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Judith Wonke | 25.10.2018 | 957 Aufrufe | 8 | Interviews

"Die Lektüre ermöglicht auch Rückschlüsse auf den Zeitgeist"

Interview mit Melanie Babenhauserheide zur ideologiekritischen Analyse der Harry Potter-Reihe

Die Harry Potter-Reihe zählt zweifelsohne zu den erfolgreichsten Romanreihen. So wurden die Bücher in zahlreiche Sprachen übersetzt, selbst die lateinische Version gibt es zu kaufen, und insgesamt über 400 Millionen mal verkauft. Die Verfilmungen erzielten Milliardenbeträge und obwohl die Reihe mit dem siebten Roman, bzw. achten Film offiziell abschloss, gehört die magische Welt von Harry Potter und Co. keinesfalls der Vergangenheit an: Fan fiction, Wizard Rock, Themenparks oder Theaterstücke sind überall zu finden. Dr. Melanie Babenhauserheide von der Universität Bielefeld hat sich in ihrer Dissertation mit der Harry Potter-Reihe beschäftigt und analysierte unter anderem die Herrschaftsverhältnisse und ideologischen Widersprüche unter dem Gesichtspunkt der Kritischen Theorie von Adorno. So fragt sie: Warum gibt es Armut und Lohnarbeit, in einer Welt, in der Dinge aus dem Nichts herbei gezaubert werden können? Im Interview haben wir der Wissenschaftlerin diese und weitere Fragen gestellt und wollten selbstverständlich auch wissen, ob sich die Buchreihe trotz allem zu lesen lohnt. 

"Platform 9 3/4" (r.o.), Copyright: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=540865; Durham Cathedral (Hogwarts, interior), (r.u.), Copyright: Robin Widdison at English Wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons

"Berufsentscheidungen werden oft nicht so rational gefällt, wie dargestellt"

L.I.S.A.: Frau Dr. Babenhauserheide, Sie beschäftigten sich in Ihrer Promotion mit einer ideologiekritischen Analyse der Harry Potter-Reihe von J.K. Rowling. Bevor wir in die Thematik einsteigen: Warum Harry Potter – wie sind Sie auf diesen Forschungsschwerpunkt gestoßen?

Dr. Babenhauserheide: Das sind natürlich zwei verschiedene Fragen. Darauf gestoßen bin ich ehrlich gesagt, weil ich bei der Suche nach einem Doktorvater vor Aufregung einen Blackout hatte. Eigentlich wollte ich in Soziologie über Antisemitismus promovieren, aber es ist gar nicht so leicht, als FH-Absolventin eine/n vernünftige/n BetreuerIn zu finden. Da saß ich also nach einigen unangenehmen Erfahrungen mit verschiedenen Wissenschaftlern, die doch nicht meine Betreuer wurden, zum ersten Mal bei meinem späteren Doktorvater Micha Brumlik im Büro und er sagte: „Das ist ja alles sehr interessant, was Sie da machen, Frau Babenhauserheide. Aber ich bin Erziehungswissenschaftler. Was haben Sie denn in letzter Zeit so pädagogisch gemacht?“. Vor Schreck ist mir nicht mal eingefallen, dass ich seit Jahren in der politischen Bildung arbeitete. Auf dem Weg nach Frankfurt hatte ich ein Harry Potter-Hörbuch von Rufus Beck gehört und mich über die Erzählung geärgert. Wie bei Obelix, dem beim Lampenfieber-Blackout auf der Bühne nichts anderes einfällt als „Die spinnen, die Römer!“, schoss mir das in den Kopf und ich sagte: „Äh...Äh...Ich hab überlegt, einen Artikel über Harry Potter zu schreiben.“ So kam die Idee auf. Herr Brumlik riet mir, darüber nachzudenken, ob ich mir vorstellen könne über dieses Thema zu promovieren. Das konnte ich sehr gut – denn ich hatte im Studium an einem Projekt über Literatur teilgenommen, hätte auch Lust gehabt meine Diplomarbeit über Kinderliteratur zu schreiben und habe selber Erfahrungen im literarischen Schreiben. Ich erzähle das deshalb, weil ich denke, dass daran ganz gut sichtbar wird, wie gerade auch Störungen, Stolpern, unbewusste Konflikte, Hemmungen, Ärger etc. produktiv Einfluss auf unsere Bildungswege nehmen können und dass solche wegweisenden Berufsentscheidungen oft nicht so rational gefällt werden, wie es gerne dargestellt wird.

Trotzdem gibt es gute wissenschaftliche Gründe zur Beantwortung der Frage „Warum Harry Potter?“ Für eine erziehungswissenschaftliche Perspektive ist die Harry Potter-Reihe deshalb besonders interessant, weil diese Romane weltweit so erfolgreich waren und ihre Lektüre in die Bildungserfahrung von mehr als einer ganzen Generation eingegangen ist: Viele LeserInnen beschreiben rückblickend, dass die Reihe sie in ihrer Kindheit und Jugend „begleitet“ und beeinflusst habe und dass sie eine Art Initiation in die Literatur ermöglichte, dass es die ersten Bücher waren, die sie freiwillig oder im englischen Original gelesen oder jemandem vorgelesen haben. Schaut man sich die Rezeption an, wird deutlich, dass Fans einige der Deutungsangebote der Romane annehmen und mit dieser Folie die Welt interpretieren. Deshalb ermöglicht die Lektüre auch Rückschlüsse auf den Zeitgeist. Viele beschreiben, dass die Romane ihnen helfen, sich über Wasser zu halten, wenn Sie sich beispielsweise als Außenseiter fühlen.

"Kaum noch Raum für die Versprechen des neuhumanistischen Bildungsideals"

L.I.S.A.: Was bedeutet ideologiekritisch, vor allem in Bezug auf Produkte der Kulturindustrie? Und auf welche Theorie oder Theorien beziehen Sie sich in Ihrer Studie?

Dr. Babenhauserheide: Genau da, an dieser in der letzten Antwort ausgeführten Bedeutung für die Individuen in der spätkapitalistischen Gesellschaft, setzt die Ideologiekritik mithilfe der Kritischen Theorie der Kulturindustrie nach Theodor W. Adorno an. Ideologie ist grob gefasst die Bestätigung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse, die aber in unterschiedlicher Gestalt auftreten kann. Sei es als Rechtfertigung, Verschleierung, Beschönigung oder als Verdoppelung – so nennt Adorno Positionen wie „Es ist so, weil es eben so ist“. Ideologie wird aber dort nicht als etwas gedacht, was vornehmlich von den Privilegierten gezielt eingesetzt wird, um die eigene Machtposition zu festigen, sondern Ideologie entsteht erstens dadurch, dass die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse anders erscheinen als sie sind und dass sie nicht unmittelbar durchsichtig sind. Zweitens kommen ihnen bestimmte psychische Motive der Menschen entgegen, beispielsweise der Wunsch, sich auch mit erzwungenen Lebensverhältnissen zu identifizieren, um sich aufzuwerten. Ideologie setzt da an, wo die Wünsche der Individuen und gesellschaftlichen Erfordernisse nicht zusammen passen, sie versucht, beide Seiten zu verkitten. Doch egal in welcher Gestalt, das Verkitten geht Adorno zufolge „nicht glatt“, sondern ist stets brüchig und in sich widersprüchlich, auch weil die Gesellschaft widersprüchlich und irrational ist. Material für diese Verkittungsversuche stellt die Kulturindustrie zur Verfügung. So bezeichnet die Kritische Theorie jetzt nicht einfach die großen Konzerne, sondern die warenförmige Strukturierung von Kultur und damit auch von Erfahrung und Freizeit der Menschen.

Um das vielleicht anschaulicher zu machen: Vor einiger Zeit wollte mich ein Radiojournalist interviewen. Er gab mir vor, ich dürfe keinen schwierigen Worte wie „Herrschaftsverhältnisse“ verwenden, denn dann würden die Leute das nicht unmittelbar verstehen und umschalten. Das sei zu vermeiden, denn der Sender finanziere sich über Werbeeinnahmen, die von den Quoten abhängig seien. Das steht in einem Wechselverhältnis zum Bedürfnis nach möglichst wenig anstrengender Berieselung, das daher rührt, dass die Kultur bestimmte gesellschaftliche Funktionen im Hinblick auf das Verhältnis von Freizeit und Arbeit erfüllt: In der Freizeit soll und muss man sich z.B. durch Entspannung und Fitness-Training erholen, um die Arbeitskraft wiederherstellen. Doch mit einer solchen Art Radio zu machen, gewöhnt man natürlich die HörerInnen daran, dass nichts Neues, Fremdes, Unvorhergesehen geschehen darf. Hier wird deutlich, wie die Warenförmigkeit auf die Inhalte durchschlägt. Von solchen Zuschnitten bestimmt ist eben auch die Bildung bzw. Halbbildung; Adorno spricht auch von „Kultur nach der Seite ihrer subjektiven Zueignung“ und sagt, dass hier der Publikumsgeschmack zum Vorwand wird, um das Bewusstsein der Massen, die da z.B. Radio hören, auf dem Status Quo zu halten. Die Art und Weise, wie Gesellschaft, Kultur, aber auch die Bildungspolitik organisiert sind, lässt kaum noch Raum für die Versprechen des neuhumanistischen Bildungsideals, die ja auch schon nicht unproblematisch waren. Wenn jetzt grob gesagt Jugendliche, die sich z.B. in der Schule ausgeschlossen fühlen, im Lesen der Harry Potter-Reihe und im Tragen von T-Shirts mit Aufschriften wie „Just a Wizard Girl Living in a Muggle World“ oder „I Solemnly Swear That I Am Up To No Good“ Trost finden, der es ihnen ermöglicht, trotzdem weiterzumachen, dann erfüllt das gewissermaßen auch eine ideologische Funktion: Sie integrieren sich damit auch. Robert Pfaller schreibt, dass wir zweite Welten brauchen, um in der ersten leben zu können. Nun gibt es verschiedene Deutungen der Kulturindustrie-Thesen von Horkheimer und Adorno, einmal die kulturpessimistische Lesart, die sich Kulturindustrie als einheitliches System der Verblendung vorstellt (und damit als absoluten Gegensatz zu Kunst, Bildung und Emanzipation), oder das Verständnis, das zum Beispiel die Kulturwissenschaftlerin Sonja Witte vertritt und das meine Studie bestätigt, nämlich, dass nicht zuletzt aufgrund der ideologischen Widersprüchlichkeit auch emanzipatorisches Potential in der Verblendung angelegt ist.

Glenfinnan Viaduct; Copyright: By de:Benutzer:Nicolas17 - Self-photographed, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1332938

"Bei Rowling wird das Problem moralisiert und personalisiert"

L.I.S.A.: Sie kritisieren an der Buchreihe unter anderem die Präsenz des Kapitalismus. Warum ist diese Tatsache vor dem Hintergrund der kritischen Theorie ein Problem?

Dr. Babenhauserheide: Die Frage ist ja nicht ob, sondern auf welche Weise der Kapitalismus präsent ist. Hier ist die Harry Potter-Reihe in sich widersprüchlich: An Harrys Cousin Dudley Dursley wird eine implizite Kritik an einer spezifischen Problematik des Konsums entfaltet. Beispielsweise wird es nicht gerade als nachahmenswert dargestellt, dass Dudley einen Wutanfall bekommt, weil er ein Geschenk weniger bekommen hat als im Vorjahr – noch bevor er diese überhaupt ausgepackt hat. Dass es Dudley nur auf die Anzahl und nicht den Inhalt ankommt und er oft mit seinen Sachen nichts anderes anzufangen weiß, als sie kaputtzumachen, wegzuwerfen oder zu tauschen, verweist auf ein Problem, das in der Kritischen Theorie als Verfall des Gebrauchswerts bezeichnet wird. Das wird da aber als gesellschaftliches Phänomen begriffen, eine Folge des Äquivalententausches, der dazu führt, dass das Besondere und Einzigartige zurücktritt (alles muss immer mess- und vergleichbar sein), dass Langeweile vorherrscht, weil die Dinge nicht mehr zu gebrauchen sind, höchstens noch als Statussymbol. Wie David Graeber zeigt, kommt ja der Begriff des Konsums vom Vernichten von Waren und ist ein spezifisches Phänomen des Kapitalismus. Bei Rowling wird das Problem moralisiert und personalisiert, es ist eine Charakterschwäche und wird eher mit ressentimenthaften Neid-Impulsen gegen unverdienten Luxus verbunden, der schließlich in der Rivalität zwischen Harry und Draco Malfoy so aufgelöst wird, dass Harry vom bescheidenen „Cinderfella“ (wie Gallardo-C und Smith Harry nennen) ziemlich affirmativ zu demjenigen wird, der sich in der Konkurrenz um die schnellsten Rennbesen und die schulische Leistung im Sport durchsetzen kann. So wird das Konkurrenzprinzip beschönigt, indem alles, was daran problematisch ist, projektiv auf Dudley und Draco ausgelagert wird.

Mit dieser Affirmation von Konkurrenz verbunden, ist die umstandslose Übertragung der ökonomischen Verhältnisse in die Zauberwelt: Obwohl Dinge aus dem Nichts herbeibeschworen werden können (mit der Ausnahme von Nahrungsmitteln, die lediglich herbeigerufen, transformiert und beliebig vermehrt werden können), gibt es Warentausch, Armut und Lohnarbeit, obwohl gleichzeitig produktive Arbeit unsichtbar ist, was der Ideologie vom Ende der Arbeitsgesellschaft entspricht. Es ist logisch betrachtet erst einmal wenig sinnvoll: Wenn man mit einem Zauberstab einen Stuhl aus dem Nichts in die Luft zeichnen, mit einem Schwung ein kaputtes Tischbein anflicken oder Nahrung beliebig vermehren kann, warum sollte man dann für Lohn arbeiten, um dann einkaufen zu gehen? Warum zaubert man sich nicht alles? Warum gibt es Armut? Darauf hätte Rowling in den Romanen Erklärungen geben können, viele AutorInnen von fan fiction erklären das mit selbst ausgedachten Magie-Theorien, manche aber auch mit Ungleichheitsverhältnissen wie etwa Josephine Darcy in „The Marriage Stone“. Der Literaturwissenschaftler Daragh Downes hat diese Inkonsistenz und ihre ideologischen Implikationen sehr überzeugend als ein Problem von Rowlings Zwei-Welten-in-einer-Konstruktion analysiert. Aber dass die meisten beim Lesen nicht darüber stolpern, liegt daran, dass die Mystifikation so weit fortgeschritten ist, dass sich nichts anderes mehr vorstellen lässt. Damit jedoch erscheint die Existenz von Armut und Ausbeutung als etwas, worauf Menschen keinen Einfluss haben, als eine Art von natürlichem Zustand, in eben dieser Verdoppelungsmanier von „kann-man-ja-eh-nichts-dran-ändern“. Da wird noch nicht einmal eine Rechtfertigung angeführt, die ja immerhin anzeigen würde, dass es etwas zu rechtfertigen gibt. Das unterstützt den verbreiteten, fatalistischen Eindruck, dass man „Sachzwängen“ ohnmächtig gegenübersteht, als wären diese völlig unabhängig vom Handeln der Menschen.

"Ideologien bewegen sich eben auch auf unbewusster Ebene"

L.I.S.A.: Die Harry Potter-Reihe wird von vielen vor allem aufgrund des Umgangs mit Stereotypen und Diskriminierung sowie faschistoiden Charakteren wie Voldemort als besonders gesellschaftskritisch und emanzipatorisch wahrgenommen. Wie stehen Sie zu diesen Überlegungen?

Dr. Babenhauserheide: Das ist in den Romanen doppelbödig. Einerseits beleuchtet die Reihe kritisch die Einteilung in verschiedene magische Rassen oder Spezies und die Bedeutung von Blutslinie und Abstammung. Während es in diesem Genre oft üblich ist, dass die Unterscheidung in Gut und Böse entlang rassischer Differenzlinien verläuft (nach dem Muster Elben = gut, Orks = böse, Menschen = mal so, mal so) und den HeldInnen ihre Position qua Geburtsrecht zufällt (wie etwa Aragorn in „The Lord of the Rings“), werden in Harry Potter gerade die Bösen dadurch gekennzeichnet, dass sie solche Unterscheidungen vornehmen und Menschen und Wesen auf dieser Grundlage diskriminieren und verfolgen. Stereotypes Einteilen ist ein Merkmal des Bösen. Dabei zeichnet sich die Harry Potter-Reihe dadurch aus, dass auch als ‚gut‘ eingeteilte Figuren Vorurteile haben. Stereotypes Denken und Diskriminierung werden somit von der Harry Potter-Reihe kritisiert als etwas, das nicht nur die Anderen praktizieren, sondern das verbreitet ist. Diese kritische Betrachtung eröffnet Rowling nicht durch unmittelbares Aufgreifen der Differenzmarker der realen Welt, sondern durch die Übertragung in fiktionale Parameter. Durch diese erhält die Harry Potter-Reihe die Möglichkeit, ein Stück weit eine Reifizierung beispielsweise rassistischer Vorstellungen zu vermeiden und gerade die historische Bedingtheit und Kontingenz von Diskriminierung und Ressentiments zu unterstreichen. Diese Übertragung in fiktionale Parameter ist zum Teil sehr gelungen: Auch wenn ich es für geschichtsverharmlosend halte, Voldemort zu unvermittelt mit Hitler gleichzusetzen, u.a. weil Voldemort im Gegensatz zu Hitler nun mal nicht gewählt wird, halte ich die Horkruxe für eine treffende Allegorie auf ein faschistoides Verhältnis zum Tod.

Doch meine Analyse hat andererseits ergeben, dass sich trotzdem Ressentiments und Stereotype durch die Hintertür wieder einschleichen. Während mit beeindruckender metaphorischer Dichte der erdrückende Charakter von Ahnenstolz und dem Zwang zur familiären Loyalität entfaltet werden, wird zugleich ein positives Gegenmodell geglückter Abstammung entworfen. Harrys, Hermiones und Dracos Kinder sind wie eine Verlängerung des elterlichen Körpers. Das schließt an eine zunehmende Wiederaufwertung von Familie an, die Dietmar Dath damit erklärt, dass sich in vielen westlichen Industrienationen der Staat zunehmend aus der Verantwortung für seine BürgerInnen zieht und diese stärker auf den Naturalverband angewiesen sind, wenn es zum Beispiel um Krankheit und Alter geht. Deshalb erscheint Familie derzeit oft eher als beschützende denn als unterdrückende, gewalttätige oder einengende Institution. Die Idealisierung von Familie in den Romanen steht in einem widerspruchsvollen Spannungsverhältnis zur Kritik an spießbürgerlichen und traditionellen Familien. An diesen werden allerdings nicht nur soziale Dynamiken der Institution Familie kritisiert, sondern sie werden selber als genetisch verdorben dargestellt. Besonders gilt das für Voldemorts Familie. Somit arbeitet die Reihe mit den gleichen Logiken, die sie kritisiert. Auch die hereditäre Unterscheidung von Muggeln und Magiern gibt übrigens Voldemort und den Todessern unterschwellig recht, denn Magie wird ziemlich eindeutig rezessiv vererbt, so hat es mir jedenfalls Professor Meyer aus der Abteilung für Verhaltensgenetik der Universität Trier erklärt. Also würde Zauberei aussterben, wenn sich die Hexen und Zauberer zu viel mit Muggeln paaren. Damit unterläuft die Erzählung ihren eigenen Anspruch, sich gegen Abstammungslehren und Ideen von Blutsreinheit zu wenden. Ähnliches gilt, wenn man sich mit der Darstellung der magischen Wesen wie z.B. Hauselfen auseinandersetzt. Es zeigt sich, dass zum Teil explizit ein Spannungsfeld eröffnet wird, beispielsweise bezüglich der Frage, ob man die Hauselfen befreien sollte oder nicht, und zum Teil implizit und völlig unvermittelt widersprüchliche Tendenzen in die Erzählung einziehen, sogar gegensätzlich zu dem, was J.K. Rowling als Intention formuliert. Ideologien bewegen sich eben auch auf unbewusster Ebene. Diese Doppelzüngigkeit trägt übrigens auch zum Erfolg bei, denn die Reihe kann so Anklang finden bei LeserInnen mit sehr unterschiedlichen politischen Positionen.

"Das große Happy End hat zunächst einen sehr offenen und utopischen Charakter"

L.I.S.A.: Ein weiteres Problem der Harry Potter-Reihe sehen Sie im Epilog des siebten Buches. Können Sie dies näher erläutern?

Dr. Babenhauserheide: Während das große Happy End des letzten Kapitels zunächst (und mit Ausnahme der Tatsache, dass zum Schluss offenbar Kreacher Harrys Sklave bleibt) einen sehr offenen und utopischen Charakter hat und Veränderungen nahelegt, weil plötzlich alle an einem Tisch sitzen dürfen und die alten Hierarchien aufgelöst erscheinen, eine andere Zukunft möglich wird, ist im Epilog die alte Ordnung wieder aufgebaut. Die Erzählung verklärt diesen Status Quo Ante mit dem letzten Satz als gut. Das unterläuft die emanzipatorischen Versprechen, die die Erzählung vorher gegeben hatte. Nun passiert an dieser Stelle aber etwas sehr Interessantes, gerade aus einer bildungstheoretischen Perspektive: Der Epilog spaltet die Fangemeinde, einige halten ihn für ein würdiges Happy End, andere sind enttäuscht über diesen Schluss. Viele Fans kritisieren ihn, AutorInnen von fan fiction haben einen eigenen Begriff dafür, den Epilog zu ignorieren usw. Es gibt ja oft die Vorstellung, dass Kinder und Jugendliche von affirmativer Kinderliteratur zum angepasst-sein und von rebellischer Kinderliteratur zum Widerstand und zur Kritik etc. erzogen werden. - Je nach politischer Position wird das eine begrüßt und das andere abgelehnt oder andersherum. Nun geschieht hier aber genau das Gegenteil: Wie man an den Reaktionen sehen kann, bringt ausgerechnet das affirmative Ende viele LeserInnen dazu, Kritik zu üben. Das liegt meines Erachtens daran, dass die Affirmation aufgrund der ideologischen Widersprüche – um noch mal Adornos Formulierung zu stehlen – nicht glattgeht. Der Epilog unterläuft ja nicht nur die utopischen Versprechen des letzten Kapitels, sondern diese machen auch ihn brüchig. Und genau in dieser Widersprüchlichkeit, dieser Brüchigkeit, liegt offenbar auch die Anlage zur Kritik, weil sie Konflikte bei den LeserInnen provoziert. Von daher stimmt es vielleicht nicht ganz, dass ich den Epilog ausschließlich als Problem sehe. Daran sieht man eben auch, dass Kulturindustrie nicht als einheitliches, bruchloses System „gelungener“ ideologischer Verblendung zu verstehen ist.

"Die Reihe ist mir immer mehr ans Herz gewachsen"

L.I.S.A.: Eine Frage zum Schluss: Wie fällt Ihr Urteil aus – lesen Sie die Harry Potter-Reihe nach Ihrer Dissertation noch gern?

Dr. Babenhauserheide: Ja, die Reihe ist mir immer mehr ans Herz gewachsen, denn ich habe während der Analyse vieles entdeckt, was ich vorher nicht erwartet hätte. Zudem hat mich die Begeisterung der Fans durchaus angerührt. Ich fühle mich ihnen nun näher als damals, denn mir geht es ja jetzt ein bisschen wie ihnen (oder wie auch der Autorin oder den SchauspielerInnen): Die Reihe hat mich über ein Jahrzehnt begleitet und einige Jahre lang sehr viel Zeit in Anspruch genommen und ich habe mir einen ganz schönen Batzen Fan-Wissen angeeignet. Auch Harry Potter-fan fiction empfinde ich immer noch als spannende Lektüre, zu sehen, wie andere die Geschichte weitererzählen und umschreiben. Ich höre sogar manchmal wizard rock. Trotzdem: Würde man mich ins Jahr 1997 zurückversetzen, damit ich mir eine brandneu erschienene, populäre Schul-Heldengeschichte zu Gemüte führe und mich vor die Wahl stellen, würde ich mich nicht für die Harry Potter-Romane entscheiden, sondern für die Fernsehserie „Buffy the Vampire Slayer“. Das klingt wie ein Werbeblock, aber Barbara Kirchner und Dietmar Dath haben in „Der Implex“ ja zurecht dargestellt, dass ästhetische Beurteilung immer auch Gefahr läuft, Kaufempfehlung zu sein, dass man jedoch ohne solche Wertungen nicht auskommt, dass man solche Vergleiche braucht, um überhaupt eine Vorstellung der Möglichkeiten und einen Maßstab der Kritik zu haben.

Dr. Melanie Babenhauserheide hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

Kommentar

von Quentin Quencher | 25.10.2018 | 11:37 Uhr
Es tut mir, mich hätte schon interessiert, was im Interview gesagt wird. Allerdings bekomme ich bei derartig gegenderten Texten eine solche Abneigung mir das zu Gemüte zu führen, dass ich es dann lieber lasse. Also bitte schreibt vernünftig.

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von Georgios Chatzoudis | 25.10.2018 | 12:07 Uhr
Das ist sehr schade, Herr Quencher. Denn Sie verpassen ein anspruchsvolles und sehr interessantes Interview. Vielleicht geben Sie sich doch noch einen Ruck...

Mit freundlichen Grüßen
Ihre L.I.S.A.Redaktion

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von Harald Töpfer | 25.10.2018 | 14:10 Uhr
Ein Musterbeispiel par excellence dafür, dass man Interviewfragen von Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen nicht schriftlich beantworten lassen sollte. Die Antworten sind nicht nur viel zu langatmig, sondern auch im fremdwortbewehrten hyperwissenschaftlichen Duktus gehalten, der garantiert nicht dazu beiträgt, dass irgendjemand außerhalb der universitären Welt 1. das versteht und 2. Lust hat, das alles durchzulesen. Frau Babenhauserheide verschanzt sich hinter ihrem akademischen Jargon wie in einer Festung.
Wenn es hier um Wissenschaftsvermittlung in eine breitere Öffentlichkeit gehen sollte, ging das eher daneben. Vielleicht wollten Sie aber auch eine geradezu stereotypenhafte Verkörperung des in der deutschsprachigen Universitätslandschaft vorherrschenden Typus von sich kompliziert, unverständlich und gewunden sprachlich ausdrückenden Akademiker*innen präsentieren. Das wäre dann jedenfalls gelungen.

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von Georgios Chatzoudis | 25.10.2018 | 14:19 Uhr
Sehr geehrter Herr Töpfer,
in unserem Wissenschaftsportal ist eine Bandbreite an Diktionen gegeben. Wir schätzen unsere Leserschaft und trauen ihr zu, Texte aus der Wissenschaft lesen und verstehen zu können. Diese können mal wissenschaftlicher, mal journalistischer ausfallen. Wir sehen darin in der Vemittlung von wissenschaftlichen Inhalten keinen Widerspruch.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre L.I.S.A.Redaktion

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von Harald Töpfer | 25.10.2018 | 14:54 Uhr
Sehr geehrter Herr Chatzoudis,
mag sein, ich zähle mich selbst auch zu denen, die in solchem Stil geschriebene Texte lesen und verstehen können. Aber *gerne* lese ich derart Verschwurbeltes nicht.

Wirft man einen Blick in die anglo-amerikanische akademische Welt, aber auch in andere Regionen, so gilt es dort als Tugend, als Wissenschaftler*in – und zwar egal, für welches Publikum – gut verständlich, elegant und gut lesbar zu schreiben, ohne deswegen inhaltlichen Anspruch und Substanz aufzugeben.

Aber in der deutschen Wissenschaftslandschaft gilt es ja immer noch als Ausweis von Wissenschaftlichkeit, möglichst kompliziert zu schreiben. Dass sie solch einen Stil auch noch verteidigen, ist entlarvend.

Beste Grüße zurück
H. Töpfer

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von Georgios Chatzoudis | 25.10.2018 | 14:58 Uhr
Sehr geehrter Herr Töpfer,
wir lassen uns gerne so entlarven. Das steht in keinerlei Widerspruch zu den vielfältigen Beiträgen in unserem Portal. Vielleicht ist es am Ende auch immer eine Frage des Geschmacks, vielleicht besteht hier auch ein Zusammenhang zu sonstigen Lesegewohnheiten.
Mit besten Grüßen
Georgios Chatzoudis

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von Loisachschwimmer | 06.12.2018 | 10:19 Uhr
Liebe Redakteurinnen und Diskutanten,
ich bin hier über einen Link reingeplatzt und durch die Überschrift neugierig geworden, wäre also ein potentiell auch zukünftiger Leser, - aber ganz ehrlich, die Arroganz und vollständige Nichteinsichtsfähigkeit, die nicht nur aus dem Text spricht, sondern vor allem aus den Antworten des Redakteurs auf die Kritik einiger Leser, die schreckt mich wieder ab. Dieses Interview spiegelt genau das Elend unserer Akademikerwelt, besonders der Geisteswissenschaften, dieses Um-sich-Selbst-Kreisen, dieses behagliche Analysieren aus der Distanz, dieses Hantieren mit den immer selben keimfreien Werkzeugen, ohne zu merken, dass sie kaum je greifen. Bis auf ein paar interessante Stellen wie die mit dem Radiomoderator ist da wenig, was die Lektüre lohnt. Und genau das sind natürlich die Stellen, an denen man bei einem richtigen Interview nachgehakt hätte und wo es hätte interessant werden können. Schade, Chance vertan.

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von Georgios Chatzoudis | 06.12.2018 | 11:12 Uhr
Sehr geehrte(r) Loisachschwimmer,
auch wenn Ihnen das Interview nicht gefallen hat, freuen wir uns, dass Sie den Beitrag gefunden und ihn offenbar gelesen haben.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre L.I.S.A.Redaktion

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