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Georgios Chatzoudis | 11.10.2016 | 464 Aufrufe | Interviews

"Die innere Geschlossenheit einer Unternehmerfamilie"

Interview mit Mark Spoerer zur Geschichte des Familienunternehmens C&A

Das Bekleidungsunternehmen C&A galt lange als öffentlichkeitsscheu. Journalistische Anfragen zur jeweils aktuellen Firmenpolitik oder gar zu einzelnen Etappen seiner Geschichte wurden grundsätzlich abgeschmettert. Erst seit der Jahrtausendwende öffnet sich das Unternehmen der Öffentlichkeit und gewährt Einblicke in seine Archive, um seine Geschichte erforschen zu lassen. Im Auftrag von C&A hat nun zuletzt der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Prof. Dr. Mark Spoerer eine umfassende Studie vorgelegt, in der er fünfzig Jahre Firmengeschichte (1911 bis 1961) untersucht und dabei inbesondere die nationalsozialistische Vergangenheit in den Blick genommen hat. Wir haben ihm zu seinem Buch unsere Fragen gestellt.

"Ich darf alle das Unternehmen betreffenden Akten sehen"

L.I.S.A.: Herr Professor Spoerer, Sie haben jüngst eine umfassende Arbeit zur Geschichte der Textilhandelskette „C&A“ verfasst, die im Verlag CH.Beck unter dem Titel „C&A. Ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien 1911-1961“ erschienen ist. Ihr Projekt wurde bereits vor fünf Jahren in der Süddeutsche Zeitung in einem Artikel anlässlich einer Ausstellung über die Geschichte von C&A in der Zeit des Nationalsozialismus angekündigt. Wie kam es zu diesem Projekt? Welche Fragestellung hat Sie geleitet?

Prof. Spoerer: Ich wurde aus heiterem Himmel angerufen, ob ich mir vorstellen könnte, eine Unternehmensgeschichte von C&A mit Schwerpunkt der Geschichte des deutschen Zweigs im Dritten Reich zu schreiben. Ich fand das Thema vor allem deswegen interessant, weil sich C&A im Zweiten Weltkrieg mit je knapp zwanzig Filialen auf drei Seiten wiederfand: In Nazi-Deutschland, beim Kriegsgegner Großbritannien und in den besetzten Niederlanden. Außerdem reizte mich die Frage, auf welche Faktoren die Kontinuität als Familienunternehmen zurückzuführen ist. Letztlich führte dies zu einer Ausweitung des Themenbereichs auf alle drei Länder, in denen C&A von 1911 (erste Filiale in Deutschland) bis 1961 (Wiedererreichung der Vollbeschäftigung in der BRD, Mauerbau) aktiv war. Das Buch erscheint daher auch in einer englischen und einer niederländischen Fassung.

L.I.S.A.: Welche Quellen standen Ihnen bei Ihrer Forschungsarbeit zur Verfügung? Hatten Sie freien Zugang zum Archiv des Unternehmens?

Prof. Spoerer: Folgende Punkte wurden vertraglich vereinbart und standen nie zur Disposition: 1. Ich darf alle das Unternehmen betreffenden Akten sehen. 2. Ich darf alles schreiben. 3. Jeder Dritte muss meine in den Fußnoten zitierten Quellen nachprüfen können. Meine direkten Ansprechpartner im Projekt waren promovierte Juristen und Theologen, die den Wissenschaftsbetrieb kennen und daher gut nachvollziehen konnten, weshalb mir bestimmte Punkte sehr wichtig waren. Die Zusammenarbeit lief wirklich hervorragend.

"Die Brenninkmeijers waren pragmatische Kaufleute"

L.I.S.A.: Sie setzen Ihre Studie in einer Zeit an, in der das Unternehmen im Mutterland, den Niederlanden, bereits expandierte und 1911 eine erste Niederlassung im Deutschen Kaiserreich gründete. Warum orientierte sich die Familie Brenninkmeijers nach Deutschland und erst später nach Großbritannien? Was waren dafür die ausschlaggebenden Motive?

Prof. Spoerer: Die Familie Brenninkmeijer war ihrem in Westfalen gelegenen Familienstammsitz Mettingen immer treu geblieben (das tut sie bis heute, u.a. befindet sich dort das C&A-Unternehmensarchiv). Außerdem verkaufte C&A in seinen in fünf niederländischen Städten gelegenen Filialen (1910) Ware, die ganz überwiegend von der sehr leistungsfähigen Konfektionsindustrie in Berlin gekauft wurde. Schließlich war das Deutsche Reich wirtschaftlich gesehen wie die Vereinigten Staaten der große Aufsteiger vor dem Ersten Weltkrieg. Das alles sprach für eine Ausweitung des Filialnetzes nach Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg sah die Zukunft Deutschlands düster aus: politische Unruhen, Hyperinflation, offene Frage der Reparationsbelastung. Großbritannien hatte dagegen den Krieg gewonnen.

L.I.S.A.: Das Familienunternehmen gilt als ausgeprägt katholisch – alle Mitglieder der Familie Brenninkmeijer sind Katholiken, es wurde sogar lange kolportiert, C&A stelle nur Mitarbeiter katholischen Glaubens ein. Wie bedeutend ist diese religiöse Ausrichtung für die Geschichte des Unternehmens? Wieso konnte es gerade in den eher calvinistisch geprägten Niederlanden und dann später im anglikanischen Großbritannien Fuß fassen?

Prof. Spoerer: Die katholische Religion spielte in der Familie und auch bei der Auswahl familienfremder Führungskräfte bei C&A eine sehr wichtige Rolle. Ansonsten waren die Brenninkmeijers pragmatische Kaufleute und verkauften ganz selbstverständlich auch Konfirmationskleidung und sehr früh auch den Mini-Rock.

"Die Vorfahren der Brenninkmeijers schlugen bei der Arisierung kalt zu"

L.I.S.A.: Wie bei vielen anderen Großunternehmen auch ist der Nationalsozialismus in Deutschland ein bedeutender und oft verschwiegener Abschnitt der Firmengeschichte. Wie verhielt sich „C&A“ zum NS-Regime? Welche Auswirkungen hatte die NS-Zeit auf die Firmenpolitik? Und wie geht „C&A“ heute mit seiner NS-Geschichte um?

Prof. Spoerer: 1933 sahen die Brenninkmeijers - verglichen mit dem Kommunismus - in den Nationalsozialisten das geringere Übel. Aber sie waren Ausländer, streng katholisch und Großkapitalisten. Dies waren drei potenzielle Konfliktfelder. Letzteres erschwerte den weiteren Ausbau des Filialnetzes, weil die Nationalsozialisten im Einzelhandel eine ausgeprägte Mittelstandspolitik verfolgten. 1938 erreichte es C&A, den als korrupt bekannten Hermann Göring mit Schutzgeldzahlungen für sich einzuspannen. Göring erhielt neben Spenden jahrelang kostbare Gemälde zum Geburtstag und zeigte sich umgekehrt des öfteren erkenntlich, wenn Institutionen des NS-Staats dem Unternehmen Probleme machten.

Nun war es sicherlich nicht einfach, im NS-Regime im Geschäft zu bleiben und dabei einigermaßen "sauber" zu bleiben. Was aber die Brenninkmeijers heute erkennbar betroffen macht, ist, dass ihre Vorfahren bei der Arisierung kalt zuschlugen. Weil das Unternehmen seinen hohen Cashflow weder in neue Filiale investieren noch ins Ausland transferieren durfte, kaufte es Immobilien, gerne auch von Juden, die unter Verkaufsdruck standen. Niemand musste im Dritten Reich bei der Arisierung mitmachen. Ganz offensichtlich war hier der Geschäftssinn stärker als die aus dem Katholizismus abgeleiteten sozialethischen Motive. Vor einigen Jahren beauftragte das Unternehmen einen jungen Historiker, Material aus der Zeit des Dritten Reichs zusammenzutragen. Die Ergebnisse schockierten und veranlassten die Unternehmerfamilie, die nun von mir vorgelegte Studie in Auftrag zu geben.

"Familienfremde Top-Manager auf dem Markt anzuheuern, war nicht nötig"

L.I.S.A.: Sie schließen Ihre Untersuchung mit dem Jahr 1961 ab, also einer Zeit, in der das Wirtschaftswachstum vor allem in Deutschland seinen Höhepunkt erreicht hatte. Inwiefern konnte „C&A“ vom Nachkriegsboom profitieren? Was machte „C&A“ erfolgreich?

Prof. Spoerer: Das Verkaufsprinzip von C&A - hoher Umsatz mit niedriger Gewinnmarge - passte wunderbar zu den Konsumbedürfnissen der Nachkriegsgesellschaft. Obwohl die Brenninkmeijers sehr katholisch-konservativ waren, beobachteten sie genau den Markt und ihre Kunden und passten sich ihren Bedürfnissen an. Die innere Geschlossenheit der Unternehmerfamilie war sicherlich ein Grund, weshalb C&A das erfolgreicher praktizierte als die Konkurrenz.

L.I.S.A.: Mit den 1960er Jahren setzt allmählich eine ökonomische Phase ein, in der Volkswirtschaften aber auch traditionelle Unternehmen an Wachstumsgrenzen stoßen – auch mit Folgen für die künftige Firmenpolitik bzw. strategische Ausrichtung von Großunternehmen. Neue Managementmentalitäten und neue Formen der Firmenbeteiligung verändern die unternehmerische Landschaft. Sie stellen in Ihrem Buch entsprechend die Frage: „Familie oder Markt?“ „C&A“ betrachtet sich nach wie vor als Familienunternehmen. Zurecht?

Prof. Spoerer: Im Untersuchungszeitraum war C&A definitiv ein reines Familienunternehmen - nur männliche Brenninkmeijers in direkter, ununterbrochener Nachfolge der Gründerväter Clemens und August (C&A) durften in den Unternehmerkreis, d.h. die Gruppe der Inhaber, aufsteigen. Daher war es nicht nötig, auf dem Markt familienfremde Top-Manager anzuheuern und diese gegebenenfalls zu Mitinhabern zu machen. Heute dürfen auch Brenninkmeijer-Töchter Inhaber werden. Die grundlegende Idee ist, dass Familienmitglieder eine wesentlich höhere Loyalität haben und die Verständigung leichter ist. Man hält dadurch die Transaktionskosten niedriger als bei vergleichbar großen Unternehmen, bei denen Eigentum und Management getrennt sind und angestellte Top-Manager die Gewinne für die Eigentümer erwirtschaften sollen. Ob das Modell eines reinen Familienunternehmen wie C&A bei dieser Unternehmensgröße weiterhin Zukunft hat, kann ich als Historiker nicht beurteilen.

Prof. Dr. Mark Spoerer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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