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Björn Schmidt | 15.10.2015 | 1331 Aufrufe | Interviews

"Die App deckt Bereiche jenseits der Ausstellung ab"

Interview mit Thomas Irmer über Apps für den Museumsbesuch

Inwieweit können Smartphones den Besuch eines Museums oder Gedenkorts bereichern? Welche Möglichkeiten ergeben sich durch sogenannte History Apps? Der Gedenkort Rummelsburg in Berlin-Lichtenberg bietet seinen Besuchern seit Kurzem die App "Haftanstalt Rummelsburg" an. Mithilfe dieser App soll die Geschichte des im Nationalsozialismus als Arbeitshaus genutzten und später zum Gefängnis umfunktionierten Ortes interaktiv und medial erfahrbar gemacht werden. Die App bietet neben einer interaktiven Karte, Biografien und verschiedenen Rundgängen auch begleitendes Bildmaterial zum direkten Vorher-Nachher-Vergleich. Wir haben Thomas Irmer vom Gedenkort zu dieser Form der Geschichtsvermittlung befragt.

Info-Material zur App (1.60 MB)
Google Maps

"Im Vordergrund stehen Biografien ehemaliger Insassen und Gefangener"

L.I.S.A.: Herr Irmer, Sie sind Historiker und Kurator mehrerer Ausstellungen, darunter der Dauerausstellung des neuen Gedenkorts Rummelsburg in Berlin-Lichtenberg. Für diese Ausstellung haben Sie eine App mitentwickelt. Doch bevor wir dazu kommen, was für ein historischer Ort ist Rummelsburg?

Irmer: In Rummelsburg, einem Ortsteil von Lichtenberg, befand sich von 1879 bis 1951 das größte deutsche Arbeitshaus. In der DDR-Zeit war es das zentrale Männergefängnis von Ost-Berlin. In der Open-Air-Ausstellung und in der App spannen wir daher einen weiten Bogen, vom Kaiserreich bis zur Friedlichen Revolution von 1989. Beide Projekte wurden vom Bezirk Lichtenberg und dem Senat von Berlin gefördert.

Im Vordergrund stehen Biografien von ehemaligen Insassen und Gefangenen, darunter von Menschen am Rand der Gesellschaft wie von Bettlern, Prostituierten oder Obdachlosen. Sie kamen im Anschluss an eine Haftstrafe nach Rummelsburg. Dort sollten sie durch einfache körperliche Arbeit „umgewöhnt“ werden. Mit dem Einsatz auf städtischen Rieselfeldern finanzierten sie aber hauptsächlich die „Besserungs- und Zwangsarbeitsanstalt“ wie die Verwaltung das Arbeitshaus nannte. In Rummelsburg befanden sich im Schnitt etwa 1.000 Menschen, überwiegend Ältere.

In der NS-Zeit verdoppelte sich deren Anzahl. Die Nazis ermordeten alle jüdischen Insassen im Rahmen der „NS-Euthanasie“. Während der DDR-Zeit waren im Gefängnis Rummelsburg Menschen wegen „asozialen Verhaltens“ inhaftiert. Und viele politische Gefangene, darunter Fluchthelfer aus dem Westen. Wenig bekannt ist auch, dass dort im Oktober 1989 hunderte Demonstrantinnen und Demonstranten in Garagen und auf einem Innenhof festgehalten wurden. Sie hatten in Mitte und Prenzlauer Berg während der offiziellen Feiern zum DDR-Staatsjubiläum protestiert.

Luftbild 1987

"Die App soll Spuren der Vergangenheit wieder sichtbar machen"

L.I.S.A.: Was hat Sie dazu bewogen, eine App für eine Ausstellung anzubieten? Wen soll Sie ansprechen? Was kann die App?

Irmer: Mit der App sollte ein modernes Medium für die Auseinandersetzung mit einem vermeintlich randständigen Thema genutzt werden. An einem Ort, den kaum jemand kennt. Die App bietet einen eigenen Rundgang über das Gelände, der sich an alle Interessierten wendet. Die ehemaligen Verwahrgebäude sind weitestgehend erhalten. Sie wurden zu Wohnungen umgebaut und sind heute Teil eines neuen Wohnquartiers. Mit der App versuchen wir, Spuren der Vergangenheit wieder sichtbar zu machen. So zum Beispiel durch „Vorher-Nachher“-Bilder: Die Nutzerinnen und Nutzer können über Fotos mit heutigen Ansichten wischen, dann erscheint ein Bild aus derselben Perspektive vom Gebäudezustand während der Nutzung als Gefängnis.

Außerdem ist die App über QR-Codes mit allen 21 Ausstellungsstelen verbunden. An jeder Stele können so Zusatzmaterial oder die Ausstellungstexte in Leichter Sprache abrufen werden. Die App enthält auch einen Rundgang in Leichter Sprache. Das haben noch nicht viele gemacht und bei Beginn des Projekts war ich sehr gespannt, was möglich ist. Außerdem gibt es einen eigenen Rundgang für Kids mit einem spielerischen Ansatz: sie können selbst eine Auswahl von Stationen ansteuern und dabei ein Puzzle lösen. 

Screenshots der App

"Wie stellt man das Abwesende dar?"

L.I.S.A.: Apps im Bildungssektor stehen vor der Herausforderung, nicht alles beinhalten zu können, was eine Thematik insgesamt hergibt – auch mit Blick auf die Größe einer App. Da fällt es oft nicht leicht, eine Auswahl zu treffen. Wie sind Sie dabei vorgegangen? Worauf haben Sie sich konzentriert? Was musste unberücksichtigt bleiben?

Irmer: Besonders wichtig ist die Klärung von Fragen wie nach den Medien, also nach Fotos, Filmen, Zeichnungen oder Zeitzeugen-Interviews. Welche Medien brauche ich? Welche stehen mir zur Verfügung? Wie gehe ich mit ihnen um, um eine Geschichte zu erzählen? Und wie kann das Abwesende dargestellt werden, für das ich kein Foto habe? Die Nutzerinnen und Nutzer klicken weiter, wenn sie einfach nur mit Material überhäuft werden. Eine andere Grenze setzen die Kosten. Das gilt zum Beispiel für Infografiken, die sich hervorragend für die Aufbereitung hochkomplexer Inhalte eignen. Bei der Darstellung der Geschichte des Arbeitshauses hätten wir gerne mehr Fotos aus der NS-Zeit genutzt, die von privaten Agenturen verwahrt werden. Aber deren Honorarforderungen überstiegen unser Budget. Das gilt leider auch für Aufnahmen öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten. Diese Probleme beklagen auch andere History-App-Projekte.

Speisesaal für Frauen in Haus 4, 1935

"Thematisch gibt es keine Hindernisse"

L.I.S.A.: Welches Feedback haben Sie auf die App bisher erhalten: quantitativ mit Blick auf die Download-Zahlen sowie inhaltlich?

Irmer: Die Download-Zahlen steigen häufig am Wochenende oder dann, wenn wir Werbung machen. „Ernste Apps“ brauchen Öffentlichkeitsarbeit, sie vermitteln sich nicht einfach nur viral. Das Feedback, das uns über Mails oder bei Gesprächen mit Besucherinnen und Besuchern erreicht, ist sehr positiv, sowohl bezogen auf die Interaktion der App mit der Ausstellung wie auf die verschiedenen Führungen. Mit der App können die Nutzerinnen und Nutzer auch in Bereiche gelangen, die nicht von der Ausstellung abgedeckt werden. Und die Kids schaffen es meistens sehr schnell, das Puzzle zu lösen. Viele Besucherinnen und Besucher sind überrascht, dass es eine solche Einrichtung gab.

L.I.S.A.: In welchen Bereichen bieten sich Ihrer Meinung nach Apps für Themen aus der Geschichte noch an? Wo sehen Sie Möglichkeiten, wo vielleicht aber auch Grenzen?

Irmer: Ich war auch an der Entwicklung einer App über NS-Zwangsarbeit beteiligt. Sie enthält fünf Touren, die zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per S-Bahn durch Berlin führen. Zwei andere History-Apps befassen sich mit der Geschichte der Berliner Mauer und nutzen dabei Formen der Augmented Reality. Apps eigenen sich aber auch für andere Epochen. Thematisch sehe ich da eigentlich keine Hindernisse. Auch aus gestalterisch-technischer Perspektive lässt sich mittlerweile sehr viel machen. 

Thomas Irmer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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