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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 01.10.2016 | 1996 Aufrufe | Artikel

Die Erforschung translokaler Netzwerke, die Zucht arabischer Pferde und globale Standardisierungs- und Zertifizierungsdiskurse

Pferdevorführung bei Yahia Abd as-Sittar Tahawi in Aleiwa, Sharqiya.

Chistoph Lange, wissenschaftlicher Mitarbeiter im a.r.t.e.s. Research Lab, berichtet über seine ethnologische Feldforschung in Ägypten

Die Aufgabe war klar und das Ziel deutlich am Horizont zu erkennen. Dank eines DAAD-Stipendiums konnte ich mich von meiner Aufgabe als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschergruppe „Transformations of Life“ des a.r.t.e.s. Research Lab beurlauben lassen und von April 2015 an ein ganzes Jahr auf Feldforschung nach Ägypten gehen, um hier mein Promotionsprojekt über die „Genealogien & Stammesgeschichten arabischer Pferde – Eine vergleichende Netzwerkanalyse des transkulturellen Milieus arabischer und westlicher Züchter, Händler & Pferde-Liebhaber“ (AT) in ethnologische Praxis umzusetzen. Mein Feldforschungsjahr ist nun beinahe abgeschlossen und diesen Beitrag möchte ich dazu nutzen, um einerseits aus der Feldforschung zu berichten und gleichzeitig erstmals und zugebenermaßen noch ‚befangen‘ den Forschungsverlauf zu reflektieren; bin ich doch derzeit immer noch im Feld bzw. an meinem Schreibtisch in Kairo.

Google Maps

Blick auf die Rennbahn des Nadi Shams in Ain Shams, Kairo.

Zur Einleitung in das Thema und die Feldforschung ist es sicherlich sinnvoll und hilfreich, kurz auf die grundsätzliche Fragestellung und den theoretischen Hintergrund des Forschungsprojekts einzugehen. Dazu beziehe ich mich größtenteils auf den Forschungs- und Stipendienantrag, mit dem ich mich 2014 beim DAAD beworben habe und der so in gewisser Weise auch die ‚Roadmap‘ für die Feldforschung darstellte.

Die Theorie im Hintergrund

Siegerfoto auf der Rennbahn in Alexandria, das Siegerpferd wurde von Said Firgani Tahawi (rechts vom Pferd) gezüchtet.

Das klassische arabische Pferd gilt als das Ergebnis jahrhundertelanger züchterischer Aktivitäten arabischer Beduinen aus dem Norden der arabischen Halbinsel und der syrischen Steppe. Die genaue Herkunft und eine exakte Datierung sind zwar umstritten, jedoch gilt es als sicher, dass das arabische Pferd bereits im 2. Jahrtausend v. u. Z. als eigenständige beduinische Zuchtrasse existierte, wobei keine Details über die Umstände und genauen beduinischen Zuchtmethoden und -techniken, die zur Etablierung der ‚Rasse‘ führten, vorliegen (Derry 2003: 104f.). Die Zuchttradition der arabischen Beduinen und Fragen nach dem Ursprung und der kulturgeschichtlichen Konstituierung des arabischen Pferdes haben Wissenschaftler, Züchter und Pferde-Liebhaber seit jeher interessiert und so ein enormes Korpus an Publi­kationen produziert (z.B. Blunt 1879; Davenport 1909; Oppenheim 1939; Forbis 1980; Olms 1985; Nagel 1998; Paraskevas 2010, 2011).

Das Forschungsprojekt nimmt seinen Ausgang bei den radikalen Transformations­prozessen, die zur Etablierung des globalen Marktes für reinrassige Araberpferde in der britischen Tier- und Agrarwirtschaft seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts führten. Diese wurden primär durch ein von Robert Bakewell eingeführtes, neues System intensiver Rein- und Inzucht­methoden für Rinder ausgelöst und hatten die Schaffung öffentlicher, standardisierter Register zur Kontrolle und Vermarktung der neuen Zuchtergebnisse zur Folge. Aus historischer Perspektive untersucht z.B. Margaret Derry die Verflechtungs­geschichten von Mensch und Tier an ausgewählten reinrassigen Züchtungen (neben dem arabisches Pferd auch Rind und Collie) und wie diese neuen Züchterpraktiken und das Entstehen immer weiterer neuer Spezialzüchtungen und -rassen im 18. und 19. Jahrhundert ein trans­nationales Vermarktungssystem zwischen Großbritannien und den USA hervorbrachten, das die globalen Verflechtungen und den Markt reinrassiger arabischer Pferde im 21. Jahrhundert weiter prägt (Derry 2003: 3ff.). Ihre Arbeit knüpft an die von Harriet Ritvo an, die ebenfalls als Historikerin über die im viktorianischen Großbritannien neu entstehenden Zuchttechniken und Tier- und Pflanzen­klassifikationssysteme forscht. Diese im Feld der Human Animal Studies zu verortenden Arbeiten versuchen zu erhellen, wie sich soziale Herrschaftsansprüche, Überlegenheits- und Modernitätsdiskurse des Empire in biologisch-technischen Konzepten und ‚Wissen‘ zu Tier- und Pflanzenzucht und ihren entsprechenden Taxonomien materialisieren (Ritvo 1989, 1997).

Eine ähnliche Perspektive wählen die beiden Ethnologinnen Rebecca Cassidy und Cristina Grasseni in ihren Ethnografien zur Welt des britischen Pferderennsports (Cassidy 2002) und zu Rinderzüchtern in den italienischen Voralpen (Grassini 2009). Beide untersuchen unter anderem, wie gruppen­konstituierende lokale Praxis – also hier die Vermittlung und Anwendung von Wissen über und Techniken im Umgang mit Pferden und Rindern – einerseits immer schon durch historische Ereignisse (wie die globale Verbreitung der Bakewell’schen Zuchtmethoden) beeinflusst und konsolidiert wurde; und dabei stetig technologische Innovationen und Transformations­prozesse aufgegriffen und übersetzt werden, die meist nicht lokal sondern aus transnationalen globalen Verflechtungen in die Praxis hineinwirken.

Am Anfang des letzten Jahrhunderts begannen euroamerikanische Privatzüchter, Händler und Liebhaber_innen des arabischen Pferdes, einen globalen Markt zu schaffen, indem sie verstärkt reinrassige arabische Pferde aus Ägypten, Syrien und Nordarabien nach Europa und in die USA importierten, dort heimische Zuchtprogramme und -linien etablierten, um so ‚das authentische arabische Pferd‘ zu erschaffen. Seit den letzten Jahren drängen auf diesen globalen, mittlerweile hochkapitalisierten und von transnationalen Interessenverbänden beherrschten Markt verstärkt investitionsstarke arabische Eliten, die ihrerseits versuchen, unter dem Motiv der Rück- bzw. Wieder­aneignung arabisch-beduinischer Tradition Fuß zu fassen.

Der Starter auf der Rennbahn des Nadi Gezira auf Zamalek, Kairo.

Die Feldforschung in Ägypten möchte, (I) die Verflechtungen und Übersetzungsketten untersuchen, durch die Züchtungs­standards und Distributions­reglements verhandelt, zirkuliert und in den jeweiligen lokalen Kontexten verortet werden. Dazu ist es notwendig, (II) die Kontroversen und Bruchzonen vor Ort in den Fokus zu nehmen, die entlang der Kommodifizierung und Industri­alisierung des Pferdezuchtgewerbes und einhergehender Authentizitäts­diskurse über Reinheit und Abstammung verlaufen, um so (III) Aufschlüsse über Transformationsprozesse translokal agierender Akteure und Eliten zu gewinnen. Die Feldforschung soll so untersuchen, wie sich spezifische Muster lokalen Handelns in einen globalen Markt (zurück-)übersetzen, diesen rekursiv (mit-)hervorbringen und zugleich vor Ort nutzbar machen.

Die ethnologische Praxis im Vordergrund: Erste Schritte

Training im Rennstall des Nadi Shams in Ain Shams, Kairo.

Um diese Überlegungen zu überprüfen und ethnografisch zu erforschen, fiel die Wahl auf Ägypten. Seit 2012 hatte ich bereits während kürzerer, explorativer Aufenthalte Kontakt zu ägyptischen Züchtern herstellen können und war ebenfalls auf eine Gruppe von im östlichen Nildelta lebenden Beduinen, den Tahawi, aufmerksam geworden, die anscheinend noch die Tradition ihrer Vorfahren pflegten und bekannt für die Zucht ihrer arabischen Pferde waren. Mit meiner Ankunft im April 2015 in Ägypten betrat ich also kein völliges Neuland und verfügte schon über ein paar Kontakte und eine vage Vorstellung der Züchterszene, die ich in den ersten Wochen über meine Rückkehr informierte und auch darüber, dass ich jetzt beabsichtige, ein ganzes Jahr mit ihnen und ihren Pferden zu verbringen. Der Forschungsplan sah vor, mich in der ersten Phase auf die im östlichen Delta – auch Sharqiya genannt – lebenden Tahawi zu konzentrieren. Von der Peripherie aus wollte ich den Beziehungen nach Kairo und den dort ansässigen Züchtern folgen, um dann schlussendlich bei den internationalen Beziehungen des ‚translokalen Netzwerks‘ zu landen.

Doch bevor ich die erste Etappe meiner Feldforschung in Angriff nehmen konnte, schloss ich erst einmal Bekanntschaft mit der ägyptischen Bürokratie und einer grundsätzlich skeptisch abwehrenden Haltung gegenüber Forschungsprojekten ausländischer Wissenschaftler, die mir auch in der Folgezeit immer wieder Kopfzerbrechen und das eine oder andere Verhör bereiten sollte:1 Es galt eine Forschungsgenehmigung zu erwirken, um einen einjährigen Aufenthaltstitel beantragen zu können und dazu den in den letzten Jahren immer mehr zunehmenden, latenten Verdächtigungen gegenüber westlichen Ausländern, sie seien unakkreditierte Journalisten oder gar Spione, entgegen zu wirken und dadurch möglichen, unangenehmen Missverständnissen vorzubeugen. Nach verschiedenen Anläufen und trotz Stipendienbestätigungen und -urkunden durch den DAAD sowie eines a.r.t.e.s.-Empfehlungsschreibens bekam ich indirekt und mündlich mitgeteilt, dass die Aussicht auf den Erhalt einer meinen Aufenthalt in Ägypten legitimierenden Forschungs­genehmigung durch das Ministerium für Information und Wissenschaft sehr unwahrscheinlich ist. Also entschied ich mich in Absprache mit meiner DAAD-Koordinatorin in Kairo den Vorgang ‚einschlafen‘ zu lassen und fand mich mit einem touristischen Aufenthaltstitel ab, der alle drei Monate erneuert werden muss, was jedes Mal ein bisschen Nervenkitzel bedeutete.

Das östliche Delta

Tariq Firgani Tahawi verschafft seinen Pferden Abkühlung im ägyptischen Sommer, Geziret as-Saoud, Sharqiya.

So begab ich mich formal als Tourist Anfang Mai zum ersten Mal auf eine Exkursion nach Sharqiya und genauer nach Gizeret as-Saʿoud, einem der drei großen Siedlungsgebiete der Tahawi. Die Region befindet sich circa drei Fahrtstunden von Kairo in nordöstlicher Richtung entfernt und ist nur mit einem privaten PKW oder einem der öffentlichen Minibusse zu erreichen.

Gemessen an der Einwohnerzahl ist Sharqiya der zweitgrößte und – abgesehen von Kairo – am dichtesten besiedelte Verwaltungsdistrikt Ägyptens. Vormals verstreute kleine Dörfer und Gehöfte aus traditionellen Lehmbauten haben sich unter dem unvermindert rasantem Bevölkerungswachstum, nationaler Großprojekte zur Urbarmachung der Wüste und dem ungebrochenem Zuzug aus allen Teilen des Landes in ein dichtes, chaotisches Siedlungsnetz aus monotonen Betonbauten verwandelt, von denen ein Großteil niemals den Weg ins Katasterregister schaffen wird.

Die Tahawi sind eine Beduinengruppe, die wie alle Beduinen in Ägypten sich selbst als „al-ʿarab“ / Araber bezeichnen, was synonym verwendet werden kann, da es auf eine Abstammung zu arabisch-beduinischen Stämmen aus der arabischen Halbinsel verweist, sie gehören der Stammeskonförderation der Hanadi an, die während der islamischen Eroberung im 8. Jahrhundert u. Z. nach Nordafrika kamen und sich hier niederließen. In ihren jetzigen Gebieten siedeln die Tahawi seit den 1830er Jahren, als sie für ihre Militärdienste und im Zuge der Landreformen unter Muhammad Ali und seinem Sohn Ibrahim Pascha mit Ländereien großzügig belohnt und als deren Verwalter eingesetzt wurden. Seit dieser Zeit haben die Tahawi ihre nomadische Lebensweise aufgegeben und sind eine der landbesitzenden Gruppen im Delta geworden, auf deren Boden in einer Form Lehenssystem die besitzlosen Bauern oder Fellachen arbeiteten. Mit der Aufgabe der nomadischen Lebensweise war aber nicht zwangsläufig auch der Verlust ihrer beduinischen Traditionen und Identität verbunden, vielmehr entwickelte sich ein Zweiklassensystem zwischen ihnen als ‚Arabern‘ und der restlichen Bevölkerung des Deltas, dass bis heute durch z. B. endogame Heiratsregeln aufrecht erhalten wird. Auch die Zucht von arabischen Pferden blieb weiterhin eine zentrale hochgeachtete Praxis unter den Tahawi-Sheikhs, die durch ihre tribalen Kontakte zu Stämmen in der Levante und Saudi-Arabien einen direkten Zugang zu neuen Pferden hatten, diese importierten und in ihre lokalen Zuchtprogramme integrierten. Das Resultat waren spezielle Tahawi-Zuchtlinien des arabischen Pferdes, über die nur sie verfügten und die sich bei den städtischen Eliten in Kairo großer Beliebtheit und Berühmtheit erfreuten.

Zu Besuch im Privatarchiv des Sheikh Tahawi Saoud in Taymur, Sharqiya.

Genau diese Zuchtlinien und deren Züchter ausfindig zu machen, war mein ethnografisches Anliegen und weshalb es mich nach Sharqiya zog. Nach einigem hin-und-her und mit einheimischer Hilfe fand ich in der Provinzhauptstadt al-Houssainiya ein möbliertes Apartment in zentraler Lage und ließ mich dort nieder. Ich fuhr von jetzt an täglich und für die kommenden vier Monate nach Geziret as-Saʿoud und in die umliegenden Dörfer. Geziret as-Saʿoud (oder kurz as-Saʿoud) ist die nächstgelegene Kleinstadt, die ungefähr 15 Minuten mit dem Tuktuk von al-Houssainiya entfernt und nach ihrem Gründer Sheikh Saʿoud at-Tahawi benannt ist.

Das beste Werkzeug des Ethnologen für die Umsetzung eines solchen Vorhabens ist und bleibt die teilnehmende Beobachtung. Der Zugang und Erstkontakt zu den Tahawi ergab sich – wie so vieles in der Feldforschung – zufällig: Ich rief einen Bekannten an und fragte, ob wir einen Kaffee trinken wollen. Er holte mich ab und wir fuhren nach as-Saʿoud, wo er mich einem Teil seiner Familie vorstellte und dieser Teil wurde meine Hauptbezugsgruppe, mit der ich den Sommer in Sharqiya verbrachte.

Die zentrale Institution im öffentlichen Raum der Tahawi ist die „maḍyafa“, eine Art Gästeraum und Versammlungsort, über die jedes Familiengehöft verfügt und wo der Besuch empfangen wird. Der männliche Teil der Gemeinschaft verbringt einen Großteil seiner Zeit hier. Darüber hinaus existieren größere, offizielle „maḍyafas“, die von einzelnen patrilinearen einflussreichen Familiensegmenten geführt und bei gesellschaftlichen Anlässen wie beispielsweise dem gemeinsamen Fastenbrechen oder bei Schlichtungsverhandlungen und Gemeindetreffen als Foren genutzt werden. Die meiste Zeit verbrachte ich damit meinen Informanten auf ihren Wegen von einer „maḍyafa“ zur nächsten zu folgen und so nachzuvollziehen, wer, wen, wann und warum besucht und welche Themen diskutiert werden. Als eine der ersten Erkenntnisse musste ich schnell realisieren, dass die von mir erwartete kollektive Praxis der Zucht des arabischen Pferdes sowie das praktische und historische Wissen darum weitestgehend nicht mehr existiert. Zwar züchten bzw. halten einige Tahawifamilien ein bis zwei Pferde, doch handelt es sich bei ihnen in den seltensten Fällen um arabische Pferde. Als ‚arabisches‘ Pferd galt für mich ein Pferd, das entweder offiziell beim ägyptischen Staatsgestüt als ein solches registriert war und somit über ein entsprechendes Brandzeichen verfügte oder vom Besitzer/Züchter als ‚arabisch‘ ausgewiesen werden konnte. Hierfür fragte ich nach der genealogischen Abstammung, die Zuordnung in wichtige matrilineare Abstammungslinien und ob es eine Form der Dokumentation gibt. In den meisten Fällen waren die Besitzer nicht einmal in der Lage eindeutig Vater und Mutter eines Pferdes zu benennen. Für sie ist die Haltung von Pferden zwar eine traditionelle und emotional wichtige Angelegenheit, die sie mit ihren Vorfahren verbindet, doch bezeichneten sie sie gleichzeitig und relativierend als Hobby („hawāya“), um so zu begründen, dass sie auf die meisten meiner Fragen keine Antworten hatten.
  

Die Madyafa Malaika zum Ende einer Veranstaltung anlässlich der ägyptischen Parlamentswahlen 2015, Geziret as-Saoud in Sharqiya.

Neben diesen Hobbyisten gibt aber auch immer noch eine Handvoll Familien, die professionell und erwerbsmäßig Pferde züchten. Diese Züchter folgen ihren Vätern und Großvätern und sind primär auf die Zucht von Rennpferden für die nationalen Rennbahnen in Kairo und Alexandria spezialisiert. Doch aufgrund einer folgenreichen Änderung der Zugangs- und Teilnahmereglements zu den nationalen Pferderennen in 1980er Jahren, die von da an die Teilnahme nicht-registrierter Araberpferde ausschloss, verlagerten sich die Tahawi-Züchter auf die Zucht englischer und angloarabischen Rennpferde. Dazu kamen noch zwei weitere zentrale, miteinander verknüpfte Entwicklungen: Zum einen war 1972 mit der Gründung der WAHO (World Arabian Horse Organization, siehe auch www.waho.org) ein globales Registrierungssystem für ‚das arabische Pferd‘ geschaffen worden, welches primär von europäischen Interessenverbänden initiiert wurde und interessanterweise Ägypten als einziges arabisches Land unter den Gründungsmitgliedern verzeichnete. An dieses neu geschaffene globale Standardisierungs- und Kontrollregime für die Zucht und Zirkulation arabischer Pferde war die Implementierung nationaler zentralisierter Registrierungsverfahren geknüpft, um so ein einheitliches globales Register für alle arabischen Pferde zu schaffen. Die führenden Züchter und Sheikhs der Tahawi verweigerten jedoch die staatliche Registrierung ihrer Pferde, da sie immer noch die schockierenden Erfahrungen der großen Landreform und Enteignungswelle im Zuge der 1952er Revolution unter Gamal Abd al-Nasr, von der sie massiv und folgenreich betroffen waren, zu verarbeiten hatten. Zum anderen standen in den 1980er Jahren unter den Besitzern der Rennställe englische und angloarabische Pferde hoch im Kurs und waren dementsprechend stark bei den Züchtern nachgefragt, was wiederum größere Profite versprach. Viele Tahawi-Züchter brachte das dazu, ihre Zuchtprogramme entsprechend anzupassen, nicht zuletzt gerade weil ihre eigenen, unregistrierten arabischen Pferde soeben von den Rennen ausgeschlossen worden waren. Die Konsequenzen dieser internationalen Verwicklungen und der Verweigerung gegenüber einer staatlichen Registrierung waren für mich während meiner Feldforschung in Sharqiya offensichtlich. Das Narrativ der berühmten Tahawi-Züchter und ihrer arabischen Pferde aus Sharqiya ist weiterhin lebendig und so weit verbreitet, dass es auch auf Kairos Straßen und im Internet zirkuliert, nur sind die arabischen Pferde der Tahawi nahezu vollständig verschwunden.

Für die Rettung und den Erhalt einer Gruppe von neun Tahawi-Stuten setzt sich eine kleine dreiköpfige Züchterinitiative ein, die eine nachträgliche Registrierung durch das ägyptische Staatsgestüt al-Zahraa anstrebt und deren Aktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit und internationale Beziehungen ins Zentrum meiner Feldforschung rückten, die mich unter anderem im Oktober 2015 bis in die USA auf das Jahrestreffen der al-Khamsa Organization führte, einer NGO von US-Züchtern, die sich für die Förderung und den Erhalt des klassischen arabischen Beduinen-Pferdes einsetzen und in einem separaten, aufwendigen Anerkennungsverfahren die neun verbliebenden Tahawistuten 2015 final in ihr Privatregister aufgenommen haben.

Im ‚Zentrum der Macht‘: Das Staatsgestüt, die Rennbahn und die globale Welt der Privatzüchter

Der Rennstall Badrawi in Ain Shams, Kairo.

Meinem von Bruno Latour inspirierten Feldforschungsslogan „Follow the Horses“ treu bleibend und den oben skizzierten Befund meiner Feldforschung in Sharqiya berücksichtigend folgte ich also der Spur der Pferde aus Sharqiya zurück nach Kairo.

Ich begann meine teilnehmende Beobachtung und Feldforschung auf dem Staatsgestüt al-Zahraa im November 2015, wo ich seitdem die Arbeit der Stallburschen beobachte, die täglichen Routinen der dort angestellten Tierärzte begleite und versuche die Rolle des Staatsgestüts als zentrale Registrierungsstelle zu verstehen, das alle Pferde-Transaktionen zwischen den über 800 offiziell registrierten ägyptischen Züchtern kontrolliert sowie jegliche Im- und Exporte von arabischen Pferden überwacht. Das Staatsgestüt ist aus den ehemaligen königlichen Ställen hervorgegangen, es ist der Egyptian Agricultural Organisation (EAO) angegliedert und dem Landwirtschafts­ministerium unterstellt. Auch wenn aufgrund von lokaler Misswirtschaft und einer allgemeinen Verlagerung der wichtigsten globalen Zuchtzentren auf die kapitalstarken Gestüte der arabische Halbinsel der Ruf etwas bröckelt, erfreut sich al-Zahraa immer noch einer internationalen Anerkennung und Bewunderung, gilt es doch als Ursprung und Quelle der berühmtesten arabischen Pferde und Zuchtlinien der globalen Araberzucht des 20. Jahrhunderts. So fand im November 2015 die 17. und bisher größte internationale Zuchtschau mit 342 teilnehmenden Pferden auf dem Staatsgestüt statt. Ehemals am Rande von Kairo in der Wüste erbaut, ist al-Zahraa mittlerweile vom riesigen Stadtteil ʿAin Shams umschlossen, der vor allem sehr einkommensschwachen Ägyptern bezahlbaren Wohnraum bietet. Das weitläufige und ruhige Gelände mit den über 500 arabischen Pferden steht so in einem krassen Kontrast zur hyperurbanen Umgebung. Da es in Ägypten kein formales Ausbildungssystem für Pferdewirte, Stallburschen und Trainer gibt, rekrutieren sich die Angestellten seit Generationen aus der angrenzenden Nachbarschaft ʿAin Shams, die immer noch den Namen des ursprünglich hier gelegenen Dorfes Kafr Faruq trägt, das nach Ägyptens letzten König und Gründer des Gestüts benannt ist.

Die größte Herausforderung mit der die offiziellen Vertreter des Staatsgestüts und alle Privatzüchter aktuell umzugehen haben, ist ein genereller Exportban aller Pferde aus Ägypten in die EU, dem auch alle Nicht-EU-Staaten folgen, die sich an EU-Richtlinien orientieren. 2010 inspizierte eine EU-Kommission die allgemeine Gesundheitslage sowie die vorhandenen Registrierungs- und Kontrollverfahren der Pferde Ägyptens und suspendierte daraufhin alle Pferde-Importe in die EU aufgrund mangelnder oder fehlender staatlicher Kontrollmechanismen in der Registrierung von Pferden und der Überwachung und Prävention von ansteckenden Krankheiten. Damit sind die ägyptischen Züchter praktisch vom globalen Pferdehandel abgeschnitten. Wie diese EU-Entscheidung aufgenommen wurde, die ägyptische Zuchtpraxis beeinflusst und nach alternativen Exportstrategien und Lösungen für eine Aufhebung des Bans gesucht wird, war und ist eine meiner zentralen Forschungsfragen, gibt sie doch einen perfekten Einblick in die transnationalen Verflechtungen und wie diese auf der lokalen Ebene verhandelt werden. Die Erfüllung des EU-Auflagenkatalogs ist nach Aussage der Privatzüchter nur von staatlicher Seite zu erfüllen, da jedoch in den Revolutionsjahren die Ministerialposten mehrfach und kurzfristig immer wieder ausgetauscht wurden, war an eine konsequente staatliche Lösung nicht zu denken. Daher versuchten einige einflussreiche Züchter in Kooperation individuelle Lösungsansätze, eröffneten Privatkliniken und -laboratorien, doch bisher erfolglos. Solange bleibt den Züchtern nur ein äußerst teurer, zeitaufwendiger und für die Pferde gefährlicher Weg: Die Tiere werden mit einem Transporter über Land nach Nuweiba auf dem Sinai am Golf von Aqaba gebracht, dort via Fähre nach Jordanien verschifft, wo sie für 30 Tage in Quarantäne müssen, um so neue Papiere zu erhalten. Mit diesen neuen Dokumenten dürfen sie anschließend in die EU einreisen. Der finanzielle Aufwand ist für die meisten nicht tragbar und so hat sich in den letzten fünf Jahren unter den ägyptischen Züchtern eine konfliktreiche, lokale Tausch- und Zirkulationsgemeinschaft ägyptischer arabischer Pferde herausgebildet.
  

"The Egyptian National Arabian Horse Championship 2016" auf dem Gestüt Rabab von Sheikh Khalid bin Laden, Saqarra bei Kairo.

Nahezu unberührt von diesen Entwicklungen ist mein letztes großes Feld geblieben, aus dem ich abschließend noch berichten möchte: Die Rennställe und Pferderennbahnen Ägyptens. Die ersten Pferderennen wurden 1890 von den Briten eingeführt und waren eine Sache der Oberschicht, an denen sich von Beginn auch die Sheikhs der Tahawi erfolgreich beteiligten und in Konkurrenz mit den Stadteliten und hochrangigen Kolonialverwaltern standen. Seither ging es mit der Popularität der Rennen in Ägypten steil bergab. Nicht nur finden die Rennen aufgrund der mangelnden Qualität keinerlei internationale Beachtung, auch national sind sie weitestgehend unbekannt; so habe ich während der letzten Monate viele Ägypter und hier lebende Ausländer alleine mit dem Fakt verblüffen können, dass in Kairo (und in den Sommermonaten in Alexandria) wöchentlich am Samstag Pferderennen stattfinden. Diese Unpopularität oder ‚negative‘ Öffentlichkeit ist vermutlich dem Umstand verschuldet, dass die sehr umstrittene Praxis der Pferdewetten zwar von der ägyptischen Regierung geduldet wird, diese im Islam doch grundlegend verboten ist. Dazu sind sich die Beteiligten bewusst darüber, dass es genau das Wettgeschäft ist, das die Pferdrennen am Leben erhält, da der ägyptische Jockey Club aus den Wetteinnahmen den Großteil der laufenden Kosten und die Jahresmieten für die Renn- und Trainingsbahnen bezahlt.

Die beiden Milieus der Rennbahn und der Privatzüchter scheinen sich auf den ersten Blick extrem zu unterscheiden. Letztere formen eine elitäre, einkommensstarke und geschlossene Tauschgemeinschaft arabischer Pferde mit meist guten und essentiellen Verbindungen in das globale Züchternetzwerk. Wohingegen die Pferderennen, deren Akteure und besonders die Reichweite der adressierbaren Öffentlichkeit lokal bleiben, sogar ob der zwielichtigen Wettgeschäfte eine Art Schattenexistenz führen, die sich besonders im Publikum auf der Rennbahn widerspiegelt, das sich „aus Halunken, Dieben und dem Bodensatz der ägyptischen Gesellschaft“ zusammensetzt, wie einer meiner Informanten selbstironisch attestiert. Bei einem genaueren Blick findet man jedoch auch auf der Rennbahn internationale Verflechtungen. Einige der Preisgelder und besondere Rennen im Jahr werden beispielsweise von der wohlhabenden Elite am arabischen Golf gesponsert, wie durch den 2004 verstorbenen Emir von Abu Dhabi Zayid bin Sultan Al Nahyan, der von vielen auf der Rennbahn als der Patron des ägyptischen Pferderennsports verehrt wird und dessen Nachkommen ebenfalls die Rennen finanziell unterstützen. Dazu kommen einige stille Teilhaber an und Besitzer von Rennpferden aus Saudi Arabien, Iraq und den Golfstaaten.

Mit dem Blick auf die translokalen Verflechtungen zwischen meinen vier grob skizzierten Feldern sind es die Stallburschen, Broker, Pferde-Trainer und Tierärzte, die sich als professionelle Experte in allen Feldern zugleich bewegen, miteinander bekannt sind und dem Ethnologen in unterschiedlichsten Kontexten immer wiederbegegnet sind. Ihre Arbeit am und ihr Wissen um das Pferd ‚schafft‘ das Netzwerk, übersetzt zwischen den einzelnen Segmenten und integriert miteinander konkurrierende Interessen.

Anmerkung

1 Was aktuell schmerzlich euphemistisch klingt, nachdem im Februar 2016 der wenige Wochen vorher spurlos verschwundene 28jährige italienische Doktorand Giulio Regeni ermordet, d. h. bestialisch zu Tode gefoltert und anschließend am Rand von Kairo ‚entsorgt‘, aufgefunden wurde. Vieles deutet darauf hin, dass er als Agent verdächtigt und durch den Sicherheitsapparat während eines Verhörs getötet wurde.

Literatur

  • Blunt, Lady Anne (1879): Bedouin Tribes of the Euphrates. New York: Harper and Bros.
  • Cassidy, Rebecca (2002): The Sport of Kings. Kinship, Class, and Thoroughbred Breeding in Newmarket. Cambridge, New York: Cambridge University Press.
  • Davenport, Homer (1909): My Quest of the Arab Horse. New York: Dodge & Company.
  • Derry, Margaret (2003): Bred for Perfection – Shorthorn Cattle, Collies, and Arabian Horses since 1800. Baltimore: John Hopkins University Press.
  • Forbis, Judith (1980): Das klassische arabische Pferd. Berlin: Parey.
  • Grasseni, Cristina (2009): Developing Skill, Developing Vision: Practices of Locality at the Foot of the Alps. New York/Oxford: Berghahn Books.
  • Nagel, Hans-Joachim (1998): Hanan: The Story of an Arabian Mare and of the Arabian Breed. Cheltenham: Alexander Heriot.
  • Olms, W. Georg (1985): Asil-Araber. Arabiens edle Pferde – eine Dokumentation. Unter Mitarbeit von Sigrid Eicher. Hildesheim, Zürich, New York: Olms.
  • Oppenheim, Max Freiherr von (1939–1968): Die Beduinen. Bd. I–IV. Unter Mitarbeit von Erich Bräunlich und Werner Caskel. Leipzig, Wiesbaden: Harrassowitz.
  • Paraskevas, Philippe (2010–2011): The Egyptian Alternative. Bd. I-II. Kairo: Obelisque Publishing.
  • Ritvo, Harriet (1989): The Animal Estate: The English and Other Creatures in the Victorian Age. Cambridge: Harvard University Press.
  • Ritvo, Harriet (1997): The Platypus and the Mermaid, and Other Figments of the Classifying Imagination. Cambridge: Harvard University Press.

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