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Prof. Dr. Manfred Clemenz | 09.06.2018 | 474 Aufrufe | Artikel

„Der Humanismus ist tot“

Der Film zum Buch: Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ (ARD,  6.6.2018) | Eine Besprechung

Dass Edgar Selge ein großartiger Schauspieler ist, hat er in der Bühnenfassung des Houellebecq’schen Romans im Hamburger Schauspielhaus bewiesen. Als quasi Alleinunterhalter verleiht er Francois, dem schillernden Protagonisten des Romans, eine faszinierende Bühnenexistenz. Selge begeht nicht den Fehler, die Geschichte Francois’ als Parodie zu interpretieren und Francois als Zerrbild frustrierter Männlichkeit darzustellen, der den Untergang des Patriarchats beklagt und schließlich aus bloßer Sinnleere zum Islam konvertiert. Eher stellt er ihn als eine Art Hofnarr dar, der das Publikum an der Nase herumführt, um ihm hinter der Fassade von Scherz und Ironie eine tiefere Bedeutung – jedenfalls aus der Sicht des Autors Houellebecq – zuzumuten, die es anders nicht so leicht goutieren würde.

Edgar Selge als François - Bild aus Theateraufführung im Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Der Film (Regie Titus Selge) benutzt Auszüge der Bühnenfassung als Gerüst, in das einige an französischen Originalschauplätzen gedrehte Szenen eingefügt werden. Die Idee ist im Prinzip dramaturgisch überzeugend: anders als in einem früheren Versuch, einen Houellebecq-Roman zu verfilmen, die völlig verunglückten Elementarteilchen, kann durch diesen Kunstgriff die Geschichte des Protagonisten Francois einigermaßen logisch und psychologisch konsistent erzählt werden (wie gesagt, dank der Schauspielkunst Selges). Die Kehrseite dieses Kunstgriffs ist, dass die im Film gespielten Szenen kaum mehr zur Bühnenfassung passen. Hier bewegt sich der Film in Richtung der Klischees des deutschen Feuilletons, das in dem Roman überwiegend eine „kokette Provokation“, oder eine „heitere“ und „humorvolle“ Parodie sieht (so etwa Iris Radisch, Feuilletonchefin der „ZEIT“). Aus dieser Perspektive darf das Publikum dann herzlich lachen, wenn Houellebecq beispielsweise wieder einmal seinen running gag wiederholt (er findet sich in allen seine Romanen), dass sich der Protagonist über die Bindegewebsprobleme „alternder“ Frauen (bei Houellebecq sind sie gerade einmal Mitte Dreißig) mokiert. Oder wenn Francois treuherzig verkündet, dass er das Frauenwahlrecht für einen grandiosen Fehler hält. Lustig, oder?

Das Problem ist, dass dies nur das Houellebecq-spezifische, routiniert eingesetzte provokante Beiwerk des zugrundeliegenden Narrativs des Autors ist, das wir in fast allen seinen Romanen finden: der apokalyptischen Vision einer zum Untergang verurteilten, durch Aufklärung und Humanismus geprägten westlichen Zivilisation, vergleichbar Spenglers Der Untergang des Abendlands.

In Elementarteilchen (in der „Nachrede“, in der zweifellos der Autor spricht) ist die „Lösung“ des Problems die Herstellung einer neuen Menschheit durch Reproduktion des Menschen mit identischem genetischen Code. Man könnte dies als Science Fiction (oder als baren Unsinn ansehen), wäre diese Dystopie nicht verbunden mit Houellebecqs Vorstellungen einer neuen Religion. Houellebecq weist selbst darauf hin, dass „in vielen meiner Romane Entwürfe einer neue Religion“ zu finden seien.[1] Es finde eine gesellschaftliche Wandlung statt: "Eine Wandlung, die auf glaubhafte Weise den Sinn für die Kollektivität, die Kontinuität und das Heilige wiederherstellen würde“, wobei die Kollektivität weitgehend durch die „Brüderlichkeit“ aufgrund genetischer Übereinstimmung entsteht. „DIE WANDLUNG FINDET NICHT IM GEIST STATT, SONDERN IN DEN GENEN“ (Hervorhebung Houellebecq)[2] - dies ist nicht weit entfernt von der Vorstellung des Autors, dass der Wertewandel einer Gesellschaft ohnehin von denjenigen Gruppen abhängt, die sich am stärksten biologisch reproduzieren.[3]In Unterwerfung ist es die Wiedervereinigung einer in Links und Rechts gespaltenen Gesellschaft durch eine neue Spiritualität: die eines gemäßigten Islam. Dass dies keine Parodie oder gar ein islamphobes Buch ist, betont Houellebecq an zahlreichen Stellen. Auf die Frage, ob er mit seinem Buch nicht die Ängste vor Islamisierung schüren würde, antwortet der Autor lakonisch: „Am Ende steht bei mir doch eine Befriedung der Gesellschaft.“[4]

Die Veröffentlichung von „Unterwerfung“ im Januar 2015 – nahezu zeitgleich in Frankreich und Deutschland – war ein Medienereignis ersten Ranges. Die Rezeption von Unterwerfung in Frankreich war zwiespältig. Während etwa Alain Finkielkraut den Roman als „Meisterwerk“ lobt, kritisiert Le Monde, Houellebecq unterstütze die „abstrusen Theorien“ rechtsextremer Ideologen, er sei „ambigu et pervers“.[5]

Deutsche Medien reagierten dagegen - mit ganz wenigen Ausnahmen – ausgesprochen positiv auf Houellebecqs Roman. Fast alle großen Zeitungen (Die Zeit, Der Spiegel, FAZ, Welt, Frankfurter Rundschau) legten Wert darauf, ein Interview mit dem Autor führen zu dürfen. Nahezu einhelliger Tenor der Rezensionen war, Houellebecq habe auf ironische oder satirische Weise der französischen Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten, eine „kindliche Freude an literarischer Willkür“ an den Tag gelegt.[6] „Minderheiten-Voten“ gab es im „Merkur“, der dem Roman stilistische Schlamperei und inhaltliche Abstrusität vorwarf oder bei Josef Joffe, der den applaudierenden Rezensenten Zaghaftigkeit vorwarf, um nicht „den Spießer zu geben“.

Vergleicht man die deutschen Rezensionen mit den weitgehend zeitgleich geführten Houellebecq-Interviews (etwa in der „ZEIT“ und im „Spiegel“), so muss man überrascht feststellen, dass die Kernpunkte der Houellebecqschen Position in den Rezensionen mehr oder weniger ignoriert wurden. Houellebecq betont mehrfach, dass er mit Unterwerfung keine Satire geschrieben habe. „Aber ich nehme alles ernst. Als reiner Satiriker wäre ich kaum so anstössig“[7] (gesperrt MC) Bemerkenswert ist besonders, dass der zentrale Gedanke Houellebecqs, die dekadente „materialistische Anthropologie“ müsse durch eine „religiöse Anthropologie“, ersetzt werden, die er - teilweise - im Katholizismus, aber auch im Islam realisiert findet, in diesen Rezensionen praktisch kein Echo findet. Vielleicht wollte man die Leser nicht überfordern, vielleicht wollte man es auch nicht so genau wissen, um dem Leser den Spaß nicht zu verderben.

Abwegig ist deshalb der gelegentlich erhobene Vorwurf der „Islamophobie“ (der sich im übrigen auch nur auf weit zurückliegende Äußerungen Houellebecqs bezieht).[8] Houellebecq bekennt im Gegenteil, dass er im Islam leben könne, vorausgesetzt man „glaubt“.[9] Dies ist die Pointe der Houellebecq’schen Kritik der Moderne: er hält die Rückkehr der Religion, sei es durch den Katholizismus oder durch den Islam, geradezu für notwendig. Auf die Frage, ob die „Unterwerfung unter den Schöpfer … das höchste Glück“ ist antwortet er lakonisch. „Genau“.[10] „Unterwerfung“ (unter Gott) ist somit nicht nur der Titel des Romans, sondern auch der „spirituelle“ Kern des Romans, der, so der Autor, ursprünglich „Bekehrung“ heißen sollte:[11]

Auf die Frage, wie er die vom Islam propagierte Unterwerfung der Frau unter den Mann beurteile, antwortet er ebenso lakonisch und offenkundig ohne jegliche Ironie:

"Das hängt von den Frauen ab. Manchen gefällt es, keine Freiheit und keine Sorgen mehr zu haben. […]

Und wenn wir die Freiheit verlieren, verlieren wir schließlich nicht alles. Wir verlieren die Kathedralen nicht, wir verlieren Bach nicht. Es gibt sehr vieles im Westen, wenn wir die Aufklärung hinter uns lassen."[12] (Hervorhebung MC)

Der gesellschaftliche Ausweg ist für Houellebecq die Rückkehr zur Religion als sozialer Ordnungsmacht und der Verzicht auf individuelle Autonomie:

"Der Rationalismus wird von immer mehr Menschen als erstickend empfunden. Es gibt eine spirituelle Macht, die noch aktiv ist und sogar wieder erstarkt, […] Ich teile die Ansicht des Philosophen Auguste Comte, dass eine Gesellschaft ganz ohne Religion nicht fortbestehen kann. Ihr droht die völlige Desintegration. Religiöse Werte und Normen, die die soziale Ordnung stärkten, wirken angstlindernd und entlastend auf den Einzelnen.

[…]

Wozu soll es gut sein, autonom sein zu wollen. Wenn man das nicht schafft. Mein Diskurs ist nicht ideologisch, sondern realistisch."[13] (Hervorhebung MC)

Philosophischer Gewährsmann ist, wie vom Autor immer wieder betont, in erster Linie Auguste Comte. Ein zweiter wird zwar nicht erwähnt, ist aber im gesamten Corpus des Textes unübersehbar präsent: Oswald Spengler. Fast alle Kriterien Spenglers - Houellebecq spricht wie Spengler von einer „Endphase der Zivilisation“ - werden von Houellebecq auf den Untergang der von Aufklärung und Rationalismus geprägten abendländischen Zivilisation übertragen: Materialismus, Irreligiosität, schrankenlose Sinnlichkeit, Dominanz der „Unterhaltungsindustrie“. Dass Spengler nicht zitiert wird, ist vermutlich kein Zufall. Comte ist kein reaktionärer, sondern ein konservativer Autor, bekannt in erster Linie in philosophischen und soziologischen Kreisen. Spengler dagegen ist heute nur noch begrenzt zitierfähig – in Frankreich übrigens mehr als in Deutschland. Zum potentiellen geistigen Hintergrund gehört auch Reinhart Koselleks „Kritik und Krise“ - ein Text, in dem die zersetzende, negative Gewalt der aufklärerischen Kritik an Thron und Kirche angeprangert wird. Hinzu kommen Verweise auf eine lange Reihe rechter, tendenziell faschistischer Autoren: Céline, Drieu la Rochelle, Ezra Pound u.a. Am Beispiel Houellebecqs lässt sich somit das Phänomen der Genese eine neuen, dezidiert antiaufklärerischen Literaten beobachten.

So gesehen ist Unterwerfung und ihr Protagonist Francois eine authentische Wiedergabe der Houellebecq’schen Philosophie. Francois ist einerseits Repräsentant eines gottverlassenen, materialistischen und libertären Zeitalters - zynisch, sinnentleert, sexbesessen, misogyn, nach der Rückkehr des Patriarchat schmachtend. Andererseits zeigen sich bei ihm schon früh im Roman Ansätze einer Sinnsuche, eines Verlangens nach Spiritualität. Er versucht es mit einem Aufenthalt im Kloster, der ihm dann - Houellebecqsche Ironie - als Kettenraucher durch einen Rauchmelder vermiest wird. Trotz aller Verquastheit gelingt dem Autor eine widersprüchliche und komplexe Figur; gutes literarisches Handwerk kann man Houellebecq nicht absprechen.

Die Figur des Francois ist in der Bühnenfassung zweifellos besser getroffen als in den szenischen Sequenzen des Films. Allein schon das Bühnenbild - ein ausgeschnittenes großes Kreuz, in dessen Inneren sich der Protagonist hin- und herquält - symbolisiert die spirituelle Dimension des Stückes. In den szenischen Episoden des Films dagegen wird dies kaum deutlich, allenfalls in der Szene, in der Rediger, der neue Präsident der Sorbonne (hervorragend Matthias Brandt), in einer geradezu körperlich intimen Szene versucht, Francois zum Islamismus zu überreden. Eine zentrale Szene, der Besuch von Francois bei der schwarzen Mutter Gottes von Rocamadour, wurde dagegen gestrichen. Schon hier spielt er mit dem Gedanken einer Konversion. Er entscheidet sich dagegen - das katholische Personal: Gott –Jesus – Maria ist ihm zu kompliziert.

Die an den Film anschließende Diskusssion über den Islam bei Maischberger war der eigentliche Tiefpunkt des sogenannten Themenabends. Statt über die im Film angeschnittenen Fragen (etwa über die mögliche positive Spiritualität des Islam) zu sprechen, diskutierte man endlos über die Frage, ob man in den Kitas Sehweinefleisch verbieten darf. Leider wurde der Beifall der AFD über derartige essentielle Fragen nicht eingeblendet. Man hätte es bei Bettina Gaus’ salomonischem Urteil belassen können: Eltern dürfen sich in einer Kita auf ein derartiges Verbot einigen. Geflügel- oder Rindfleisch wäre möglicherweise eine Alternativen, ohne dass das Abendland dabei untergeht.

Nachweise

[1] DIE ZEIT, Interview mit Michel Houellebecq, 22.1. 2015
[2] Houellebecq, Elementarteilchen (2012/2014), S.354 f.
[3] Der Spiegel, 10/2015, S.134
[4] aaO, S.132
[5] Raphaelle Leyris, Le Monde, 9.1.2015
[6] Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung, 8.1.2015
[7] Der Spiegel, aaO., S.128
[8] „La réligion le plus con, c’est quand meme l’islam (Lire, September 2001)
[9] DIE ZEIT, Nr. 4, 22.1.2015
[10] aaO.
[11] Der Spiegel, aaO, S.130
[12] Die Zeit, Nr.4/2015
[13] Der Spiegel, aaO. S.130

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