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Georgios Chatzoudis | 17.11.2011 | 2959 Aufrufe | Interviews

"Die Hälfte des Einkommens verloren"

Interview mit Wassilios Aswestopoulos

Die neue Regierung unter dem Ökonomen Loukas Papadimos ist im Amt. Die europäischen Staatschefs setzen viel Hoffnung in den früheren Vize-Chef der Europäischen Zentralbank, auf die Finanzmärkte machte der Wechsel indes bisher kaum Eindruck. Griechische Obligationen haben sich bisher kaum von der Stelle bewegt. Welche Perspektiven hat die neue Regierung? Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

Wir haben mit dem Journalisten und Griechenlandkorrespondenten Wassilios Aswestopoulos gesprochen. Er hat in Aachen und Athen studiert und berichtet regelmäßig für deutsche Zeitungen und Magazine aus Griechenland. Zurzeit hält er sich wieder in Athen auf.

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Der griechische Volksdichter Kostis Palamas (1859-1943) scheint angesichts der gegenwärtigen Lage in Griechenland wenig Hoffnung zu haben.

"Besorgnis, Enttäuschung, Wut"

L.I.S.A.: Herr Aswestopoulos, Sie sind zurzeit in Athen. Dabei haben Sie sicherlich viele Gelegenheiten mit den Menschen zu sprechen. Könnten Sie ein kurzes Stimmungsbild geben? Welche Meinung ist die aktuell vorherrschende zur Misere in Griechenland?

Aswestopoulos: Mit Ausnahme einer geringen Anzahl von Griechen, die immer noch an die politischen Parteien glauben, sind fast alle besorgt, enttäuscht und wütend. Die Verelendung einer immer größeren Bevölkerungsgruppe nimmt dramatische Ausmaße an. Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen leiden entweder unter Geldmangel, fehlendem oder falsch besetztem Personal und Streiks. Auch der Wechsel an der Regierungsspitze des Landes hat nicht wirklich etwas an der Perspektivlosigkeit geändert. Denn der Hauptgrund für den Groll der Menschen bleibt. Sie zahlen, während diejenigen die sich bereichert haben straffrei ausgehen.

"Ausbeutung mittels Nepotismus"

L.I.S.A.: In Ihrem aktuellen Buch "Griechenland - eine EUROpäische Tragödie" beschreiben Sie Ursache chronologisch. Wo genau setzen Sie den Ausgangspunkt an?

Aswestopoulos: Ich beginne bewusst mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem anschließenden Bürgerkrieg. Denn seinerzeit hat Griechenland ebenso wie Deutschland und Japan ein wahres und kein statistisch geschöntes Wirtschaftswunder geschafft. Leider manifestierten sich damals auch die politischen Netzwerke, die bis heute das Land beherrschen und mittels Nepotismus ausbeuten. Im Laufe der Jahre hat die von Zuschüssen und Korruption lebende Bevölkerungsgruppe wirtschaftlich die Überhand gewonnen. Die Folgen sind fatal.

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Wassilis Aswestopoulos, Griechenland - eine EUROpäische Tragödie. Die Hintergründe der Euro-Krise, Berlin 2011

"Die EU hat zu lange nur zugeschaut"

L.I.S.A.: Der Titel des Buches suggeriert zumindest, dass die griechische Tragödie auch eine des Euro, aber vor allem auch eine europäische sei. Was genau meinen Sie damit?


Aswestopoulos: Zu lange hat zuerst die EG und später die EU gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Dem griechischen Wähler war nicht unbedingt bewusst, in welcher wirtschaftlichen Gefahr das Land sich befand. Bei den europäischen Experten muss man jedoch vermuten, dass sie es kommen sehen konnten. Den Wählern wird vorgeworfen, dass sie sich nun weigern, die Fehler ihrer erwählten Regierungschefs zu bezahlen. Müsste man nicht genauso konsequent auch diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die ihr Wissen jahrelang zurück hielten und somit den Griechen wichtige Informationen vorenthielten?

Wenn selbst Eurogruppenchef Jean Claude Juncker zugibt, dass man zu lange geschwiegen hat, wie sollen sich dann diejenigen fühlen, die nun für verschwiegene Wahrheiten zahlen müssen? Diese Konsequenz trifft nicht nur die griechischen Steuerzahler sonder auch diejenigen Europäer, die nun für eilig zusammengeschusterte Rettungsschirme zahlen müssen.

Europäisch wird die Geschichte auch deshalb, weil sich am Beispiel Griechenlands Schwächen in der Eurozonenkonstruktion zeigten, die nun von Spekulanten zu Lasten aller Euroländer ausgenutzt werden können.

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"Das Land wird regelrecht kaputtgespart"

L.I.S.A.: In den deutschen Medien ist man sich ziemlich einig, dass die griechische Krise vor allem hausgemacht sei. Es gibt aber auch Stimmen, die behaupten, dass Europa bzw. die Europäische Union eine Mitverantwortung für die Misere trägt. Auch Sie deuten das in Ihrem Buch an. Wie ist das zu verstehen?

Aswestopoulos: Ich sehe nicht, dass sich die deutschen Medien in der Berichterstattung über diesen Punkt einig sind. Es gibt durchaus kritische Stimmen, die außer den bereits erwähnten Punkten auch beschreiben, dass das Land aktuell regelrecht kaputtgespart wird. Auch dieses Handeln wird teure Folgen haben.

Zu Beginn der Krise war es vor allem die Regierung Papandreous, die aus parteipolitischen Gründen selbst für eine griechenlandfeindliche Polarisation gesorgt hatte. Bekanntlich verkündete der damalige Premier Giorgos Papandreou im Winter 2009-2010 mehrmals, "ich regiere ein korruptes Land." Sein erster Finanzminister Giorgos Papakonstantinou verglich die hellenische Wirtschaft bereits im Dezember 2009 gar mit der Titanic. Solche plakativen Aussagen brennen sich in Gedächtnisse ein. Kritische Stimmen werden dagegen gern überhört.

"Reißerische Stories verkaufen sich gut"

L.I.S.A.: Bleiben wir kurz bei der Berichterstattung. Sie sind auch Journalist. Wie schätzen Sie die Berichterstattung in den deutschen Medien ein? Die Bild-Zeitung wurde unter anderem dafür ausgezeichnet.


Aswestopoulos: Es steht mir leider berufsbedingt nicht zu, über andere Medien zu urteilen. Dazu fehlt mir die Neutralität. Inwieweit die überwiegend plakativen, verallgemeinernden und populistischen Artikel der Bild-Zeitung jedoch auszeichnungswürdig erscheinen und wer solche Auszeichnungen verteilt, das können aufmerksame Medienkonsumenten sicherlich selbst gut bewerten. Meine journalistischen Lehrer haben mir ans Herz gelegt, nach bestem Wissen und Gewissen Ross und Reiter zu nennen und verallgemeinernde Aussagen weitgehend zu vermeiden.

Ansonsten gilt auch bei einigen griechischen Medien die Devise, dass reißerische Stories unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt offenbar gut verkauft werden können.

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Schlagzeilen zur Griechenlandkrise aus der Bild-Zeitung
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"Krawalle und chaotische Zustände auf Dauer"

L.I.S.A.: Wird die Krise das Land verändern? Und wenn ja, was glauben Sie, steht dem Land in der nächsten Zeit bevor?

Aswestopoulos: Sollte es weiterlaufen wie bisher, dann wird alle paar Monate ein weiterer EU-Krisengipfel fällig. Denn bisher wurde von europäischer Seite immer nur versucht, die Finanzmärkte zu beruhigen. Es wurde weder an einen Wirtschaftsaufbau gedacht, noch daran zumindest das Überleben der ärmsten Bevölkerungsschichten zu sichern. Bisher haben die politischen Parteien im Land schlicht darauf geachtet, sich selbst abzusichern. Sie haben im Land keinerlei moralische Autorität mehr.

Folgerichtig radikalisieren sich die Bürger und werden somit für Populismus jeglicher Couleur anfällig. Sie haben teilweise bis zu fünfzig Prozent ihres Einkommens verloren, sofern sie noch Arbeit haben.

Renten werden bis unter die Armutsgrenze gekürzt. Einkommen auch unter dem absoluten Existenzminimum besteuert. Die Arbeitslosenzahlen explodieren, die Inflation steigt. Allerdings wurden die bekannten Unbekannten, die reichen Steuerflüchtlinge bisher kaum tangiert. Das sind Zutaten in Rezepten für Mord und Totschlag.

Erneut steht Europa diesem Problem eher passiv gegenüber. Vielmehr sorgen zahlreiche Äußerungen europäischer Spitzenpolitiker dafür, dass das Land nun noch ein paar Monate auf Neuwahlen warten müssen. Dadurch geht bei vielen Griechen der letzte Rest an Vertrauen in europäische Werte verloren.

Ohne das Vertrauen der eigenen Bürger kann die griechische Wirtschaft jedoch nicht gerettet werden. Die sozialen Strukturen im Land zerbrechen immer mehr so dass in naher Zukunft mit weiteren Krawallen und chaotischen Zuständen gerechnet werden kann.

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Erstmals seit der griechischem Militärdiktatur von 1967-1974 ist wieder die nationalistische Rechte an einer Regierung beteiligt. In der Bildmitte der Parteiführer der rechtspopulistischen LAOS, Georgios Karatzaferis.

Wassilios Aswestopoulos hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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