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Georgios Chatzoudis | 10.04.2018 | 590 Aufrufe | Interviews

"Der Ort, wo die amerikanische Kultur über sich nachdenkt"

Interview mit Elisabeth Bronfen über Hollywood als amerikanischer Denkraum

Hollywood ist mehr als nur ein Erinnerungsort der Vereinigten Staaten von Amerika - in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist die Produktion von kollektiven Erinnerungen und Wünschen der US-Amerikaner dort längst nicht abgeschlossen, sondern nach wie vor in Betrieb, zum anderen werden in Hollywood nicht nur Bilder und Erzählungen für die amerikanische, sondern auch für eine globale Leinwand produziert. Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Elisabeth Bronfen von der Universität Zürich hat sich in einem aktuellen Band mit Hollywood als spezifisch amerikanischem Projekt auseindergesetzt und geht darin der Frage nach, welche kulturellen Imaginationen einer Nation dort entstehen und verhandelt werden. Wir haben sie um ein Interview gebeten.

"Verschränkung von visueller Überwältigung und Intelligenz"

L.I.S.A.: Frau Professor Bronfen, Sie haben zuletzt ein Buch unter dem Titel „Hollywood und das Projekt Amerika“ veröffentlicht. Der Band besteht aus mehreren Essays zum kulturellen Imaginären einer Nation, wie es im Untertitel heißt. Bevor wir dazu im Einzelnen kommen, woher rührt Ihr Interesse für das Hollywood-Kino?

Prof. Bronfen: Hollywood ist das Kino, mit dem ich groß geworden bin. Als ich aufwuchs, gab es in München noch etliche Programmkinos, die ich – im Sinne einer cineastischen Ausbildung – sehr regelmäßig besuchte, und da spielte Hollywood eine wichtige Rolle (wenn auch nicht die einzige). Es war aber auch das Kino meiner Eltern, und somit die Bildwelt und die Geschichten mit und über die wir uns zuhause verständigten. Das hat mein wissenschaftliches Interesse an diesem Kino sehr beeinflusst, denn bedeutet für mich eine vertraute Welt mit Variationen.

Was mich anhaltend fasziniert, ist zugleich die Filmsprache, die in Hollywood entdeckt und immerfort weiter entwickelt worden ist: Der für die Erzeugung von Starkörpern entscheidende Zauber des Glamour; der Wortwitz der Dialoge, die Art wie über mise-en-scène, Kameraarbeit und Schnitt Geschichten erzählt werden; also die Verschränkung von visueller Überwältigung und Intelligenz, man könnte auch sagen Kalkül. Die Manipulation, die sich im Hollywood Kino ausstellt, finde ich auch intellektuell äußerst reizvoll.

"Ungelöste Probleme der Gegenwart werden im Kino aufgegriffen"

L.I.S.A.: Dem Band liegt ein besonderer Leitgedanke zugrunde: Hollywood als Denkraum zur amerikanischen Selbstreflektion. Wie genau ist das zu verstehen?

Prof. Bronfen: Diesen Leitgedanken entnehme ich den Schriften meines alten Lehrers Stanley Cavell, der das Hollywood Kino in die Tradition der amerikanischen Philosophie stellt. Die Leinwand stellt den Ort, wo die amerikanische Kultur über sich nachdenkt. Ängste, Wünsche, Anliegen werden aufgegriffen, verhandelt und in die Kultur zurückgespielt. Es geht um eine Geste der Entäußerung, Formalisierung und somit um Distanzierung, auch wenn Hollywood vordergründig auf Affekte und Emotionalisierung setzt. Es geht aber auch darum – und da finde ich Sigmunds Freuds Gedanken zur Phantasiearbeit besonders brauchbar –, den Blick auf eine Verschränkung der Zeiten zu richten. Ungelöste Probleme der Gegenwart werden im Kino aufgegriffen auf eine Art, die auf vergangene Geschichten und Formalisierungen zurückgreift, um eine Arbeit am kulturellen Imaginären zu leisten, welche auch in der Zukunft ihre Wirkung haben wird. Von Hollywood als Denkraum zu sprechen heißt auch, dass in diesem Medium kulturelles Gedächtnis und somit auch eine kulturelle Erbschaft verhandelt wird; hier kann das, was man unfinished business nennt, ausgetragen werden.

"Die freiwillige Selbstzensur nicht außer Acht lassen"

L.I.S.A.: Eine besondere Bedeutung kommt dabei in Ihrem Band der Psychoanalyse bzw. einer psychoanalytischen Kulturanalyse zu. Wenn man Kultur als Unterwerfung des Subjekts unter gemeinschaftliche Codes begreift, welchen kulturellen Codes ist dann das Hollywood-Kino unterworfen? Oder ist Hollywood eher als der Ort zu begreifen, der eben diese Codes erst schafft?

Prof. Bronfen: Hollywood muss sich einerseits den Codes des wirtschaftlichen Gewinns anpassen. Es geht, das darf man nie vergessen, um Geld, manchmal sogar um sehr viel Geld. An Projekten ­wie Cleopatra (1963), an dem die 20th Century Fox fast bankrott ging, oder Heaven’s Gate (1980), was zum Verkauf der United Artists an MGM führte, lässt sich dieser Code ablesen. Somit ergibt der öffentliche Geschmack – oder besser gesagt, was zu einem Zeitpunkt gefällt und zu einem anderen nicht mehr (oder noch nicht) – auch einen Code ab. Und schließlich darf man die freiwillige Selbstzensur nicht außer Acht lassen, also jenen berüchtigten Hays Production Code, der zugleich einen produktiven Nebeneffekt hatte. Weil Sex ab Mitte der 1930er Jahre (bis Mitte der 1960er Jahre) nicht mehr direkt gezeigt werden konnte, musste man dafür eine Filmsprache entwerfen – so etwa das Öffnen von Türen, das Hinauf- oder Hinablaufen von Treppen und vor allem das Anzünden von Zigaretten. Zudem wurde sowohl die verbotene Erotik als auch die Gewalt in die Dialoge verlagert, welche dadurch ungemein an Wortwitz und Doppeldeutigkeit gewinnen konnte.

"Das scheint mir unerschöpflich"

L.I.S.A.: Sie machen deutlich, welche Wirkkraft von Hollywood auf die Mythen Amerikas ausgeht. Welche Rolle spielen dabei die Reproduktion von Vergangenheit sowie die Zitation von bereits dargestellter Vergangenheit? Bietet Hollywood so gesehen einen unerschöpflichen Brunnen, um Amerika immer wieder neu zu imaginieren oder erschöpft sich so eine Ressource der Identitätsbildung irgendwann?

Prof. Bronfen: Die kulturellen Energien, welche im 19. Jahrhundert in literarischen Werken von Autoren wie Emerson, Melville oder Henry James zirkulierten, sind im 20. Jahrhundert auch ins Kino und im 21. Jahrhundert ins prestige t.v. gewandert. Dort wurden – und werden – die Mythen, die das kulturelle Imaginäre Amerikas ausmachen, aufgegriffen und verarbeitet, damit sie den gegenwärtigen Bedürfnissen angepasst werden können. Und hier werden ganz im Sinne des American Dream – als Möglichkeit, dessen Zukunft noch offen ist ­ –, Visionen ausprobiert und verworfen. Das scheint mir unerschöpflich.

"Der Western, um über den Krieg in Vietnam kritisch nachzudenken"

L.I.S.A.: Was ist in diesem Zusammenhang unter dem zentralen Begriff des Genregedächtnisses zu verstehen?

Prof. Bronfen: Den Begriff des Genregedächtnisses entnehme ich den Schriften des russischen Kultursemiotikers Michael Bachtin, der ihn entwickelt hat, um zu beschreiben, wie kulturelles Gedächtnis über ästhetische Formen tradiert wird. An der Gattung des Western lässt sich dies vielleicht am deutlichsten darstellen. Der Western gehört zu den frühesten Gattungen des Hollywood Kinos, greift aber nicht nur die Gemälde, Romane und mythischen Erzählungen des 19. Jahrhunderts auf, sondern auch die Wild West Shows, welche diesen Aspekt der amerikanischen Geschichte in dem historischen Augenblick zum Entertainment machten, als die frontier verschwunden war. Mit jeder Erneuerung der Gattung wird also nicht nur die Geschichte davon, wie Amerika besiedelt wurde, erinnert – im Bezug auf den Bürgerkrieg sowie die Kriege gegen die einheimische Bevölkerung und gegen die Mexikaner, – sondern auch die vorhergehenden Filme, bzw. die Art, wie sie diese historische Geschichte immer als ästhetisch formalisierte erinnert und tradiert wurde. Wenn Clint Eastwood einen sich rächenden Cowboy spielt, schwingen Vorstellungen von James Stewart und John Wayne mit. Wenn im New Hollywood der Western dazu dient, um über den Krieg in Vietnam kritisch nachzudenken, etwa in Peckinpahs Wild Bunch, wird zugleich daran erinnert, wie in den 50er Jahren dieses Genre dafür eingesetzt wurde, um Anliegen des Kalten Krieges zu verhandeln; aber auch wie im Classic Hollywood der Western dazu diente, das Verhältnis zwischen individuellem Freiheitsdrang und den Bedürfnissen der Gemeinschaft festzuschreiben.

"Das spezifisch Amerikanische wird nicht verstanden"

L.I.S.A.. Hollywood ist nicht nur der Produzent von Bilderwelten und Erzählungen für Amerika sondern für die Welt insgesamt. Wie stark prägen die Bilder und Narrative, die dort produziert werden, auch den Rest der Welt?

Prof. Bronfen: Mittlerweile produziert Hollywood ganz bewusst für einen globalen Markt und wird auch global vertreten; beim Fernsehen ist das vielleicht noch deutlicher. Insofern prägen die Bilder und Geschichten, die dort entworfen werden, den Rest der Welt enorm. Das merkt man an der Art, wie Gesten und Wortwendungen regelrecht zur Umgangssprache in anderen Ländern geworden sind; wie bestimmte Vorstellungen von Erfolg und Glück, aber auch wie Vorstellung dessen, was man als heldenhaft oder oder monströs begreift, auch in anderen Kulturen aufgegriffen wird. So vertraut und bekannt sind für viele die Geschichten und Figuren, die Hollywood entwirft und in Umlauf setzt, dass oft gar nicht mehr auffällt: Sie entstammen einer anderen Kultur, die nicht immer verstanden wird. Für mich bleibt es faszinierend, wie gut diese Bildwelten und Erzählungen funktionieren, obgleich etwas, was man spezifisch Amerikanischen nennen könnte, nicht verstanden wird.

Prof. Dr. Elisabeth Bronfen hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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