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Georgios Chatzoudis | 06.12.2016 | 601 Aufrufe | 2 | Interviews

"Der Teufel rückt in der Reformation ins Zentrum"

Interview mit Jan Löhdefink über Teufelsvorstellungen im Wandel

Martin Luther soll einst gesagt haben: "Man muss dem Teufel das Kreuz ins Angesicht schlagen, so weiß er, mit wem er umgeht." Mit der Reformation rückte der Teufel wieder ins Zentrum des gelebten Glaubens, jedoch anders als in den Epochen davor. Denn in der neuen Aufmerksamkeit für den Satan und der Konjunktur der Vorstellungen von ihm steckte bereits auch der Anfang vom Ende des Teufelsglaubens. Das Zitat Luthers deutet ein neues Selbstbewusstsein an, das in der Überzeugung kulminiert, gegen den Satan aktiv vorgehen bzw. ihn immer dort bekämpfen zu können, wo man ihn gerade antrifft. Der Religionshistoriker Dr. Jan Löhdefink hat in seinem Dissertationsprojekt über die Teufelsvorstellungen in der frühen Reformationszeit geforscht und die Auswirkungen auf die Moderne in den Blick genommen. Für seine inzwischen publizierte Doktorarbeit "Zeiten den Teufels" ist er mit dem Martin-Luther-Preis ausgezeichnet worden. Wir haben ihn zu seinem Projekt befragt.

"Gegner bezichtigten sich wechselseitig, Agenten des Teufels zu sein"

L.I.S.A.: Herr Dr. Löhdefink, Sie haben zuletzt für Ihre Doktorarbeit „Zeiten des Teufels“ über Teufelsvorstellungen in der frühen Reformationszeit den Martin-Luther-Preis erhalten. Wie kamen Sie dazu, sich wissenschaftlich mit dem Teufel zu beschäftigen? Welche zentrale Fragestellung hat sie dabei geleitet?

Dr. Löhdefink: Am Anfang stand die Beobachtung, dass die Teufelsvorstellungen in der Reformationszeit einen enormen Stellenwert hatten – sie begegnen in den Quellen der Zeit gleichsam allenthalben. Beispielsweise bezichtigen sich die theologischen Gegner der Zeit wechselseitig, Agenten des Teufels zu sein – sowohl was die reformatorischen Bewegungen im Gegenüber zu den Altgläubigen als auch was die innerreformatorischen Gegnerschaften, man denke z.B. an Luther und Müntzer, angeht. Erschöpft sich also die Bedeutung der Teufelsvorstellungen in ihrer polemischen Verwendung zur Herabwürdigung Andersdenkender, gleichsam beliebig applizierbar auf alles und jeden, oder kommt ihnen ein theologischer Sachgehalt zu, der Einblicke in das jeweilige Selbstverständnis gewährt und mit den jeweiligen theologischen Grundvorstellungen untrennbar verbunden ist? Ein leitendes Erkenntnisinteresse der Untersuchung betrifft daher die Frage, ob hinsichtlich der Teufelsvorstellungen hinter den von den Zeitgenossen unter Umständen wahrgenommenen Gegensätzlichkeiten auch Gemeinsamkeiten im Sinne einer inneren Kohärenz aufzufinden sind. Existiert also in syn- wie diachroner Hinsicht so etwas wie eine spezifisch reformatorische Teufelsvorstellung und wie ließe sich diese konturieren?

"Die reformatorische Gegenwart ist die Zeit der Enttarnung des Teufels"

L.I.S.A.: Die Reformationszeit gilt als eine Zeit des religiösen Neuanfangs – sowohl theologisch als auch in der Frömmigkeitspraxis. Wie passt der Mythos Teufel in diese Aufbruchsstimmung? Gibt es eine Art Ablösung im Narrativ über den Teufel?

Dr. Löhdefink: Keine Ablösung, eine Umschreibung! Der Teufel hat mit der Reformation nicht an Bedeutung verloren – im Gegenteil: er rückt in das Zentrum der zeitgenössischen Denk- und Sinnformationen.

Beispielsweise die Frömmigkeitspraxis wurde gleichsam einer Revolution unterworfen: Die hergebrachten Strategien im Kampf des Gläubigen mit dem Teufel (etwa wenn die Weihe von Personen oder Gegenständen vor dem Teufel zu schützen verspreche oder die Anrufung von Klerus oder Heiligen, die für den Teufelskampf speziell zugerüstet erschienen, tatkräftige Hilfe biete) wurden mit der Reformation grundlegend desavouiert. Doch seien derartige Teufelskampfstrategien nicht allein obsolet, sondern gar vom Teufel lanciert: Er selbst gebe der römischen Kirche vermeintliche Heilssicherungsinstrumente an die Hand, um die durch ihn ausgehende Bedrohung zu verharmlosen und beherrschbar erscheinen zu lassen. Doch sei eine Delegation des Teufelskampfs an Klerus oder Heilige nicht möglich, jeder stehe allein vor Gott wie vor dem Teufel.

Der reformatorischen Einsicht in die Unmittelbarkeit des Gläubigen zu Gott korrespondierte mithin eine neue Unmittelbarkeit zum Teufel. Vor dem Hintergrund dieser neuartigen Individualisierung des Teufelskampfs musste der Teufel ungleich mächtiger und gefährlicher als in überkommener Wahrnehmung erscheinen.

In dramatischer Weise habe die Macht des Teufels in einem geschichtlichen Prozess zugenommen, bis sie in der reformatorischen Gegenwart einen dramatischen Höchststand erreicht habe. So wurde das Papsttum als vom Teufel bevollmächtigter Antichrist gedeutet, der erst auf der Basis des reformatorischen Schriftprinzips als solcher erkenntlich werde. So sei der Teufel nicht lediglich in den öffentlich kenntlichen Sündern und Ungläubigen aktiv, sondern er habe sich als "Engel des Lichts" unter schönem Schein unmerklich gar an die Spitze der Kirche geschlichen! Anders aber als in vorreformatorischen Antichristvorstellungen erwartete man den Beginn der unmittelbaren Endzeit nicht mit dem geschichtlichen Auftreten des Antichrist (dieser sei in Gestalt des Papsttums ja bereits seit Jahrhunderten in der Welt wirksam), sondern mit seiner Offenbarung – die reformatorische Gegenwart ist die Zeit der Enttarnung des Teufels und läutet damit seinen Niedergang ein. Diese Erkenntnis gelte es zu verbreiten, um so viele Seelen wie möglich aus den Fängen des Teufels zu reißen – die reformatorische Zeitenwende war in ihrem Selbstverständnis kein Aufbruch in die Neuzeit, sondern ein Aufbruch ins Ende, der Beginn der Apokalypse. 

"Von Flugschriften als Öffentlichkeitsoffensive zur Enttarnung des Teufels inszeniert"

L.I.S.A.: Eine besondere Bedeutung in Ihrer Arbeit kommt dem Quellenmaterial zu. Sie haben insbesondere sogenannte Flugschriften ausgewertet. Welche Rolle spielten Flugschriften für die Vorstellungsgenese des „neuen“ Teufels?

Dr. Löhdefink: Zunächst sind die Flugschriften die entscheidende Artikulationsplattform für das reformatorische Narrativ vom Teufel: Die bereits erfundene Spitzentechnologie des Buchdrucks kommt erst mit der Reformation zur vollen Entfaltung, die Flugschriften avancieren zur ersten gedruckten Massenware. Dabei korrespondiert der Buchdruck mit elementaren theologischen Grundvorstellungen der Reformation: Dies betrifft vor allem das Schriftprinzip und die damit verschränkten Theologumena des allgemeinen Priestertums und der Klarheit der Schrift, so dass die geforderte Öffentlichkeit der Offenbarung, welche insbesondere die Flugschriften befördern halfen, eine medientheologische Begründung erhält.

Als Negativfolie der neuen reformatorischen Medientheologie kam der Enttarnung des Teufels heilsgeschichtliche Bedeutung zu und wurde von den Flugschriften als Öffentlichkeitsoffensive zur Enttarnung von Teufel und Antichrist inszeniert. Zudem machte die neue reformatorische Unmittelbarkeit zum Teufel und die Unvertretbarkeit des Teufelskampfes die druckgestützte Öffentlichkeit der Offenbarung zur unabdingbaren Grundlage der veränderten reformatorischen Teufelskampfstrategien – nur auf der Basis der Veröffentlichung der Offenbarung konnte die Gegenwart umfassend als Entscheidungszeit stilisiert und die Individualisierung des Teufelskampf ermöglicht und eingefordert werden.

"Tradition und Geschichte wurden als wandelbar empfunden"

L.I.S.A.: Das Wort „Teufel“ im Titel Ihrer Arbeit zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Dabei geht der zweite zentrale Begriff etwas unter: „Zeit“. Sie stellen in Ihrer Studie die These auf, dass das frühreformatorische Konzept des Teufels mit einem neuen Zeitbewusstsein verbunden gewesen sei, das sogar den Weg in die Moderne geebnet habe. Wie das? Hat nicht spätestens die Aufklärung den Teufel entzaubert oder ihn gar historisiert?

Dr. Löhdefink: Doch, offenkundig. Gleichwohl evozieren die reformatorischen Teufelsvorstellungen ein tendenziell in die Moderne weisendes Zeitempfinden, auf welchem späterhin in säkularisierter Form das moderne Zeitbewusstsein erwachsen sollte. Die reformatorische Zeitwahrnehmung brachte tendenziell modernitätsträchtige Verlaufsformen und Qualitäten der Zeitlichkeit hervor, wenn sich das Bewusstsein für Prozesshaftigkeit, Wandelbarkeit, Andersartigkeit, Einmaligkeit, Irreversibilität und Beschleunigung (heils-)geschichtlicher Ereignisse und Strukturen schärft. Dadurch, dass z.B. der Antichrist in spezifisch reformatorischer Wahrnehmung bereits seit langem in der Welt war, konnte seine in der reformatorischen Gegenwart kulminierende Machtentfaltung nur prozesshaft beschrieben werden; Tradition und Geschichte wurden als wandelbar empfunden, wenn die teuflische Macht verschiedene Konjunkturen aufwies und der eigenen Gegenwart auf der Kontrastfolie der Vergangenheit eine ganz andere, eigene heilsgeschichtliche Qualität verlieh. Die Einmaligkeit und Unhintergehbarkeit der – nunmehr erfolgten – Offenbarung des Teufels riefen ein apokalyptisches Beschleunigungsempfinden wach, wenn die Zeit in potenzierter Geschwindigkeit auf das Ereignis ihrer Aufhebung zurast. Im Unterschied zu vorreformatorischen apokalyptischen Vorstellungen ist diese Beschleunigungsdiagnose zudem mit technischen Neuerungen, allen voran mit dem Buchdruck und der Flugschriftenpublizistik, originär verbunden, sodass die konstatierte Neuheit der eigenen Gegenwart nicht nur vom Erwartungshorizont evoziert, sondern auch von sich verändernden Erfahrungsgehalten abgeleitet wurde. Im Gegensatz zu eigentlich modernen Zeitvorstellungen, welche zudem durch Unbekanntheit und prinzipielle Offenheit gekennzeichnet sind, sind die reformatorischen aber in zeitlicher Begrenzung gedacht – die Zukunftsperspektive bleibt geschlossen, sowohl im Hinblick auf ihre Dauer wie auch das potenziell Mögliche: folgen könne allein der Jüngste Tag.

"Wenn man den Teufel als Metapher versteht..."

L.I.S.A.: Wenn die Neukonzeptionierung der Teufelsvorstellung Strahlkraft weit über das Reformationszeitalter hinaus hatte, die sogar bis in die Moderne und unsere Zeit hineinreicht, wo ist der Teufel heute zu finden? Braucht der Mensch einen dauerhaften Platzhalter für die ewige Antithese?  

Dr. Löhdefink: Aus öffentlicher Debatte (und kirchlicher Verkündigung) ist der Teufel nahezu verschwunden, auch wenn er in der polemischen Invektive nach wie vor begegnen mag. Der Glaube an den Teufel als ein wirkmächtiges Geistwesen, welches in unser Leben direkt eingreift, wird hierzulande von den wenigsten als reale Bedrohung empfunden, wobei ich mich hier einreihen würde. Wenn man den Teufel aber als Metapher versteht für den grundsätzlichen Widerstand, den es im Leben zu überwinden gilt, ist ihm meines Erachtens eine Zukunft beschieden, zumal er das Geheimnis des Bösen fassbar und besprechbar macht.

Dr. Jan Löhdefink hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dr. Philipp Bockenheimer | 08.12.2016 | 10:09 Uhr
In diesem interessanten Interview trifft Dr. Jan Löhdefink eine Feststellung zur Entwicklung unserer Vorstellungen vom "Teufel" (dem "Bösen"?) und der sich daraus ergebenden Zeitperspektive und der Endzeiterwartung:
"Im Unterschied zu vorreformatorischen apokalyptischen Vorstellungen ist diese Beschleunigungsdiagnose zudem mit technischen Neuerungen, allen voran mit dem Buchdruck und der Flugschriftenpublizistik, originär verbunden, sodass die konstatierte Neuheit der eigenen Gegenwart nicht nur vom Erwartungshorizont evoziert, sondern auch von sich verändernden Erfahrungsgehalten abgeleitet wurde."
Wie müsste man dann die "Beschleunigung" durch die "technischen Neuerungen" IT und unkontrollierbar ausufernde "social media" beschreiben und bewerten? — "Teufel", Iblis" oder "ausufernde Gier" als Handlungsmaxime der Spezies Menschheit statt des in allen Religionen präsenten "Erbarmens"?
Philipp Bockenheimer, Linden

Kommentar

von Diplom-Psychologin J. Petri | 10.12.2016 | 18:32 Uhr
Zur Aktualität der Teufelsvorstellung in der Jetztzeit bei beiden christlichen Kirchen: Soweit mir bekannt ist, wurde nach dem Ende des WK-II, als weltweit bekannt wurde, welche systemmatischen Verbrechen in der Nazizeit an dt. Minderheiten vollzogen wurden, und das Entsetzen über die Taten von Volksgenossen verbunden mit der Schuld- und Schamreaktion, auch die dt. Bevölkerung ergriff, nach Entlastung der Überlebenden gesucht. Eine von vielen Maßnahmen war es wohl auch, dass beide christl. Kirchen vereinbarten, das Bild des Teufels aus der Glaubensverkündung zu streichen. Damit wurde den Überlebenden eine Atempause gegönnt, um motiviert weiter zu leben und die real existierenden Trümmerlandschaften abzutragen. Die Aufarbeitung der Mittäterschaft und Schuldproblematik war dann Thema der 1. Nachkriegsgeneration, während der 60er Jahre widmete sich diesemThema die APO. Zu dieser Zeit war die BRD wirtschaftlich so solide, dass diese Problematiken endlich angesprochen und in vielen Familien auch geklärt werden konnten. Wenn jetzt in den Anfängen des Millemilliums der Teufel selbst als drohende Symbolik die Bühne betritt, so ist das sicherlich auch ein Versuch, die globalen Problematiken auf eine global bekannte Figur zu fixieren. Kann das Bild des Teufels die Bereitschaft stärken, sich im Alltag gegen Grenzüberschreitungen und Fremdbestimmung zu wehren? Sind da nur die christlichen Gläubigen angesprochen oder auch ihre Kirche?
Interessant für mich ist zu lesen, dass die protestantische Tradition den Kampf gegen den Teufel zur Privatsache macht. Wofür bin ich dann ev. Christin, wenn mir mein Glaube da nicht den rechten Weg weißt? Vielleicht paßt dazu folgendes Zitat: "Lehne es nicht ab, das Negative zur Kenntnis zu nehmen. Weigere dich lediglich, dich ihm zu unterwerfen." (N.V. Peale).

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