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Georgios Chatzoudis | 09.07.2013 | 1667 Aufrufe | Interviews

"Der Ramadan wird in den Medien kaum wahrgenommen"

Interview mit Rauf Ceylan über die Bedeutung des islamischen Feiertags

Heute beginnt für viele Muslime der Fastenmonat Ramadan, was wörtlich übersetzt 'der heiße Monat' bedeutet. In Deutschland leben zurzeit rund vier Millionen Muslime mit Migrationshintergrund. L.I.S.A. wollte wissen, wie Muslime in der westlichen Diaspora den Ramadan feiern und wie er von der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen wird. Prof. Dr. Ceylan, Professor für Religionswissenschaft am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück, hat unsere Fragen beantwortet.

Fastenbrechen in der Nacht

"Ramadan in der Diaspora"

L.I.S.A.: Herr Professor Ceylan, im Juli beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan. In Deutschland leben zurzeit mehr als vier Millionen Muslime mit Migrationshintergrund. Kennen Sie Zahlen, wie viele davon den Glauben aktiv praktizieren? Woran ist der Grad an Frömmigkeit in diesem Zusammenhang ablesbar?

Prof. Ceylan: Man kann davon ausgehen, dass für 2/3 der Muslime die Einhaltung der Fastenregeln sehr wichtig ist. Es ist interessant, dass auch für nicht-praktizierende Muslime das Fasten einen besonderen Stellenwert im Monat Ramadan erhält. Ein Faktor hierfür stellt - neben der inviduellen - auch die kollektive spirituelle Erfahrung, da das Gemeinschaftsleben im Ramadan durch Fastenbrechen-Abende (arab. Iftar) sowie Gottesdienste begleitet wird.

L.I.S.A.: Kommt dem Ramadan in der so genannten westlichen Diaspora eine andere Bedeutung zu als in den mehrheitlich muslimischen Herkunftsländern?

Prof. Ceylan: In islamisch geprägten Ländern spiegelt sich die spirituelle Atmosphäre des Ramadan in allen gesellschaftlichen Bereichen wie Medien, Ramadanmärkten, in Schulen usw. wider. In der Diaspora ist das anders. Hier wird der Ramadan weder von den Medien noch den Schulen angemessen aufgegriffen. Daher müssen sich die muslimischen Einwanderer diese Atmosphäre in privaten Räumen selbst schaffen. Besonders das Ramadanfest mit dem Ende des Fastenmonats ist für muslimische Kinder und Jugendliche wichtig, die sie eine ähnliche Feststimmung erwarten wie das Weihnachtsfest. Daher sind Moscheegemeinden mittlerweile bestrebt durch das Anmieten größere Sääle oder In-Door-Spielplätzen diesen Wunsch zu erfüllen.

Prof. Dr. Ceylan, Professor für Religionswissenschaft am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück

"Über Generationen hinweg"

L.I.S.A.: Inwiefern hat sich die Begehung und Bedeutung des Ramadans innerhalb der Migrantengenerationen in Deutschland im Laufe der vergangenen fünfzig Jahr verändert? Unterscheiden sich dabei junge Muslime von ihren Eltern und Großeltern?

Prof. Ceylan: Nein, eigentlich hat das Fasten - anders als beispielsweise die täglichen Pflichtgebete - über Generationen hinweg seine Bedeutung beibehalten. Wie gesagt scheint neben all den positiven Effekten des Fastens wie Besinnung und Kontemplation die intensive gemeinschaftlichen Erfahrungen eine Rolle zu spielen. Das beginnt schon bei Kindern, die unbedingt mitfasten möchten, um Teil dieses kollektiv-spirituellen Erlebens zu sein. Allerdings setzt das Fasten wie bei den anderen gottesdienstlichen Handlungen des Islam auch eine geistige und körperliche Reife sowie Freiwilligkeit voraus.

L.I.S.A.: Ist der Fastenmonat ein rein religiöses Ritual oder eher eine Tradition zur Vergewisserung kollektiver Identität für Migranten mit muslimischen Wurzeln? Anders gefragt: Hat sich der Ramadan von seinen religiösen Ursprüngen abgekoppelt? 

Prof. Ceylan: Der Ramadan wird nach wie vor als ein Monat gefeiert, in der nach mulimischem Verständnis die Verkündung des Korans - konkret 610 n. Chr. - beginnt. Der Prozess einer Traditionalisierung ist jedoch in Zukunft im Folge von Säkularisierungsprozessen zu erwarten. In Ländern wie der Türkei gab es Versuche, den Ramadan staatlicherseits zu säkularisieren. Charakteristisch hierfür ist der konstruierte Begriff "Zuckerfest", um den religiösen Charakter zu entkräften. Allerdings sind solche Versuche in der Regel kontraproduktiv und bewirken eher das Gegenteil.

"Auf lokaler Ebene ist der Ramadan längst angekommen"

L.I.S.A.: Wie wird der Ramadan von der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft betrachtet? Beobachten Sie Ablehnung, Akzeptanz oder sogar transkulturelle Wechselwirkungen? Gibt es Hinweise darauf, dass auch Andersgläubige sich an der Fastenpraxis des Ramadan beteiligen?

Prof. Ceylan: Der Monat Ramadan wird zunehmend auf nachbarschaftlicher Ebene von der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen. Moscheegemeinden und muslimischen Familien laden ihre Nachbarn zum Fastenbrechen ein und treten so in ein Gespräch. Diese Tradition wird jedoch in den Medien kaum wahrgenommen. Obwohl vier Millionen Muslime in Deutschland leben, wird beispielsweise das Ramadanfest in den großen Tageszeitungen oder im Fernsehen nicht entsprechend aufgegriffen. Auf lokaler Ebene sieht das anders aus. Dort ist der Ramadan längst angekommen.

Prof. Dr. Rauf Ceylan hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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