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Georgios Chatzoudis | 12.11.2011 | 4548 Aufrufe | Interviews

"Die griechische Demokratie funktioniert vorzüglich"

Interview mit Prof. Dr. Georgios Makris

In unserem dritten Interview zur Griechenlandkrise kommt heute erstmals ein griechischer Wissenschaftler zu Wort. Prof. Dr. Georgios Makris lehrt an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Neugriechische und Byzantinische Philologie.

Wir haben ihn nach seine Meinung zur aktuellen Misere in Griechenland befragt.

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Prof. Dr. Georgios Makris, Byzantinist und Neogräzist und Professor für Neugriechische und Byzantinische Philologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

"Das politische Leben in Griechenland ist demokratisch tadellos"

L.I.S.A.: Herr Professor Makris, Griechenland befindet sich politisch, wirtschaftlich und auch im Hinblick auf die politische Kultur in der möglicherweise schwierigsten Lage seit dem Ende des Bürgerkriegs Ende der 1940er Jahre. Kaum noch jemand traut dem Land und seinen Menschen zu, die Krise zu bewältigen. Sie auch nicht?

Prof. Makris: Die Staatsfinanzen, die  „Schuldenkrise“ in ihren aktuellen Dimensionen, lässt sich in der Tat nicht bewältigen, auch nach dem Schuldenschnitt von 100 Milliarden nicht, es sei denn, der insgesamt kontraproduktive griechische Staat wird grundlegend reformiert, d.h. radikal reduziert, während die zuständigen internationalen Finanzinstitutionen (E.U., IWF, EZB) den Versuch langfristig mit Qualitätskontrollen begleiten.

Ansonsten finde ich zwar, dass Politik und politische Kultur stark zu wünschen übrig lassen, möchte jedoch hinzufügen, dass sich das politische Leben des Landes in einem demokratisch tadellosen, freiheitlichen Rahmen entfaltet, der institutionell europäischen Standards durchaus entspricht. Gewiss hat die politische Kultur noch lange nicht das Niveau des Vereinigten Königreichs, Nachkriegsdeutschlands oder der skandinavischen Länder erreicht; der Nepotismus etwa ist nach wie vor gegenwärtig – unter fünf Ministerpräsidenten der letzten zwanzig Jahren waren zwei Neffen, zwei weitere Söhne von Ministerpräsidenten, während etwa ein Drittel der Familiennamen der jetzigen Parlamentarier ein Jahrhundert zuvor in den Listen der Volksvertreter ebenfalls vorkam; wesentliche Teile der im Parlament vertretenen Linken sind leider bekennende Stalinisten; nicht wenige Konservative lassen sich bestenfalls als Rechtspopulisten einstufen; Prominente, ja Parlamentarier, haben sich explizit und wiederholt antisemitisch und rassistisch geäußert. Insgesamt aber funktioniert die Demokratie in Griechenland heute vorzüglich.

Um ganz offen auf die Frage zu antworten: Teilen des amtierenden politischen Personals und der vorhandenen Strukturen traue ich es nicht zu, dem Land aber insgesamt und seinen Menschen traue ich es durchaus zu, wenn sie sich vom Würgegriff des Staates befreien und weiterhin effiziente Unterstützung - keine bloßen Kredittranchen! - seitens der europäischen Partner erhalten, die Krise zu bewältigen (und somit unverhofft der europäischen Idee einen Sonderdienst zu erweisen).

"Freigiebige Kreditvergabe trotz struktureller Schwächen"

L.I.S.A.: Worin sehen Sie die entscheidenden Ursachen für die aktuelle Misere? Gibt es dafür möglicherweise sogar historische Gründe, vielleicht sogar Parallelen?

Prof. Makris: In den Weltranglisten steht Griechenland hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens etwa an 25., hinsichtlich des Produktionsergebnisses je Erwerbstätigem jedoch etwa an 100. Stelle. Während aber die Produktivität bereits seit der Gründung des Staates zu Beginn des 19. Jahrhunderts stets niedrig war, kam es zu einer Schuldenkrise wie die heutige erst nach dem Beitritt des Landes zur Eurozone. Durch diese wuchs die Produktivität nicht, es öffnete sich aber die Möglichkeit, die Einkommen der Staatsbediensteten durch Billigkredite, durch Staatsschulden massiv anzuheben.

Die Politiker und ihre Klientel nahmen die Möglichkeit wahr, und es kam zur Katastrophe. Nepotismus, Klientelismus und die damit einhergehende Korruption im Großen und im Kleinen konnten - und mussten - nur dann zur Katastrophe führen, wenn Finanzinstitute dem Land Kredite in bis dahin ungeahnter Höhe vergaben. In den strukturellen, historisch bedingten Schwächen des Landes sehe ich nur Teilvoraussetzungen der Krise. Einen direkten Kausalzusammenhang sehe ich im Zusammenwirken der strukturellen Schwächen und der nicht zu vertretenden Vergabe von Krediten an das Land; it takes two to tango.

"Bürger und Staat bilden in den Augen der Griechen keine Einheit"

L.I.S.A.: In unserem Vorgespräch haben Sie zum Ausdruck gebracht, dass die Krise nicht nur wirtschaftlicher Natur sei, sondern auch kulturelle Komponenten habe. Was genau meinen Sie damit?

Prof. Makris: Ich meine insbesondere die unter der griechischen Bevölkerung verbreiteten Auffassung, Bürger und Staat bildeten keine Einheit, sondern verhielten sich zu einander wie Obrigkeit und „Volk“. Dies ist, was Politik, Kirche und Schule grundsätzlich lehren, wobei sie freilich die Begriffe auf orwellsche Weise auf den Kopf stellen; es sind die Privilegien des Staatssektors, die bisher durch die maßlose, als sozial maskierte Staatsverschuldung unterfüttert wurden.

"Platz schaffen für moderne parteipolitische Formationen"

L.I.S.A.: Glauben Sie, dass die aktuelle Krise das Land nachhaltig verändern wird? Oder anders gefragt: Welche Folgen hat die Wirtschafts- und Staatskrise für die Zukunft des Landes? Beispielsweise für die jungen Menschen in Griechenland, für die Lebensweise vieler Griechen, für die politische Kultur des Landes und für den Status Griechenlands in Europa?

Prof. Makris: Grundlegende Veränderungen sind bereits eingetreten; die wichtigste Geldquelle, die Verschuldung, versiegt. Der Staat wird sich verkleinern müssen und das ist gut so. Einschnitte sind leider unumgänglich, heißt doch die Alternative „vollkommener Zusammenbruch“.

Die jungen Menschen des Landes befreien sich bereits von der Vorstellung, ihre Zukunft läge im Staatsdienst. Sie werden ihren Weg finden, das an Ressourcen arme Land wird sich nach meiner Überzeugung auf seine traditionellen Tugenden wie Flexibilität, Kreativität, Fleiß, Unternehmenslust und Risikobereitschaft besinnen (müssen).

Ich hoffe zudem sehr, dass die bevorstehenden Änderungen zwangsläufig die Teile der Politik, deren Existenzberechtigung bisher ausschließlich im Bedienen des Klientelsystems bestand, wegfegen und Platz für moderne parteipolitische Formationen schaffen werden.

"Erklärungen in der Berichterstattung sind leider oft monokausal"

L.I.S.A.: Ein Blick auf die Berichterstattung in den deutschen Medien über die Griechenlandkrise: Haben Sie den Eindruck, gut und ernsthaft informiert zu werden?

Prof. Makris: Ernsthaft durchaus und weitestgehend nach positiven Konzepten (vom Boulevard mal abgesehen). Gut nicht immer. Mich irritiert gelegentlich eine Verzerrung in der Berichterstattung, die durch die Isolierung eines, an sich durchaus relevanten Aspekts der Krise verursacht wird (Folgen für das Europaprojekt, Folgen für die Banken, Folgen für die gemeinsame Währung, Übertragung der Krise auf andere Länder, Konkurrenzfähigkeit Griechenlands, Bekämpfung von Schulden durch Neuverschuldung). Auch gegenüber der Monokausalität von Erklärungen der Krise etwa als Folge der Rückständigkeit des Landes, etwa des Klientelismus oder der Korruption oder einer ausgebliebenen Aufklärung, bin ich skeptisch.

Jüngst wird die Krise sogar als Projektionsfläche gebraucht; vergangene Woche erklärte ein führender Philosoph unserer Zeit im Anschluss an einen Publizisten das Referendum, das der griechische Ministerpräsident über die Umschuldungsverträge in Griechenland abhalten lassen wollte und dann auf Druck der Bundeskanzlerin und des französischen Staatspräsidenten absagen musste, zu einem grunddemokratischen Mittel. Dabei verschwendete er keine Gedanken darüber, dass es sich um Kreditverträge nicht nur mit Nehmern, sondern auch mit Gebern handelt, die dann ebenfalls gefragt werden müssten.

Prof. Dr. Georgios Makris hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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