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Georgios Chatzoudis | 11.09.2014 | 888 Aufrufe | Interviews

"Die nationale Perspektive auf die Geschichte überwinden"

Interview mit Friedrich Kießling zur Kriegsschulddebatte

Die Fixierung auf die Kriegsschuldfrage in den Diskussionen über den Ersten Weltkrieg verschleiern den Blick auf viele andere Fragen, die sich professionelle Historikerinnen und Historiker längst stellen. Das meint jedenfalls der Historiker Prof. Dr. Friedrich Kießling von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Forschung sei schon viel weiter. Umso bemerkenswerter, dass vor allem in den Feuilletons die Kriegsschulddebatte wieder so viel Aufmerksamkeit findet und heiß geführt wird. Woran das liegt und welche Fragen sich vielmehr aufdrängen, darüber haben wir mit Prof. Dr. Friedrich Kießling gesprochen.

Prof. Dr. Friedrich Kießling, Department Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

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"Die Konzentration auf die Kriegsschuldfrage ignoriert internationale Dimensionen"

L.I.S.A.: Herr Professor Kießling, in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung haben Sie mit Blick auf die aktuellen Debatten rund um den Ersten Weltkrieg eine „Nationale Nabelschau“ ausgemacht. Was genau meinen Sie damit?

Prof. Kießling: Mir ging es um die Frage nach den Kriegsursachen und die zuletzt wieder recht heftig geführte Diskussion um den deutschen Anteil daran. Das bleibt natürlich ein wichtiges Thema. Wogegen ich mich wende, ist die Dominanz der alten „Schuldfrage“ auch heute noch. Nehmen wir Christopher Clarks Buch, das die Debatte in Deutschland ausgelöst hat: Clark interessiert ja nicht, welche Verantwortung die eine, die andere oder eine dritte Regierung trägt. Er fragt nach Mustern, nach systematischen oder nach europäischen Erklärungen. Und ich glaube, er hat völlig recht damit. Das spezifische Verhalten einer Regierung reicht zur Erklärung des Krieges nicht aus. Es war ebenso eine bestimmte Art und Weise, Außenpolitik zu betreiben, die wir uns ansehen müssen, und diese war, jedenfalls auf dem Kontinent (die britische Politik sehe ich im Umkreis der Julikrise etwas anders), beileibe kein deutsches Spezifikum. Wenn wir es so betrachten, dann reden wir über die Rolle von Prestige, von „nationaler Ehre“, von geopolitischen Kalkülen, von geschriebenen und ungeschriebenen Regeln sowie deren Einhaltung, von Glaubwürdigkeit oder auch dem Entstehen von Vertrauen sowie dem Wachsen von Misstrauen in den internationalen Beziehungen. Das sind Fragen, die eben nicht national zu beantworten sind, die aber bis heute für die Analyse von internationalen Systemen hoch relevant sind.

Noch etwas kommt hinzu: Eine Erkenntnis der jüngeren Forschung ist, dass das Deutsche Reich weniger im Zentrum der internationalen Beziehungen vor 1914 stand, als wir lange Zeit dachten. Es gab wichtige Entwicklungen, mit der die deutsche Politik nur wenig oder gar nichts zu tun hatte. Für die britische Regierung war die Situation in Indien mit entscheidend. Für die russische Politik war Ostasien ganz wichtig. Auf beides hatte Berlin keinen oder kaum Einfluss. Das macht die Entscheidungen der Berliner Führung in der Julikrise nicht besser, die alleinige Konzentration auf die Kriegsschuldfrage ignoriert aber diese internationale Dimension. Sie tut so, als sei alles von Berlin ausgegangen. Auch das ist aus meiner Sicht eine Art von nationaler Nabelschau. Es schreibt darüber hinaus eine nationale Perspektive auf die Geschichte fort, die wie eigentlich im Moment zu überwinden versuchen.

"Eine internationalere oder systematischere Sicht auf den Kriegsausbruch"

L.I.S.A.: Wie erklären Sie sich das neue große Interesse an der Kriegsschuldfrage, die Historiker eigentlich lange nicht mehr beschäftigt hat?

Prof. Kießling: Was die Geschichtswissenschaft selbst anbelangt, ist es vermutlich auch eine Generationenfrage. Die Mehrheit derjenigen, die auf der Schuldfrage beharren, ist biographisch deutlich näher an der Fischerkontroverse, als das zum Beispiel für mich gilt. Für diese Generation geht es gewissermaßen um die Verteidigung des von ihr entwickelten Geschichtsbildes. Für die Ausbildung dieses Bildes war die Fischerkontroverse in mehrerer Hinsicht prägend. Für die meisten jüngeren Historiker und Historikerinnen ist die Kriegsschuldfrage dagegen nur eine unter vielen Fragen, die sich im Zusammenhang mit den Ursachen des Ersten Weltkriegs stellt.

Darüber hinaus gibt es, glaube ich, unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Ergebnisse der Geschichtswissenschaft für die Gegenwart besonders relevant sind. Insofern ist unser historisches Fragen auch bei diesem Thema an die Gegenwart gebunden. Diejenigen, die - wie etwa Heinrich August Winkler - die Kriegsschuldfrage betonen, haben den Eindruck, dass es auch für das heutige Deutschland wichtig ist, vor allem die große deutsche Verantwortung am Ersten Weltkrieg herauszuarbeiten. Ich kann diesem Argument im Übrigen ein gutes Stück folgen. Auch ich begegne bei Vorträgen oder Diskussionen Menschen, die offenbar vor allem eine historische Entlastung Deutschlands wünschen. Deswegen ist es mir auch wichtig, zu betonen, dass eine internationalere oder systematischere Sicht auf den Kriegsausbruch nicht bedeutet, die deutsche Verantwortung an der Entstehung des Ersten Weltkriegs kleinzureden. Auf der anderen Seite: Wir sind nicht mehr in den 1950er oder 60er Jahren, als die Demokratie in Deutschland erst noch gefestigt werden musste. Die Problemlagen der Gegenwart sind andere. Das ist der Grund dafür, dass ich die Betonung der Schuldfrage in den letzten Wochen und Monaten so schade finde. Es überdeckt Themen, die uns bis heute angehen, und diese sind weniger national als europäisch oder global.

L.I.S.A.: Welche Rolle spielen die Medien bei dieser Debatte um die Verantwortlichkeiten für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs?

Prof. Kießling: Ich sehe die neu-alte Schulddebatte eher als eine Historikerdiskussion. Sie wird entsprechend vor allem in den Feuilletons der überregionalen Presse geführt. In der Berichterstattung im Fernsehen etwa habe ich sie gar nicht so wahrgenommen. Überraschender Weise fand ich zum Beispiel die TV-Dokumentationen, die ich gesehen habe, deutlich differenzierter. Dort kam die Vielgestaltigkeit der Zeit vor 1914, in der beileibe auch in Deutschland nicht alles auf den Krieg hinauslief, sehr viel besser zum Ausdruck. Das gilt auch für Diskussionssendungen, die an den hundertsten Jahrestag des Ersten Weltkriegs anschlossen. Da ging es dann kaum um die Schuldfrage, sondern darum, ob wir von 1914 etwas für die heutigen Probleme der europäischen Einigung oder die aktuellen Krisen, etwa in der Ukraine, lernen können.

"Unser Bild vom Kriegsausbruch sehr viel komplexer geworden"

L.I.S.A.: In Ihrem Artikel weisen Sie nachdrücklich darauf hin, dass die Forschung über den Ersten Weltkrieg längst ganz anderen Fragen nachgeht. Haben Sie einige Beispiele?

Prof. Kießling: In dem Artikel in der Süddeutschen Zeitung ging es mir vor allem um Arbeiten zum Kriegsausbruch, für die die Schuldfrage eben seit längerem nicht mehr der Ausgangspunkt ist und auf denen Christopher Clark und andere aufbauen. Man könnte in diesem Zusammenhang einzelne Arbeiten zur französischen, österreich-ungarischen oder der britischen Außenpolitik nennen, die vor allem seit den 1990er Jahren wertvolle neue Erkenntnisse gebracht haben.

Ich denke aber, andere Aspekte sind noch wichtiger: So werden beim Blick auf das deutsche Kaiserreich seit geraumer Zeit nicht die autoritär-obrigkeitsstaatlichen Züge, sondern seine Vielgestaltigkeit betont, in der auch Platz für demokratische oder zivilgesellschaftliche Ansätze war. Nicht wie vormodern das Kaiserreich war, ist dann die Frage, sondern wie modern es gerade in seiner Spätzeit möglicherweise wurde. Ein solches teilweise ziviles, plurales, in manchem demokratisches Kaiserreich, das unserer heutigen Gesellschaft sehr viel ähnlicher ist, mit dem Kriegsausbruch von 1914 zu verbinden, bleibt für mich eine spannende Herausforderung. Es könnte auch zum Nachdenken über die eigene Gegenwart anregen.

Was die Forschung auch sehr beschäftigt hat, ist die Frage, wie unausweichlich der Krieg war. Es wurde sozusagen versucht, die Perspektive der Zeitgenossen einzunehmen, die noch nicht um den Kriegsausbruch wussten. Dabei hat sich herausgestellt, dass in den internationalen Beziehungen (über die ich persönlich viel gearbeitet habe) eben nicht nur wachsende Spannung und ständige Krisen, sondern auch Beispiele gelungenen Krisenmanagements und vermeintlicher Entspannung existierten. Viele Zeitgenossen waren entsprechend erstaunlich lange optimistisch und rechneten nicht - oder jedenfalls nicht überwiegend - fatalistisch mit einem Krieg. Eine jüngere Publikation hat sogar die Frage nach der Unwahrscheinlichkeit des Krieges gestellt.

Untersucht wurde ebenso das Kriegsbild vor 1914. Der Charakter eines zukünftigen Krieges wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts breit und international diskutiert. Dabei herrschte keineswegs ein altmodisches Kriegsbild vor, im Gegenteil, der Mainstream in der Öffentlichkeit malte sich eher einen völlig neuen Krieg mit katastrophalen Folgen aus. Entsprechende Vorstellungen lassen sich auch bei Politikern und Militärs ausmachen. Man wusste durchaus, worauf man sich einließ.

Insgesamt ist unser Bild vom Kriegsausbruch sehr viel komplexer geworden. Es gab Militarismus, es gab aber ebenso ein wachsendes ziviles Europa. In den internationalen Beziehungen gab es Wettrüsten und viele Spannungen, es gab aber bis zuletzt Beispiele gelungenen Krisenmanagements. Die Erwartungen der Zeitgenossen waren nicht nur fatalistisch und von zunehmender Kriegsbereitschaft geprägt, sondern auch davon, dass der Frieden trotz allem schon lange hielt. Diese Unübersichtlichkeit, ja Widersprüchlichkeit in unsere Erklärungen des Kriegsausbruchs zu integrieren, ist für mich heute entscheidend.

L.I.S.A.: Welche Fragen stellen sich noch an den Ersten Weltkrieg bzw. welchen werden Ihrer Meinung zu wenig Beachtung geschenkt? Welche Rolle spielt dabei die Internationalisierung der Forschung?

Prof. Kießling: Wenn ich am Ende über die Frage nach dem Kriegsausbruch hinausgehen darf, so fällt mir zuerst die globale Dimension des Krieges ein. Damit sind keineswegs konkrete Kriegshandlungen gemeint. Vielmehr geht es darum, herauszufinden, wie zum Beispiel die asiatische, afrikanische oder südamerikanische Perspektive auf diesen Konflikt beschaffen war? Inwieweit haben sich in unterschiedlichen Weltregionen durch den Krieg Eigen- und Fremdbilder verändert? Inwieweit hat der Erste Weltkrieg dazu beigetragen, dass die Welt nicht nur als ein zusammenhängender Handlungsraum verstanden werden konnte (das war wohl schon vorher der Fall), sondern als ein interdependenter Raum, in dem es mehr als ein oder zwei Zentren geben konnte? Solche Fragen halte ich im Moment für besonders wichtig. Über sie wissen wir schon einiges, aber eben lange noch nicht genug. Ohne eine weitere Internationalisierung wird es dabei sicher nicht gehen.

Prof. Dr. Friedrich Kießling hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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