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Georgios Chatzoudis | 28.04.2015 | 3322 Aufrufe | Interviews

"Deutschland befindet sich noch in Kolonialamnesie"

Interview mit Anna Jäger über das Gedenken an die Berliner Kongokonferenz von 1884/5

Vor 130 Jahren haben Vertreter der europäischen Mächte in Berlin ihre eroberten Gebiete und Einflusssphären auf dem afrikanischen Kontinent neu untereinander abgestimmt, und die bereits lange zuvor eingesetzte Aufteilung bzw. Kolonialisierung Afrikas einen entscheidenden Schritt weiter getrieben. Mehrere der in Berlin 1884 und 1885 willkürlich festgelegten Grenzen, die oft einfach nur mit dem Lineal gezogen wurden, haben bis heute bestand und bilden nicht selten die Ursache für aktuelle Konflikte zwischen afrikanischen Staaten und ihren Ethnien. Um an die Langzeitfolgen der Kongokonferenz zu erinnern, fand in Berlin eine Serie von verschiedenen Veranstaltungen unter dem Titel Wir sind alle Berliner 1884-2014 statt. Wir haben Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Anna Jäger, Saskia Köbschall und Elena Agudio vom Verein SAVVY Contemporary, dem Kuratorenteam der Reihe, unsere Fragen zum Gedenken an die Afrikakonferenz gestellt.

Das Kuratorenteam: Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Anna Jäger, Saskia Köbschall, Elena Agudio (v.l.n.r.)

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"Wenn wir alle Berliner sind, wer ist dann eigentlich diese/r Andere?"

L.I.S.A.: In Berlin fand im Februar zum Gedenken an die Berliner Kongokonferenz von 1884, bei der vor 130 Jahren der afrikanische Kontinent unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt wurde, eine mehrtägige Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Wir sind alle Berliner: 1884-2014“ statt. Können Sie uns den Titel erklären? Was meint „Wir sind alle Berliner“?

SAVVY Contemporary: Den Titel haben wir Simon Njami zu verdanken. Er kuratierte die gleichnamige Ausstellung, die im Zeitrahmen der historischen Berliner Konferenz von November bis Februar bei SAVVY Contemporary zu sehen war. Zum Abschluss der Ausstellung haben wir ein Diskursprogramm organisiert, um das Thema aus weiteren künstlerischen und wissenschaftlichen Positionen zu untersuchen. Allen Überlegungen lag dabei die Vorstellung einer geteilten Verantwortung an Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu Grunde, die weit über rein symbolische Solidaritätsbekundungen hinausgeht.

„Wir Sind Alle Berliner: 1884-2014“ ist ein Statement, welches in wenigen Worten eine direkte Verbindung zwischen der Berliner Kongokonferenz im Jahre 1884 und unserer Gegenwart, und zwischen Kolonialisierten und Kolonisierenden herstellt. Es spielt darauf an, dass wir alle, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, in einer Gesellschaft leben, die vom Kolonialismus zutiefst geprägt ist. Die Verbindungen, welche der Titel auf temporaler und geographischer Ebene skizziert, sind der Ausgangspunkt für den Dialog über die Folgen der Kolonialgeschichte für das Hier und Jetzt, der sowohl mit der Ausstellung als auch mit dem Diskursprogramm angeregt werden sollte. Es ist wichtig, diesen Teil der Geschichte, der auch maßgeblich die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gefüge der Kolonisierenden geprägt hat, zu hinterfragen und zu verstehen, um den Nachwirkungen des Kolonialismus entgegenzuwirken. Der Titel ist ein klarer Aufruf zur Sichtbarmachung des und der damals Abwesenden, die heute selbstverständlich - als Berliner- ihren Platz am Verhandlungstisch einnehmen.

Natürlich kommt hier noch ein weiterer Aspekt hinzu, über den wir gerne nachdenken: Wenn wir alle Berliner sind, wer ist dann eigentlich diese/r Andere?

"Asymmetrie zwischen dem Westen und Nicht-Westen in den Fokus nehmen"

L.I.S.A.: Wie sah das Tagungsprogramm aus? Was wurde organisiert, vor- und ausgestellt?

SAVVY Contemporary: Das Programm war ambitioniert für einen kleinen, gemeinnützigen Kunstraum wie wir es sind: In fünf Tagen haben wir ein Diskursprogramm aus Workshops, Tanzperformances, Konzerten, Filmscreenings, Ausstellungsführungen, Keynote-Vorträgen und einer zweitägigen Konferenz zusammengestellt.

Wir wollten einen Raum bieten zur Auseinandersetzung mit den Konsequenzen dieses kolonialen Großmächte-Treffens sowie Gelegenheit, die ideologischen, ökonomischen, politischen und humanitären Legitimationsstrategien zu analysieren, die dem Kolonialismus zugrunde lagen. Dabei wollten wir ebenso die noch immer vorherrschende Asymmetrie zwischen dem Westen und Nicht-Westen in den Fokus nehmen. Symposium und Workshops thematisierten dabei die politischen, kulturellen, ökonomischen und psychologischen Konsequenzen dieses Moments von systematisiertem Kolonialismus, der bis in unser Heute nachhallt. Wir haben knapp vierzig herausragende DenkerInnen und KünstlerInnen eingeladen, über die Geschichte der Berliner Konferenz ebenso nachzudenken, wie über (Nicht-)Erinnerungsstrategien.  

"Genau diese Abwesenheiten, Verdrängungen und Amnesien interessieren uns"

L.I.S.A.: Inwiefern spiegeln sich die Entscheidungen der sogenannten Kongo-Konferenz im heutigen Afrika wieder? War die Berliner Konferenz prägender für die weitere Geschicken Afrikas als andere koloniale Abkommen und Verträge?

SAVVY Contemporary: Natürlich markiert die Berliner Konferenz nur einen Ausschnitt in einer älteren und komplexeren Geschichte des Kolonialismus. Wir sind sowohl in unserer Ausstellung als auch im Diskursprogramm geographisch, zeitlich und ideologisch weit über diesen Moment hinaus gegangen. So reicht auch in Deutschland der Kolonialismus viel weiter zurück, als es in den Geschichtsbüchern vermittelt wird: Deutlich wird dies am Beispiel der intensiven Brandenburger Kolonial- und Versklavungsgeschichte, die bereits im 17. Jahrhundert begann.

Als Sinnbild systematischen Kolonialismus sowie als Ausgangspunkt, um weiter über Geschichte und Gegenwart von Kolonialismen nachzudenken, eignet sich die Berliner Konferenz aber durchaus - nicht zuletzt durch das symbolträchtige Setting der Tisches, um den herum die westlichen Kolonialmächte den Afrikanischen Kontinent aufteilten - über Landkarten gebeugt und in Abwesenheit afrikanischer Repräsentanten. Genau diese Abwesenheiten, Verdrängungen und Amnesien - historisch wie gegenwärtig - sind es, die uns interessieren und weniger die historischen Vergleiche oder Schadenssaufrechnungen.

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"Ein insulares Geschichtsverständnis, das sich ich in Jahrestagszeremoniellen ergeht"

L.I.S.A.: Wie würden Sie das aktuelle gesellschaftspolitische Klima, in das die Tagung eingebettet war, charakterisieren? Anders gefragt: Was machte die Tagung aus Ihrer Sicht notwendig?

SAVVY Contemporary: Zurzeit beobachten wir neokoloniale Bestrebungen und brutale Ausbeute in sogenannten ehemaligen Kolonien ebenso wie große globale Migrationsbewegungen bei gleichzeitig erstarkendem Nationalismus, Rassismus und zunehmender Abschottung in der EU. Gegenwärtige Ereignisse und Bewegungen, wie beispielsweise die PEGIDA-Demonstrationen, werden jedoch historisch nicht kontextualisiert. Im Gegenteil, wir erleben ein insulares Geschichtsverständnis, das sich ich in geradezu rauschhaften Jahrestagszeremoniellen ergeht, ohne beispielsweise die starken Verbindungen vom deutschen Kolonialismus und Rassismus des 19. Jahrhundert mit den gewaltvollen Ereignissen der ersten Hälften des 20. Jahrhundert aufzuzeigen.

Deutlich wurde diese Kurzsichtigkeit in der Finanzierungsproblematik dieses Projekts: von zahlreichen historischen Stiftungen, die sich der Aufarbeitung und Verhinderung von Faschismus und Rassismus in Deutschland widmen, bekamen wir die Rückmeldung, dass sich unser durchaus wichtiges Projekt leider nicht den vorhandenen Projektkategorien zuordnen lässt und daher nicht gefördert werden könne. Deutschland befindet sich (bildungs-)politisch noch inmitten einer aktiv beförderten Kolonialamnesie, was sich auch deutlich an kulturellen Großprojekten wie dem Humboldt-Forum und dessen antiquierter und gewaltvoller Konzeptionierung zeigt.

Umso mehr möchten wir uns bei unseren Partnern und Sponsoren bedanken, die dieses ambitionierte Vorhaben anteilig unterstützt und somit möglich gemacht haben: Beim ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry für die Kooperation, Hosting und Sponsoring sowie bei der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Goethe Institut Lagos für die Unterstützung des Diskursprogramms sowie bei der Allianz Kulturstiftung für das anteilige Sponsoring der Ausstellung.

"Der Versuchung einer europäischen Nabelschau ein starkes Gegengewicht setzen"

L.I.S.A.: Welches Fazit ziehen Sie aus der Tagung? Welches Feedback ist bei Ihnen angekommen?

SAVVY Contemporary: Deutschland steckt noch im Anfang des eigenen Dekolonisierungsprozesses. In Schul- und Universitätscurricula sowie in Medien und Öffentlichkeit findet das Kapitel der deutschen Kolonial- und Versklavungsgeschichte nur marginal Erwähnung. Eine gründliche Aufarbeitung ist allerdings im Hinblick auf perpetuierte koloniale und rassistische Strukturen, erstarkenden Fremdenhass und aktuelle globale ökonomische und gesellschaftliche Realitäten unausweichlich. Wir hätten uns gewünscht, finanziell in der Lage sein zu können, mehr kritische und intellektuelle Stimmen vom afrikanischen Kontinent einzuladen, um der Versuchung einer europäischen Nabelschau ein starkes Gegengewicht setzen zu können.

Interessant ist, dass sich in Berlin vor allem Kulturinstitutionen (neben SAVVY Contemporary auch Ballhaus Naunynstraße, HAU und Volksbühne) mit der deutschen Kolonialvergangenheit auseinandergesetzt haben. Politik, Medien und Bildungseinrichtungen sparen dieses Thema weitestgehend aus. Die großen Publikumszahlen sowohl unserer Ausstellung als auch während des Diskursprogramms machen deutlich, dass es ein starkes Interesse an der Auseinandersetzung mit den genannten Themen gibt. Aus den vielen Gesprächen wurde allerdings deutlich, dass wir weitere solcher und weiterführender Formate brauchen. Wir können es uns nicht leisten, auf das nächste große Jubiläum zu warten.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Anna Jäger, Saskia Köbschall und Elena Agudio haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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