum z.B. Überarbeitung, was wir heute Stress nennen würden, von ärztlicher Seite gerade bei unteren Schichten – anders als die sogenannte „Managerkrankheit“ beim Führungspersonal des neuen Staates -  nicht anerkannt wurde.

L.I.S.A.: Der Fall Gustl Mollath sorgt momentan für Aufsehen. Nach einer umstrittenen siebenjährigen Zwangsunterbringung in psychiatrischen Einrichtungen wurde er nun entlassen und das Gerichtsverfahren muss neu aufgerollt werden. Sehen Sie irgendwelche Bezüge zwischen dem aktuell viel diskutierten Fall Gustl Mollaths und der Geschichte der psychiatrischen Einweisungspraxis?

Coché: Als Historikerin kann ich natürlich nicht die juristischen Details des Falles beurteilen, die Grundkonstellation scheint mir jedoch zumindest in Teilen historisch erklärbar. Dabei sind meines Erachtens insbesondere drei Punkte interessant.

Erstens hat das heutige System gerichtsmedizinischer Gutachten seinen Ursprung im 19. Jahrhundert. Neben staatlichen und institutionellen Interessen spielte dabei auch die Herausbildung der Psychiatrie als Profession eine wichtige Rolle. Unzurechnungsfähigkeit bei Straftaten ist bereits seit 1532 bekannt. Im 19. Jahrhundert wurden dann gerichtsmedizinische Gutachten wichtig für die Herausbildung der Psychiatrie als Profession, auch wenn die Gutachten damals nicht verbindlich waren. Das neue medizinische Spezialgebiet nahm auf Grund der Gutachtertätigkeit eine wichtige Rolle für Staat und Gesellschaft ein. Indem es definierte, wer als gefährlich galt und deswegen von der Gesellschaft getrennt werden musste, machte sich das neue medizinische Spezialgebiet unverzichtbar für das funktionieren und regulieren eines modernen Staates. Welche Rolle Mediziner und Juristen bei der Begutachtung und ihrer Bewertung spielen sollten, wurde u.a. auch in der frühen DDR und BRD wieder eingehend diskutiert. Dass der Fall Mollath in der aktuellen Diskussion auch Fragen nach dem Funktionieren des Rechtssystems auf allgemeinerer Ebene aufgeworfen hat, insbesondere zu Diskussionen um den § 63 StGB, bettet sich also in eine längere Tradition ein.

Wegweisende juristische Veränderungen gab es zu Beginn des Nationalsozialismus und in der frühen BRD. Denn zweitens beruht der heutige § 63 des Strafgesetzbuches, auf dessen Grundlage Gustl Mollath in die forensische Psychiatrie eingewiesen wurde, auf dem „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über die Maßregeln der Sicherung und Besserung (GgGSB)“ vom 24. November 1933. Dieses Gesetz führte eine Regelung zur Unterbringung von unzurechnungsfähigen Straftätern in Heil- und Pflegeanstalten ein. Der damalige § 42b des Strafgesetzbuches schrieb die Unterbringung von unzurechnungsfähigen Straftätern dann vor, „wenn die öffentliche Sicherheit es erfordert“. Diese weite Formulierung, die auch bei kleinsten Gesetzesübertretungen eine Unterbringung in der forensischen Psychiatrie ermöglichte, galt in der BRD bis 1975. Dann wurde mit dem inzwischen vieldiskutierten § 63, der  den § 42b abgelöst hat, die Unterbringung formal erschwert. Seit diesem Zeitpunkt müssen erhebliche Straftaten vorliegen und es muss eine Gesamtwürdigung aller Umstände stattfinden.

Neben der Umsetzung von § 42b verliefen drittens im Nationalsozialismus viele Zwangseinweisungen im Namen der öffentlichen Sicherheit in Kooperation von Polizei und Ärzten ohne juristische Beteiligung. Zu Beginn der BRD hat sich die Praxis der Zwangseinweisung dann insgesamt klar in den juristischen Bereich verschoben. In Reaktion auf die Zeit des Nationalsozialismus sollte Artikel 104 des Grundgesetzes die persönliche Freiheit garantieren. Absatz 2 besagt „Über die Zulässigkeit und Fortdauer einer Freiheitsentziehung hat nur der Richter zu entscheiden. Bei jeder nicht auf richterlicher Anordnung beruhenden Freiheitsentziehung ist unverzüglich eine richterliche Entscheidung herbeizuführen. (…)“

Nun erscheint es im Falle Gustl Mollaths trotz richterlicher Entscheidung nach momentanem Stand der Dinge zumindest zweifelhaft, ob es sich nicht trotzdem um eine ungerechtfertigte Einweisung in die forensische Psychiatrie handeln könnte. Das führt zu zwei Überlegungen, die über die 1940er bis 60er Jahre hinaus meiner Meinung nach im Kontext von Einweisungspraxis insgesamt wichtig sind. Zum einen stelle ich in meiner Arbeit fest, dass im Zeitraum 1941-1963 in unterschiedlichem Maße die Praktiken der Einweisung nicht selten von gegebenen Regeln abweichen oder dass die Regeln so unkonkret sind, dass auf Grund des großen Spielraums eigentlich in erster Linie die Praxis aussagefähig ist, wenn man sich näher mit dem Gegenstand beschäftigen will. Zum anderen spielen in meinem Untersuchungszeitraum in der Praxis der Einweisung neben den offiziellen Akteuren, wie Ärzten oder Juristen, vor allem die Familien und das soziale Umfeld der Patienten eine sehr wichtige Rolle. Viele der Informationen über den Patienten, nach denen medizinische und juristische Experten urteilten, stammen aus diesem Umfeld und sind für die Experten durch den Blick der Angehörigen bereits vorgefiltert. Psychiatrische Einweisungen sind daher auch im Falle von Zwangseinweisungen nicht nur vom konkreten historischen Kontext abhängig, in dessen Rechtsystem sie eingebettet sind, sondern sind komplexe Aushandlungen an denen viele Akteure maßgeblich beteiligt sind.

Stefanie Coché hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Robert Parzer | 21.08.2013 | 15:07 Uhr
Können Sie die Quelle für das "Hinweisschild" verraten?

Kommentar

von Dr. Birte Ruhardt | 03.09.2013 | 11:40 Uhr
Lieber Herr Parzer,

Frau Coché gibt die folgende Quelle für das Hinweisschild an: http://www.flickr.com/photos/14405341@N07/2072074528/

Viele Grüße
Ihre L.I.S.A.Redaktion

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