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M.A. Rimtautas Dapschauskas | 30.04.2015 | 5128 Aufrufe | 3 | Artikel

Der Ursprung von Ritualen aus archäologischer Sicht

Rund um den Globus praktizieren Menschen Rituale, die einen beträchtlichen Aufwand erfordern. Bei den Hamar (Südwest-Äthiopien) zum Beispiel, müssen junge Männer im Initiationsritual „Sprung über die Rinder“ nach komplexen Vorbereitungen vier mal nackt über die Rücken mehrerer, aneinander gereihter Rinder laufen ohne abzustürzen, damit sie heiraten, Rinder besitzen und Kinder zeugen dürfen.

Neue Funde – Neue Interpretationen

Die sozialen Interaktionsmuster des Menschen haben sich im Laufe der Evolution zu hoher Komplexität entwickelt. Ethisches Handeln auf der einen Seite, Lüge und Betrug auf der anderen, haben sehr wahrscheinlich einen evolutionspsychologischen Hintergrund, werden aber auch immer durch entsprechende kulturelle Konventionen bestimmt. Jede soziale und kulturelle Gruppe wird durch ihre spezielle Identität definiert. Diese wird zum Beispiel durch als angemessen erachtete Verhaltensweisen, einen bestimmten Dresscode und vor allem kollektive Rituale konstruiert und symbolisch zum Ausdruck gebracht. Betrachtet man rituelles Verhalten aus einer archäologischen Perspektive und nimmt dabei große Zeiträume der Menschheitsentwicklung in den Blick, stellen sich folgende Fragen:

  1. Wie lassen sich die Ursprünge von symbolisch-rituellem Verhalten überhaupt in den materiellen Hinterlassenschaften früher Menschen nachweisen?
  2. Wann und wo treten archäologische Anzeiger für symbolische Kommunikation und rituelles Verhalten das erste Mal auf?
  3. War nur der moderne Homo sapiens, oder waren auch der Neandertaler und vielleicht andere archaische Homininen zu komplexen symbolisch-rituellen Handlungen fähig?

In der paläolithischen Archäologie sind diese Fragen in die lebhafte Forschungsdiskussion um die Entstehung der kognitiven Modernität des Menschen eingebettet. In den letzten 15 Jahren kam es dabei zu einem regelrechten Paradigmenwechsel, der nicht zuletzt auf eindrucksvolle neue archäologische Funde aus Nord- und Südafrika, der Levante sowie Europa zurückzuführen ist.

Was ist ein Ritual?

Die Erforschung von Ritualen hat in den Kulturwissenschaften eine lange Tradition, sie kann bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Die Publikationsdichte ist bis heute sehr hoch. In den letzten zwei Jahrzehnten sind nicht nur zahlreiche Grundlagenwerke zu Ritualtheorien erschienen, sondern es wurden auch etliche große Tagungen zu Ritualen mit verschiedenen Schwerpunkten durchgeführt. Im Vergleich zu den Anfängen der Ritualforschung beziehen sich heutige kulturwissenschaftliche Ritualtheorien nicht mehr ausschließlich auf das religiöse Denken und die dahinter vermutete Glaubensaussage. Der Ritualbegriff wird heute auf ein bestimmtes Set an symbolischen Handlungen ganz allgemein angewandt, die kulturelles Wissen transportieren. Soziologische, ethnologische, historische und archäologische Forschungen der letzten 100 Jahre führten zu einem Verständnis des Rituals, das als etwas universal Menschliches gesehen werden kann und das in allen Kulturen und nahezu in allen Lebensbereichen zu finden ist. Das Ritual wird als ein eigenes und gesondertes Phänomen betrachtet, welches eigene Theorien und methodologische Zugänge verlangt. Heute sind fast alle sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen an der Ritualforschung beteiligt. Es wird anerkannt, dass das Phänomen Ritual nur interdisziplinär angegangen werden kann. Zwar gibt es immer noch die unterschiedlichsten Ritualdefinitionen – beinahe so viele wie es Ritualforscher selbst gibt – doch lassen sich mittlerweile viele Gemeinsamkeiten in den verschiedenen sozial- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen herauskristallisieren:

  1. Rituale sind förmliche, stilisierte und regelgebundene Handlungen.
  2. Rituale werden wiederholt und nachgeahmt, sie weisen eine hohe Redundanz auf. 
  3. Rituale sind performative und symbolisch überhöhte Handlungsmuster mit kulturellen Ordnungszeichen und einer normativen Wirkung.
  4. Rituelle Handlungen werden bewusst und zielgerichtet ausgeführt. Sie sind gestaltet, inszeniert und designt.
  5. Rituelle Handlungen sind zeitlich und räumlich von anderen Handlungen abgegrenzt („gerahmt“).

Sinnerzeugende Aspekte des rituellen Handelns in menschlichen Gemeinschaften stehen im Mittelpunkt der kulturwissenschaftlichen Betrachtungen. Rituale konstruieren/verfestigen/transformieren demnach Gültigkeitskriterien, Werte und soziale Statusunterschiede einer bestimmten Gruppe. Sie erzeugen persönliche und kollektive Identität und ermöglichen es den Gemeinschaften Differenzen zu bearbeiten und Krisen zu bewältigen. 

Rituale aus evolutionsbiologischer Sicht

Neben den kulturwissenschaftlichen Betrachtungen lassen sich Rituale auch aus einem evolutionsbiologischen Blickwinkel untersuchen und deuten. Denn ein sehr wichtiger Aspekt von Ritualen ist, dass sie in der Regel mit einem hohen Ressourcen-, Energie- und Zeitaufwand verknüpft sind. Die Ritualteilnehmer tragen spezielle Kleidung, Frisuren, Farben oder Schmuck. Oft treten noch körperliche Anstrengungen, Schmerzen oder die Zurschaustellung von Risikobereitschaft hinzu. Aus rein ökonomisch-utilitaristischer Sicht scheint dieses verschwenderische und „nutzlose“ Verhalten keinen Sinn zu ergeben. Wenn durch Rituale scheinbar weder die Überlebenschancen des Individuums erhöht, noch der Reproduktionserfolg direkt maximiert wird, stellt sich die Frage, warum sie dann in allen bekannten Kulturen auf der Erde verbreitet sind? Diese Frage stellte bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ein große Herausforderung für eine evolutionsbiologische Interpretation dar. Doch seit einigen Jahren ist klar, dass Rituale dennoch aus evolutionsbiologischer Sicht sinnvoll gedeutet werden können.

Den Rahmen bietet dabei die „Theorie der teuren Signale“. Diese Theorie geht auf das Handicap-Prinzip zurück, welches von dem israelischen Evolutionsbiologen Amotz Zahavi in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde. Es beruht im Kern auf den Mechanismen der sexuellen Selektion ‒ neben der natürlichen Selektion der zweite große Evolutionsmechanismus. Die Grundzüge der sexuellen Selektion hat bereits Charles Darwin in seinem zweiten Hauptwerk "The Descent of Man" (1871) dargelegt. Das Handicap-Prinzip von Amotz Zahavi besagt also, dass Qualitätssignale eines Individuums teuer sein müssen, damit sie verlässlich (d.h. fälschungssicher) sind. „Teuer“ meint in diesem Zusammenhang einen hohen Energie-, Ressourcen- und Zeitaufwand, der nicht vorgetäuscht werden kann. Gute Gene, Gesundheit usw. sind nicht ohne weiteres für potentielle Sexualpartner sichtbar. Ein Individuum, das Energieverschwendung und Extraaufwand zur Schau stellt, welches für das direkte Überleben im Sinne der natürliche Selektion eigentlich einen Nachteil darstellt („Handicap“), zeigt daher werbewirksam, dass es sich diesen „Luxus“ leisten kann und als Sexualpartner besonders geeignet ist. Ein Paradebeispiel dafür ist das Pfauenrad, mit dem Pfauenmännchen potentielle weibliche Sexualpartnerinnen zu beeindrucken versuchen. Im Laufe der Gen-Kultur-Koevolution der Gattung Homo hat sich dieses Prinzip dann von seiner ursprünglichen Domäne der Sexualität und Partnerwahl in andere Lebensbereiche der sozialen Interaktion ausgebreitet.

Übertragen auf die symbolisch-rituelle Kommunikation des kognitiv modernen Menschen bedeutet dies, dass in einer sozialen Gruppe glaubwürdige, das heißt nur schwer zu fälschende, Signale der Hingabe und des moralischen Engagements für die Gruppe konstruiert und mit hoher Ausdruckskraft zur Schau gestellt werden. So können etwaige Nutznießer („Trittbrettfahrer“) abgeschreckt werden, die ausschließlich auf ihre persönlichen Vorteile abzielen, ohne sich im Gegenzug für die Gruppe engagieren zu wollen. Im Kontrast zu den teuren Signalen des Rituals sind zum Beispiel reine Sprechakte zu sehen, welche ohne Kosten für den Signalgeber verbunden sind. Diese bieten daher kein verlässliches Zeichen für die Glaubwürdigkeit der vermittelten Botschaften. Zudem erschweren es teure Signale für das einzelne Individuum abtrünnig zu werden, da einmal geleistete hohe „Investitionen“ nicht so leicht aufgegeben werden und die Aufwendungen der anderen Gruppenmitglieder, welche diese ebenfalls bei der Teilnahme am Ritual geleistet haben, einen moralischen Druck erzeugen. Auf diese Weise wird der Zusammenhalt und die Kooperation innerhalb einer Gruppe sichergestellt, sowie die entsprechende Gruppenideologie gestärkt.

Die paläolithische Archäologie

Die Himba cremen sich am gesamten Körper mit einer roten Ockerpaste („Otjize“) ein, die zugleich praktische und symbolische Funktionen besitzt. Die Paste schützt die Haut vor intensiver Sonneneinstrahlung und Insekten. Gleichzeitig sind Körperbemalung und Frisuren ein ethnischer Marker. Haarstil und Schmuck verändern sich im Kontext von Übergangsritualen. Erreichen Mädchen die Pubertät, erhalten sie den typischen „Himba-Look“ mit den vielen rot eingewachsten Zöpfen. Verheiratete Frauen tragen eine kleine Krone aus Ziegenleder. Junge Männer, die heiraten wollen tragen ähnliche rot gewachste Zöpfe, die aber in einer Schleife zusammengebunden werden. Verheiratete Männer tragen hingegen eine Art Turban.

Doch wie können Archäologen überhaupt Rituale in der tiefen evolutionären Vergangenheit nachweisen? Folgende Bedingungen müssen erfüllt sein, damit wissenschaftlich plausible Aussagen über rituelles Verhalten in der Urgeschichte getroffen werden können:

  1. Das Verhalten muss sich materiell niedergeschlagen haben.
  2. Das Material muss sich über die Jahrtausende erhalten haben.
  3. Die entsprechenden Artefakte müssen aufgefunden, erkannt und dokumentiert werden.
  4. Die Authentizität und Intentionalität müssen belegt werden. 

Da Rituale als symbolische und kommunikative Handlungen verstanden werden, die kulturelles Wissen transportieren, wird ihr Ursprung in der paläolithischen Archäologie in einem Zusammenhang mit der Entstehung der Fähigkeit zur symbolischen Kommunikation gebracht und ist in die Forschungsdiskussion über die Entwicklung des Menschen zur kognitiven Modernität eingebettet. Die Modernitätsdiskussion, also die Frage wann und wo frühe Menschenformen das erste Mal einen Grad an kognitiver und kultureller Komplexität erreichten, die mit modernen Menschen vergleichbar ist, hat in den letzten 10-15 Jahren einen regelrechten Paradigmenwechsel erfahren. Im überwiegenden Teil des 20. Jahrhunderts herrschte die Auffassung vor, dass sich vor rund 40.000 Jahren ‒ zu Beginn des Jungpaläolithikums ‒ ein „kultureller Urknall“ vollzog, der mit der Auswanderung des Homo sapiens aus Afrika und seiner Einwanderung nach Europa zusammenhängt. Dieses Modell stützte sich vor allem auf die beeindruckenden Höhlenmalereien und die frühen figürlichen Kunstwerke aus europäischen Fundstellen, die mit einem Schlag in voller Pracht in der archäologischen Überlieferung aufzutauchen schienen. Jedoch haben neue Aufsehen erregende Funde aus dem Middle Stone Age im subsaharischen Afrika (ca. 300-20.000 BP) und dem Mittelpaläolithikum in Nordafrika, der Levante, aber auch aus Neandertalerkontexten in Europa (ca. 300-40.000 BP) diese Vorstellung grundsätzlich in Frage gestellt. Folgende Anzeiger für symbolisch-rituelle Kommunikation und rituelles Verhalten treten in der Evolutionsgeschichte der Homininen nach derzeitigem Forschungsstand wesentlich früher auf:

  1. Symbolischer Farbgebrauch: die ältesten Funde datieren zwischen 500 und 300.000 BP.
  2. Intentionale Bestattungen: die frühsten Befunde datieren zwischen 135 und 90.000 BP.
  3. Persönlicher Schmuck: die ältesten Funde datieren zwischen 135 und 70.000 BP.
  4. geometrische Ritzungen und Gravuren: die ältesten authentischen Funde datieren zwischen 100 und 60.000 BP.

Ich möchte in diesem Beitrag vor allem auf die ersten drei Fundkategorien genauer eingehen, da sie in meinen Augen die überzeugendsten Indizien für rituelles Verhalten in der Altsteinzeit liefern.

Symbolischer Farbgebrauch – bereits vor Homo sapiens?

Aus dem Middle Stone Age im subsaharischen Afrika sind mittlerweile tausende Ockerstücke gefunden worden. Die Stücke weisen oft Mal-, Schleif oder Schabspuren auf, die auf eine Pulverproduktion hindeuten. Aus diesem roten Pigmentpulver stellte man unter anderem Farbe her, die offenbar auch für symbolisch-rituelle Zwecke eingesetzt wurde (Körperbemalung?). Dieses hier abgebildete, berühmte Exemplar aus einer mindestens 72.000 Jahre alten Schicht der Blombos-Höhle (Südafrika) wurde zudem mit einem geometrischen Ritzmuster versehen. Gravuren dieser Art zählen ebenfalls zu den wichtigen archäologischen Indizien für die frühe Fähigkeit zur symbolischen Kommunikation.

Die Verwendung v.a. roter mineralischer Farbpigmente (meist eisenoxidhaltiges Hämatit) zur Körper- und Gesichtsbemalung ist auch heute noch in zahlreichen traditionellen Gesellschaften weit verbreitet. Archäologen subsumieren rötliche Farbpigmente unter dem Sammelbegriff „Ocker“. Ockerstücke sind im gesamten Middle Stone Age Afrikas (ca. 300-20.000 BP) gleich nach den Steinartefakten über viele zehntausend Jahre hinweg die quantitativ häufigste Fundkategorie. Es wurden in den letzten Jahren mehrere große Inventare vorgelegt, die jeweils tausende Stücke mit einer Masse von mehreren Kilogramm umfassen (z.B. Pinnacle Point 13B, Sibudu, Blombos, Twin Rivers). Einige wenige Fundstellen lassen vermuten, dass auch in Europa aus Neandertalerkontexten der Gebrauch von roten Farbpigmenten bis in die Frühphase des Mittelpaläolithikums vor 250.000 Jahren zurückverfolgt werden kann (Maastricht-Belvédère). Neandertaler haben aber offenbar neben roten Eisenoxiden häufig auch schwarze Manganstücke für die Körperbemalung verwendet (Pech de l'Azé). Die ältesten Belege für Ockernutzung reichen jedoch im subsaharischen Afrika bis zur Übergangsphase vom Early zum Middle Stone Age zurück und datieren auf bis zu 500.000 Jahre vor heute (Twin Rivers, Kapthurin, Kathu Pan, Wonderwerk). Symbolischer Farbgebrauch geht damit offenbar der Speziation von Homo sapiens deutlich voraus, der nach derzeitigem Forschungsstand vor ca. 200.000 Jahren im östlichen oder südlichen Afrika entstanden ist. In der Forschung wird neben der symbolisch-rituellen Anwendung (Körper- und Gesichtsbemalung, Kleidungs-, Schmuck- und Waffendekoration) auch ein utilitaristisch-funktionaler Gebrauch (Hautschutz, Gerbzusatz, medizinische Anwendungen, Zutat bei der Herstellung von Klebstoffen) diskutiert. Für beide Interpretationen gibt es gute Argumente und verschiedene empirische Belege. Folgende Argumente sprechen für einen symbolisch-rituellen Gebrauch:

  1. Es erfolgte offenbar eine bewusste Wahl von tief rot gesättigten Farbtönen über mehrere zehntausend Jahre hinweg, bei gleichzeitiger Verfügbarkeit von andersfarbigen Rohstoffen.
  2. Es wurden große Wegstrecken für die Rohmaterialbeschaffung zurückgelegt (bis zu 60 km).
  3. Auf einigen Ockerstücken wurden geometrische Ritzmuster bewusst angebracht.
  4. An einigen frühen Schmuckschnecken wurden Pigmentreste nachgewiesen, die vom bemalten Körper des Schmuckträgers stammen könnten.
  5. Der motivationale Einfluss der Farbe Rot ist bei rezenten Menschen kulturübergreifend durch psychologische und neurophysiologische Studien nachgewiesen: demnach löst die Farbe Rot im Partnerwahlkontext eine Annäherungsmotivation aus.

Die Ockerfunde aus dem Middle Stone Age im subsaharischen Afrika sprechen für eine Jahrzehntausende anhaltende Tradition der roten Farbsymbolik, dessen Ursprung vor der Entstehung von Homo sapiens liegt. Die Ockerstücke zählen daher zu den ältesten Belegen für symbolische Kommunikation überhaupt. Das sich offenbar ständig wiederholende, über lange Zeiträume unveränderliche Verhalten, welches mit hohen Energie-, Ressourcen und Zeitaufwendungen bei Rohmaterialbeschaffung und Verarbeitung verbunden war, kann im Rahmen der Theorie der teuren Signale als rituelles Verhalten gedeutet werden. Im Jungpaläolithikum (ca. 43-10.000 BP) spielt dann rotes Ockerpulver außerdem in den Bestattungsritualen des aus Afrika ausgewanderten Homo sapiens weltweit eine wichtige Rolle. In dieser Phase kommen zwischen Europa und Australien immer wieder „Rötelgräber“ vor, also Bestattungen bei denen die Leiche und/oder die Grabgrube intensiv mit rotem Ockerpulver bestreut wurde. In manchen Gräbern scheint sich dann eine Korrelation mit Alter, Geschlecht und Status der verstorbenen Person anzudeuten.

Der rituelle Umgang mit dem Tod – Protoformen von Bestattung vor Homo sapiens?

Die frühsten regelhaften Körperbestattungen treten sowohl bei Homo sapiens als auch bei den Neandertalern zwischen 135 und 90.000 Jahre vor heute im Moustérien der Levante auf. Ab wann ein Homininenskelett als intentionale Bestattung einzustufen ist, wird in der Forschung vor allem für das Mittelpaläolithikum kontrovers diskutiert. Doch gibt es bei rund 35 mittelpaläolithischen Befunden, die sich relativ gleichmäßig über Europa und Westasien verteilen, einen weitestgehenden Konsens, dass in diesen Fällen bewusst angelegte Gräber vorliegen. Es handelt sich dabei größtenteils um Neandertalerbestattungen. Hier abgebildet ist eine Rekonstruktion der Bestattung eines erwachsenen, männlichen Neandertalers aus La Chapelle-aux-Saints (Südwestfrankreich), die bereits 1908 gefunden wurde und zwischen 60 und 40.000 Jahre alt ist. Das Individuum wurde in gehockter Stellung, teilweise auf der rechten Körperseite liegend, in eine flache rechteckige Grabgrube niedergelegt. Der Kopf lehnte dabei am Rand der Grube und wurde möglicherweise zusätzlich mit Steinen verkeilt. Jüngste Nachgrabungen in den Jahren 2011 und 2012 habe die Existenz der Grabgrube bestätigt und weitere Skelettteile zum Vorschein gebracht.

Der rituelle Umgang mit dem Tod ist, in Verbindung mit der symbolischen Aufladung eines bestimmten Ortes als „Platz der Toten“, ein weiterer wichtiger Anzeiger für frühes rituelles Verhalten. Das Bestattungsverhalten als solches, sowie die verschiedenen Varianten des rituellen Umgangs mit dem Tod sind nicht an eine bestimmte Menschenform gebunden. Sowohl Homo sapiens als auch Homo neanderthalensis bestatteten im Verlauf des Mittelpaläolithikums zumindest zeitweilig einige ihrer Toten. Die frühsten formalen Körperbestattungen von Homo sapiens, die wir momentan kennen, sind ca. 135-90.000 Jahre alt und kommen aus den israelischen Höhlenfundstellen Skhul und Qafzeh, die bereits in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ausgegraben wurden. Der Wildschweinunterkiefer, den das männliche, adulte Individuum von Skhul V mit den Armen zu umklammern scheint, kann als bisher älteste bekannte Speisebeigabe interpretiert werden. Das durchlochte Gehäuse einer Kegelschnecke aus der 76.000 Jahre alten Kinderbestattung BC3 der Border-Höhle (Südafrika) gilt momentan als der älteste Beleg für einen Gegenstand des persönlichen Schmucks in einem Bestattungskontext. Die frühsten Neandertalerbestattungen aus Tabun (Israel) weisen ein ungefähr gleich hohes Alter wie jene von Homo sapiens in der Levante auf. Neandertalerbestattungen sind sogar für die Phase des Mittelpaläolithikums in Eurasien quantitativ wesentlich zahlreicher und besser erforscht, als jene des Homo sapiens.

Aus Krems-Wachtberg (Österreich) sind 2005 und 2006 drei Homo sapiens - Kleinstkinderbestattungen im Block geborgen worden, die ca. 27.000 Jahre alt sind. Es handelt sich dabei um eine pränatale Doppelbestattung (Fehlgeburten?) und einen ca. 3 Monate alten Säugling (nicht abgebildet). Alle drei Neugeborenen waren vollständig mit rotem Ockerpulver bedeckt. Die hier abgebildete Doppelbestattung wurde zusätzlich mit einem Mammutschulterblatt abgedeckt, während der 3 Monate alte Säugling ursprünglich in eine Art Tuch eingewickelt wurde. So genannte "Rötelgräber" des, sich über den Globus ausbreitenden, Homo sapiens kommen immer wieder im Jungpaläolithikum (43-10.000 BP) in Europa, Asien und Australien vor.

Doch sollte man bedenken, dass das Anlegen von Körperbestattungen in einer Grabgrube weder die einzig praktizierte, noch die frühste Form der sozialen Interaktion mit den Toten darstellt. So sind viele Formen des rituellen Umgangs mit Toten ethnografisch belegt, die keine archäologischen Spuren hinterlassen würden. Dennoch können die intentionale Deponierung von Toten an bestimmten natürlichen Plätzen in der Landschaft sowie die intentionale Manipulation von Leichen bis weit in das Altpaläolithikum zurückverfolgt werden. Diese älteren Protoformen des Bestattungsverhaltens werden mit Homo heidelbergensis assoziiert, der momentan als letzter gemeinsamer Vorfahre von Homo sapiens und Neandertaler gilt. Die Sima de los Huesos (Spanien) ‒ ein Höhlenschacht, in den vor 600-500.000 Jahren mindestens 28 Homo heidelbergensis-Individuen gelangten ‒ könnte das älteste potentielle Totendepot sein, welches nach derzeitigem Forschungsstand bekannt ist. Zusätzlich zu den Toten wurde ein einzelner, sehr sorgfältig bearbeiteter Faustkeil in den Schacht geworfen. Postmortale Veränderungen an Homininenskeletten in Form von Schnitt- oder Schlagspuren sind in Eurasien und Afrika aus dem gesamten Paläolithikum bekannt. Sie kommen sowohl bei Homo heidelbergensis, bei Homo neanderthalensis als auch bei Homo sapiens vor. Belege für postmortale Leichenmanipulationen werden in der Forschung im Spannungsfeld zwischen Kannibalismus („Anthropophagie“) und rituellen Handlungen diskutiert. Der 500.000 Jahre alte Homo heidelbergensis-Schädel aus Bodo (Äthiopien) mit mindestens 25 linearen Schnittspuren könnte der früheste Beleg für eine postmortale Entfleischung eines menschlichen Schädels mit einem Steinwerkzeug sein, die keinen Ernährungszwecken diente. Einer der ca. 160.000 Jahre alten Homo sapiens-Schädel aus Herto (Äthiopien) zeigt ebenfalls Schnittspuren, die so nicht bei, für Ernährungszwecke entfleischten und zerlegten, Tierknochen vorkommen. Ein weiterer Kinderschädel aus Herto zeigt Entfleischungs- und Glättspuren, die mit Schädeln aus ethnographischen Berichten vergleichbar sind.

In der Blombos-Höhle (Südafrika) wurden insgesamt 68 durchlochte Schneckenschalen der im Küstengewässer lebenden Spezies Nassarius kraussanius gefunden, die aus 72.000 Jahre alten Fundschichten stammen. Spezifische Abnutzungsspuren an den Schalen sprechen dafür, dass die "Perlen" als Kette getragen wurden.

Ein grundlegendes Interesse an toten Gruppenmitgliedern, Anzeichen von Mitgefühl, Trauer oder Aggression und gerade solche Aspekte wie die Verhandlung und Bestätigung von sozialen Beziehung, also die Aufführung des „sozialen Theaters“ rund um die Leiche und die damit verbundene Sicherung des Gruppenzusammenhaltes (wie es ja für Übergangsrituale typisch zu sein scheint) lassen sich oft bei Schimpansen, aber auch bei anderen Primaten, beim Umgang mit dem Tod von Artgenossen beobachten. Die „primate thanatology“ (auch „Pan thanatology“) ist ein wachsendes Forschungsfeld in der Primatologie, welches die erstaunlich differenzierten, individuellen und gruppenspezifischen Reaktionen auf das Sterben und den Tod bei Primaten immer besser herauszuarbeiten vermag. Todesbewusstsein als Ursache für Bestattungsrituale und dessen Protoformen ist daher keineswegs auf Homo sapiens beschränkt und hat wahrscheinlich eine tiefe evolutionäre Vergangenheit, die weit über das Middle Stone Age bzw. Mittelpaläolithikum hinausgeht.

Der älteste persönliche Schmuck der Menschheit – frühe Identitätsmarker

Nach derzeitigem Forschungsstand stammt der älteste persönliche Schmuck der Menschheit aus archäologischen Fundschichten, die ca. 135 bis 70.000 Jahre alt sind. Zwischen diesen Fundstellen an der Küste Nord- und Südafrikas, sowie der Levante liegen große geographische Entfernungen von mehreren tausend Kilometern. Bei den Funden handelt sich um durchlochte, und zum Teil mit rotem Ocker eingefärbte, marine Schneckengehäuse. Spezifische Abnutzungsspuren weisen oft auf eine Auffädelung und das Tragen an Körper oder Kleidung hin. Auch aus Neandertalerfundstellen häufen sich die Belege für persönlichen Schmuck, allerdings treten in Europa neben Molluskenschalen zusätzlich auch Adlerkrallen und Belege für die Nutzung von Vogelfedern auf. Diese frühsten Schmuckfunde der Menschheit werden in der archäologischen Forschungsdiskussion als eine der entscheidendsten Anzeiger für die Entstehung von kognitiver und kultureller Modernität angesehen. Sie gelten als stichhaltiger Beweis für eine uneingeschränkte Fähigkeit zur komplexen symbolischen Kommunikation und werden meist als ein Meilenstein in der kognitiven Evolution betrachtet. Die Allgegenwärtigkeit von unterschiedlichstem Körperschmuck in der materiellen Kultur des heutigen und des historischen Menschen rund um den Globus, zeigt dass hier eine menschliche Universalie vorliegt.

Über persönlichen Schmuck erfolgt ‒ neben einem Ausdruck von ästhetischem Empfinden ‒ eine Zurschaustellung von Identität, Status und Gruppenzugehörigkeit. Ethnologische, historische und archäologische Untersuchungen in (prä-)historischen, traditionellen und modernen Gesellschaften zeigen, dass persönlicher Schmuck zahlreiche verschiedene symbolische Funktionen übernehmen kann, wie Ästhetik, Balzverhalten & Partnerwahl, ethnische, soziale & individuelle Marker, Ritualobjekte & Opfergaben, Amulette & Talismane, Handelsware, Familienerbstücke, Kommunikationssysteme, Zählvorrichtungen, Gabentausch & Vertragsbesiegelung oder die Einschüchterung von Gegnern. Es gibt keine stichhaltigen Gründe, warum nicht auch eine ähnlich große Bandbreite symbolischer Inhalte schon hinter den frühen Schmuckfunden des Paläolithikums vermutet werden kann. In Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Fundstellen mit marinen Schmuckmollusken beträchtliche Distanzen zwischen sich und der Küste aufweisen (Sibudu: 15km, Qafzeh: 40km, Grotte des Pigeons: 40km, Rhafas: 50km, Ifri n’Ammar: 59km, Oed Djebbana: 190km), muss ein nicht unbeträchtlicher Aufwand betrieben worden sein, die Molluskenschalen zu beschaffen und bis in die Fundstellen zu transportieren. Da sich der Meeresspiegel ab 115.000 BP durch die Vergletscherungen während des letzten Glazials massiv absenkte, dürften die jeweiligen Entfernungen zur Küste in vielen Fällen noch erheblich größer gewesen sein. Energie und Zeitaufwand wurden daher möglicherweise gezielt durch im Inland schwer zu beschaffende Perlen aus marinem Rohmaterial zur Schau gestellt. Auch das Beschaffen von Adlerkrallen und Vogelfedern durch den Neandertaler war mit hohem Aufwand und Risiko verbunden. Im Rahmen der Theorie der teuren Signale können diese Schmuckfunde (ähnlich den Farbpigmenten) als Anzeiger für rituelles Verhalten gedeutet werden. Zudem werden Identitäten durch symbolische Grenzziehungen und die Konstruktion von Unterschieden geschaffen, die gerade auch durch Übergangs- und Initiationsrituale erzeugt werden. Aus unzähligen ethnografischen Beispielen wissen wir, dass in diesem Rahmen persönlicher Schmuck eine herausragende Rolle spielt.

Was also sagt uns das alles?

Zusammenfassend zeigt sich, dass wir mit einer tiefen evolutionären Vergangenheit für rituelles Verhalten rechnen müssen. Rituale sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine menschliche Universalie, dessen Ursprung anscheinend noch vor der Entstehung unserer eigenen Spezies zu suchen ist. Damit soll jedoch keineswegs gesagt werden, dass Menschen unwiederbringlich durch ihre Biologie auf rituelles Verhalten programmiert oder bestimmte Populationen an eine bestimmte rituelle Praxis gefesselt seien. Noch heißt dies, dass Ritualkritik unwichtig oder sinnlos sei, v.a. wenn es um solche Praktiken wie die Genitalverstümmelung von Kindern geht. Doch wenn wir bestimmte Aspekte menschlichen Verhaltens besser verstehen (und in eine humanere Richtung lenken) wollen, so kann manchmal auch der Blick auf die archäologische Forschung sehr interessante Einsichten liefern. 

Kommentar

von Marcus Cyron | 01.05.2015 | 11:45 Uhr
Ich verstehe es nicht. Das erste, ws ein Akademiker lernt, ist doch korrekt zitieren. Warum klappt das bei Bildern nicht? "Quelle:Wikipedia" ist nicht korrekt. Die Lizenz ist eindeutig. Für das erste Bild würde de Attributierung korrekt lauten: "Gianfranco Gori, CC-BY-SA-3.0". Es wird der Schöpfer und die Lizenz angegeben. Woher es kommt ist nicht von Bedeutung. Der Paradigmenwechsel ins Virtuelle bringt es mit sich, daß man sich damit auch auseinander setzen muß. "Quelle: Wikipedia" ist in etwa das Gegenstück zu "Das rote Buch im Regal rechts". Sicher, da ist der Versuch eines Nachweises und das ist immerhin mehr als Viele Andere es tun. Aber es richtig zu machen ist wirklich nicht so schwer.

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von Georgios Chatzoudis | 04.05.2015 | 09:14 Uhr
Sehr geehrter Herr Cyron, vielen Dank für Ihren freundlichen Hinweis. Wir haben die Quellenangaben soeben korrigiert. Mit freundlichen Grüßen, Ihre L.I.S.A.Redaktion

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von Dr. Michael Blume | 19.07.2015 | 17:36 Uhr
Ein herausragend erkenntnisreicher Blogartikel, vielen Dank!

Ich habe ihn gerade von einem Blogpost bei scilogs (Spektrum der Wissenschaft) her verlinkt und hoffe, dass er noch viele Leserinnen und Leser finden möge.
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/neue-gesellschaften-zur-erforschung-der-bio-kulturellen-evolution/

Auf weitere, wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema bin ich sehr gespannt!

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