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Prof. Dr. Manfred Clemenz | 26.10.2017 | 786 Aufrufe | 4 | Artikel

Die Macht der Medien. Über strukturelle Fakes und andere Irreführungen

Ein Meinungsbeitrag

Vorbemerkung: Ich möchte im Folgenden an drei aktuellen Beispielen: Der Titelgeschichte des SPIEGEL vom 7.1.2017, Nr.41, der PLASBERG-TALKSHOW vom 16.10.2017 und der Berichterstattung über Katalonien, DIE ZEIT vom 5.10.2017, Nr.41, meine Überlegungen zu strukturellen Fakes in den Medien erörtern. Es handelt sich um Fallbeispiele, die als solche nicht ohne weiteres verallgemeinerbar sind, aber heuristische Bedeutung besitzen.

Collage mit Bildern von: Von A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3646888, Von Manfred Sauke - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2417703, Von unbekannt - http://www.welt.de/fernsehen/article4452029/Sigmar-Gabriel-vertraegt-die-Machtfrage-nicht.html, Logo, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2487265, Von User:Wmeinhart - Wolfgang Meinhart, Hamburg - Eigenes Werk, GFDL 1.2, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16757374

Beispiel 1: Titelgeschichte über die Macht der Medien des 'Spiegel'

„Fake news“ ist zu einem geflügelten Wort und  zu einem politischen Kampfbegriff geworden. Übersehen wird dabei häufig, dass Fake News nicht nur gezielt eingesetzte Falschmeldungen sind, sondern ebenso Informationen, die extrem einseitig oder irreführend sind, beziehungsweise wesentliche Informationen unterschlagen. Eine besonders dreiste Form der Irreführung hat kürzlich der SPIEGEL (Nr. 41) veröffentlicht, dreist, weil sich um eine reißerisch aufgemachte Mogelpackung handelt.

In Heft 41 titelt der SPIEGEL „Die unheimliche Macht. Wie ARD und ZDF Politik  betreiben“. Der naive Leser hätte so etwas wie eine Bestandaufnahme erwartet, in der direkte oder indirekte Einflussnahmen der öffentlich-rechtlichen Sender auf die Politik oder die öffentliche Meinung zur Sprache kommen. Der Leser wird enttäuscht: im Wesentlichen beschränkt sich der Beitrag auf die Querelen zwischen den Öffentlich-Rechtlichen, den Privatsendern und den Print-Verlegern,  beziehungsweise auf Vorschläge, die Öffentlich-Rechtlichen effizienter (d.h. sparsamer) zu gestalten, nicht ohne Hinweise, dass der Zuschauer, der besonders an Krimis, Unterhaltungsserien oder Sport interessiert sei, dies ja auch bei Bezahlsendern bekommen könne. Die FDP-Philosophie, dass der Bürger am besten wisse, wie er mit seinem Geld oder mit den Gebühren umgehen könne, war unübersehbar. Lediglich an zwei kurzen Bemerkungen blitzte so etwas wie Medienkritik auf. Anläßlich des verunglückten Formats des sogenannten „Kanzlerduells“, könne das „Vorurteil“ entstehen, die Öffentlich-Rechtlichen seien zu nahe an der Macht - wie gesagt, als Vorurteil. Die zweite Bemerkung war etwas direkter auf die Machtnähe bezogen, allerdings auch hier mit Einschränkung: „Manchmal“ habe man den Eindruck, ARD und ZDF machten Fernsehen, wie „Merkel regiert“. Das war's dann mit der Analyse der „unheimlichen Macht“ des Fernsehens, sieht man von der nicht gerade originellen Kritik ab, dass viele Sendungen und „Dokumentationen“ „fast (?) Werbesendungen“ seien. In einem Leserbrief zur Spiegel-Titelgeschichte schreibt Dieter Hooge, ehemaliger Vorsitzender des HR-Rundfunkrates: „ZDF und ARD sind unter anderem bei ihren aktuellen Nachrichtensendungen […] auch für das verantwortlich, was weggelassen wird. Unterbliebene Nachrichten und Informationen häufen sich." (Nr.42)

Beispiel 2: Diskussion über die Wahlen in Österreicht bei 'Hart aber fair'

Soviel zur plumpesten Form der strukturellen „Fake News“: der Täuschung des Lesers über die Inhalte, vergleichbar den irreführenden Packungsaufschriften im Discounter-Regal. Ich komme zu einem zweiten Beispiel der Täuschung des Lesers/Zuschauers: Irreführung durch extrem einseitige Berichterstattung beziehungsweise Darstellung. Ein aktuelles Beispiel ist die Plasberg-Talkshow vom 16.10. 2017. Titel der Show: „Starke Kandidaten, starke Wahlergebnisse. Ein Weckruf für Angela Merkel“. Laut Anmoderation sollte es um die Analyse der Wahlen in Österreich, insbesondere um den Wahlerfolg von Sebastian Kurz  und um die Rolle der FPÖ gehen.

Ich möchte einige kurze Bemerkungen zur Bedeutung und zur Dramaturgie der politischen Talkshows voranschicken. Zur Bedeutung: die vier populärsten Sendungen, Plasberg, Maischberger, Illner und Will erreichen jeweils fünf bis acht  Millionen Zuschauer, das heißt pro Woche (berücksichtig man Überschneidungen) von geschätzten fünfzehn Millionen - dies allerdings bei Zuschauern mittleren und höheren Alters. Jüngere Zuschauer haben sich weitgehend von derartigen Talkshows verabschiedet. Der Grund ist leicht zu erraten: die weitgehend ritualisierten und klischeehaften Beiträge seitens der politisch-journalistischen, meinungsbildenden „Klasse“ (sie stellt die Mehrheit der Teilnehmer) sind für ein jüngeres Publikum auf die Dauer schlicht langweilig.

Die Dramaturgie der politischen Talkshows ist ausführlich untersucht worden, wobei einige wichtige Aspekte allerdings übersehen wurden. Ich möchte die - aus meiner Sicht - wichtigsten Punkte kurz skizzieren: 1. Das A und O für Verlauf und Ergebnis einer Talkshow ist die Auswahl der Teilnehmer. Da die Moderatoren sich durch Recherchen bzw. frühere Erfahrungen ein recht genaues Bild über die jeweilige Meinung eines Teilnehmers machen können, können sie sich durch Auswahl der Teilnehmer mit fast schon mathematischer Präzision ein Bild des Ablaufs verschaffen. Ausnahmen bestätigen die Regel, etwa wenn Frau Krone-Schmalz droht, die Talkshow zu verlassen oder Cohn-Bendit kurz entschlossen selbst die Regie übernimmt. 2. Eine wesentliche Rolle spielt die argumentative (gegebenenfalls auch szenische) Durchsetzungsfähigkeit eines Diskussionsteilnehmers. Es macht ersichtlich einen erheblichen Unterschied, ob man Oppermann oder Söder, Frau Göring-Eckhardt oder Frau Wagenknecht einlädt. 3. Die Moderatoren verfügen über die Macht der Verteilung der Diskursbeiträge, die fast nie angefochten wird. Neben der einfachen Worterteilung ist insbesondere die Redeaufforderung oder Unterbrechung eines Teilnehmers ein wichtiges Steuerungsinstrument: wer darf reden, wer wird unterbrochen. In der zu untersuchenden Sendung vom 16.10. beispielsweise hatte Edmund Stoibers (CSU) Redeanteil eine derart ungewöhnliche Dimension, wie ich sie in vielen Jahren Talkshow-Beobachtung selten erlebt habe. Häufig hat auch die Unterbrechung eines Teilnehmers geradezu demütigende Züge, beispielsweise: „Wir haben jetzt nicht den ganzen Abend Zeit“, oder: „Sie sollten zum Ende ihres Vortrags kommen“. Der gemaßregelte Teilnehmer wird bei seinem nächsten Beitrag sehr viel vorsichtiger sein. Zudem wird von den Moderatoren sehr strikt eine soziale Hierarchie eingehalten: Beiträge der Linkspartei haben dabei in der Regel schlechte Karten (sieht man von Gysi und Lafontaine ab). Ich habe in diesem Zusammenhang vom „Gladiatoren-Effekt“ gesprochen: wer wird exekutiert, wer überlebt? Die Claqeure im Publikum heben oder senken den Daumen (DER SPIEGEL 2011 (Nr. 49). 4. Tiefergehende oder faktenorientierte Diskussionen sind unverwünscht. Offenbar wird von den Moderatoren unterstellt, derartige Diskussionen wären für den Zuschauer unintesssant, gründlichere Analysen gewissermaßen nicht unterhaltend, nicht sexy. Dieses „Abhaken“ von Themen ist weitgehend dadurch bedingt, dass die Moderatoren eine feste Agenda ihrer Sendung haben: bestimmte Themenkomplexe, Einspieler, zusätzliche Gäste etc. Plasberg hat hierzu einen genialen Trick erfunden: was nicht in das Prokrustesbett seiner Agenda passt, wird in den „Faktencheck“ abgeschoben, dessen Auswahl natürlich von ihm selbstbestimmt wird.

Am problematischsten – auch was deren mögliche aufklärerische Funktion anbelangt, ist  (5.) der Wahrheitsanmaßung der Talkshow-Moderatoren. Besonders unverfroren tritt hier Illner auf: „In meinem Haus gibt es nichts als die Wahrheit“. Etwas vorsichtiger äußert sich Plasberg (SPIEGEL/41). „Wir denken darüber nach, ob unsere Sendung die[se] Gesellschaft richtig abbildet“. Was bestenfalls ein kleiner Ausschnitt der Gesellschaft - nach Maßgabe des jeweiligen Moderators - ist, wird zur „Wahrheit“, zum „Abbild der Gesellschaft“ stilisiert. Die Show will keine Show sein, sondern Wahrheitsfindung, ist aber letztlich nur eines: schlechtes Theater.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Plasberg-Show vom 16.10. in den Grundzügen analysieren. Teilnehmer waren Edmund Stoiber (CSU), Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen), Matthias Platzeck (SPD), Alexandra Föderl-Schmid (Süddeutsche Zeitung) und Peter Zudeick (freier Journalist) - also eine scheinbar gelungene Repräsentanz der politisch-journalistischen Klasse. Problematischer erscheint diese Kombination jedoch, wenn man die politischen Positionen der Teilnehmer betrachtet. Es dürfte wohl kaum ein Zufall sein, wenn Plasberg an die Seite (auch räumlich) von Stoiber, der die bekannte CSU-Position in der Flüchtlingsfrage vertrat, ausgerechnet Palmer setzt, dessen Position auch in seiner eigenen Partei höchst umstritten ist. Palmer bekräftigte seine Position noch einmal, indem er in fast allen Punkten mit Stoiber übereinstimmt. Links von Palmer (von den Teilnehmern aus gesehen) Frau Föderl-Schmid, die wohl als Kennerin der österreichischen Verhältnisse eingeladen war, sich jedoch nur knapp und vorsichtig kritisch zu ihren Nachbarn zur Rechten äußerte. Eine treffende Bemerkung von ihr, dass auch die SPÖ nach rechts gerückt sei - ohne Erfolg -, blieb ohne Resonanz. Neben ihr dann Platzeck, der sich als einziger Teilnehmer kritisch und besorgt über eine „Achsenverschiebung“ nach rechts äußerte, und schließlich Zudeick, der einen bemerkenswerten Spagat zwischen einer CSU-Position (Merkels Politik: eine Katastrophe, Kontrollverlust, Aufgabe des „Staatsauftrags“) und dem Versuch einer differenten Position, wonach die Flüchtlinge Projektionsfläche tiefer liegender sozialer Probleme und Versäumnisse seien. Angesichts der rhetorischen Dominanz von Stoiber und Palmer war Platzeck der einzige, der eine dezidierte Gegenposition vertrat, aber mit seinen Appellen an Humanität und Menschenwürde weitgehend im Allgemeinen blieb und dem apokalyptischen Szenario von Stoiber und Palmer letztlich nur wenig entgegensetzen konnte. Aber auch Platzeck konzedierte, dass wir uns in der Flüchtlingsfrage zu schnell in ein „Wohlgefühl“ geflüchtet hätten, das nicht der Realität entsprach.

Die rhetorische Dominanz von Stoiber und Palmer kam insbesondere in der zeitlichen Verteilung der Redebeiträge zum Ausdruck. Stoiber sprach ca. 35 Minuten, Palmer etwas mehr als 10 Minuten. Zieht man von der gesamten Sendezeit von 75 Minuten ca. 15 Minuten (eher mehr) für Anmoderation, Einspieler und Zuschauerzuschriften, so entfallen auf Stoiber und Palmer 45 Minuten, auf die übrigen drei Teilnehmer insgesamt ca. 15 Minuten. Dass ein einzelner Teilnehmer mehr als die Hälfte der verfügbaren Redezeit in Anspruch nimmt, ist, wie gesagt, ungewöhnlich, um nicht zu sagen provokant.  Am Schluss sprach fast nur noch Soiber, ungebremst, eher ermuntert von Plasberg. In der Sprache des Theaters: Stoiber gab die Rampensau.

Zugleich kam diese rhetorische Dominanz auch darin zum Ausdruck, dass Stoiber und Palmer die „Diskussion“ fast ausschließlich auf das Flüchtlingsthema fokussierten, also das Thema extrem verengten, eigentlich verfehlten. Beide überboten sich gerade zu in Attacken gegen den angeblich ungeordneten Flüchtlingszustrom (derzeit ist der Zustrom immer „geordneter“ geworden, freilich zu einem hohen Preis, siehe Türkei und Libyen). Mittlerweile kämen, so Stoiber auch, in diesem Jahr 180.000 Flüchtlinge, ein Problem, das wir mit unserer „Humanität“ locker wegdrücken würden. Unter Berufung ausgerechnet auf Lafontaine (den er übrigens falsch zitierte) meinte er, dass die „unteren Schichten“ die Integration bezahlen würden, die die „oberen Schichten“ den Menschen auferlegen würden. Offen blieb, wer denn die oberen Schichten seien, etwa seine Parteifreunde in der Union? Richtig in Fahrt gekommen, verstieg er sich schließlich zu der These, dass wir die anstehenden sozialen Probleme bisher deshalb nicht lösen konnten, weil wir hinsichtlich der Flüchtlinge einen „Popanz“ aufgebaut hätten, weil achtzig Prozent der Flüchtlinge aus ökonomischen Gründen geflohen seien, und, so die unausgesprochene Schlussfolgerung, abgeschoben werden müssten. Dass Wirtschaftsflüchtlinge keinen Asyl- oder Flüchtlingsstatus beanspruchen können, ist mittlerweile unbestritten. Dass wir aber wegen des „Popanz“ noch nicht abgeschobener Wirtschaftsflüchtlinge unsere sozialen Probleme nicht lösen könnten, ist eine steile These, die wahrscheinlich nur Edmund Stoiber versteht.

Palmer sekundierte in fast jedem Punkt und spitzte das Problem noch zu: selbst wenn wir alle sozialen Probleme gelöst hätten, hätten wir noch immer Probleme mit den Flüchtlingen. Da er diese These verständlicherweise nicht empirisch belegen konnte, musste er auf seine persönliche Befindlichkeit rekurrieren. Fast wie ein Erweckungserlebnis schildert er, wie er sich in der Bahn mit Flüchtlingen (die ohne Fahrschein unterwegs waren) unwohl gefühlt habe. Es sei erwiesen, dass durch die Flüchtlinge die Gewaltneigung gestiegen sei. Er habe sich unwohl gefühlt, fühle sich anders als vor zwei Jahren. „Was kann ich tun, damit sich meine Lebensumwelt nicht so verändert?“ Als Plasberg schließlich die Fotos mit den Jugendlichen zeigt, die Palmer ins Netz gestellt hatte, platzt Zudeick der Kragen: Eine unnötige Aktion, das müsse man als Politiker anders machen.

Da sich geschätzte neunzig Prozent der Diskussion um Flüchtlinge und Obergrenze drehte, mit klarer rhetorischer Dominanz von Stoiber und Palmer, wäre an Plasberg die Frage zu stellen, ob er mit seiner Sendung tatsächlich die Gesellschaft „angemessen“ abgebildet habe oder nicht schlicht das Thema verfehlt hat, das er sich selbst gestellt hat, indem er Stoiber und Palmer noch einmal die Bühne für ihre Thesen zur Flüchtlingsfrage bereitgestellt hat.

Beispiel 3: Berichterstattung in 'Die Zeit' zum Fall "Katalonien"

Ein drittes Beispiel: zumindest Fake-verdächtig (im Sinne eines strukturellen Fakes) ist ein Artikel von Ulrich Ladurner (DIE ZEIT, Nr 41), in dem der Autor den katalonischen Autonomiebestrebungen nationalistisch geprägte Geschichtsklitterung vorwirft: „Berauscht vom eigenen Starrsinn sehen sich die katalanischen Separatisten im Kampf für historische Gerechtigkeit“. Zumindest hätte dem Autor auffallen müssen, dass er auch dem spanischen Ministerpräsidenten „Dickköpfigkeit“ vorwirft, also wohl ebenfalls Starrsinn. Zu Recht kann man beiden Seiten Starrsinn vorwerfen, doch dieser Starrsinn hat eine betrübliche Vorgeschichte, deren Initiator Mariano Rajoy war. Die Vorgeschichte beginnt mit dem gescheiterten Autonomiestatut für Katalonien von 2006: ohne dieses Scheitern ist der aktuelle Konflikt und die Forderung der Katalanen nach mehr Autonomie nicht verständlich. Diese Vorgeschichte unterschlägt Ladurner.

2006 wurde nach langen und zähen Verhandlungen im spanischen Parlament ein neues Autonomiestatut für Katalonien beschlossen, wobei bereits in dieser Fassung etwa die Hälfte der ursprünglich vorgesehenen Artikel verändert wurde.  Die katalonische Regierung, die Generalitat, hatte auf ein neues Statut gedrängt, weil das Statut von 1979 noch unter dem Einfluss ursprünglich franquistischer Politiker zustande gekommen war. Es sollte Katalonien eine ähnliche Autonomie verleihen, wie dem Baskenland und Navarra. 2006 stimmte das spanische Parlament dem Statut zu, es trat mit der Unterzeichung durch den spanischen König Juan Carlos am 19. Juni 2006 in Kraft. Zuvor hatten am 19. Juni mit einer Mehrheit von 74 % (bei allerdings geringer Wahlbeteiligung von ca. 50 %) die Katalanen in einem Referendum dem Statut zugestimmt. Das neue Statut hätte für Katalonien, ähnlich dem Baskenland und Navarra, eine weitgehende finanzielle Selbstverwaltung, damit zugleich erhebliche finanzielle Erleichterungen verschafft (es geht also auch um viel Geld, was häufig vergessen wird). Damit hätte der Konflikt beendet sein können.

Allerdings reichte bereits am 21. Juli 2006 Rajoys Partido Popular Verfassungsklage ein. Nach vierjährigen Verhandlungen des Verfassungsgerichts wurden 2010 zahlreiche Artikel des neuen Statuts für verfassungswidrig erklärt, das Statut praktisch gekippt. Ähnlich untersagte das Verfassungsgericht schon einmal, 2014 (wie auch 2017), ein Referendum über die Zukunft Kataloniens, Insbesondere die Ablehnung des Autonomiestatus löste Empörung in Katalonien aus: an einer Protestkundgebung am 10. Juli 2010 beteiligte sich eine Million Katalanen. Dass Rajoy praktisch die ganze Auseinandersetzung nicht in einem Dialog mit Katalonien führte, sondern an das Verfassungsgericht delegierte, löste auch bei nichtseparatistisch gesinnten Spaniern Unmut aus. Selbst der frühere Präsident des Verfassungsgerichts warnte vor einer „Politisierung des Gerichts“ (FAZ, 21.10.2017). Die liberale Zeitung El Pais (5.10.2017, S.2), ebenfalls nicht separatisch gesinnt, hat Rajoys Politik des Nichtdiskurses (vermutlich adressiert an seine konservative spanische Wählerschaft) anschaulich beschrieben: Rajoy wird mit einer nicht funktionierenden elektrischen Sicherung (fusible) verglichen: er habe über Jahre tatenlos dem Ansteigen der Spannung zugeschaut, keine seiner Voraussagen seien eingetroffen, er habe keinen Plan, sondern versuche, die Kosten auf andere abzuladen. Man könnte die Problemstellung somit auch umkehren: statt sich auf die Illegalität der Autonomiebesstrebungen zu fokussieren, könnte man umgekehrt fragen, ob nicht das Verfassungsgericht das Problem an die Politik hätte zurückgeben müssen?

Das als solches wenig bedeutungsvolle Beispiel zeigt jedoch, wie derart verfälschte Artikel wirken können. Der Fairness halber sei darauf hingewiesen, dass bei Zeit-Online eine Reihe von Artikeln erschienen ist, die sich positiv von dem hier analysierten Print-Artikel abheben. Würde es Schule machen, würde es in der öffentlichen Meinung das Bild einer verfassungkonformen spanischen Regierung und rechtsbrecherischer katalonischer Separatisten zementieren. Das Problem ist vielmehr, dass die Regierung Rajoys den Dialog mit den Katalanen abgebrochen hat und die Angelegenheit umgehend an die Gerichte delegiert hat. Wie immer der Konflikt ausgehen wird: es ist bereits jetzt soviel Sprengstoff angehäuft, dass die Stabilität der EU bedroht werden könnte. Eine Neuauflage des Baskenkonflikts wäre eine Katastrophe, eine Vermittlung seitens ist der EU dringend notwendig. Zur Vermeidung von Missverständnissen: der Autor dieses Beitrags ist kein Anhänger eines „Europas des Regionen“. Das Beispiel Catalunya zeigt jedoch - wie es bereits für das Baskenland möglich war (und wie es für Schottland fast schon selbstverständlich ist) -, dass die Befindlichkeiten und Belange der Regionen ernstgenommen werden müssen, zumal wenn diese sich durch Sprache und Kultur als eigenständige Nationalitäten verstehen. Das Ergebnis sollte nicht die Abspaltung Kataloniens, sondern ein erneuertes, faires Autonomiestatut sein. Dies jedoch verhindert die spanische Zentralregierung.

Fazit: "Journalisten mit ihrer Verantwortung konfrontieren"

Mein Fazit aus diesen Überlegungen ist kurz und bündig, und bezieht sich auf das angesprochene Problem des Dialogs. Statt wie in den meisten Talkshows noch den größten Unsinn zu beklatschen, sollte die Öffentlichkeit, d.h. Zuschauer und Leser, stärker in einen kritischen Dialog mit den Medien eintreten. Dafür reichen die Echokammern der sozialen Medien oder einfache Likes oder Nicht-Likes nicht aus. Erforderlich wären kritische Kommentare, die die Journalisten in die Pflicht nähmen,  darauf zu antworten. Dies könnte bei den Talkschows so aussehen, dass die Zuschauer nicht einfach ihre Befindlichkeiten zum Besten geben, sondern sich konkret zur Sendung äußern. Es würde auch nicht bedeuten, dass die Journalisten dem Publikum nach dem Mund reden (was weder wünschenswert noch realisierbar wäre), sondern dass sie mit ihrer journalistischen Verantwortung konfrontiert würden. Dies mag utopisch klingen, aber viele Veränderungen waren zuerst Utopie.

Kommentar

von Martin Landvoigt | 26.10.2017 | 12:48 Uhr
Der Anlass ist korrekt aber die Argumentation bleibt dünn. Viel mehr halte ich ein verändertes Selbstverständnis der Journalisten und Redakteure für die Wurzel des Problems. Denn früher galt die Maxime: 'Mache dich nie mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten!' In diesem Sinn wurden Nachrichten auch strikt vom Kommentar getrennt. Die ging auch in die Auswahl der Nachrichten ein und die Wortwahl und Gesichtsausdruck und Betonung. Man war sich der Macht der Medien bewusst und hielt es für einen Regelverstoß, sich zu einem Werber für eine bestimmte Moral zu machen. Zumindest war das der Anspruch, der auch oft mehr oder minder eingehalten wurde.

Heute ist das alles nicht mehr gültig. Meinungen werden von Nachrichten nicht mehr getrennt. Ungeniert benutzt man klar manipulative Sprache und betreibt Politik in der Nachrichtenauswahl. Bewusste Falschmeldungen, manipulative Auswahl der Gäste und schlampige Recherchen sind dann nur noch die Spitze des Eisbergs.

So auch bei den hier genannten Beispielen: Beispiel 2 - Kritik an der Moderation von Plassberg. Man kann ihm genau das vorwerfen, dass er hier Politik betrieben hat. Allerdings liegt in der Redezeit-Zuteilung und Auswahl der Gäste das Problem. Es ist zu vermuten, dass gerade das Fehlen von AfD-Vertretern hier funktional war: Man wollte jene gesellschaftliche Gruppen bei Grün und CSU einsammeln, und damit der AfD das Wasser abgraben. Wäre hier eine andere Verteilung gewesen, hätte Stoiber und Palmer vermutlich eine Front-Position gegen die AfD eingenommen und ihr Thema mit der Migration völlig anders, wahrscheinlich weit weichgespülter vertreten. Das wiederum hätte der AfD, ohne dass sie nur ein Wort dazu sagen müssten, Punkte eingebracht.

Die Kritik von Prof. Dr. Manfred Clemenz ist darum im Kern richtig, beißt sich aber am Konkreten so sehr fest, dass man den sprichwörtlichen Wald vor Bäumen nicht mehr erkennt. Hier sollten die Medien aufhören, sich in der Rolle des Volkserzieher spielen zu wollen, und Tugenden anstelle von weniger gehörten Predigten verbreiten zu wollen. Wer den mündigen Bürger zum Ziel und Leitbild hat, kann ihn nicht als Stimmvieh und Manipulationsobjekt oder Zögling behandeln. Das allerdings führt sicher zum Kontrollverlust. Nur ... wenn die Medien diesen Kurs fortsetzen, verlieren sie immer mehr an Glaubwürdigkeit und erleiden auch so Kontrollverlust.

Kommentar

von Christel Christe | 27.10.2017 | 14:08 Uhr
Herzlichen Dank an Manfred Clemenz,der anhand von drei Fallbeispielen eine hervorragende Analyse der deutschen Medienlandschaft vorgelegt und insbesondere die Bedeutung "struktureller fakes"gezeigt hat.Er appelliert gerade nicht an das Selbstverständnis der Journalisten(ist oft genug geschehen) ,sondern setzt darauf,dass vor allem durch den Druck der Zuschauer/Leser auf die Journalisten Veränderungen möglich sind. Dies zähle ich zu den Stärken seiner Argumentation.Gerade die präzise Analyse der Details und das Abarbeiten am Konkreten macht für mich den Beitrag von Manfred Clemenz sehr überzeugend.Derartige so gut recherchierte Fallbeispiele sollte es häufiger geben.

Kommentar

von Martin Landvoigt | 29.10.2017 | 14:24 Uhr
Das Thema beschäftigt mich weiterhin. Meine Grundstimmung war einst so, dass die Mehrheit in der Regel recht vernünftig ist, und das die Medien iin dem veröffentlichten Spektrum diese Ansichten seriös representiert. Dies schließt ein, dass auch Fakten und Meinungen veröffentlicht werden, die ich für nicht zutreffend halte - sofern ein Rahmen existiert, dass sich dies auch wieder in einer Normalverteilung ist. Dies würde die Grundeinstellung mit Vertrauen in die grundsätzlichen Seriösität der Medien nicht belasten. In diesem Sinne sind auch die genannten Fallbeispiele für mich wenig aussagekräftig - auch wenn die vorgetragene Kritik durchaus zutreffen mag.

Für mich gab es die Probleme, die zum Zerbruch des Vertrauens in die Zuverlässigkeit der Medien führte, ist die gefühlte Häufung einer einseitigen Darstellung. Wenn der Anspruch der Neutralität nachhaltig verletzt wird, schwindet das Vertrauen. Der Verdacht, dass man hier eine Meinung übergestülpt bekommen soll, die eben in der Sache falsch ist, führt zu einem massiven Misstrauen gegenüber der Quellen. Und hier sehe ich eine fatalen Trend, der auch von immer mehr Menschen so wahrgenommen wird.

Kommentar

von Andreas | 21.12.2017 | 13:39 Uhr
Ich halte die Analyse für sehr zutreffend. Weniger als Analyse der Medienlandschaft, vielmehr als Analyse der Mechanismen die diese steuern. Damit sind die Medien manipulierbar und steuerbar und dem zufolge nicht objektiv. Sie beeinflussen massiv die öffentliche Meinung. Die Macher der Öffentlichen-Rechtlichen Programme wissen ganz genau wie sie agieren. Interessante Frage wäre: warum sie so arbeiten. An die Privaten gelten natürlich andere Erwartungen. Die Frage „warum sie so arbeiten“ stellt sich nicht.
In einem Kommentar ist zu lesen, die Argumentation würde dünn bleiben. Diese Meinung teile ich nicht mit. Man muss den Rahmen eines solchen Artikels berücksichtigen. Die These der Fakes wurde von Prof. Cemenz gut belegt. Diese Mechanismen lassen sich in der ganzen Medienlandschaft beobachten. Durch Vermischung der Nachrichten mit Kommentaren und entsprechender Redaktion der Nachrichten (wie z.B. Auswahl bestimmte Teile der Nachrichten) wird die öffentliche Meinung beeinflusst.
Typisches Beispiel ist eine Nachricht, die ich vor kurzem im öffentlichen TV gehört habe:
„ Im Jahr 2015 haben USA ein Rüstungsetat von $ 596 Mld, gefolgt von China und Russland“
Objektiv formulierte Nachricht müsste lauten:
„ Im Jahr 2015 haben USA ein Rüstungsetat von $ 596 Mld, gefolgt von China mit $ 215 Mld, Saudiarabien $ 87,2 Mld und Russland 66,4 Mld.“
Die Mechanismem sind genau die Gleichen, wie bei dem Fall Katalonien vom Prof. Clemenz ausführlich beschrieben. Und so weiter, und so weiter……………

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