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Univ.-Prof.DDr. Monika Leisch-Kiesl | 08.12.2017 | 567 Aufrufe | Artikel |
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Die Anfänge der Weltkunstgeschichte und die Rolle des globalen Handels im 19. Jahrhundert

Dritter Vortrag der Ringvorlesung "Global Art History (2)" - Nachbericht von Barbara Forster

Die Frage nach dem Beginn der Weltkunstforschung im deutschsprachigen Raum stand im Fokus des dritten Vortrags der Ringvorlesung Global Art History (2). Georg Vasold verortet diesen im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ausgehend von namhaften und weniger bekannten Protagonisten der „Wiener Schule“ und deren Interesse an außereuropäischer, vornehmlich asiatischer Kunst pointierte er insbesondere die Rolle der Wirtschaft für eine Horizonterweiterung des westlichen Blicks. Die Bedeutung von Handelsbeziehungen für die Rezeption von Kunst erläuterte er anschaulich am Beispiel des Wiener Handelsmuseums, des heutigen Museums für angewandte Kunst (MAK).

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Als Grundlage skizzierte Vasold, dass das Thema der „Weltkunst“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts in kunstaffinen Kreisen ‚en vogue‘ war. Nicht nur Künstler beschäftigten sich mit dem Kunstschaffen außerhalb der „westlichen“ Welt. Während großteils von „universeller Kunst“ oder „Universalkunst“ die Rede war, tauchte bereits bei Alois Riegl – im Zusammenhang mit dem Reich Alexanders des Großen – mehrmals der Begriff „Weltkunst“ auf. Josef Strzygowski propagierte ihn in der Folge auch massenmedial in Radiosendungen und im Film. Außerdem setzte sich Strzygowski für eine methodisch-geografische Ausdehnung der Kunstgeschichte ein und beschäftigte sich selbst stark mit Asien. Ebenso thematisierten bereits Franz Wickhoff und Julius von Schlosser weltweite Formensprachen. Diese Überlegungen blieben selbstverständlich nicht auf Wien beschränkt, sondern auch in Dresden, Berlin oder London problematisierte man zu jener Zeit den Eurozentrismus in der Kunstgeschichte.

Diesem Paradigmenwandel dürfte nicht nur – mit Aby Warburg gesprochen – der „aufrichtige Ekel“ vor einer „ästhetisierenden Kunstgeschichte“ zugrunde liegen, sondern auch politische und ökonomische Rahmenbedingungen. So konstatierte Vasold ein oftmaliges Einhergehen des Nachdenkens über Weltkunst mit einem Interesse an moderner Architektur. Als Schlüsselmomente nannte er die Weltausstellungen in London (1851, 1862) und Wien (1873). Diese zu ökonomischen Zwecken veranstalteten Ausstellungen dachten erstmals in globalen Kontexten und waren in nationale Pavillons gegliedert. Wegbereitend waren schon die Öffnung des osmanischen Reiches für Handelsverträge, die Einrichtung der Orientalischen Akademie unter Maria Theresia (eine Vorstufe der heutigen Diplomatischen Akademie) und – als Ereignis mit weitreichenden, auch weltpolitischen Auswirkungen – die Öffnung Japans ab den 1850er Jahren. Diese Ereignisse erleichterten den Erwerb außereuropäischer Objekte und ließen einzigartige Sammlungen wie jene von Joseph Daniel Böhm (etwa 2.600 Objekte aller Zeiten und aller Völker) und Rudolf Eitelberger (Orientalische Textilien, Grundlage für das heutige MAK) entstehen.

Sehr erhellenden waren die abschließenden Ausführungen Vasolds über die weithin vergessene Institution der Handelsmuseen, von denen es allein im deutschen Sprachraum rund 50 gab. Ziel dieser privaten, oft als Verein organisierten Einrichtungen war nicht nur die Präsentation, sondern auch das „Kopieren“ von der zeitgenössischen europäischen Kunstproduktion überlegen eingeschätzten Kunstwerken bzw. kunsthandwerklichen Produkten aus außereuropäischen Ländern. Dieses Kopieren, ja durchaus auch Plagiieren erfolgte häufig in Gegenden, die man im Rückblick gerne – aber nicht sehr treffend – als „Peripherie“ der 2/2 europäischen Herrschaftsräume kennzeichnet. Des Weiteren wurden von den Handelsmuseen nach neuen Absatzmöglichkeiten und -märkten für heimische Produkte gesucht. Man stelle in den Museen diese (von Botschaftsangehörigen oder einheimischen Mittelsmännern angekauften) Objekte aber nicht nur aus, sondern interessierte sich auch für das ökonomische und kulturelle Umfeld sowie die Produktionsbedingungen vor Ort. Am Beispiel des Wiener Handelsmuseums lässt sich zudem zeigen, dass ein weites Themenspektrum – von den Beziehungen des „Okzidents“ zum „Orient“ bis hin zu Fragen der Frauen- und Kinderarbeit etwa in der Textilproduktion – in öffentlichen Vorträgen behandelt und damit popularisiert wurde. Auch auf diese unkonventionelle Weise hielt der „Rest der Welt“ im „Westen“ Einzug – nicht nur in den Zentren, sondern auch in den vermeintlichen „Peripherien“ der europäischen Reiche.

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