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Judith Wonke | 30.01.2018 | 1291 Aufrufe | Interviews

"Der wahre Dandy ist und bleibt eine Kunstfigur"

Interview mit Günter Erbe zur Entwicklung des klassischen und modernen Dandy

"Die Zukunft gehört dem Dandy", so sagte einst der irische Bühnenautor Oscar Wilde. Doch ist der Dandy, wie wir ihn heute in unserer Gesellschaft kennen, tatsächlich mit der schillernden Erscheinung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu vergleichen? Anders als die bisherigen Studien, die sich dem Thema aus literaturwissenschaftlicher Perspektive näherten, untersuchte Günter Erbe die soziologischen und kulturhistorischen Aspekte. Im Interview geht er auf den Ursprung und die historische Entwicklung des Dandy ein. Warum büßte der Dandy an Gesellschaftsrelevanz ein und welche Bedeutung ist den Medien in diesem Prozess zuzuschreiben? 

"Eleganz, Machtwillen und geistige Unabhängigkeit"

L.I.S.A.: Herr Erbe, Sie beschäftigen sich mit dem modernen Dandy und der Entwicklung des Dandys seit dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Wie kommen Sie zu diesem Thema?

Erbe: Das Interesse am Dandy geht auf frühe Lektüreeindrücke zurück. In bedeutenden Werken der Weltliteratur von Balzac bis Proust, von Puschkin bis Dostojewski und von Byron bis Wilde taucht der Dandy als eine mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgestattete Figur auf, die sich durch Eleganz, Machtwillen und geistige Unabhängigkeit auszeichnet. Als ich mich Anfang der 90er Jahre erstmals wissenschaftlich mit dem Dandy beschäftigte, stellte ich fest, dass ich mit der Wahl dieses Themas in der deutschen Soziologie eine Leerstelle ausfüllte. Man interessierte sich für die Arbeiterklasse, das Bürgertum, die Intellektuellen und soziale Randgruppen, aber nicht für die Randgänger des Adels oder die Protagonisten der mondänen Künstlerboheme. Das Interesse am high life der Oberschichten ist in der deutschen Soziologie im Unterschied zu Frankreich, England und den USA bis heute wenig entwickelt. Es kam mir darauf an, ein neues Terrain zu entdecken und wissenschaftlich zu erforschen.

"Reservat der vergleichenden Literaturwissenschaft"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihren Forschungen?

Erbe: Meiner ersten größeren Studie zum Dandy, die 2002 erschien, liegen umfangreiche Recherchen in Bibliotheken und Archiven, vor allem in London und Paris, zugrunde. Ausgewertet wurden Zeitungen und Zeitschriften, Reise- und Gesellschaftsberichte, Memoiren,  Briefe, Tagebücher von Zeitzeugen, Anstandsbücher, Traktate und andere Originalquellen, um die Geschichte des Dandytums im 19. Jahrhundert zu rekonstruieren. Es wurde z. B. Archivmaterial aus dem Pariser Jockey Club und aus den Gentlemen's Clubs in London verarbeitet. Auf diese Weise war es möglich, das gelebte Dandytum als ein Phänomen des Lebensstils von Außenseitern der adligen und großbürgerlichen Oberschicht und als Lebensentwurf und Kostümierungsform von Künstlern in seiner ganzen Vielfalt darzustellen. Damit wurde für die Soziologie und Kulturgeschichtsschreibung ein Themenfeld erschlossen, das bisher ausschließlich als ein Reservat der vergleichenden Literaturwissenschaft galt.

"Kultivierter Müßiggänger und Dilettant"

L.I.S.A.: Was charakterisiert den „klassischen Dandy“ und wie grenzt sich dieser von dem modernen Dandy ab?

Erbe: Der klassische Dandy ist der Dandy in seiner reinsten Form, in der alle wesentlichen Merkmalseigenschaften des Typus ausgebildet sind. Historisch ist er an die Zeit des Übergangs von der ständisch-aristokratischen zur bürgerlich-demokratischen Gesellschaft gebunden. Er speist sich aus den Daseinsbedingungen einer noch wirkungsmächtigen adligen Kultur des Müßiggangs und der ästhetischen Durchformung des Lebens, sieht sich aber bereits bedroht von den Legitimationszwängen der bürgerlichen Erwerbsgesellschaft. Der Dandy in seiner klassischen Ausprägung tritt erstmals in England als Kleiderreformer  und Neugestalter des überlieferten Bildes des Gentlemans auf den Plan. Seine Prinzipien sind Gepflegtheit, Reinlichkeit, Harmonie und Unauffälligkeit. Seine Unabhängigkeit, seine Originalität, seine geistige Überlegenheit – dies alles soll im Schnitt seiner Kleidung erkennbar sein. Der klassische Dandy ist ein kultivierter Müßiggänger und Dilettant, der sein Dasein allein ästhetisch rechtfertigt.

Der moderne Dandy ist der Dandy im Zeitalter der Demokratie und der Massenkultur. Seine Bühne ist nicht mehr der exklusive Club oder mondäne Salon. Dieser hat sich zur Straße hin geöffnet. Das Publikum des modernen Dandys ist die breite Öffentlichkeit, seine Resonanzverstärker sind die Massenmedien. Ohne Bindung an ein aristokratisches Milieu wird der Dandy zu einer freischwebenden Existenz. Die Konfrontation mit der Masse und das Verschwinden verbindlicher Konventionen erfordern neue Selbstbehauptungsstrategien. Er schafft sich gesellschaftliche Refugien, um zu überleben: jenseits von Modediktaten und medialer Selbstvermarktung, als ein „Poet des Tuchs“ (Thomas Carlyle) und konservativer Rebell.

"Nicht nur ein europäisches Phänomen"

L.I.S.A.: Wo sehen Sie den Ursprung des Dandyismus und welche bedeutenden historischen Entwicklungen lassen sich im weiteren Verlauf festmachen?

Erbe: Der Dandyismus entspringt in Ländern mit einer hochentwickelten höfisch-aristokratischen Kultur. So geht er in England aus dem überlieferten Männlichkeitsideal des Gentlemans, in Frankreich aus dem Ideal des Honnête Homme und in Italien und Spanien aus dem des Hofmanns hervor. Nach der Französischen Revolution sehen sich die Vertreter dieser aristokratischen Verhaltensideale auf verlorenem Posten. Eleganz, Manieren und verfeinerte Lebensart finden im Dandy ihre letztmögliche Zuspitzung und Brechung. Er wendet sich gegen den Lebensernst der bürgerlichen Epoche und findet seinen Nährboden in den Rudimenten eines aristokratisch-mondänen Milieus, das in Europa bis zum Ersten Weltkrieg Bestand hatte. Doch ist dieser Typus nicht nur ein europäisches Phänomen. Er tritt auch in anderen Weltkulturen in Umbruchszeiten in Erscheinung.

L.I.S.A.: Sie sehen die Medien und das Medienzeitalter als einen der Gründe, warum der Dandy keine Gesellschaftsmacht mehr innehat. Können Sie dies erläutern?

Erbe: Der Dandy besaß Gesellschaftsmacht vor allem in der Regency-Epoche, als eine gelangweilte, die Mode auf den Thron setzende Oberschicht dem Archetypus des Dandys, George Brummell, die Rolle eines Arbiter elegantiarum zubilligte. Ein hochentwickeltes Schneiderhandwerk bildete die materielle, der Klassizismus in der Ästhetik die ideelle Basis für seine Kleidungskunst. Heute sind es die Designer, die Gesellschaftsmacht ausüben. Sie diktieren den Geschmack und den Kleidungsstil. Es bedarf dazu keiner Dandys mehr. Die heutigen sogenannten Dandys sind zumeist eng mit der Modebranche und den Massenmedien liiert. Ihr Dandytum ist eines aus zweiter Hand. Die Medien und die Konfektion bedeuten indes keineswegs den Tod des Dandys, denn ein wahrer Dandy ignoriert die vorfabrizierten Trends und medial verbreiteten Looks. Seine ästhetischen Maßstäbe verdankt er allein seiner Bildung, seiner Kultur und seinem untrüglichen Sinn für das gewisse Etwas.

"Ein Verhaltensideal, dem man nachstrebt"

L.I.S.A.: Ist der moderne Dandy überhaupt als Dandy zu bezeichnen? Wenn ja, gibt es prominente Beispiele? 

Erbe: Das Wort Dandy erfährt heute eine Konjunktur. Publikationen über den modernen Dandy finden sich zuhauf. Der Markt und die Medien, flankiert von einer poststrukturalistisch verfahrenden Kulturwissenschaft, erzeugen immer wieder neue Dandys. Über die Definitionsmacht verfügen die Modejournalisten. Im Internet hat der Dandy weltweit eine beachtliche Zahl von Followern. Man kann sich jederzeit als Dandy annoncieren, wenn man über ein entsprechendes Outfit verfügt und die Erwartungen an das verbreitete Klischee „Dandy“ erfüllt: ein Mann, der von Kopf bis Fuß seinen Körper modisch-originell durchstylt. Das Dandytum, wiewohl es von der raffiniert-eleganten Kleidung seines Trägers als seiner unverzichtbaren Essenz lebt, ist jedoch eine unzeitgemäße Lebens-und Geisteshaltung: eine hochmütige, gegen die Trivialität und das Gewöhnliche des bürgerlichen Lebens gerichtete Institution der wenigen, die gegen den Strom schwimmen. Prominente Beispiele zu nennen, liefe Gefahr, Abziehbilder zu produzieren. Die in meinem Buch „Der moderne Dandy“ porträtierten Figuren stellen lediglich Annäherungen an diesen Typus dar. Der wahre Dandy ist und bleibt eine Kunstfigur, ein Verhaltensideal, dem man nachstrebt, ohne es jemals zu erreichen.

Günter Erbe hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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