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Georgios Chatzoudis | 18.11.2014 | 3419 Aufrufe | 2 | Interviews

Der Aufruf 'An die Kulturwelt' - "Eine trotzige Überreaktion"

Interview mit Jürgen von Ungern-Sternberg über das Manifest der 93

Während in Ost und West die ersten verlustreichen Schlachten geschlagen wurden, trugen deutsche Vertreter aus Wissenschaft, Kultur und Kunst an einer ganz anderen Front einen zusätzlichen Krieg aus - eine Propagandaschlacht um die öffentliche Meinung und Deutungshoheit des Ersten Weltkriegs. Es ging dabei um das internationale Ansehen des Deutschen Kaiserreichs als europäische Kulturnation, das nach dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Belgien und dem dort ausgeübten Besatzungsregime stark gelitten hatte. Die Deutschen wurden in Veröffentlichungen und Verlautbarungen insbesondere im angelsächsischen Raum als Barbaren, Hunnen und brutale Militaristen bezeichnet. Dem wollten insgesamt 93 deutsche Intellektuelle etwas entgegensetzen und unterzeichneten einen gemeinsamen Aufruf mit dem Titel An die Kulturwelt! Der Althistoriker Prof. Dr. Jürgen von Ungern-Sternberg von der Universität Basel hat sich bereits in den 1990er Jahren intensiv mit dem Manifest der 93 beschäftigt und dazu gemeinsam mit Dr. Wolfgang von Ungern-Sternberg publiziert. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Der Aufruf hat dem Ansehen der deutschen Wissenschaft schwer geschadet"

L.I.S.A.: Herr Professor von Ungern-Sternberg, vor gut 100 Jahren haben 93 deutsche Intellektuelle einen Aufruf an die Weltöffentlichkeit verfasst, genauer einen Aufruf „An die Kulturwelt!“. Was sind Hintergrund und Inhalt dieses Aufrufs? Wie kam es dazu?  

Prof. von Ungern-Sternberg: Der Aufruf wurde am 4. Oktober 1914 in zahlreichen deutschen Zeitungen veröffentlicht. Also hätten wir gerade das 100-jährige Jubiläum feiern können. Zu feiern bestand da freilich überhaupt kein Anlass, der Aufruf hat dem Ansehen der deutschen Wissenschaft in der Welt schwer geschadet.

Der Erste Weltkrieg hat in jeder Hinsicht die damals Lebenden überrascht, in seinem miltärischen Ausmaß, in seinen wirtschaftlichen Folgen, aber auch in seiner Wirkung auf die Weltöffentlichkeit. Beide kriegführenden Seiten rangen vom ersten Tage an um ihr Ansehen bei den neutral gebliebenen Mächten. Das war zunächst noch Italien, dann andere europäische Staaten, wie die skandinavischen, die Niederlande, die Schweiz, Spanien und Portugal, Griechenland, vor allem aber die USA. Beide Seiten bemühten sich natürlich, die Gerechtigkeit ihrer Sache zu propagieren. Dies geschah sehr bald auch durch gemeinschaftliche Erklärungen von Wissenschaftlern und Künstlern, wie es sie eigentlich nur in diesem Ersten Weltkrieg gegeben hat.

Derartige Manifeste von Intellektuellen gab es seit der Dreyfus-Affäre in Frankreich, dann in England mit der Kampagne für den ‚National Insurance Act’, gleichzeitig aber auch in Deutschland mit der Agitation der ‚Flottenprofessoren’ im Einvernehmen mit der Reichsmarine, andererseits aber auch mit dem ‚Goethebund’, in dem seit 1900 sich zahlreiche Künstler und Wissenschaftler zusammengeschlossen hatten, um gegen die drohende Kunstzensur aufgrund der lex Heinze zu kämpfen. Seit September 1914 traten nunmehr die Intellektuellen, zunächst in Deutschland und England, sozusagen in geschlossenen Phalangen in den ‚Krieg der Geister’. Unter den ersten waren die Historiker der Universität Bonn mit einer Erklärung am 1. September und 53 englische Schriftsteller mit ‚Britain’s Destiny and Duty. Declaration by Authors. A Righteous War’, erschienen am 18. September in der ‚Times’. In diese Reihe gehört auch der Aufruf ‚An die Kulturwelt!’.

Wichtig für sein Verständnis ist aber auch, dass die Ententemächte, insbesondere die Franzosen, von vornherein die Deutschen insgesamt als ‚Barbaren’ oder ‚Hunnen’ zu disqualifizieren suchten. Den Ton gab dabei der Philosoph Henri Bergson an, der bereits am 8. August als Präsident der Académie des sciences morales et politiques von einem Krieg „der Zivilisation gegen die Barbarei“ sprach und es für eine „schlichte wissenschaftliche Verpflichtung“ erklärte herauszustellen, „dass die Brutalität und der Zynismus Deutschlands, seine Verachtung jeder Gerechtigkeit und jeder Wahrheit, eine Rückfall in den Zustand der Wilden bedeute.“ Gleichzeitig kolportierte die Presse jede Art von Greuelberichten über das deutsche Vorgehen in Belgien und Frankreich. Was zunächst hasserfüllte Tiraden waren, erhielt freilich in den nächsten Wochen Nahrung durch die Härte, mit der die deutschen Truppen in Belgien gegen wirkliche und noch mehr gegen angebliche Franktireurs und Zivilisten vorgingen, durch den Brand der Universitätsbibliothek in Löwen und durch die Beschießung der Kathedrale von Reims. Gegen den Vorwurf der Barbarei wollte sich der Aufruf ‚An die Kulturwelt!’ zur Wehr setzen.

"Anlehnung an Luthers 95 Thesen im Jahre 1517"

L.I.S.A.: Wer sind die Autoren und Unterzeichner? Wer ist Kopf bzw. Spiritus rector des Aufrufs?  

Prof. von Ungern-Sternberg: Der Aufruf kam zustande im Zusammenwirken des Leiters des Nachrichtenbureaus der Reichsmarine, Kapitän zur See Heinrich Löhlein, mit führenden Vertretern des ‚Goethebundes’, Ludwig Fulda, Georg Reicke und Hermann Sudermann, und einigen Berliner Professoren. Der Entwurf des Textes stammte von Ludwig Fulda, die rhetorisch wirkungsvolle und zugleich provozierende Form des sechsmaligen fett gedruckten „Es ist nicht wahr“ gab ihm in Anlehnung an Luthers 95 Thesen im Jahre 1517 Georg Reicke. Die sorgfältig ausgewählten Unterzeichner sollten als führende Vertreter von Kunst und Wissenschaft, darunter einige Nobelpreisträger, die deutsche Kultur nachdrücklich repräsentieren und schon dadurch die Diffamierung aller Deutschen als Barbaren ad absurdum führen; genannt seien nur der Philosoph Rudolf Eucken, der Chemiker Fritz Haber, der Zoologe Ernst Haeckel, der Theologe Adolf von Harnack, Gerhart Hauptmann, der Komponist Engelbert Humperdinck, der Historiker Karl Lamprecht, der Jurist Franz von Liszt, der Historiker Eduard Meyer, Friedrich Naumann (als einziger Politiker), Max Planck, Max Reinhardt, Wilhelm Röntgen, der Ökonom Gustav von Schmoller, Franz von Stuck, der Komponist Felix von Weingartner und der Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Die Zahl 93 der Unterzeichner ist zufällig, einige haben wohl nicht rechtzeitig geantwortet; sicher bekannt ist eine Ablehnung der Unterschrift nur von dem Mathematiker David Hilbert. Wichtig ist, dass die Meisten ihre Unterschrift auf telegraphische Aufforderung hin zusagten, ohne den Text zu kennen. Im Nachhinein waren manche unangenehm überrascht. Hier spielte eine Rolle, dass die Mitglieder des Goethebundes gewohnt waren, sich derart zu Aktionen mobilisieren zu lassen. Das eingespielte Protestnetz gegen Zensureinschränkungen geriet so in einen ganz anderen – fatalen – Kontext. Klar ist aber, dass es keine Erklärung extremer Nationalisten oder gar ‚Alldeutscher’ war, sondern von Liberalen. Gleiches lässt sich auch in Frankreich beobachten. Ein Henri Bergson, Emile Durkheim oder Ernest Lavisse waren Liberale, und noch kurz vor dem Kriege sogar wegen ihrer geistigen Nähe zu Deutschland angegriffen worden.

"Bestandteile eines ‚polemischen Gesprächs’"

L.I.S.A.: In dem Aufruf verwehren sich die Autoren und Unterzeichner gegen Vorwürfe, die sich auf die früheste Phase des Ersten Weltkriegs beziehen – nachdem das Deutsche Reich Belgien überfallen hatte. Befand sich das Deutsche Reich von Anfang an propagandistisch in der Defensive?  

Prof. von Ungern-Sternberg: So war es in der Tat. Die Entente nutzte den deutschen Einmarsch in Belgien, um Deutschland als Aggressor zu brandmarken, und die Nichtachtung der belgischen Neutralität war schlechthin nicht zu leugnen. Sie versetzte jede deutsche Argumentation von vornherein in die Defensive. Die deutsche Verteidigung dagegen war die Rechtfertigung als einen Akt der Notwehr, wie es der Reichskanzler Bethmann Hollweg im Reichstag getan hatte, und der Verweis auf die allgemeine Lage, die ‚Einkreisung’ Deutschlands durch den Dreibund, die den Krieg unvermeidlich gemacht hätte. Im Grunde eine Anwendung der thukydideischen Unterscheidung zwischen Anlässen und tieferen Ursachen eines Krieges.

Darauf zielen auch die beiden ersten Thesen ab. Es geht in der ersten um die Kriegsschuld, wobei das folgende Jahrhundert bis in unsere Tage (Christopher Clark!) zeigt, dass sich darüber trefflich streiten lässt. Ein apodiktischer Tonfall, der einfach die deutsche Friedensliebe proklamiert, war aber so wenig angebracht wie die Behauptung der zweiten These, dass die Allierten zur Verletzung der belgischen Neutralität entschlossen gewesen wären. Auch später schlugen deutsche Versuche, dies zu beweisen, fehl.

In den nächsten drei Thesen geht es um das deutsche Verhalten in Belgien (und wohl auch in Reims), wiederum mit Gegenrechnungen, die ihrerseits weit übertriebene Vorwürfe erhoben und gleichzeitig das russische Verhalten in Ostpreußen und rassistische Bemerkungen zum Einsatz von Kolonialtruppen einbezogen.

Die letzte These betrifft den in der alliierten Propaganda allenthalben erhobenen Vorwurf des deutschen Militarismus. Dieser Vorwurf war insbesondere in England mit dem Versuch verbunden worden, zwischen ‚zwei Deutschlands’, eben einem militaristischen und einem des durchaus anerkannten Geistes, zu unterscheiden. Hier wird besonders deutlich, dass der Aufruf, wie allgemein die damaligen Äußerungen beider Seiten, immer im Kontext der wechselseitigen Propaganda, als Bestandteile eines ‚polemischen Gesprächs’, interpretiert werden müssen. In Deutschland empfand man die Unterscheidung zweier Deutschlands als einen Versuch, einen Keil zwischen das Militär und die deutschen Intellektuellen zu treiben, während es doch im Kriege als allgemeine patriotische Pflicht empfunden wurde, sich vorbehaltlos hinter das deutsche Heer zu stellen. Wieder aber geschah das in einer trotzigen Überreaktion. Vor dem Kriege gab es in Deutschland keine Bekenntnisse zum ‚deutschen Militarismus’, wie sie jetzt abgelegt wurden.

Die pathetischen Schlusssätze machen nochmals deutlich, dass das Anliegen des Aufrufs – an die Kulturwelt! - trotz seiner herausfordernden apodiktischen Formulierung im Grunde ein defensives war. Kurz gesagt: Glaubt uns, den herausragenden Vertretern deutscher Kultur und Wissenschaft mit einem Lebenswerk, das allgemein bekannt und anerkannt ist, dass wir so wenig Barbaren sind wie es Goethe, Beethoven und Kant gewesen waren.

"Ironischerweise schlechthin zum Symbol deutscher Barbarei"

L.I.S.A.: Welche Reaktionen gab es auf den Aufruf – national und international?  

Prof. von Ungern-Sternberg: In Deutschland traf der Aufruf zunächst wohl mit dem weit überwiegenden Empfinden der Öffentlichkeit zusammen, obwohl es schon bald einige kritische Stimmen gab, die den Ton unangemessen fanden. Der Versuch von Einstein und dem Mediziner Georg Friedrich Nicolai, dagegen einen ‚Aufruf an die Europäer’ zu initiieren, scheiterte freilich an der fehlenden Unterstützung.

Im neutralen Ausland stieß der Aufruf überwiegend auf Ablehnung, insbesondere in den USA, erst recht in England und Frankreich. Dort war die Reaktion besonders heftig, was sich vor allem im Ausschluss sämtlicher Unterzeichner aus den französischen Akademien – soweit sie Mitglieder waren – manifestierte. Bemerkenswerterweise reagierte man in Russland weit nachdenklicher, eher betroffen, weil man die deutsche Wissenschaft zuvor so hoch geschätzt hatte. Insgesamt aber wurde der Aufruf als Verrat der deutschen Intellektuellen gegenüber den Verpflichtungen objektiver Wahrheitsfindung interpretiert und ironischerweise damit schlechthin zum Symbol deutscher Barbarei, wogegen er gerade doch hatte protestieren wollen. Sinnfällig wird das in Karikaturen, die einen bluttriefenden Urmenschen – oder Affen? – zeigen, der eine Keule schwingt, auf der ‚Kultur’ zu lesen steht oder – in Anspielung auf die Versenkung der Lusitania – ein Seeungeheuer mit dem Ausruf ‚Es ist nicht wahr’. Propagandistisch war das clever, zugleich freilich auch heuchlerisch, da allseits im Tone der Gewissheit mit Unwahrheiten und Halbwahrheiten bramabarsiert worden ist. Über die übrigen Äusserungen der Intellektuellen senkte sich freilich bald ein mildtätiges Dunkel, während der Aufruf allein im grellen Licht stehen blieb.

"Insbesondere französische und belgische Fixierung auf den Aufruf"

L.I.S.A.: Welchen Einfluss hat die Kriegspropaganda beider Konfliktparteien auch noch nach dem Krieg? Welche Bedeutung hat sie für die historische Betrachtung und Einordnung des Krieges und der beteiligten Mächte?  

Prof. von Ungern-Sternberg: Zunächst muss man feststellen, dass der ‚Krieg der Geister’ nachhaltig die vor dem Ersten Weltkrieg bei allen nationalen Rivalitäten gut funktionierende Zusammenarbeit unterbrochen hat. Das gilt für die private Ebene, wo Kontakte erst allmählich wieder belebt worden sind oder neu geknüpft wurden. Das gilt insbesondere aber für die institutionelle Zusammenarbeit. Die Wissenschaftler der Alliierten arbeiteten schon gegen Kriegsende und erst recht danach entschlossen auf einen Boykott der Wissenschaftler der Zentralmächte (Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien) hin und gründeten 1919 zu diesem Zweck, anstelle des seit 1900 wesentlich durch deutsche Initiative geschaffenen Verbandes der Akademien, neue internationale Zusammenschlüsse im Bereich der Natur- und der Geisteswissenschaften, die die Zentralmächte ausschlossen. In den Begründungen ist allenthalben der Verweis auf das ‚Manifest der 93’ zu finden, der somit zu einem Passepartout für diese Verweigerungshaltung wurde. Auf der Ebene der Fachverbände änderte sich das allmählich in der zweiten Hälfte der 20er Jahre, im Grunde aber ist die Kluft bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nur unzureichend geschlossen worden. Dann ist ein interessanter Lernprozess festzustellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die deutsche Wissenschaft sehr viel schneller wieder integriert worden. Natürlich hat aber dabei auch der Kalte Krieg eine Rolle gespielt.

Für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Problematik des Ersten Weltkriegs in Deutschland hat die insbesondere französische und belgische Fixierung auf den Aufruf und die damit begründete Stigmatisierung der deutschen Wissenschaft eine ebenso verhängnisvolle Rolle gespielt wie der Kriegsschuldparagraph 231 des Vertrags von Versailles. Der – nicht unverständliche - Kampf gegen beides hat behindert, dass man in Deutschland gebührend über den eigenen Anteil an dem Ausbruch des Krieges und am Zerbrechen der internationalen Gemeinschaft der Wissenschaft nachdachte.

Prof. Dr. Jürgen von Ungern-Sternberg hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Weitere Informationen

+ Jürgen und Wolfgang von Ungern-Sternberg, Der Aufruf 'An die Kulturwelt!'.  Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg,  2., erweiterte Auflage mit einem Beitrag von Trude Maurer,  Frankfurt am Main 2013

+ Vortrag am Collège de France im Oktober: Autour de 1914, nouvelles figures de la pensée : sciences, arts, lettres. (Originalton Französisch / mit englischem Overvoice)

Kommentar

von Christa Pöppelmann | 18.11.2014 | 15:07 Uhr
Vielen Dank für das interessante Interview! Ein sehr früher Kritiker des Aufrufes war übrigens auch Theodor Wolff. Am 8. Oktober 1914 empörte er sich in seinem Tagebuch über die Unterzeichner als "Leute, die zuhause geblieben" seien, "von nichts eine Ahnung" hätten, aber sich jetzt "in den Vordergrund schieben" und "in die Brust werfen", um zu zeigen, dass sie "so tapfer wie unsere wirklich tapferen Soldaten" seien. Über Gerhart Hauptmann sagt er, dieser sei ganz zum "Welteneroberer geworden, der "Belgien und die halbe Welt verschlingen" möchte. Wolff nannte es auch unbegreiflich, dass "die ersten Denker Deutschlands Bürgschaft leisten wollten, dass im Krieg alles gerecht zugehe" und prophezeite einen verheerenden Eindruck bei den neutralen Mächten. Selber war er dank seiner Recherchen und Beziehungen informiert, dass Zerstörungen und die Erschießung von Geiseln vorgekommen waren, durfte aber wegen der Zensur nicht darüber schreiben.
Eine zweite Ergänzung: Auch die deutsche Presse diffamierte die Kriegsgegner schon bevor der erste Schuss gefallen war als Barbaren. Ich habe die Berichterstattung von 13 wichtigen deutschen Tageszeitungen während der Julikrise untersucht und es ist besonders erschreckend, wie sehr auch die anfangs kritischen Zeitungen gegen Ende der Krise "umgefallen" sind. So wütete etwa die linksliberale "Frankfurter Zeitung" am 2. August 1914 über "beispiellose Perfidie" der leitenden Männer Russlands, den "heimtückischen Geist eines nur oberflächlich gefirnissten Tatarentums", der mit westlichen Ehr- und Sittlichkeitsbegriffen nicht das Geringste zu tun" habe und ruft dazu auf, den deutschen Boden vor "moskowitischer Barbarei" zu schützen. Andere Zeitungen klingen ähnlich und am 3. und 4. August kommt es zu entsprechenden Ausfällen gegen "heimtückische Franzosen" und "gewissenlose englische Krämerseelen".
( Mehr dazu: "Der Pathos der Verführten" vom 4.8.2014 auf www.juli1914.de/blog.html )

Kommentar

von Marcus Cyron | 20.11.2014 | 02:46 Uhr
Es gab aber auch Gegenbeispiele, wo man sich innerhalb der Forscher als Gruppe solidarisierte, statt aufeinander nur loszugehen. Das DAI etwa schloss Mitglieder aus verfeindeten Ländern nicht aus - allerdings kam es zu Austritten solcher Mitglieder. So trat der Franzose Pierre Paris in einem Brief vom 23. 11. 2014 an den DAI-Generalsekretär nicht nur aus, sondern ließ das von schmähenden Worten begleiten. Der Brief wurde dann im Archäologischen Anzeiger des Jahres 1914 abgedruckt. Aber - und hier kommt das aber - dort gedachte man auch den eigenen Gefallenen des Jahres gemeinsam mit den Opfern verfeindeter Nationen wie dem Franzosen Joseph Déchelette. Noch gab es Fenster zur Überbrückung und nicht nur Verhärtungen. Aufgenommen wurde Mitglieder dieser Nationen ins DAI allerdings erst wieder ab 1925.

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