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Georgios Chatzoudis | 10/22/2013 | 2603 Views | Interviews

"Die Geisteswissenschaften sind in Europa entstanden"

Interview mit Helga Nowotny zum Stand der Geisteswissenschaften

In den USA ist die öffentliche Förderung der Geisteswissenschaften keine Selbstverständlichkeit mehr. In Europa dagegen sind die Staaten nach wie vor daran interessiert, die Geisteswissenschaften für die kommenden Herausforderungen fit zu machen. Wir haben die Soziologin und Wissenschaftsforscherin Prof. Dr. Helga Nowotny zur Zukunft der Geisteswissenschaften in Europa befragt. Sie war von 1996 bis zu ihrer Emeritierung 2002 Professorin für Wissenschaftforschung an der ETH Zürich und ist seit 2010 Präsidentin des Europäischen Forschungsrates.

Prof. Dr. Helga Nowotny, Präsidentin des European Research Council (ERC; Europäischer Forschungsrat) sowie Vorsitzende des wissenschaftlichen ERC-Beirats

"Der Staat hat nie besonders viel geisteswissenschaftlich Forschung gefördert"

L.I.S.A.: Frau Professorin Nowotny, in wenigen Worten: Wie sehen Sie die Zukunft der Geisteswissenschaften? Eher rosig oder eher düster?

Prof. Nowotny: Wenn ich so vor die Wahl gestellt werde, sage ich: Eher rosig. Ich bezeichne mich manchmal als realistische Optimistin. (lacht)

L.I.S.A.: Das überrascht, denn in den USA hat der US-Kongress im Frühjahr die Förderung der Wissenschaften recht eindeutig von deren Bedeutung für ökonomische Interessen und die nationale Sicherheit abhängig gemacht. Beobachter sehen darin das Ende der Geisteswissenschaften in den USA. Teilen Sie diese Ansicht?

Prof. Nowotny: Meinem Empfinden nach richtet sich die aktuelle Entwicklung in den USA vor allem gegen jene Wissenschaften, die sich einem unmittelbaren Wertschöpfungszusammenhang entziehen. Das sind nicht nur die Geisteswissenschaften.

In den USA hat der Staat aber nie besonders viel geisteswissenschaftlich Forschung gefördert. Stattdessen gibt es dort eine recht lebendige und vielfältige Landschaft an Stiftungen und privaten Einrichtungen, die oftmals geisteswissenschaftliche Forschung voranbringen. So lange diese Vielfalt bestehen bleibt, werden auch die Geisteswissenschaften nicht zugrunde gehen.

"Die Attraktivität der Geisteswissenschaften ist viel langlebiger"

L.I.S.A.: Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub von der Stanford University hat in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung folgende Entwicklung in den USA beschrieben: Geisteswissenschaftliche Studien würden von Vertretern technischer Fächer aber auch von Unternehmen zunehmend entwertet, so dass heute kaum noch jemand diese Fächer studieren wolle? Gilt das auch für Europa? Worin sehen sie die gesellschaftliche Relevanz der Geisteswissenschaften heute?

Prof. Nowotny: Den Text von Daub kenne ich leider nicht. Der Rückgang an Studierenden geisteswissenschaftlicher Fächer hängt aber, glaube ich, weniger mit einem gewandelten Bild bei den Unternehmen zusammen, sondern eher mit der Finanzkrise. Was ich sagen will: Es sind die jungen Leute selbst, die nun glauben, mit einem technischen Studium eher eine Chance am Arbeitsmarkt zu haben. Wir müssen davon ausgehen, dass etwas Ähnliches in Europa passieren könnte.

Dennoch: die Attraktivität der Geisteswissenschaften ist viel langlebiger als oft angenommen. Ich erinnere mich, dass in den USA unmittelbar nach dem ‚Sputnik-Schock’ die Zahl der Studierenden in den geisteswissenschaftlichen Fächern signifikant zugenommen hat. Das mag kontra-intuitiv scheinen, hat aber auch eine eigene Logik.

Zu Ihrer zweiten Frage: Die Geisteswissenschaften haben in der Vergangenheit eine wichtige Rolle für unsere Gesellschaften gespielt, einfach weil sie wesentliche und für den Nationalstaat konstituierende Aspekte wie Sprache, Nationalität, etc. geprägt haben. Mein Wiener Kollege Wolfgang Lutz spricht daher auch von „Identitätswissenschaften“. Daran hat sich im Grunde nichts geändert.

L.I.S.A.: Was wird in Europa zurzeit für die Geisteswissenschaften unternommen? Welches Standing haben sie in Europa? Und wie werden sie gefördert?

Prof. Nowotny: Vergessen wir nicht, dass die Geisteswissenschaften in Europa entstanden sind. Sie sind an den Universitäten etabliert, und kaum jemand wird den breiten gesellschaftlichen Beitrag von philologischen, historischen, und kulturwissenschaftlichen Studienrichtungen bestreiten. Leider bedeutet das nicht, dass sie deshalb besonders gefördert werden. Es braucht eben auch in Europa mehr Einrichtungen wie die Henkelstiftung, die diese Rolle übernehmen.

"Die Deklaration von Vilnius ist eine Reaktion"

L.I.S.A.: In Litauen haben Sie im September die "Erklärung von Vilnius" beschlossen. Was genau beinhaltet diese Erklärung?

Prof. Nowotny: Die Deklaration ist eine Reaktion auf die von der Europäischen Kommission erklärten "Integration" der Sozial- und Geisteswissenschaften in das neue Rahmenforschungsprogramm „Horizon 2020“. Sie legt dar, unter welchen Bedingungen diese Integration funktionieren kann, und welchen Beitrag man sich unter diesen Bedingungen von den Sozial- und Geisteswissenschaften erwarten darf. Sie ist übrigens online hier zu finden: http://horizons.mruni.eu

Wichtiger wird aber sein, was im Konferenzreport festgehalten wird: Denn dort versuchen wir pragmatisch herauszuarbeiten, welcher Schritte es konkret bedarf, um diese Integration zu bewerkstelligen. Die Konferenz war ja ein großer Erfolg. Aber wir sehen jetzt eine zweifache Gefahr, dass sich die scientific community enttäuscht abwendet, wenn sie merkt, dass für eine erfolgreiche "Integration" noch viele Hindernisse zu überwinden sind und dass die Kommission in ihren internen Abläufen auf diese radikale Wende noch nicht hinreichend vorbereitet ist. Es wird daher essentiell sein, dass wir die operativen Schritte rasch in Angriff nehmen.

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