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Georgios Chatzoudis | 15.02.2014 | 1898 Aufrufe | Interviews

"Die 'Kleinen Fächer' benötigen in Zeiten von Streichungen Alleinstellungsmerkmale"

Interview mit Franziska Naether und Juliane Bally über Orchideenfächer

Im November fand in Leipzig ein Expertenworkshop zum Thema "Kompetenzorientierung und Wissenstransfer: Neue Lern- und Lehrstrategien in den Geschichts-, Kunst- und Orientwissenschaften" statt. Lehrende und Studierende aus unterschiedlichen Fächern trafen sich zu einem Ideenaustausch über die Zukunft der sogenannten 'Kleinen Fächer'. Wir haben die Initiatorinnen des Workshops, Dr. Franziska Naether und Dr. Juliane Bally, nach Verlauf und Ergebnissen der Tagung befragt.

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"Wissenstransfer klappt bei vielen 'Kleinen Fächern' ziemlich gut"

L.I.S.A.: Frau Dr. Bally, Frau Dr. Naether, die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig eine Tagung mit dem Titel: „Kompetenzorientierung und Wissenstransfer. Neue Lern- und Lehrstrategien in den Geschichts-, Kunst- und Orientwissenschaften“ veranstaltet. Worum ging es genau? Warum braucht die Wissenschaft neue Lern- und Lehrstrategien vor allem beim Wissenstransfer?
 
Dr. Bally: Wir haben vier Thematiken herausgestellt, die in Form von Impulsreferaten und sich anschließenden Diskussionen bearbeitet worden sind: Employability, Interdisziplinarität, Lehrpraxis im Transfer und Curriculumsentwicklung. Die Heidelberger Kunstgeschichte und die Leipziger Ägyptologie stellten innovative Lern-Lehr-Konzepte vor – also z.B. wie aktuelle Forschung in die Lehre einfließen kann und dass man möglichst frühzeitig im Studium das Berufsfeld kennenlernt, Praktiker/innen in die Uni holt, Möglichkeiten zur Vernetzung bietet usw. Dieser Wissenstransfer klappt bei vielen „Kleinen Fächern“ ziemlich gut und man konnte sich auf dem Workshop einige Anregungen holen bzw. seine guten Erfahrungen weitergeben. Viele Dozent/innen waren auch daran interessiert, in den oft starren Vorgaben der Curricula etwas Schwung und Abwechslung hineinzubringen, ohne die formalen Vorgaben der Studienorganisation zu unterwandern. Auch aus diesem Grund haben wir eine Tagungsdokumentation erstellt, die Interessierte abrufen und nachnutzen können, falls sie in Leipzig nicht dabei sein konnten.

Dr. Naether: Außerdem gab es zwei Podiumsdiskussionen, u.a. zur Vermittlung von Kompetenzen im Studium und ob man das dann so im Arbeitsmarkt verwenden kann. Die Mischung der Disktuant/innen aus akademischer Lehre und der Praxis zeigte, dass die Universitäten gut daran tun, ihr Fachwissen zu vermitteln und ihre Studiengänge nicht inhaltlich zu „verwässern“. Die Fähigkeit, sich einem komplizierten Fachgegenstand zu widmen und den nach diversen Fragestellungen abzuklopfen, schätzen die Arbeitgeber auch außerhalb der Wissenschaft. Ein Format des Expertenworkshops, die Arbeit in Kleingruppen, funktionierte besonders gut. Wir mussten die Teilnehmenden regelrecht zum Aufhören anhalten und hatten im Anschluss als Ergebnis sehr schöne Abschlusspräsentationen – und zwar zu den Themen „Forschendes Lernen: Integration interdisziplinärer Kompetenzziele“, „Interkulturelle Kompetenzorientierung: Formulierung von Lernzielen“ und „Innovative Lern-/Lehrmethoden: Verankerung im Curriculum“. Gerade in der letzten Gruppe gab es viel Diskussionspotential u.a. zum Thema „E-Learning“ und „MOOCs – Massive Open Online Courses“.

Dr. Bally: Diesen Themenfeldern und Problematiken widmete sich die Veranstaltung und wollte eine Plattform zum kollegialen Austausch bilden. Hinzu kommt, dass die „Kleinen Fächer“ in Zeiten der Zusammenkürzung von ganzen Studiengängen Alleinstellungsmerkmale benötigen, damit auf sich aufmerksam machen müssen, Vernetzungspotentiale ausschöpfen, und einer fortschreitenden Digitalisierung von Forschung und Lehre zu begegnen haben – Stichwort Digital Humanities.

Dr. Naether: Der Austausch während des Expertenworkshops sollte sich multiperspektivisch und ergebnisoffen gestalten – so waren auch Studierende und Promovierende eingeladen. Sie brachten ihre Vorschläge und Ideen bei Arbeit in Kleingruppen sowie den Diskussionsrunden mit ein. Außerdem waren sie Protokollant/innen für alle Veranstaltungsteile. Ein gemeinsamer Abend im Ägyptischen Museum und die Pausen boten Freiraum für den informellen Ideenaustausch und zur individuellen Vernetzung.

Dr. Franziska Naether, Ägyptologisches Institut der Universität Leipzig

"Expertenworkshop soll Startschuss für weitere Treffen sein"

L.I.S.A.: Der Fokus lag bei der Tagung eindeutig auf den Geisteswissenschaften. Warum? Sind die Geisteswissenschaften besonders gefordert, sich neu aufzustellen?
 
Dr. Bally: Im Bereich der Geisteswissenschaften hat es bisher wenige Aktivitäten und Veranstaltungen zur Situation nach der Studienreform an den deutschen Hochschulen gegeben. Hier wollten wir ein Signal setzen. Die Expertenworkshops des HRK-Projekts nexus bieten eine Möglichkeit, kompetente Unterstützung bei der Sicherung der Studienqualität und konstruktives Netzwerken miteinander zu kombinieren. Es gab bereits ähnlich gelagerte Veranstaltungen zu aktuellen Themen wie Diversitätsmanagement, Anerkennung, Employability oder Mobilität. Mehr Infos gibt es unter www.hrk-nexus.de

Dr. Naether: Der vertretene Fächerkanon wurde bewusst ausgesucht. Wir mussten uns beschränken, um die Teilnehmerzahlen nicht ausufern zu lassen, da ja bundesweit Fachvertreter/innen eingeladen waren sowie Interessierte, Studierende und Promovierende.

Dr. Bally: Wir hoffen, dass der Expertenworkshop ein Startschuss ist und weitere Treffen realisiert werden können. Interessierte können sich gern bei der HRK, Projekt nexus, melden. www.hrk-nexus.de/projekt-nexus/kontakt/

Dr. Naether: Gerade in Mitteldeutschland ist zu beobachten, dass immer mehr „Kleine Fächer“ von der Schließung bedroht sind, die oft, aber nicht nur, in den Kultur- und Geisteswissenschaften angesiedelt sind. Aktuell betrifft das in Leipzig u.a. die Institute für Klassische Archäologie und Theaterwissenschaft. Dass die im Workshop thematisierten und diskutierten Spannungsfelder so schnell bittere Realität werden können, hätten wir auch nicht vermutet.

Dr. Juliane Bally, Referentin der Hochschulrektorenkonferenz im Pojekt nexus

"Fachcommunity ist unheimlich gut vernetzt"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielt bei der Entwicklung und Etablierung neuer Lern- und Lehrstrategien der digitale Wandel? Wie steht es um die Einbeziehung neuer digitaler Werkzeuge und Medien?
 
Dr. Naether: In den Fächern, die sich mit schriftlichen Hinterlassenschaften befassen, haben Datenbanken, digitales Tagging usw. eine lange Tradition. Die Papyrologie ist dafür das beste Beispiel – die erste Wissenschaft überhaupt, die damit begann. Altägyptische und altgriechische Papyri beispielsweise werden von Forschern im Internet entziffert und deren Edition immer weiter verbessert. Hier ist die Fachcommunity unheimlich gut vernetzt. Weitere Fächer zogen nach, arbeiten an der Erstellung digitaler Corpora von Kunstwerken usw. Aus diesen zum Teil recht großen Datenbanken konnten weiterführende Fragestellungen generiert werden. Gerne werden solche Themen für Qualifikationsarbeiten vergeben. Viele Kollegen, so auch ich selbst, bieten E-Learning-Module in der Lehre an. In meinem konkreten Fall lernt man, bestimmte Ägyptologie-spezifische Software anzuwenden, z.B. Hieroglyphen schreiben, antike Texte in Unicode-Schriftarten setzen, Vektorgrafiken von Artefakten zu erstellen und Kartenmaterial, z.B. von einem Ausgrabungsort, digital aufzubereiten. Hier gilt: auch die Dozent/innen lernen genauso dazu, deshalb habe ich mir dafür starke Partner gesucht. Aber eine Erstellung eines solchen Kurses ist auch ein hoher Arbeitsaufwand, der nicht unterschätzt werden sollte.

Dr. Bally: Um der rasanten Entwicklung im Bereich E-Learning angemessen zu begegnen, hatte die HRK bereits in 2012 eine Empfehlung zum Thema „Hochschule im digitalen Zeitalter: Informationskompetenz neu begreifen - Prozesse anders steuern“ gegeben. Siehe auch die Gesamtliste unserer Beschlüsse.

"Reine soft skills vermitteln?"

L.I.S.A.: Gab es auf der Tagung gegensätzliche Positionen? Argumentieren die einzelnen Disziplinen unterschiedlich?
 
Dr. Bally: Es gab einen Konsens unter den Teilnehmern, dass die „Kleinen Fächer“ zwar personell und ausstattungsmäßig klein sind, aber oft riesige Fachgebiete abdecken – zeitlich wie räumlich. Oft sind die „Kleinen Fächer“ drittmittelstark und ziehen eine verhältnismäßig große Schar an Studierenden an. Heiß diskutiert wurde die Frage, wie kreativ man mit Vorgaben eines festen Curriculums umgehen kann. Da stellte sich heraus, dass nicht alle die gleichen Vorbedingungen haben und dies je nach Universität oder Hochschule und Standort sehr unterschiedlich sein kann.

Dr. Naether: Unterschiedlich bewertet wurde die Frage, inwieweit man Lehrveranstaltungen anbieten sollte, die reine soft skills vermitteln, zum Beispiel „Karrierewege für Althistoriker“ oder weitere, auf den freien Markt zugeschnittene Seminare, die wenig Fachwissen beinhalten. Hier gingen die Positionen zunächst auseinander. Die Praxisvertreter/innen der Podiumsrunde sprachen sich jedoch dafür aus, lieber fachorientierte Projekte zu veranstalten als reine soft skills zu vermitteln. Insbesondere Kompetenzen, wie beispielsweise fachgerechtes Sammeln und Auswerten von Datenmaterial sowie konstruktives Diskutieren, zeichnen eine/n attraktive/n Bewerber/in aus.

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"Interdisziplinäre Vernetzung der 'Kleinen Fächer' stärken"

L.I.S.A.: Was sind die Ergebnisse der Tagung? Welche Agenda konnte entwickelt werden?
 
Dr. Naether: Unsere Zielsetzung war es, eine Chance zur intensiven Auseinandersetzung mit den aktuellen Herausforderungen der Studiengangsentwicklung in ausgewählten Geisteswissenschaften anzubieten und einen Dialog zwischen Lehrenden, Studierenden und Berufsvertretern anzukurbeln. Schwerpunkte waren fachübergreifende Kompetenzorientierung und Employability.

Dr. Bally: Wir dürfen uns über eine durchweg positive Resonanz auf den Expertenworkshop freuen. Es gibt offenbar ein starkes Interesse, Themen wie Lehrqualität, Employability, Interdisziplinarität in den Geisteswissenschaften zu vertiefen. Daher möchten wir versuchen, einen weiteren Expertenworkshop zu den besonders nachgefragten Themen zu realisieren und somit auch die interdisziplinäre Vernetzung der „Kleinen Fächer“ im universitären Umfeld zu stärken.

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Dr. Juliane Bally und Dr. Franziska Naether haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Die Tagungsdokumentation zum Expertenworkshop gibt es auf der Homepage des Pojekts nexus der Hochschulrektorenkonferenz.

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