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Georgios Chatzoudis | 20.04.2017 | 563 Aufrufe | Interviews

"Die NS-Zeit wurde stets ausgeblendet"

Interview mit Agnes Meisinger zum Wiener Eislauf-Verein im Nationalsozialismus

Bald nach dem sogenannten Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich erfolgte 1938 auch dort der Ausschluss jüdischer Mitglieder aus Sportvereinen des Landes. Exemplarisch für diese Praxis hat die Historikerin Agnes Meisinger vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien die NS-Geschichte des Wiener Eislauf-Vereins untersucht. Noch bis zuletzt hatte der bürgerliche Verein seine Verstrickung in den Nationalsozialismus verschwiegen. Ihre Ergebnisse hat Agnes Meisinger im Band "Sport im Nationalsozialismus" veröffentlicht. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

"Verein schrumpfte nach Ausschluss jüdischer Mitglieder auf die Hälfte"

L.I.S.A.: Frau Meisinger, Sie haben im Band "Sport und Nationalsozialismus", herausgegeben von Prof. Dr. Frank Becker und Dr. Ralf Schäfer", eine Spezialstudie über den Wiener Eislauf-Verein (WEV) in der Zeit des Nationalsozialismus publiziert. Bevor wir zu Einzelheiten kommen, was ist die leitende Fragestellung bzw. die zentrale These Ihrer Studie?

Meisinger: Die von Ihnen angesprochene Studie ging aus einem Forschungsprojekt zur nunmehr 150-jährigen Geschichte des Wiener Eislauf-Vereins hervor, das am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien angesiedelt ist und kurz vor seinem Abschluss steht. Die Abschlusspublikation, ein Gesamtwerk zur Geschichte des WEV von 1867 bis 2017, wird im Herbst dieses Jahres erscheinen.

Obgleich der im Jahr 1867 gegründete Verein eine Vielzahl großer sportlicher Erfolge zu verzeichnen hat, geht es bei der Aufarbeitung seiner Historie selbstverständlich auch darum, den Verein in einem größeren Kontext gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen darzustellen. Es ist ja keine neue Erkenntnis, dass Sportgeschichte auf vielfältige Weise mit politischer Geschichte, der Geschichte von Alltagskulturen, mit Stadtgeschichte etc. verknüpft ist. Insbesondere für die Zeit des Nationalsozialismus lässt sich ein derart erfolgreicher und mitgliederstarker Sportverein wie der WEV als Prisma für die drastischen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zwischen 1938 und 1945 begreifen.

Meine zentrale Frage war, in welcher Form NS-Ideologie, Antisemitismus und Rassismus als Teil des Vereinslebens praktiziert wurden und wer die zentralen Akteure dieser Praxis waren. Vor dem Hintergrund des Ausschlusses der jüdischen Mitglieder im Jahr 1938, die den Verein auf die Hälfte seiner Größe zusammenschrumpfen ließen, und den sozioökonomischen Veränderungen während der Kriegsjahre interessierte mich darüber hinaus, wie unter diesen Bedingungen die Aufrechterhaltung des Sportbetriebes gelingen konnte.

"Der Übergang von einem zum anderen autoritären Regime war fließend"

L.I.S.A.: Inwiefern ist die Geschichte des WEV paradigmatisch für den Sport in Österreich in den 1930er Jahren? Unterscheidet sich die austrofaschistische Phase von der nationalsozialistischen nach dem "Anschluss"? Oder haben wir es hier eher mit einem fließenden Übergang zu tun?

Meisinger: Vorstandsmitglieder des Eislauf-Vereins sympathisierten ebenso mit den Machthabern der austrofaschistischen Ära (1933/34-1938) wie auch unmittelbar nach dem „Anschluss“ mit den Nationalsozialisten. Ich sehe den Hauptgrund dafür in der finanziellen Lage des WEV, der seit der Wirtschaftskrise in den frühen 1930er-Jahren um sein ökonomisches Überleben kämpfte und leistungssportliche Aktivitäten, die den Verein und seine Sportler und Sportlerinnen spätestens in den „goldenen Zwanziger Jahren“ weltbekannt gemacht hatten, nur mit Hilfe staatlicher Förderungen fortsetzen konnte. Dass es unter den Funktionären des Vereins auch glühende Anhänger des Nationalsozialismus gab, ist jedenfalls unbestritten.

Der Übergang von einem zum anderen autoritären Regime gestaltete sich fließend, denn der WEV war gut vorbereitet. Die wichtigsten Positionen auf Funktionärsebene wurden rasch mit parteinahen Personen besetzt, die die Umgestaltung des Vereins nach nationalsozialistischen Vorgaben vorantrieben. Es existierten wohl bereits zum Zeitpunkt des „Anschlusses“ im März 1938 Listen mit den Namen jüdischer Mitglieder, denn in kürzester Zeit  – bis zum  Juni 1938 – wurden mehr als 2.500 Personen aus dem Verein ausgeschlossen. Auch enge Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern waren schon vorhanden.

"Verein bildete Nachwuchs in den Sportsektionen der HJ und des BDM aus"

L.I.S.A.: Welche Funktion hatten Sportvereine wie der WEV für den Nationalsozialismus? Was sollten sie sowohl nach innen gegenüber den eigenen Mitgliedern als auch nach außen symbolisieren?

Meisinger: Die großen Sport- und Unterhaltungsveranstaltungen des Wiener Eislauf-Vereins sollten, wie auch etwa die Fußballspiele der großen Clubs Rapid oder Vienna, den Wienern und Wienerinnen als Ablenkung vom Kriegsalltag dienen und eine gewisse Normalität suggerieren. Nicht selten waren dabei hohe NS-Funktionäre anwesend.

Trotz der finanziell angespannten Situation zählten die Athleten und Athletinnen des WEV zu den erfolgreichsten des Deutschen Reichs. Zudem bildete der Verein Nachwuchs in den Sportsektionen der Hitlerjugend (HJ) und des Bunds Deutscher Mädel (BDM) aus und half dadurch mit, das NS-System auf der Ebene des Sports zu stabilisieren. Der wohl prestigeträchtigste Sieg gelang der WEV-Eishockeymannschaft, die sich in der Endrunde der Deutschen Kriegsmeisterschaft 1940 gegen den Berliner SC, SC Riessersee und Düsseldorfer EG durchsetzte und den Titel holte. Ein Erfolg, der von der Wiener Presse propagandistisch ausgeschlachtet wurde.

"Der bürgerliche Charakter prägt den Verein bis in die Gegenwart"

L.I.S.A.: Sie stellen in Ihrer Studie fest, dass der WEV ein stark bürgerlich geprägter Verein war, der auch viele Juden zu seinen Mitgliedern zählte. Ging mit dem Ausschluss jüdischer Vereinsmitglieder auch der bürgerliche Charakter des Vereins insgesamt verloren?

Meisinger: Nein, das würde ich nicht sagen. Der bürgerliche Charakter prägt den Verein bis in die Gegenwart. Das hat einerseits mit der Lage des Eislaufplatzes zu tun, der sich in unmittelbarer Nähe der Wiener Innenstadt und der Ringstraße befindet, andererseits mit einer über viele Generationen gewachsenen Mitgliederstruktur. Das Tagespublikum allerdings erfuhr nach dem Krieg eine starke Durchmischung.

"Keinerlei Auseinandersetzung mit der Involvierung des Vereins "

L.I.S.A.: Der WEV hat den Zweiten Weltkrieg überlebt und konnte nach 1945 einen Neuanfang starten. Trifft der Begriff Neuanfang zu? Wie hat sich der Verein zu seiner NS-Vergangenheit gestellt?

Meisinger: „Überlebt“ trifft es gut. Der Eislaufbetrieb für die Öffentlichkeit musste im Januar 1944 aufgrund des Ressourcen- und Personalmangels eingestellt werden, und in der letzten Kriegssaison 1944/45 fanden nur mehr einige wenige Schaulaufveranstaltungen statt. Mit der Unterstützung des Gausportführers gelang es wiederholt, den Bankrott abzuwenden. Nach Ende des Krieges dauerte es viele Jahre, bis sich der Verein in ökonomischer und sozialer Hinsicht konsolidiert hatte.

Zwar begann man nach dem Krieg rasch damit, sich durch einen Demokratisierungsprozess auf Vorstandsebene vom Nationalsozialismus zu distanzieren, es kam allerdings zu keinerlei Auseinandersetzung mit der Involvierung des Vereins in die rassistischen Praktiken des NS-Systems oder auf welche Weise Funktionäre von diesem System profitiert hatten. In Publikationen des Vereins wurde die NS-Zeit stets ausgeblendet: Auch mehr als zwei Jahrzehnte später, in der Festschrift zum 100-jährigen Bestandsjubiläum 1967, fand die Zeit zwischen 1938 und 1945 keine Erwähnung. Die im Band der Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus präsentierte Studie stellt nun die erste Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit des Wiener Eislauf-Vereins dar. In der erwähnten Publikation zum 150-jährigen Bestehen des Wiener Eislauf-Vereins, die im kommenden Oktober erscheint, werden auch diese Ergebnisse erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Agnes Meisinger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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