Login

Registrieren
merken
Judith Wonke | 04.10.2018 | 444 Aufrufe | Interviews

"Die Lust am Ländlichen"

Interview mit Christoph Baumann zur gegenwärtigen Konjunktur von Ländlichkeit

Ob urban gardening oder Magazine wie Landlust - die Ländlichkeit hat in unserer heutigen Zeit Konjunktur. Doch wie steht dies mit der zu beobachtenden Landflucht und dem oftmals angestrebten urbanen Leben in Verbindung? Widersprechen sich Landflucht und Landlust nicht grundlegend? Und welche Bedeutung hat das Ländliche für unsere Gesellschaft - wie wird sich dies in Zukunft entwickeln? Christoph Baumann studierte u.a. Geographie, Germanistik, Philosophie und Medienwissenschaft. In seiner Dissertation hat er sich mit dem Phänomen der Landlust beschäftigt und unsere Fragen in einem Interview beantwortet. 

Bild (r.): Dr. Christoph Baumann, Copyright: Heiner Kiesel

"Die Beobachtung einer gegenwärtigen Konjunktur von Ländlichkeit"

L.I.S.A.: Lieber Herr Dr. Baumann, Ihre Dissertation bzw. aktuelle Publikation trägt den Titel „Idyllische Ländlichkeit“. Was dürfen LeserInnen erwarten: Was ist mit dem Begriff „Idyllisierung“ gemeint und worum geht es dabei?

Dr. Baumann: In der Publikation geht es um die Lust am Ländlichen. Der Ausgangspunkt der Studie liegt in der Beobachtung einer gegenwärtigen Konjunktur von Ländlichkeit, wie sie sich etwa in dem enormen Erfolg von Magazinen wie Landlust mit einer Leserschaft von knapp fünf Millionen Menschen, aber auch in Phänomenen wie dem urban gardening ausdrückt.

Bei der Analyse setze ich zwei Schwerpunkte. Zum einen zeige ich aus einer sozial-/ kulturhistorischen Perspektive Entwicklungslinien der Lust am Ländlichen auf. Ausgehend vom antiken Lob des Landlebens und dessen buchstäblicher Renaissance im 16. Jahrhundert konzentriere ich mich dabei insbesondere auf die Zeit ab etwa 1750, in der sich eine positive Bezugnahme auf das Ländliche zunehmend in die Gesellschaft einschreibt. Zum anderen liefere ich eine Analyse der gegenwärtigen Lust am Ländlichen, indem ich mich detailliert mit der Zeitschrift Landlust und deren Leserschaft auseinandersetze. Diese Auseinandersetzung mündet in eine gesellschaftsdiagnostische Interpretation der aktuellen Landeuphorie.

Der Begriff der Idylle ist bislang vor allem ein Terminus der Literatur- und Kunstwissenschaften, die darunter eine bestimmte Gattung bzw. ein Set an künstlerischen Motiven verstehen. Ich deute das Idyllische allerdings als eine soziale Kategorie. Idyllisierungen sind für mich soziale Praktiken, durch die sich Menschen (zeitweise) ein idyllisches Weltverhältnis schaffen.

"Leitkonzepte unseres alltäglichen Geographie-Machens"

L.I.S.A.: Woher rührt Ihr Interesse an dieser besonderen Thematik?

Dr. Baumann: Stadt und Land sind Leitkonzepte unseres alltäglichen Geographie-Machens, also wie wir raumbezogen denken, sprechen und handeln. Gerade weil wir, wie es der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan einmal ausgedrückt hat, in einem „Jahrhundert der Stadt“ leben, erachte ich die gegenwärtige Lust am Ländlichen als beeindruckend – und vor allem als erklärungsbedürftig.

Besonders spannend an dem Thema ist für mich, dass es letztlich auf die Frage abzielt, wie wir (als Gesellschaft und/oder als Einzelne) leben wollen.

Außerdem eröffnete mir diese Forschung die Möglichkeit, verschiedene meiner Studienfächer – Geographie, Medienwissenschaften, Literaturwissenschaften, Geschichte und Philosophie – zu integrieren.

"Die Lust am Ländlichen lässt sich nicht auf die Stadtbevölkerung beschränken"

L.I.S.A.: Sie verweisen bereits in der Einleitung darauf, dass sich die Landflucht und die Landlust – zumindest vorerst – widersprechen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Dr. Baumann: Der Umstand, dass immer mehr Menschen in Städten leben und dass gleichzeitig die Lust am Ländlichen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat, scheint paradox. Tatsächlich haben wir es aber mit zwei sehr unterschiedlichen Prozessen zu tun, die man kaum eins zu eins gegenüberstellen kann. Landflucht (übrigens ein Begriff, der Ende des 19. Jahrhunderts von modernisierungskritischen, großstadtfeindlichen Kreisen geprägt wurde) meint eine Wanderungsbewegung von ländlichen in städtische Gebiete. Die Lust am Ländlichen dagegen geht nicht unbedingt mit einer Migration einher, ja nicht einmal zwangsweise mit einem Ortswechsel. Landlust wird auf dem Land, aber ebenso in der Stadt verspürt – sei es bei der urbanen Landwirtschaft, bei dem Anpflanzen von Erdbeeren auf dem eigenen Balkon in der Mietswohnung oder bei einem von ästhetischen, sinnlichen Motiven geleiteten Spaziergang durch den (Stadt)Park.

Die These, dass gerade die Zunahme der städtischen Bevölkerung die Landlust befördert hätte, ist zwar nicht falsch, sie greift aber zu kurz. Die Lust am Ländlichen lässt sich nicht auf die Stadtbevölkerung beschränken, sondern ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Sie ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Prozesse, die man mit Schlagworten wie Globalisierung oder Beschleunigung auf den Begriff bringen kann. Und ebenso wie diese Prozesse nicht an Ortsschildern bestimmter Siedlungstypen Halt machen, so macht das Bedürfnis nach Idyllisierung an eben diesen Schildern nicht Halt.

"Stadt und Land, Urbanität und Ländlichkeit sind Leitkategorien"

L.I.S.A.: Was verbinden Menschen mit dem ruralen und urbanen Leben? Und inwieweit weicht das ländliche Leben wirklich dem urbanen? Kann nicht vielmehr von einer gegenseitigen Beeinflussung die Rede sein?

Dr. Baumann: Stadt und Land, Urbanität und Ländlichkeit sind Leitkategorien, mit denen wir Räumliches bzw. Gesellschaftliches zu ordnen versuchen. Die Kategorien bilden ein häufig normativ stark aufgeladenes Gegensatzpaar. In dem historiographischen Teil der Studie zeige ich beispielsweise, wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert das Ländliche als Kontrastfolie zur modernen, industriellen Großstadt gesetzt wird. Während die Großstadt in dieser Phase gerade bei Teilen des Bürgertums als Ort des Künstlichen, Unechten, Dreckigen, Anonymen, ja Kriminellen und Fremden etc. erscheint, betrachtet man das Ländliche als organisch, authentisch, gemeinschaftlich und heimatlich etc. In Modernisierungsdiskursen finden sich allerdings ganz andere Bewertungen. Das rückwärtsgewandte, langweilige, provinzielle Ländliche steht hierbei im Kontrast zum innovativen, aufregenden, globalen Urbanen.

Meiner Ansicht nach eignen sich beide Kategorien nicht so sehr für eine wissenschaftliche Beschreibung abgrenzbarer Lebensweisen nach der Logik „auf dem Land leben sie so, in der Stadt aber so“. Im Zusammenhang mit dem Wandel einer agrarischen zu einer industriellen und schließlich hin zu einer postindustriellen Informations- und Dienstleistungsgesellschaft haben sich Unterschiede zwischen „dem Land“ und „der Stadt“ verringert. „Der Landbewohner“ ist nicht mehr zwangsläufig in der Landwirtschaft tätig und kann ebenso unterschiedlichen Berufen nachgehen wie „der Städter“ – ob als Pendler, im home office oder bei einem ortsansässigen Betrieb. Ähnliches gilt für Freizeit-, Konsum- und Informationsmöglichkeiten.

"Eine sozialwissenschaftliche Theorie der Idylle"

L.I.S.A.: Auf welche Theorien und vor allem: Auf welches Quellenmaterial stützen Sie Ihre Überlegungen?

Dr. Baumann: Meine grundsätzliche Perspektive auf Ländlichkeit ist diskursanalytisch. Unter einem Diskurs verstehe ich in Anschluss an Denker wie Michel Foucault, Chantal Mouffe und Ernesto Laclau Muster des Denkens, Sprechens, Sich-selbst-Begreifens und Handelns. Ausgehend davon entwerfe ich eine sozialwissenschaftliche Theorie der Idylle. Dabei helfen mir weitere Überlegungen wie Michail Bachtins Konzept des Chronotopos und vor allem Foucaults Ausführungen zur Heterotopie, die er als eine „tatsächlich realisierte Utopie“ begreift, welche als „Gegenplatzierung“ in unserer Gesellschaft fungiert. Genau diesen Aspekt der „Gegenplatzierung“ fokussiere ich in meinen Analysen, indem ich zeige, wie sich bestimmte Gruppen in bestimmten Kontexten durch Idyllisierung von „der Gesellschaft“ abzugrenzen versuchen.

Durch die sozialwissenschaftliche Bestimmung des Idyllischen ergibt sich eine breite Materialbasis. Quellen aus dem Bereich der Literatur und Kunst ergänze ich um (gesellschafts-)politische Manifeste, stadt- und raumplanerische Konzepte, statistisches Material und Erfahrungsberichte entsprechender Akteure. 

Bei meiner Detailanalyse der gegenwärtigen Lust am Ländlichen analysiere ich mehrere Ausgaben der Zeitschrift Landlust und setze diese in Beziehung zu Interviews, die ich mit Leserinnen und Lesern geführt habe.

"Durch die Digitalisierung hat die soziale Beschleunigung einen erneuten Schub erfahren"

L.I.S.A.: Was schlussfolgern Sie: Welche Bedeutung hat das Ländliche für unsere Gesellschaft und wie wird sich das Ländliche in Zukunft – vor allem im Hinblick auf die fortschreitende Digitalisierung und Beschleunigung des Alltags – entwickeln?

Dr. Baumann: Idyllische Ländlichkeiten sind Kontrastfolien, anhand derer man sich eine Auszeit vom gesellschaftlichen Alltag verspricht. Es ist kein Zufall, dass die positive Bezugnahme auf das Ländliche insbesondere mit der Industrialisierung und Verstädterung, also in einer Phase umfassender gesellschaftlicher Umbrüche, eine große Konjunktur erlebt hat. Und in ähnlicher Weise lässt sich auch der enorme Erfolg von Zeitschriften wie Landlust oder das Aufblühen von urban-gardening-Projekten interpretieren. Gerade durch die Digitalisierung hat die soziale Beschleunigung einen erneuten Schub erfahren. Das Ländliche ist ein Versprechen, zumindest punktuell und (frei-)zeitlich, anders leben zu können: verankert (und nicht entankert), regional (und nicht global), sinnlich bzw. ästhetisch (und nicht zweckrational), überschaubar-privat (und nicht unübersichtlich), analog (und nicht digital), entschleunigt (und nicht beschleunigt).

Idyllisierungen sind vor allem „Selbstprojekte“, d.h. individuelle Versuche, private Alternativen zu gesellschaftlichen Umständen, die als problematisch erfahren werden, zu finden. Vor allem in den letzten Jahren und Monaten beobachte ich allerdings auch eine zunehmende (Re-)Politisierung des Konzepts des Ländlichen. In politischen Kontexten steht das positive Reden über das Ländliche wieder stärker auf der Agenda – und zwar in Zusammenhängen mit normativ aufgeladenen, komplexen Kategorien wie Heimat oder Entfremdung.

Das 21. Jahrhundert ist sicherlich ein Jahrhundert der Stadt, allerdings auch ein Jahrhundert, in dem der Wunsch nach einer als ländlich gedachten Lebensweise nicht verschwinden wird. In welche gesellschaftlichen und politischen Prozesse dies in Zukunft eingelassen sein wird, bleibt abzuwarten. Ein Blick in die Geschichte und Gegenwart kann dafür keine sicheren Prognosen liefern, aber zumindest Anhaltspunkte.

Dr. Christoph Baumann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

Kommentar erstellen

PD65X6