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Georgios Chatzoudis | 10/10/2017 | 1317 Views | Interviews

"Der Geschichtsunterricht ist besser als sein Ruf"

Interview mit Sven Tetzlaff über den Geschichtsunterricht an Schulen in Deutschland

Vor knapp zwei Wochen schlug Spiegel-Online in einem Artikel Alarm: "Vier von zehn Schülern wissen nicht, wofür Auschwitz steht", so der Titel des Beitrags über die von der Hamburger Körber-Stiftung in Auftrag gegebene Umfrage zum Geschichtsunterricht in Deutschland. Der Schluss, dass Schülerinnen und Schüler kaum noch über Geschichtswissen verfügten, liegt demzufolge nah. Die daran anschließende Frage lautet daher: Wer ist schuld daran? Die Lehrerinnen und Lehrer? Ist der Geschichtsunterricht so schlecht? Wir haben Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Bildung der Körber-Stiftung, diese und andere Fragen gestellt, der dabei zu überraschenden Ergebnissen kommt.

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Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Bildung der Körber-Stiftung

"Erfahrungen und Wünsche von Schülern in die Debatte einbeziehen"

L.I.S.A.: Herr Tetzlaff, die Körber-Stiftung hat eine Umfrage zum Geschichtsunterricht in Deutschland durchführen lassen. Bevor wir zu den Ergebnissen kommen, warum diese Umfrage? Was ist der leitende Gedanke dabei bzw. welche Annahme hat die Umfrage veranlasst?

Tetzlaff: Um den Geschichtsunterricht wird seit einigen Jahren intensiv gerungen. Dabei geht es um die Frage, welchen Beitrag er zur politischen Bildung junger Menschen leistet. Und es geht um seine Rolle im Fächerkanon und im schulischen Curriculum, also darum wie, in welchem Umfang und mit welchen Inhalten er vermittelt wird. Es wird beklagt, dass der Geschichtsunterricht nicht mehr seine Aufgaben erfüllen würde und nicht mehr zeitgemäß sei. Das alleine ist schon Grund genug danach zu fragen, wie es um den Geschichtsunterricht bestellt ist.

Für uns als Körber-Stiftung spielt der Geschichtsunterricht darüber hinaus eine wichtige Rolle bei der Durchführung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Damit fördern wir zwar die außerschulische Projektarbeit: nur ganz wenige Projekte finden innerhalb des regulären Unterrichts statt. Aber die Grundlagen historischen Arbeitens, auf die die Projektarbeit aufbaut, vermittelt natürlich in erster Linie der Geschichtsunterricht. Wenn er zeitlich beschnitten und fachlich in die Defensive gedrängt wird, leidet automatisch auch die außerschulische historische Bildungsarbeit. Daher fügte es sich sehr gut, dass der Verband der Geschichtsdidaktiker und Didaktikerinnen seine vor kurzem abgehaltene Zweijahrestagung dem Geschichtsunterricht im 21. Jahrhundert gewidmet hat und wir neben der Bundeszentrale für politische Bildung, der Humboldt Universität und dem Deutschlandfunk Kooperationspartner sein durften. Wir haben für die Auftaktdiskussion die Ergebnisse einer repräsentativen forsa-Umfrage zum Geschichtsunterricht unter Bundesbürgern ab 14 Jahren eingespeist, um die Erfahrungen und Wünsche der Bevölkerung allgemein und von Schülern insbesondere in die Debatte einbeziehen zu können.

"Geschichtsunterricht wird in seiner öffentlichen Bedeutung hoch eingeschätzt"

L.I.S.A.: Wie fällt die Umfrage in Ihren Augen aus? Überraschen Sie die Ergebnisse? Welches besonders?

Tetzlaff: Die Umfrageergebnisse sind deshalb interessant, weil sie ein weit verbreitetes negatives Bild vom Geschichtsunterricht relativieren. Jüngst ist durch die Sinus-Studie noch mal der Eindruck verstärkt worden, Jugendliche interessierten sich nicht für Geschichte, weil sie als zu weit weg von ihrer Lebenswirklichkeit und zu gestrig gilt. Der Geschichtsunterricht kommt ebenfalls schlecht weg. Wir haben nun erstmals Schülerinnen und Schüler ab 14 Jahre repräsentativ befragt. Und siehe da: Der Geschichtsunterricht ist besser als sein Ruf. Zunächst einmal ist doch bemerkenswert, dass 95 Prozent der Deutschen es sehr wichtig oder wichtig finden, dass Schüler in der Schule Geschichtsunterricht haben. Das zeigt: Geschichtsunterricht ist ein public matter, er wird in seiner öffentlichen Bedeutung hoch eingeschätzt. Und was erwarten die Deutschen vom Geschichtsunterricht? Die meisten wünschen sich, dass er dazu befähigt, Inhalte kritisch hinterfragen (93 Prozent) und Lehren für die Gegenwart ziehen zu können (92 Prozent). Und wenn man die Schüler fragt, stellt man fest, dass sich über die Hälfte (56 Prozent) sehr oder eher für Geschichte interessieren. Und was wünschen sie sich vom Geschichtsunterricht? Ebenso wie die übrige Bevölkerung, dass er Lehren für die Gegenwart bietet und zur kritischen Auseinandersetzung befähigt.

Die Qualität des eigenen Geschichtsunterrichts schätzen die befragten Schülerinnen und Schüler als überwiegend gut ein. Drei Viertel von ihnen (75 Prozent) meinen, dass die Inhalte in ihrem Unterricht anschaulich und nachvollziehbar dargestellt wurden. Jeweils zwei Drittel der befragten Jugendlichen sagen, dass in ihrem Unterricht interessante und vielfältige Themen bearbeitet wurden (69 Prozent) und dass ihr Geschichtslehrer bei ihnen Interesse für die behandelten Themen wecken konnte (66 Prozent). Allerdings fällt auf, dass Schüler den Geschichtsunterricht insgesamt besser bewerten als Schülerinnen.

Eines macht die Umfrage ganz klar: Dem Geschichtsunterricht wird eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe zugewiesen und es werden hohe Erwartungen daran gestellt, was er leisten soll. Und er leistet schon einiges davon. Sicher ist noch Luft nach oben, aber es gibt keinen Grund, ihm ein schlechtes Zeugnis auszustellen.

"Hier können wir nicht einfach mit Achselzucken reagieren"

L.I.S.A.: In der Berichterstattung zur Umfrage, beispielsweise beim Spiegel, ist die Einschätzung der Ergebnisse eher alarmierend. Herausgestellt wird dabei vor allem das Wissen bzw. Nichtwissen der Schülerinnen und Schüler um die Verbrechen des Nationalsozialismus. Teilen Sie diese Einschätzung?

Tezlaff: Wir haben in der Umfrage eine reine Wissensfrage gestellt und die bezieht sich auf den Nationalsozialismus. Wir wollten von den befragten Schülern wissen, was Auschwitz-Birkenau war. Von den über 17-jährigen wissen das 71 Prozent. In der Altersgruppe zwischen 14 und 16 Jahren sind es nur 47 Prozent. Deutlich wird, dass mit zunehmendem Alter das Wissen anwächst. In der Gesamtbevölkerung liegt der Wert bei 86 Prozent.

Wie dieses Ergebnis einzuschätzen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Wer grundsätzlich findet, dass es im Geschichtsunterricht nicht darauf ankommt, Faktenwissen zu vermitteln, wird mit dem Ergebnis kein Problem haben. Und sicher sollte man die Kenntnis von Auschwitz-Birkenau nicht mit dem Wissen zum Völkermord an den Juden insgesamt verwechseln. Aber aus meiner Sicht handelt es sich bei dem Nichtwissen von Schülern um ein Problem, weil Auschwitz in den letzten Jahrzehnten zu der zentralen Chiffre für den Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus geworden ist. Ich finde, hier können wir nicht einfach mit Achselzucken reagieren.

Übrigens ist dieser Befund auch ein interessanter Kommentar zu der von rechtsnationaler Seite seit langer Zeit behaupteten und natürlich stark kritisierten Dominanz des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht. Die Befragungsergebnisse scheinen eher das Gegenteil zu bestätigen.

"In der Schule ist der Geschichtsunterricht in die Defensive geraten"

L.I.S.A.: Lässt das Geschichtsinteresse denn nun nach oder eher nicht?

Tetzlaff: Ich glaube nicht, dass das Geschichtsinteresse generell nachlässt, das wird ja auch nicht von unserer Umfrage gestützt. Und speziell zum Nationalsozialismus, das wissen wir aus dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidialamt, haben Jugendliche sehr viele Fragen, sind neugierig und hoch motiviert, selbstständig zu forschen. Aber in der Schule ist der Geschichtsunterricht einfach in die Defensive geraten, weil er im Umfang und als eigenständiges Fach durch ständige Strukturreformen der Kultusministerien zunehmend zur Disposition gestellt wird. Während es in der gymnasialen Oberstufe noch recht gut aussieht, ist in der Mittelstufe und in den nichtgymnasialen Schulformen in vielen Bundesländern gar kein eigenständiger Fachunterricht in Geschichte mehr vorgesehen. Geschichte wird immer häufiger fachfremd unterrichtet. Und aus vielen Gesprächen weiß ich, dass sich Lehrer, die selbst nicht Geschichte studiert haben, in einem Fach wie Gesellschaftswissenschaften zwar gefordert sind, aber sich sehr schwer tun, Geschichte zu unterrichten. Das ist eine fatale Entwicklung. Und die wird nicht spurlos in den Bildungsbiographien der Schüler bleiben.

"Die Geschichtsdidaktik kann hier wichtige Impulse geben"

L.I.S.A.: Was muss sich aus Ihrer Sicht am Geschichtsunterricht an Schulen ändern?

Tetzlaff: Ich möchte drei Punkte nennen. Erstens muss die Forderung der Verbände von Historikern, Geschichtslehrern und Didaktikern umgesetzt werden, die sie im letzten Jahr zum Historikertag aufgestellt haben: Genügend Zeit für den Geschichtsunterricht vorzusehen und die Fachlichkeit zu sichern. Dafür müssen die Kultusministerien sorgen. Zweitens müssen die Interessen von Schülern mehr berücksichtigt werden, Geschichte mit ihrer heutigen Lebenswelt in Verbindung zu bringen. Das wirkt sich deutlich auf ihre Lernbereitschaft aus und stärkt auch den Beitrag von Geschichte zur historisch-politischen Bildung. Hier kann die Geschichtsdidaktik wichtige Impulse geben. Und drittens gilt es, die Vermittlung eines gewissen Überblickswissens mit dem Wunsch nach exemplarischem Lernen in die richtige Balance zu bringen. Das können nur die Lehrerinnen und Lehrer leisten.

Sven Tetzlaff hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Materialien

Pressemitteilung zur Umfrage (145.79 KB)
Forsa-Umfrage Geschichtsunterricht (211.15 KB)

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