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Judith Wonke | 18.06.2019 | 522 Aufrufe | Interviews

"Der Protest adressiert auch jeden Einzelnen"

Interview mit Sabrina Zajak zu den Fridays-for-Future-Protesten

Die globale Schüler- und Studierendenbewegung, Fridays for Future, ist längst im Stadtbild vieler Städte verankert: Vor allem Schülerinnen und Schüler protestieren freitags regelmäßig für den Klimaschutz, fordern die Senkung der Treibhausgase, den Kohleausstieg sowie die Förderung erneuerbarer Energien. Eine Leitfigur der Bewegung ist die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg, die ihren Protest im Spätsommer des vergangenen Jahres vor dem schwedischen Parlament begann und den freitäglichen Schulstreik für das Klima wesentlich prägte. Am 15. März diesen Jahres fand im Rahmen dieser Bewegung der erste globale Protesttag statt: Allein in Deutschland waren 220 Proteste angekündigt. Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung führte im Rahmen der Proteste Befragungen durch, um die Motivation sowie Mobilisierung der Beteiligten zu bestimmen. Im Interview mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung, Prof. Dr. Sabrina Zajak, haben wir nach ersten Ergebnissen der Studie sowie einer historischen Einordnung des Protests gefragt. 

Copyright (l.): Daniel Mietchen - Own work, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79407494
(r.): Tiziana Rigodanzo - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77407589

"Politik und Individuum werden zur Verantwortung gezogen"

L.I.S.A.: Frau Prof. Dr. Zajak, Sie sind als stellvertretende Vorsitzende des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung maßgeblich an einer Studie zu den sogenannten Fridays-for-Future-Protesten beteiligt gewesen. Nun sind erste Ergebnisse der Befragung vom 15. März 2019 erschienen. Was konnten Sie herausfinden – welche Motivation steckt hinter den Protesten? Warum erregen die Proteste eine solche mediale wie gesellschaftliche Aufmerksamkeit?

Prof. Dr. Zajak: Die ersten Klimastreiks begannen bereits September 2018, erhielten damals jedoch kaum Aufmerksamkeit. Das änderte sich im Januar 2019: Sowohl die Bewegung als auch die mediale Aufmerksamkeit begann zu wachsen. Das lag unter anderem auch daran, dass die Streiks in erster Linie von SchülerInnen getragen wurden. Das Thema des Klimaschutzes wurde schnell mit der Frage der Schulplicht und der Politisierung der Jugend im Allgemeinen verbunden. Vor allem die Debatte über das „Schulschwänzen“ nahm schnell an Fahrt auf und überlagerte auch die Auseinandersetzung um die Inhalte und Ziel des Protests. Gleichzeitig wurde so auch Aufmerksamkeit für die Proteste generiert, was wiederum einen verstärkenden Effekt auf die Bewegung hatte. Dennoch sollten wir die Rolle der Online- und Offline-Medien nicht überschätzen. Von unseren Befragten gaben nur 5,5% der Befragten an, über Zeitungen (gedruckt oder online) von dem Streik am 15. März erfahren zu haben. 31,3% wurden über die sozialen Medien über den Streik informiert und 32,8% über Freunde und Bekannte. Über 90% der Befragten gaben an, mit Freunden auf der Demonstration gewesen zu sein.

Das zentrale Anlegen der SchülerInnen ist es, den Klimawandel zu stoppen. Er wird als ein langfristiges und dringendes Problem angesehen, welcher auch die eigene Zukunft bedroht. Das wird in Aussagen wie „Weil sich in der Politik etwas ändern muss und wenn die das nicht angehen oder merken, müssen wir halt für unsere Zukunft kämpfen! Die notwendigen Maßnahmen müssen umgesetzt werden“ sichtbar, aber auch an den Slogans auf den selbstgebastelten Plakaten wie „Es gibt keinen Planet B”, “Kohle löst unsere Zukunft in Rauch auf“ oder “Weil es unsere Zukunft ist“. Der Protest soll in erster Linie die Politik dazu bewegen, zu handeln, aber auch ihre bereits gemachten Versprechen einzulösen. Der Protest adressiert aber auch jeden Einzelnen, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Sowohl die Politik als auch das Individuum werden zur Verantwortung gezogen.

"Die Protestierenden kommen eher aus der Mittelschicht"

L.I.S.A.: Mit Blick auf Protestbewegungen der Vergangenheit: Inwiefern stellt es eine Besonderheit dar, dass vor allem Schülerinnen und Schüler sowie Studierende protestieren?

Prof. Dr. Zajak: Die Jugend war schon immer ein wichtiger Treiber von Protest. Auch die 68er-Bewegungen wurden zu einem großen Teil von Jugendlichen organisiert. Allerdings handelte es sich dabei vor allem um Studierende. Das besondere an den Klimastreiks ist, dass er von SchülerInnen ausgeht. SchülerInnen beteiligten sich auch in der Vergangenheit an Demonstrationen oder sind und waren in der Umweltbewegung aktiv, sie sind aber in der Regel nicht der Initiator von Protest. Von SchülerInnen organisierter Protest beschäftigte sich in der Regel mit dem Bildungssystem oder Erziehungs- und Pädagogikthemen.

L.I.S.A.: Lassen sich Aussagen darüber treffen, aus welchen gesellschaftlichen Schichten die Protestierenden stammen? Inwiefern prägt das Elternhaus, inwiefern das gesellschaftliche Umfeld?

Prof. Dr. Zajak: Ähnlich wie auf anderen Demonstrationen gilt: Die Protestierenden kommen eher aus der Mittelschicht bzw. verorten sich selbst in der Oberschicht und besuchen eher eine weiterführende Schule (Gymnasium). Und auch die Eltern besitzen mit hoher Wahrscheinlichkeit einen höheren Bildungsabschluss. Etwa die Hälfte hat einen Hochschulabschluss (Mütter: 49,6 %, Väter: 51,6 %). Hier spiegeln sich auch Unterschiede und Ungleichheiten im Schulsystem wieder: Die Schule scheint nicht in jeder Schulform ein Ort kritischer Auseinandersetzung mit politischer Praxis sein zu können.

Auch das Elternhaus spielt eine wichtige Rolle: So geben etwa zwei Drittel der SchülerInnen an, dass sich die Eltern ebenfalls mit Klima und Umweltschutz beschäftigen. Gleichzeitig findet die Mehrheit der Befragten, dass ihre Eltern in der Vergangenheit nicht genug getan haben, um den Planeten zu schützen. Das zeigt, dass zwar das Elternhaus prägt, die SchülerInnen jedoch durchaus ihren eigenen Weg beschreiten wollen.

"Greta Thunberg war förderlich für die Bewegung"

L.I.S.A.: Die Fridays-for-Future-Bewegung beruft sich auf die Proteste der 16-jährigen, schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, die ihren Protest im Spätsommer des letzten Jahres begann. Inzwischen ist Thunberg auf internationalen Konferenzen zu Gast und in den Medien allzeit präsent. In Düsseldorf widmete man der Klimaaktivistin jüngst einen Wagen des Rosenmontagszugs. Wie bewerten Sie diese Beobachtung: Brauchen Protestbewegungen eine solche Identifikationsfigur?

Prof. Dr. Zajak: Der Einsatz und das kontinuierliche Engagement von Greta Thunberg war förderlich für die Bewegung, auch deshalb, weil darüber mehr Aufmerksamkeit generiert wurde und Greta ein Katalysator für die Internationalisierung der Bewegung war. Greta wurde aber auch zu einer Symbolfigur, da sie vorlebte, dass auch SchülerInnen Handlungsmacht haben und die Möglichkeit, durch Beharrlichkeit und Konsistenz ihr Umfeld und sogar die Weltbühne mitzugestalten. Etwa 40% der Befragten gaben an, dass Greta ihr Interesse an der Klimapolitik gestärkt hat.

Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament, August 2018

"Aus Bewegungssicht ist diese Skepsis sehr sinnvoll"

Prof. Dr. Zajak: Wie schätzen die Demonstranten und Demonstratinnen ein, dass sich viele Verantwortliche aus der Politik sowie eine breite Öffentlichkeit mit der Protestbewegung solidarisieren? Und wie bewerten Sie als Wissenschaftlerin diese Entwicklung?

Wir haben nicht direkt nach der Einschätzung der Reaktionen von Politik und Öffentlichkeit gefragt. Betrachtet man jedoch verschiedene Reaktionen, z.B. in Mediengesprächen, sind viele SchülerInnen skeptisch. Aus Bewegungssicht ist diese Skepsis sehr sinnvoll, denn sie schützt vor Kooptation und Vereinnahmung und hält die Bewegung am Leben. Wären die Demonstrierenden mit öffentlich geäußerter Zustimmung leicht zu besänftigen, dann gäbe es eigentlich keine Bewegungen, da sich diese schließlich immer durch längerfristige Mobilisierung auszeichnen.

Prof. Dr. Sabrina Zajak hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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