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Björn Schmidt | 07.06.2016 | 1071 Aufrufe | Interviews

"Der Moment des Sturzes entzieht sich der Zuschreibung"

Interview mit Konstantin Butz über amerikanischen Skatepunk in den 1980er Jahren


"I'm about to have a nervous breakdown, my head really hurts" singt die legendäre Hardcore-Punk Band Black Flag in einem ihrer Lieder aus dem Jahr 1978. Sie beschrieb damit das Lebensgefühl einer Jugend, der diese härtere Form des Punkrocks eine Möglichkeit bot, dem sich anbahnenden Konformismus der Reagan-Ära zu entfliehen. Die schnelle und rohe Musik traf dabei auch den Nerv einer anderen Jugendbewegung, die seit einigen Jahren mit Skateboards die Vororte der amerikanischen Westküste "unsicher machte". Beide Jugendkulturen, Hardcore-Punk und Skateboarding, sind geprägt von Schnelligkeit, Rebellion und Kontrollverlust. Doch wie lassen sich diese Aspekte kulturhistorisch deuten? Dr. Konstantin Butz von der Kunsthochschule für Medien in Köln beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen des Skatepunks und untersucht dabei insbesondere Aspekte der Körperlichkeit. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

Konstantin Butz

"Es ging darum, besonders physisch an die eigenen Grenzen zu gehen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Butz, Sie haben sich mit dem Thema Skatepunk in den USA der 1980er Jahre beschäftigt. Die Entstehung des Skateboardens in den 1970ern als Form des „Betonsurfens“ ist gemeinhin bekannt. Weniger bekannt dagegen scheint die enge Verknüpfung von Skaten und der Musik des Hardcore-Punks. Wie kam es zu dieser Verbindung?

Dr. Butz: Was Skateboarding im Allgemeinen angeht, müsste man mindestens noch zwei Dekaden vor den 70er Jahren ansetzen, denn bereits in den 1950er Jahren waren Kinder auf rollenden Brettern unterwegs und spätestens in den 1960er Jahren hatte sich das Skateboard auch zum ersten Mal kommerziell etabliert. Mein Fokus lag zeitlich aber tatsächlich auf den 1970er und den 1980er Jahren und geographisch konzentrierte er sich auf Kalifornien, um genau zu sein auf Südkalifornien. Ich würde nach meiner Forschung behaupten, dass die enge Verknüpfung von Skateboarding und (Hardcore-)Punk dort und in dem Zeitrahmen erstmals wirklich deutlich in Erscheinung getreten ist. Um es wirklich kurz zu machen, würde ich mich bei der Beantwortung Ihrer Frage auch auf die ortsspezifischen Gegebenheiten in Südkalifornien zu dieser Zeit beziehen, so dass sich über Betrachtungen von Klima, Topografie und Architektur in Verbindung mit (sub-)kulturellen Entwicklungen eine grobe Skizze von der Entwicklung des Phänomens Skatepunk – also der Überschneidung von Skateboard- und Punkkultur – darstellen lässt.

Wichtig ist beispielsweise die Dürrewelle, die Kalifornien 1976 betraf und die zur Folge hatte, dass tausende Swimming Pools geleert werden mussten und somit quasi brach lagen. Es wurde gesetzlich vorgeschrieben, Wasser zu sparen. Die Tatsache, dass in Kalifornien und besonders in Los Angeles, seinen Strandvororten und dem angrenzenden Orange County überhaupt so viele Betonswimmingpools die Architektur prägen, ist dabei ebenfalls eine ortsspezifische Besonderheit, die mit dem Klima – sprich: einfach dem schönen Wetter – zu tun hat, aber sicherlich auch einen Hinweis auf wirtschaftliche Gegebenheiten impliziert. Ein Swimming Pool darf durchaus als Zeichen für Wohlstand gelesen werden, gerade in einer konsumorientierten Gesellschaft, in der sich Status häufig in erster Linie materiell darstellt. Dass die ungewöhnliche Hitze nun die Leerung von Swimming Pools zur Folge hatte, ermöglichte es Skateboardern, diese Betonbecken architektonisch umzudeuten und darin Skateboardmanöver zu vollziehen, die stark von Bewegungen des Surfens, also des Wellenreitens, geprägt waren. Auch hier greift wieder die Ortsspezifik Südkaliforniens, das mit seiner Pazifikküste die Etablierung einer Surfkultur überhaupt erst möglich machte und damit die Grundlage dafür konstituierte, dass entsprechende Manöver sich auch im Skateboarding spiegelten.

Während es sicher denkbar ist, dass im gleichen Zeitraum auch an anderen Orten Menschen auf die Idee kamen, leere Pools mit Fahrrädern, Rollschuhen oder eben Skateboards zu befahren, war in Kalifornien die Orientierung am Wellenreiten schon rein geographisch naheliegend. Es entstanden dadurch nicht nur besonders radikale Tricks, mit denen die abgerundeten Wände der Pools quasi als Betonwellen interpretiert wurden, auch das Auftreten der beteiligten Skateboarder wurde radikaler und orientierte sich am ‚exotischen’ Außenseiterstatus von Surfern, wobei das ‚saubere’ Image von harmlosen Beach Boys abgelegt wurde, um sich eher im Sinne urbaner Gangs zu präsentieren. Zumindest die Z-Boys­ aus Venice Beach (benannt nach dem Zephyr Surf Shop) vertraten dieses Image und wurden damit zweifellos zu einer der medial sichtbarsten Gruppierungen, die Skateboarding in den 70er Jahren hervorbrachte. In Magazinen wurden sie nicht als Sportler, sondern vielmehr als rebellische Rockstars oder Gangmitglieder inszeniert, womit eine viel breitere Leserschaft erreicht wurde, die an mehr interessiert war, als an dem bloßen Fahren auf einem Rollbrett. Dass dem Skaten in leeren Swimming Pools häufig zunächst der illegale Zutritt zu privaten Hinterhöfen vorrausging, verstärkte nicht nur das rebellische Image der Z-Boys, sondern bestätigte auch in den Augen der Öffentlichkeit den Eindruck von Skateboarding als deviante Jugendbewegung. Die erste Erwähnung von Skateboarding in der Los Angeles Times im Jahre 1959 warnt zum Beispiel bereits in einem Artikel vor dem Gefahrenpotential des Skateboards und schon drei Jahre später ist dort in Bezug auf Skateboarder sogar von „roller rebels“ die Rede, womit bereits früh auch von etablierten Medien ein explizit rebellischer Aspekt an die Aktivität des Skatboarding geknüpft wird.

Mit Gangs wie den Z-Boys und den häufig in Magazinen als „Eroberungen“ oder „Invasionen“ stilisierten Aneignungen von leeren Swimming Pools als attraktive Skateboard-Terrains wird dieses deviante Bild von der Skateboardkultur verstärkt und so erscheint es fast evident, dass die ebenfalls Mitte der 1970er Jahre aufkeimende Punkkultur in und um Los Angeles auf diese Entwicklung aufmerksam wird, alleine schon aufgrund von personellen Überschneidungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein südkalifornischer Punk mit Skateboarding oder auch mit Surfing in Berührung kommt, war einfach durch die geographische Lage schon gegeben bzw. galt das Gleiche natürlich auch umgekehrt und viele skatende und surfende Teenager in Kalifornien entdeckten mit Fortschreiten der Adoleszenz die Punkkultur für sich, in die sie ihre Board-Aktivitäten einfach importierten. Am einfachsten lässt sich das Ganze meiner Meinung nach in den Worten des ehemaligen Profiskateboarders Steve Olson zusammenfassen. In einem Interview, das ich im Rahmen meiner Forschung mit ihm geführt habe, erklärt er: „We were skate punks. We skateboarded and we were punk rockers. And we loved it and it was fun“.

Die Band Black Flag aus Hermosa Beach bei Los Angeles ist exemplarisch für diese Überschneidungen von Skateboarding und Hardcore Punk. Ihre 1978 veröffentlichte 7-Inch Platte „Nervous Breakdown“ gilt allgemein und neben der im gleichen Jahr erschienen „Out of Vogue“ von der Band Middle Class aus Orange County als eine der ersten Hardcore Punk Veröffentlichungen überhaupt. Zumindest was die Westküste der USA angeht, lagen damit tatsächlich zwei Platten vor, die bis dato die schnellsten Punksongs vorzuweisen hatten und mit teilweise nicht einmal einminütigen Stücken wirklich jede Form von unnötigen Spielereien ausklammerten, um sich auf einen simplen musikalischen Kern zu konzentrieren. Deshalb auch die Bezeichnung Hardcore. Dabei ist es interessant, dass in dem Song „Wasted“ von Black Flags „Nervous Breakdown“-Platte bereits neben Surfing auch explizit die Rede vom Skateboard ist, das dort als elementarer Teil des eigenen Lebensstils erscheint.

Hardcore-Punk war demnach von der allerersten Minute auch inhaltlich mit Skateboarding verknüpft. Greg Ginn, Gitarrist und Gründer von Black Flag, unterstreicht diese Beobachtung in einem weiteren Interview, das ich geführt habe. Für ihn war die Verbindung ganz natürlich, weil Skateboarding und Surfing einfach zum Lebensumfeld in Hermosa Beach dazu gehörten. Obwohl er selber weder Surfer noch Skateboarder war, erschien ihm die Verknüpfung mit Hardcore Punk als völlig logische Konsequenz. Es geht einfach darum, besonders physisch an die eigenen Grenzen zu gehen: sei es beim Surfen im Ozean, mit dem Skateboard auf Beton und Asphalt oder bei einem Konzert auf bzw. vor der Bühne. Ginn sieht da eine direkte Parallele zwischen Skateboarding und dem, was er versucht hat mit Black Flag umzusetzen: „So to me it’s a very natural connection in that way that it didn’t surprise me that somebody would wanna skate all out and listen to Black Flag music. Because I think we approached the music in a way that went all out physically, which you have to do to be a good skater“.

Ein weiterer Protagonist dieser frühen Szene, mit dem ich darüber gesprochen habe, war Steve Alba, der lange Zeit als professioneller Skateboarder und auch als Musiker in der Punk-Szene aktiv war. Er beschreibt einen Schlüsselmoment, den er als Geburtsstunde des so genannten „Slam Dance“ erinnert. Dieses beinhaltet eine etwas rabiatere und noch körperlichere Variante des Pogotanzes, wie man ihn bereits aus England kannte und der nun neben einfachem Auf-und-ab-Springen auch das Springen von der Bühne ins Publikum – also „Stagediving“ – beinhalten konnte. Alba knüpft dies ganz konkret an den Besuch eines Konzerts von The Clash, den Dead Kennedys und The Cramps, das 1978 in San Francisco stattfand. Er war dorthin mit drei enorm einflussreichen Protagonisten der Skateboardszene gekommen, nämlich Tony Alva, einem der bekanntesten und populärsten Skateboarder der Z-Boys aus Venice Beach, dem bereits erwähnten Steve Olson, einem professionellen Skateboarder, der immer wieder als die Person genannt wird, die den Punkrock-Stil sowohl durch Auftreten als auch durch Mode in die frühe Skateboardszene eingeführt hat und Fausto Vitello, dem Mitbegründer des noch heute existierenden Thrasher Skateboard Magazine, das immer die rebellische Seite des Skateboarding betont hat und bereits früh Rezensionen zu Punk und Hardcore-Punk Platten veröffentlichte. Zusammen mit diesen drei Personen, so Alba, habe er bei eben jenem Konzert den »Slam Dance« erfunden, wobei er explizit betont, dass es eine charakteristische Eigenheit von Skateboardern war, sich in der damit verbundenen, radikal physischen Art und Weise auf Konzerten zu gerieren. Man darf natürlich skeptisch sein, was diese retrospektiven Historisierungen und Stilisierungen von ganz bestimmten Momenten in der eigenen Biographie angeht, aber die Tatsache, dass hier vier medial sehr sichtbare Protagonisten einer jungen Szene ein ganz bestimmtes Auftreten an den Tag legen, lässt durchaus die Schlussfolgerung zu, dass diese Entwicklungen tatsächlich weithin rezipiert und nachgeahmt wurden und somit nachhaltigen Einfluss ausüben konnten.

Skateboarding erlangte so in Bezug auf Punkrock einen ganz neuen Stellenwert: Die körperliche Auseinandersetzung, physische Energie und der intendierte Kontrollverlust wurden zu verbindenden Elementen von beiden subkulturellen Aktivitäten. Es zählt dabei auch nicht in erster Linie, ob es nun tatsächlich Alba, Alva, Olson und Vitello waren, die den »Slam Dance« als erste im amerikanischen Punk-Kontext etablieren konnten. Vielmehr erscheint es wichtig, dass sich darin eine typologische Unterscheidung zum englischen Punk und dessen Pogo abzeichnet, die sich ganz eng und zu großen Teilen physisch in der Praxis des Skateboarding spiegelt und sich direkt aus den dafür typischen körperlichen Erfahrungen speist. Auch ohne dabei im musikwissenschaftlichen Sinne einer Genredefinition genügen zu wollen, lässt sich hier schon rein deskriptiv von dem Phänomen „Skatepunk“ sprechen und mit der Platte von Black Flag erschien dann ja 1978 – also zeitgleich zur vermeintlichen Erfindung des „Slam Dance“ – auch die erste wirklich klangliche Entsprechung dieser Entwicklung. Einige der Songs auf „Nervous Breakdown“ – zum Beispiel der gleichnamige Titelsong – erinnern zwar in der Intonation des Sängers noch stark an englische Vorbilder, die inhaltlichen Bezüge zur Surf- und Skatekultur im weitaus simpleren und kürzeren Song „Wasted“ und die Wurzeln der Band im Strandort Hermosa Beach markieren jedoch eine Neuentwicklung, die Kalifornien auch in den Folgejahren einen prominenten Platz auf der Landkarte des Punk zuschreiben sollte.

"Ich habe mich den Körperpraktiken phänomenologisch angenähert"

L.I.S.A.: Und wie haben Sie dieses Feld wissenschaftlich erschlossen?

Dr. Butz: In erster Linie habe ich mich auf die Analyse von Songs, Songtexten, Flyern, Magazinen, Fanzines und Videos konzentriert. Dadurch ließ sich schon ein sehr umfassendes Bild der frühen Skatepunk-Szene rekonstruieren und zumindest deren mediale Repräsentation in den Fokus rücken. Ich habe dafür auch in kleineren Archiven und Bibliotheken in Kalifornien recherchiert und konnte bei dieser Gelegenheit auch einige sehr interessante Interviews mit Szeneprotagonisten führen, durch die es möglich war, zusätzliche Informationen und Einblicke zu gewinnen. Ein weiterer und wichtiger Schritt bestand dann anschließend darin von der medialen Repräsentation abzuheben und sich wirklich direkt – in gewisser Weise phänomenologisch – den Körperpraktiken anzunähern, die im Skateboarding und beim Hardcore-Punk greifen. Es hat mich interessiert, was da wirklich passiert, wenn man sich von der Bühne in die Menge schmeißt, wenn man mit einem Skateboard in einen leeren Pool springt oder man so laut und schnell es geht in ein Mikrophon schreit. Dafür war es sehr hilfreich sich noch einmal dezidiert mit Theoretiker_innen auseinanderzusetzen, die über den Körper und körperliche Bewegungen auf materieller und physischer Ebene nachdenken.

"Es handelt sich um Erfahrungen, die sich nur schwer in Worte und Bilder fassen lassen"

L.I.S.A.: Sie analysieren Bewegungen und Verhaltensformen wie das Fallen, das „Slamming“ und das „Grinding“. Was verstehen Sie darunter und wie deuten sie diese Bewegungen?

Dr. Butz: Diese Momente des Fallens, des Slamming und des Grinding sind immer von einer extremen Körperlichkeit und gleichzeitig häufig von einem starken Kontrollverlust geprägt. Das Slamming beschreibt, wie bereits erwähnt, eine Verhaltensform auf Konzerten: eine Art Tanz, bei dem man ineinander springt, von der Bühne springt und sich im wahrsten Sinne des Wortes fallen lässt. Der Grind beschreibt im Skateboarding ein Manöver, bei dem man mit den Achsen des Boards über Kanten, zum Beispiel die Umrandung eines Betonpools gleitet, was nur bei entsprechender Geschwindigkeit möglich ist und ebenfalls immer von der Gefahr des Stürzens begleitet wird.

Generell ist das Stürzen und Fallen eine Konstante im Skateboarding und auch auf Hardcore-Punk Konzerten. Diese Momente gehören einfach dazu und ich finde sie besonders spannend, weil ich denke, dass sie sich zu großen Teilen einer medialen Repräsentation entziehen. Diese Energie, die Geschwindigkeit und der häufig völlig unberechenbare Ausgang des eigenen körperlichen Handelns bilden extrem wichtige Komponenten im Skatepunk, aber es handelt sich dabei um Erfahrungen, die sich nur schwer in Worte und Bilder fassen lassen.

Die Frage, wie ich diese Bewegungen deute, ist also gleichzeitig auch immer an die vorzuschaltende Frage gekoppelt, ob sie überhaupt gedeutet werden können. In diesem Kontext habe ich mich mit einem breiteren Diskurs auseinandergesetzt, der zum Beispiel und unter anderem von Hans Ulrich Gumbrecht geprägt wird und nach Momenten bzw. Effekten von Präsenz fragt, die sich eben nicht per se durch Interpretation fassen lassen und denen nicht ohne weiteres eine eindeutige Bedeutung zugeschrieben werden kann.

Es geht dabei um Momente, in denen materielle Bewegung und Körperlichkeit im Mittelpunkt stehen. Ein „Slam“ oder ein Sturz konstituiert so einen Moment: Es ist klar, dass er sich zum Beispiel fotografisch dokumentieren und anschließend in einem ganz bestimmten Kontext, zum Beispiel einem rebellisch konnotierten Skateboardmagazin und damit innerhalb eines hochstilisierten Bedeutungsfeldes präsentieren lässt. Sobald der Sturz vorüber ist und sobald er – in welcher Form auch immer – repräsentiert wird, umgibt ihn quasi eine ganze „Wolke“ von kulturellen Zuschreibungen, Stilisierungen, Bewertungen, Interpretationen, kurz: Bedeutungen. Das wird aber dem unmittelbaren Geschehen nicht gerecht, in dem dieses diskursive „Gepäck“ zumindest kurzzeitig nicht greift und Stürzende auf die materielle Präsenz ihres Körpers und seinem Verhältnis zur Umgebung zurückgeworfen sind.

"Skatepunks begegneten einer bewegungslosen Umgebung mit radikaler Abwendung"

Black Flag live

L.I.S.A.: Sowohl Skaten als auch das Musikgenre des Hardcore-Punks sind geprägt von Schnelligkeit, Rohheit und Widerstand. Welche Rolle spielen dabei kulturhistorische Aspekte der Reagan-Ära? Die Strömung wird – teilweise auch selbstkritisch – oft als Bewegung weißer, männlicher Mittelklasse-Teenager aus den Suburbs beschrieben. Betrachten Sie das Phänomen dennoch als Form des Widerstands?

Dr. Butz: Die Reagan-Ära war generell, aber besonders auch in Südkalifornien, eine extrem konservative und reaktionäre Zeit. Die weiße Mittelklasse sah sich mit einer Fülle von diffusen Ängsten konfrontiert: eine atomare Bedrohung durch die Sowjetunion, reale und medial verzerrte Vorstellungen von innerstädtischer Kriminalität und die Gefährdung und Infragestellung der eigenen Privilegien durch politische Minderheiten. Wie schon in vorangegangen Dekaden versuchte man, sich häufig durch den Rückzug in suburbane Siedlungen diesen vermeintlichen Bedrohungen zu entziehen, was besonders um Los Angeles herum zu einer immer weiter voranschreitenden Zersiedlung führte. Nach Gesetzesänderungen wurden Steuern nur noch in den eigenen Vororten gezahlt, so dass die Innenstädte weiter verwahrlosten, Kriminalitätsraten anstiegen und Finanzierungen für soziale Maßnahmen und Hilfsprojekte in drastischem Maße gestrichen wurden.

In dieser Atmosphäre entwickelte sich die Subkultur der skateboardfahrenden Hardcore-Punks, die zu großen Teilen tatsächlich aus der privilegierten weißen Mittelklasse stammten und dementsprechend bestens über die Ängste ihrer Eltern Bescheid wussten. Kaum ein Konzertflyer kam damals ohne Abbildungen von Atompilzen aus und auf vielen Konzertplakaten und Plattencovern tummelten sich Zeichnungen von furchterregenden Monstern, die in die oberflächliche Idylle der Suburbs eindrangen und dem amerikanischen Traum der eigenen Eltern ein Ende zu machen schienen.

Viele Skatepunks spielten mit den Ängsten der Elterngeneration, um zu provozieren und dem langweiligen Alltag in den homogenen und am Reißbrett entworfenen Vorortsiedlungen etwas entgegenzusetzen. Auch Ronald Reagan tauchte immer wieder in Collagen auf Plattencovern und Flyern auf und wurde häufig in Songtexten angegriffen und dämonisiert. „I shot Reagan“ sangen zum Beispiel Suicidal Tendencies aus Venice Beach, wobei der Songtext neben dieser unter anderem auch noch die Zeile „I shot Lennon“ beinhaltete. Man richtete die eigene Wut einfach gegen alles, was der vorangegangenen Generation am Herzen zu liegen schien und das reichte von konservativem Festhalten an vermeintlich amerikanischen Werten bis zu Friedensutopien, die sich noch aus der Hippie-Zeit speisten. Dass einige Bands dabei durchaus auch von sehr viel tiefer gehenden politischen und aktivistischen Motiven angetrieben wurden, steht außer Frage, aber gerade die frühe Phase des Hardcore-Punk bzw. des Skatepunk war häufig von dumpfen Provokationen geprägt, die sich nicht selten auf ein ebenso reaktionäres Weltbild zu stützen schienen, wie es die eigenen Eltern taten. Es war mir in meinen Analysen wichtig, diesen Aspekt auch ganz klar hervorzuheben, wobei gleichzeitig immer mitgedacht werden musste, dass es sich bei den Protagonisten (und meistens waren es tatsächlich in der Mehrzahl männliche Protagonisten) zum Teil um sehr junge Menschen handelte, die nicht lange über ihre Songtexte reflektierten, sondern einfach in ein Spiel mit symbolträchtigen Topoi einstiegen, die im damaligen Kontext das Tagesgeschehen, die Medien und auch fiktive kulturelle Produktionen prägten. Nichtsdestotrotz reproduzierten sie damit häufig rassistische Stereotype und sexistische Darstellungen von Geschlechterverhältnissen, was in starkem Widerspruch zur eigenen Stilisierung als rebellischer Gegenpol zum konservativen Establishment stand.

Trotz dieser Widersprüchlichkeiten verbinde ich gleichzeitig mit dem Phänomen Skatepunk auch ein enormes Potential in Bezug auf widerständige Praxis, und das hat in erster Linie wieder mit den materiellen Aspekten der Bewegung zu tun. Die konservativen Vororte stagnierten ja nicht nur in ihrer politischen Engstirnigkeit, sondern hatten auch rein topografisch verheerende Folgen für ihre Bewohner, besonders für die Minderjährigen. Öffentlicher Raum wurde immer weiter dezimiert, alles war auf ein weitläufiges Netz von Highways ausgerichtet und wer keinen Zugriff auf ein Auto hatte, war quasi von der Partizipation an kulturellem Leben – und sei es nur in Form einer Shopping Mall – ausgeschlossen. In einem solchen Umfeld erscheint die Etablierung einer Subkultur, die sich in erster Linie auf ein Fortbewegungsmittel in Form des Skateboards stützt, natürlich besonders wirkmächtig.

Die jugendlichen Skatepunks begegneten ihrer scheinbar bewegungslosen und (zumindest politisch) unbeweglichen Umgebung mit einer radikalen Abwendung, und zwar dadurch, dass sie ihre eigenen Körper mobilisierten und den konservativen Suburbs wortwörtlich entgegenhielten. Während zum Beispiel ein Betonswimmingpool architektonisch gesehen ein vollkommen statisches Bassin konstituiert, das Wasser am Abfließen hindern soll, sprengt die Praxis des Skateboarding diese eindimensionale Festschreibung und implementiert eine neue, eigene Fließbewegung, die diesen Ort kurzzeitig aus seiner Stasis befreit. Die körperliche Praxis des Skateboarding weicht die ursprüngliche Funktion des Ortes auf und überträgt sie in ephemere Neukonzeptionen, die durch den eigenen Körper verhandelt werden. Dabei ist das Skaten in leeren Pools natürlich nur ein Beispiel dafür, wie mit dem Skateboard die eigene Umgebung durch materielle Bewegung und Schnelligkeit in Frage gestellt, neu definiert und mobilisiert werden kann.

Diese Schnelligkeit wird dann auch performativ in der Musik des Hardcore-Punk aufgegriffen und schafft so eine weitere Form der expliziten Gegenbewegung, die den eigenen Körper – zwar immer nur kurzzeitig, dafür aber häufig ausgesprochen heftig – aus einem restriktiven Umfeld befreit und dadurch zumindest das Potential für die Generierung von neuen und alternativen Strukturen besitzt. Auch hier spielen das Stürzen, das Fallen und das Unkontrollierte wieder eine wichtige Rolle, denn wie bereits angedeutet, entstehen dabei Momente, die sich einer unbedingten Bedeutungszuschreibung entziehen. Für den Augenblick betrachtet geht auch damit wieder die große Chance einher, festgefahrene Strukturen hinter sich zu lassen und potentiellen Alternativen näherzukommen. Weil der Moment des Sturzes sich kurzzeitig jeglicher Bedeutungszuschreibung entziehen kann, birgt er auch das Potential, neue Bewegungsrichtungen zu generieren und stillstehende Muster aufzubrechen.

"(Sub-)Kulturen sind dynamische Zusammenhänge, die sich permanent weiterentwickeln"

L.I.S.A.: Derzeit arbeiten Sie weiterhin zu den Themen Skateboarding und Subkultur. Welche Projekte sind geplant und welche Forschungsfragen erscheinen Ihnen noch zu wenig erforscht?

Dr. Butz: Ich arbeite gerade mit einem Kollegen an einem Band, der unter dem Titel „Skateboard Studies“ verschiedene wissenschaftliche Positionen vorstellen soll, die sich mit Skateboarding beschäftigen. Nach wie vor denke ich, dass Skateboarding ein hochspannendes Phänomen darstellt, an dem sich eine ganze Reihe von sehr aktuellen Fragen aus den Kulturwissenschaften und anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen diskutieren lassen. Es vereint Fragen zu Architektur, Stadt und Raum mit Diskussionen zu Aktivismus, Partizipation und Agency sowie Überlegungen zu Materialität, Körper und Mobilität. Außerdem ist Skateboarding nicht mehr aus der Gegenwartskultur wegzudenken, besonders was Mode, Design, Fotografie, Film, Musik und Kunst angeht, sind Einflüsse aus und Querverbindungen zur Skateboardkultur heutzutage ganz deutlich sichtbar. Was die Vertiefung von Forschungen angeht, ist die Auseinandersetzung mit Subkulturen (wie zum Beispiel Skateboarding oder Punk) natürlich ein sehr dankbares Feld, denn die Fragen werden Wissenschaftler_innen wohl kaum ausgehen. (Sub-)Kulturen sind keine statischen Einheiten, die sich vollständig und umfassend analysieren lassen. Es sind dynamische Zusammenhänge, die sich permanent weiterentwickeln und immer bewegen. Da am Ball (bzw. am Board) zu bleiben, ist eine Aufgabe, die sich nie abschließend bewältigen lassen wird. Das ist ja auch das Schöne an dieser Arbeit.

Dr. Konstantin Butz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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