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Judith Wonke | 03.01.2019 | 579 Aufrufe | 1 | Interviews

"Die charismatische Führerschaft schien wenig glaubhaft"

Interview mit Peter Selb über die Auswirkung von Hitlers Wahlkampfauftritten

Welchen Einfluss hatten die öffentlichen Wahlkampfauftritte Adolf Hitlers auf den Erfolg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP)? Diese Frage stellten sich Prof. Dr. Peter Selb (Universität Konstanz) und Dr. Simon Munzert (Hertie School of Governance). Sie analysierten die Wahlstatistiken aus 1.000 Landkreisen und Bezirken sowie aus 3.864 Kommunen und kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Der Einfluss von Hitlers Auftritten war marginal. Im Interview haben wir mit dem Professor für Umfrageforschung am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz, Peter Selb, über die Studie gesprochen.

(l.) Veränderung des NSDAP-Wahlanteils in Landkreisen und kreisfreien Städten zwischen den Weimarer Reichstagswahlen im September 1930 und Juli 1932. Rote Punkte markieren Hitlers Auftrittsorte zwischen beiden Wahltagen. Bild: Simon Munzert und Peter Selb; (r.) Dr. Peter Selb, Professor für Umfrageforschung am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft der Universität Konstanz. Bild: Universität Konstanz

"Das wichtigste Wahlkampfinstrument der Nationalsozialisten"

L.I.S.A.: Herr Prof. Selb, Sie haben in Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Simon Munzert eine Studie zum Einfluss der Auftritte Hitlers auf die Wahlerfolge der NSDAP veröffentlicht. Bevor wir zu den inhaltlichen Fragen kommen: Woher rührt Ihr Interesse an dieser Thematik?    

Prof. Selb: Die Frage nach den Gründen des Aufstiegs der Nationalsozialisten hat sich vermutlich jeder in Deutschland schon einmal gestellt. Das war wohl auch eines der Motive, die mich seinerzeit zu einem Studium der neueren Geschichte und der Politik bewogen haben. Unter der Vielzahl der angebotenen Erklärungen wie z.B. die wirtschaftliche Depression, die Niederlage im ersten Weltkrieg oder die schwachen demokratischen Institutionen der Weimarer Republik schien mir damals die charismatische Führerschaft schon wenig glaubhaft. Allerdings wusste ich da noch nicht, wie sich diese Erklärung mit wissenschaftlichen Methoden überprüfen ließe.      

L.I.S.A. Was ist die Quellengrundlage Ihrer Untersuchung? Wie lassen sich heute überhaupt Aussagen über vergangene Wahlerfolge und politische Einflussnahmen treffen?

Prof. Selb: Öffentliche Veranstaltungen und insbesondere Hitlers Reden waren damals das wichtigste Wahlkampfinstrument der Nationalsozialisten. Der Zugang zum Rundfunk war beschränkt, die Zeitungslandschaft war regional und parteipolitisch zersplittert und den Nazis gegenüber überwiegend kritisch eingestellt. Die Verbreitung der eigenen Parteiorgane war begrenzt. Fernsehen gab es noch nicht. Als Datengrundlage nutzen wir vor allem eine mehrbändige Edition des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, die sämtliche Reden Hitlers von 1925 bis zur Reichskamzlerschaft im Januar 1933 beinhaltet. Wir haben daraus insgesamt 455 öffentliche Reden geokodiert und diese mit Wahldaten auf Kreis- und Gemeindeebene zusammengeführt, die der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter in einem großangelegten Projekt gesammelt und digitalisiert hat. Daneben haben wir aus unterschiedlichen Quellen weitere Strukturdaten zusammengetragen.  

"Die Wirkungskraft von Hitlers Rhetorik"

L.I.S.A.: Was versteht man unter der sogenannten „Differenz von Differenzen“-Methode, die Sie für Ihre Studie heranziehen?

Prof. Selb: Differenz von Differenzen bedeutet, dass wir die Veränderungen von Wähleranteilen (die erste Differenz) zwischen aufeinanderfolgenden Wahlen an Auftrittsorten mit denen an Orten verglichen haben, in denen Hitler nicht aufgetreten ist (die zweite Differenz). Dabei haben wir Vergleichsorte ausgewählt, die den Auftrittsorten mit Blick auf strukturelle Merkmale (Bevölkerungsgröße, Verkehrsanbindung, Stärke der lokalen Parteiorganisationen, Parteienwettbewerb etc.) möglichst ähnlich waren. Auf diese Weise haben wir versucht andere Faktoren, die möglicherweise einen Einfluss auf die Wahlergebnisse hatten, konstant zu halten. 

L.I.S.A.: Sie kommen zu dem Schluss, dass der Effekt von Hitlers Wahlauftritten eher als marginal zu bewerten ist. Wie erklären Sie sich unter diesen Umständen die Tatsache, dass er von ZeitzeugInnen und HistorikerInnen als „außergewöhnlicher Rhetoriker“ wahrgenommen wird?

Prof. Selb: Auf den ersten Blick gibt es schon einige Evidenz, die für die Wirkungskraft von Hitlers Rhetorik spricht. Einerseits gibt es viele Zeitzeugenberichte, die in diese Richtung deuten. Andererseits fällt der Aufstieg der NSDAP genau in die Periode, in der Hitler als Redner am aktivsten war. Während der Festungshaft Hitlers in Landsberg 1923/24 und während der Redeverbote, die viele Bundesstaaten in der Folgezeit erlassen hatten, stagnierte die NSDAP sowohl organisatorisch als auch an den Urnen.

L.I.S.A.: Wenn es nicht Hitler als „charismatischer Redner“ ist, der für den Wahlerfolg der NSDAP verantwortlich gemacht werden kann, wie sind die Entwicklungen dann zu erklären?

Prof. Selb: Das haben wir nicht untersucht. Es gibt aber eine Reihe empirischer Studien, die die Bedeutung wirtschaftlicher Faktoren wie der Arbeitslosigkeit und der Überschuldung bestimmter Segmente der Gesellschaft hervorheben. Daneben gibt es auch einige Untersuchungen, die massenmediale Propagandaeffekte während der NS-Zeit nachweisen, dies aber eben erst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der immer mehr totalitären Kontrolle der öffentlichen Kommunikation.   

"Bedeutung charismatischer Führerschaft für den Aufstieg populistischer Bewegungen"

L.I.S.A.: Können oder sollten wir sogar auf Grundlage dieser Ergebnisse aktuelle politische Entwicklungen anders reflektieren? Welcher Gegenwartsbezug ergibt sich aus Ihrer Studie?

Prof. Selb: Aus Einzelfällen, zumal aus solchen außergewöhlichen, lässt sich kaum generalisieren. Aber auch jenseits unserer Studie gibt es einige empirische Befunde, die die Bedeutung charismatischer Führerschaft für den Aufstieg populistischer Bewegungen in Zweifel stellen.

Prof. Dr. Peter Selb hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

Kommentar

von Rainer M. Kunz | 03.01.2019 | 12:23 Uhr
Das könnte für unsere jüngere Zukunft bedeuten, dass moderne Instrumente der Massenbeeinflussung, die dezidiert eingesetzt werden, wesentlich mehr zum Erfolg einer Gruppe beitragen, als deren charismatische Leitfigur. Ich denke das an Trump und das Geschwader von Spinning doctors, die aufgrund durch Facebook, etc. gewonnenen Daten Stimmung gemacht haben.

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