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Georgios Chatzoudis | 06.06.2013 | 10115 Aufrufe | 13 | Interviews

Der 8. Mai - schon vergessen?

Interview mit Jens Holger Jensen und Hans Günter Thorwarth zum 8. Mai

Am 8. Mai dieses Jahres beklagte der Frankfurter Stadtteilhistoriker Hans Günter Thorwarth in einem Kommentar bei L.I.S.A., dass der 8. Mai in den Medien kaum mehr erinnert werde. Tags darauf schloss sich ein weiterer Stadtteilhistoriker, Jens Holger Jensen, dieser Beobachtung an und stellte auch für sich fest, dass dieser Tag keine publizistische Resonanz gefunden habe. Stimmt das? Ist der 8. Mai heute kein Erinnerungstag mehr? Und: Was ist der 8. Mai heute - ein Tag der Befreiung, der Niederlage, der Kapitulation oder schlicht nur der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg beendet wurde? Wir haben mit den beiden Stadtteilhistorikern ein Interview über den 8. Mai geführt.

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Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst.

"In meiner Tageszeitung keine Zeile über das Ende des 2. Weltkriegs"

L.I.S.A.: Herr Jensen, Herr Thorwarth, Sie haben sich im Rahmen Ihrer Studien innerhalb des Projekts ‑Frankfurter StadtteiHistoriker mit Geschichte und die Erinnerung an die Vergangenheit beschäftigt. Nun haben Sie am 8. Mai in einem Kommentar zu einem L.I.S.A.Beitrag kritisiert, dass der 8. Mai als Gedenktage kaum noch in der Öffentlichkeit erinnert werde. Ist das wirklich so?

Thorwarth: Der Tag der Unterzeichnung zur „bedingungslosen Kapitulation“ der deutschen Wehrmacht gilt allgemein als offizieller Tag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Wenn auch z. B. in Frankfurt am Main bereits am 29. März 1945 die Amerikaner einmarschierten und in Deutschland teilweise noch Monate später viele Menschen an den Kriegsfolgen starben, könnte man doch annehmen, dass der 8. Mai ein sehr wichtiges Datum wäre, den Millionen Opfern zu gedenken.

Mir wurde der Tag ins Gedächtnis gerufen, weil es einige Jahre eine kleine Gedenkfeier am Mahnmal für die getöteten NS-Opfer meines Heimatort-Stadtteils Nied gab. Übrigens das erste seiner Art in Frankfurt, das bereits 1947 unter großer Beteiligung der Bevölkerung eingeweiht wurde. Dieses Jahr fiel mir auf, dass sowohl diese regionale Feierstunde – mangels Beteiligung der örtlichen Vereine – nicht mehr statt fand und ich auch in meiner Tageszeitung keine einzige Zeile über das Ende des Zweiten Weltkriegs fand. Das war der Auslöser meines spontanen Kommentars.

Jensen: Als aufmerksamer täglicher Zeitungsleser sowie Konsument der täglichen Nachrichtensendungen war ich überrascht keine Artikel, Berichte und Headlines zum für Deutschland und Europa so bedeutenden geschichtlichen Datum gefunden zu haben. Das kann gewiss nur ein subjektiver Eindruck sein. Dem Kommentar von Herrn Thorwarth wollte ich, weil dieser meiner persönlichen Wahrnehmung gleichkam, spontan zustimmen.

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„Stars and Stripes“ (Zeitung der US-Army) Nr. 285 vom 8. Mai 1945, Ausgabe Paris, Sieg in Europa

"Desinteresse gegenüber nicht so populären Themen"

L.I.S.A.: Wie erklären Sie sich die mediale Zurückhaltung bzw. Nichtbeachtung des 8. Mais? Was sagt das aus Ihrer Sicht über unsere Gegenwart, unseren Umgang mit Geschichte und das Selbstverständnis der Deutschen heute?

Thorwarth: Diese Zurückhaltung in den Medien kann ich mir eigentlich nicht so ganz erklären. Auf der einen Seite gab es gerade in letzter Zeit häufig die NS-Geschichte aufarbeitende TV-Sendungen, Zeitungsartikel und Berichte von Zeitzeugen usw. Denkbar wäre eine Art „Übersättigung“, da die Redaktionen nicht immer wieder über „dasselbe Ereignis“ berichten wollen.

Schlimm fände ich es, wenn der größte Krieg und sein Ende, der unzählige Tote forderte und große Teile Europas zerstörte, gerade in Deutschland in Vergessenheit geriet. In Paris z.B. legten am diesjährigen 8. Mai der französische Präsident Hollande und sein polnischer Kollege Komorowski Kränze nieder. Es gab früher schon Gedenkveranstaltungen mit Beteiligung deutscher Repräsentanten.

Jensen: Ich hoffe und glaube grundsätzlich, dass dem 8. Mai keine Nichtbeachtung droht. Vielleicht bedurfte es in den verschiedenen Redaktionen aber einer aktuellen Veranstaltung, wie ein Kongress oder ein Film, um darüber zu berichten. Andererseits drängt sich mir der Verdacht auf, dass es auch eine Abwägung in den Redaktionen gibt, was die Leser und Zuschauer interessiert. Stichwort: Einschaltquoten. Insbesondere von den öffentlich rechtlichen Sendern erwarte ich hier, weil diese es ja auch in der Vergangenheit gekonnt und auch einen Bildungsauftrag haben, etwas mehr als von den Privatsendern. Anlässlich eines runden Jubiläums oder einer markanten Jahreszahl (z.B. 50, 60, 70, 75) wird der 8. Mai, da bin ich mir schon sehr sicher, eine größere mediale Resonanz erhalten. Meines Erachtens haben wir alle die Aufgabe und Verpflichtung mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen und dabei, jeder so gut er es kann, die Ereignisse zu reflektieren. Dazu gehört es dann eben auch an so ein bedeutendes Datum in geeigneter Form zu erinnern. Inwieweit jüngere Generationen in den neuen Medien (facebook, twitter etc.) das Thema zum Inhalt haben, kann ich nicht einschätzen.

Andererseits befürchte ich aber, dass in der aktuellen Krise um den Euro bzw. der Staats- und Bankenfinanzierung das Selbstbewusstsein der Deutschen in einer eher ungesunden Weise zugenommen hat und dadurch in einem Abwägungsprozess, worüber eine Zeitung oder ein Sender berichtet, so ein Jahrestrag untergehen kann. Wir sollten aber auch nicht vergessen, vor welchen Herausforderungen insbesondere die nachfolgenden Generationen in der Arbeitswelt stehen und wie groß inzwischen der Leistungsdruck überall geworden ist. Das kann dann auch zu einem Desinteresse gegenüber eher nicht so populären Themen führen; sollte und muss aber ein zusätzlicher Anreiz sein, diese Menschen über die Medien zu erreichen.

"'Tag der Befreiung' passt besser als 'Tag der Kapitulation'"

L.I.S.A.: Was bedeutet Ihnen der 8. Mai? Herr Jensen hat ihn als "Tag der Befreiung" bezeichnet. Warum?

Jensen: Meine Eltern und meine Onkel und Tanten waren, ich wurde 1951 geboren, reihum im Jahr 1945 Personen im Alter zwischen 35 und 47 Jahren und haben später den 8. Mai als eine Niederlage empfunden, jedenfalls mehrheitlich. Der Eindruck war meines Erachtens weit verbreitet und entsprach vermutlich dem der Bevölkerungsmehrheit und zwar unabhängig ob die Personen Parteigenossen waren oder nicht. Wie meine Eltern berichteten waren sie aber sehr froh, dass der Krieg zu Ende war. Die Hungerjahre in den zerstörten Städten bis zur Währungsreform 1948 und die Demontagen der Industrieanlagen, der Mangel an Wohnraum haben den Menschen dann anschließend sehr zugesetzt. Mit dem Nürnberger Kriegsverbrecherprozess verbreitete sich in der Bevölkerung nicht der Eindruck befreit worden zu sein. Ich selbst konnte das als Kind damals natürlich nicht nachempfinden und habe auch niemals so etwas wie eine Schuld gespürt. Die beengten Wohnverhältnisse sind mir persönlich aber noch in guter Erinnerung. Während meiner Projektarbeit „Die Textorstraße“ habe ich mich zunächst mit den Frankfurter Adressbüchern beschäftigt und dabei sind in der Entwicklung von 1905 bis 1975 die beengten Wohnverhältnisse in der großen Anzahl an Haushaltungen in den 1950er Jahren aufgefallen.

Mit der Rede von Bundespräsident von Weizsäcker vor dem deutschen Bundestag im Jahr 1985, wo dieser erstmals von einem „Tag der Befreiung“ sprach setzte meines Erachtens eine „öffentlich Bewusstseinsveränderung“ ein. Meiner und den nachgeborenen Generationen entspricht diese vom damaligen Bundespräsidenten gewählte Kennzeichnung besser als die bis dahin bevorzugte Bezeichnung „Tag der Kapitulation“.

Thorwarth: Den 8. Mai als "Tag der Befreiung" zu begehen, finde ich ganz wichtig. Schon Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat 1985 in seiner Rede zum 20. Jahrestag des Kriegsendes zum ersten Mal von „Befreiung“ gesprochen. Die militärische Niederlage und die letzten Tage des Krieges wurden auch in den Erzählungen in meiner Familie trotz des Schreckens und der Angst vor dem Ungewissen, meist als positiv erlebt. „Hauptsache der Krieg war zu Ende!“

Ich persönlich, als erst in der Nachkriegszeit ins „Wirtschaftswunder“ Hineingeborener, denke dabei hauptsächlich an die NS-Verfolgten und Kriegsopfer, zu denen auch mein Vater gehörte. Unsere Generation „erlebte“ den Krieg noch nach, durch teilweise traumatisierte Eltern und Lehrer. So gesehen war am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg noch nicht zu Ende.

"Die Deutschen konnten sich bekanntlich nicht alleine befreien"

L.I.S.A.: In den vergangenen Jahren hörte oder las man vermehrt eine andere Interpretation des 8. Mais. Historisch betrachtet, sei er von den Deutschen 1945 eher als Tag der Niederlage als ein Tag der Befreiung empfunden worden. Außerdem sei er von den Alliierten, also den Siegermächten, als Tag der Befreiung bestimmt worden. Was sagen Sie dazu?

Thorwarth: Was heißt hier „von den Deutschen“? Wie schon erwähnt, gab es viele Menschen die während der NS-Zeit schwer gelitten haben. Mein Vater z. B. wurde aus politischen Gründen ins Gefängnis gesperrt – und musste später in einem Strafbataillon nach Russland an die Front – er wurde sozusagen doppelt bestraft. Einer aus der Familie kam gar nicht mehr lebend aus dem Krieg zurück. Oder wie dachten wohl die Überlebenden in den Vernichtungslagern darüber? Ich kann jedenfalls nicht bestätigen, dass der Tag hauptsächlich als Niederlage gesehen wurde. Höchstens als endgültige Niederlage der Nazis und deren Mitläufer. Natürlich haben die Siegermächte den entscheidenden Teil dazu beigetragen. Dass der Krieg „verloren“ war, war den meisten doch schon lange vorher klar. Die Deutschen konnten sich ja bekanntlich nicht alleine befreien.

Jensen: Aus einem politischen Verständnis konnte der 8. Mai von den Deutschen wohl nur als ein „Tag einer Niederlage“ wahrgenommen werden. Im Sinne von "überlebt zu haben" und "davon gekommen zu sein" müsste es aber eher ein „Tag der Befreiung“ gewesen sein. Zwei Seiten einer Medaille. Die unmittelbaren Verluste von Angehörigen, Heimat, Besitz und Wohnung konnte von den Menschen zunächst nicht als Befreiung wahrgenommen und empfunden werden. Die Präsenz der Alliierten führte den Menschen vor Augen wer Herr im Hause war. Die Währungsreform und der später folgende wirtschaftliche Wohlstand und das Heranwachsen von neuen unbelasteten Generationen machte dann einen Blickwechsel möglich. Als ein Zeitzeuge war es dann Herrn von Weizsäcker vorbehalten diese neue Sichtweise glaubwürdig zu benennen. Diese Innenansicht war neu, die Außensicht wonach es einer Befreiung durch die Alliierten bedurfte war sicherlich nicht neu. Insofern sind das auch zwei Seiten einer Medaille.

"Für den Frieden und zur Erinnerung an alle Opfer"

L.I.S.A.: Wie wünschen Sie sich in Zukunft die Erinnerung an den 8. Mai?

Jensen: Da muss ich auf den mir ein bisschen Unwohlsein erzeugenden Eindruck zurückkommen, dass wir Deutschen zurzeit ein zu großes Selbstbewusstsein entwickeln. Bei allem Unverständnis über die absolut unseriösen Entwicklungen in einigen Mittelmeerländern der EU sollten wir nicht erwarten, dass sich die ganze Welt die Bundesrepublik zum Vorbild nimmt. Insofern trete ich für eine gewisse Demut ein und ein klares Geschichtsbewusstsein. Man sollte den 9. November nicht ohne den 8. Mai denken. Man sollte den 9. November nicht ohne den 17. Juni und den 8. Mai nicht ohne den 30. Januar denken.

Vielleicht ist die Art und Weise wie der „Tag der Deutschen Einheit“ gefeiert wird ein schönes Bespiel für ein würdige Erinnerung an den „Tag der Befreiung“. Jedes Jahr in einem anderen Bundesland in einer zentralen Veranstaltung dieses historischen Tages zu gedenken.

Thorwarth: In Wien hat man dieses Jahr versucht, den 8. Mai als „Fest der Freude“ über den Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus zu begehen. Ich finde, „Freude“ ist nicht der passende Ausdruck, bei über 50 Millionen Kriegsopfern in der ganzen Welt. Ich wünsche mir für den 8. Mai die Einführung eines allgemeinen Gedenktages. Ähnlich wie der 17. Juni oder der 9. November. Es ist ein sehr wichtiger Tag und er sollte symbolisch für das Ende des Zweiten Weltkrieges stehen. Für den Frieden und zur Erinnerung an alle Opfer. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und sogar der Welt.

Kommentar

von Hans Dieter Schneider | 06.06.2013 | 10:38 Uhr
Liebe Herren Kollegen Stastteilhistoriker Jensen und Thorwart,

Der 8. MAi 1945 ist ein Meinen Augen schon ein "Tag der Kapitulation", denn niemand anderes als das Nazi-Deutschland mußte kapitulieren vor seiner eigenen menschenverachtenden Politik und seinem mörderischen Handeln.
Einer meiner ehemaligen Schuldirektoren (der 1945 von den Amerikanern aus dem KZ Dachau befreit wurde) kommentierte diesen Tag so, daß "der Spuk ein Ende hatte". Insofern haben Sie völlig recht, wenn Sie es bedauern, daß die Medien (egal weche) völlig kommentarlos einen solchen Tag vergessenmachen wollen.
Als Kriegsvollwaisen ist für mich der 8. Mai 1945 aber auch ein Tag des Sieges der Demokratie über die Diktatur.

Kommentar

von Marcus Cyron | 06.06.2013 | 13:49 Uhr
So ist es - ein Tag der nicht das Eine oder das Andere iat - sondern diverse Facetten hat. War es für die Deutschen als Gesamtheit ein Sieg und Befreiung, war es für das NS-Deutschland verdiente Niederlage ud Kapitulation - vor seiner eigenen Ideologie.

Kommentar

von Stadtteilhistoriker Jürgen W. Fritz, Frankfurt/Main | 09.06.2013 | 18:25 Uhr
Zum einem Satz im Bericht des Stadtteilhistorikers Jens Holger Jensen:

"Meine Eltern und meine Onkel und Tanten waren, ich wurde 1951 geboren, reihum im Jahr 1945 Personen im Alter zwischen 35 und 47 Jahren und haben später den 8. Mai als eine Niederlage empfunden, jedenfalls mehrheitlich."

möchte ich eine Bemerkung machen:

Meine Mutter, mein Vater war zu diesem Zeitpunkt bereits tot, was wir noch nicht wussten aber ahnten, und auch meine nahen Verwandten, alle haben das Kriegsende als große Befreiung erlebt.

Es fielen keine Bomben mehr, die unser Haus in der Stadt vernichtet hatten, es wurde nirgendwo mehr geschossen: zumal auf einer kleinen Wiese nahe der Kinzigquelle ein amerikanisches Flugzeug wenige Tage vor dem Einmarsch noch versuchte, meine Mutter und mich zu erschießen. Kriegswichtig waren wir auf unserem harmlosen Gang durch die Felder im Dorf Sannerz/Kreis Schlüchtern wahrlich nicht. Im benachbarten Ahlersbach hatten die Befreier mehr "Erfolg" - im Vorüberfliegen erschossen sie am 31. März 1945 den Bauern Nikolaus Kreß und verwundeten weiterhin das Mädchen Gerda Gaul sehr schwer.

Meine beiden Großväter habe ich nie kennengelernt: sie mussten bereits im 1. Weltkrieg für "ein Phantom des Ruhmes" sterben. Es bleibt mir "ewig" unverständlich, wie irgendjemand diese mörderischen Großaktionen positiv bewerten und daher eine Niederlage beklagen kann.

Kommentar

von Dr. Philipp Bockenheimer | 09.06.2013 | 21:37 Uhr
Herzlichen Dank Holger Jensen und Günter Thorwarth für Ihre Betrachtungen in diesem Interview. Herzlichen Dank Ihnen, Herr Thorwarth, für Ihre großartige Arbeit zum Umgang mit dem Ehrenmal für Gefallene aus Höchst und Nied.
Unseren Umgang nicht nur mit solchen Ehrenmalen, sondern mit Gedenktagen und unserer Geschichte überhaupt empfinde ich als beschämend. Das Kriegsende, den 8. Mai 1945, habe ich als Siebenjähriger in einem Dorf bei Bruchsal erlebt, wohin es uns nach der Flucht aus Berlin verschlagen hatte. Auch wir Kinder entgingen in der Feldflur oft nur knapp den Bordwaffenangriffen amerikanischer Jäger. Von unseren Eltern wurde das Kriegsende mit größter Erleichterung aufgenommen, der Verzweiflung konnte langsam wieder Hoffnung weichen und Ideologie spielte zunächst keine Rolle mehr. Von den Gräueltaten des NS-Regimes wusste man nichts Konkretes. Nach meiner Erinnerung war das erste Jahrzehnt nach dem Krieg vom Elend in den Ruinen, dem Anblick "Versehrter" auf den Straßen, und dem Alltagskampf um Wohnung und Essen geprägt. Nicht zuletzt mit der Welle der Spätheimkehrer aus Russland ab Oktober 1955 setzte danach Gedenk- und Erinnerungsbereitschaft ein. Eine wirkliche gesellschaftliche Auseinandersetzung mit unserer Geschichte in der NS-Zeit hat es aber bekanntlich trotzdem nur unvollständig gegeben. Der Kalte Krieg und die deutsche Teilung setzten eigene Akzente und beherrschten Politik und gesellschaftliche Diskussion. Nachdem diese Phase mit der Wiedererlangung der vollen Souveränität durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag 1991 abgeschlossen war, schien mir die Diskussion über unsere jüngste Geschichte und Erinnerungskultur überhaupt völlig zu erlahmen. Das war unserer politischen Elite durchaus willkommen. Zum Nationalfeiertag wurde ohne breite Diskussion der 3. Oktober, nicht der deutsche Schicksalstag 9. November, an dem es zu viel zu erinnern gäbe: 1918 Beginn der Novemberrevolution, 1923 Hitlerputsch in München, 1938 Beginn der Novemberpogrome ("Reichskristallnacht"), 1989 Mauerfall und Ende des Kalten Krieges. Derzeit scheint mir unsere Gesellschaft keinen Bedarf mehr zu haben, sich zu erinnern, ob es um die eigenen Gefallenen in Afghanistan oder die der beiden Weltkriege geht. Bedenklich. Mit dem Erlöschen der Erinnerungskultur geben wir auch an die nachwachsenden Generationen nicht mehr weiter, für welche Werte unser Land steht oder stehen sollte. Wir werden "orientierungslos". Das zeigt sich an den vielfältigen Brüchen mit den Bestimmungen unseres Grundgesetzes in verschiedenen Bereichen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Es zeigt sich aber auch daran, wie leichtfertig wir derzeit das Hauptziel des europäischen Zusammenschlusses aufs Spiel setzen: den Frieden zwischen den Völkern zu erhalten.

Philipp Bockenheimer

Kommentar

von oaK Mario Gesiarz | 10.06.2013 | 16:27 Uhr
Mein Großvater war ab 1936 im Zuchthaus wegen Hochverrats.
Ein Großonkel von mir war von 1936 bis 1945 in Zuchthaus, Moor und Dachau, dessen Bruder starb 1937 im spanischen Bürgerkrieg.
Mein anderer Großvater und mein Vater wurden im August 1944 von SS und Wehrmacht aus Warszawa über Auschwitz nach Mauthausen (A) verschleppt, mein Großvater in Melk ermordet, mein Vater am 5. Mai 1945 in Ebensee befreit. Sein Bruder erlebte den 8. Mai 1945 im Arbeitslager der IG Farben in Frankfurt.
Für sie alle war es ein Tag der Befreiung, mein Vater bezeichnete ihn oft als "meinen zweiter Geburtstag".

In den Schützengräben in Russland, bei den letzten Schlachten an der Westfront, in den zerstörten Städten Deutschlands wurde der 8 Mai sicher auch mit Erleichterung betrachtet. Allerdings sahen die meisten Menschen das in Deutschland noch 12 Jahre vorher ganz anders und führten mit Hurra diese Katastrophe erst herbei.

Das Problem ist, dass die meisten Menschen in Deutschland diesen Bezug nicht herstellten. Bis heute. Nur wenige schämten sich ob der Verbrechen und Opfer die im Namen Deutschlands von den Nazi verübt wurden. Und manche hatten guten Grund sich ganz still zu verhalten.

Erst vor wenigen Jahren war der Deutsche Bundestag z.B. bereit, Desserteure zu rehabilitieren. Von vielen wurden diese bis vor Kurzem als "Vaterlandsverräter" begriffen. Von einigen noch heute.

Gewiss, vieles hat sich verändert, die nachfolgenden Generationen haben durchaus Schlüsse gezogen. Aber als echte, auch emotionale Befreiung ist der 8. Mai nur ganz wenigen gegenwärtig.

Die Medien sind nicht ganz unschuldig daran. Pseudoaufklärerische Beiträge über das Leben der Nazi, die Hunde des Führers und anderen Unsinn wird haufenweise produziert. Die Biographien der wenigen aufrechten Menschen findet man, wenn überhaupt, höchstens auf den Lokalseiten.

Deshalb danke an die Lokalhistoriker und ihre Unterstützer.
Mehr Infos auch unter www.gedankensindfrei.com

Kommentar

von Marcus Cyron | 12.06.2013 | 00:16 Uhr
Deshalb bin ich auch etwas stolz darauf, daß wir in der deutschsprachigen Wikipedia, die ja berüchtigt für ihre strengen "Relevanzkriterien" ist, alle Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime per se als Artikelwürdig ansehen. In den acht Jahren meiner Mitwirkung an dem Projekt ist das rückblickend einer der größten Erfolge, an dem ich auch mitwirken konnte. Ich möchte, daß wir uns an die Erinnern, die dagegen aufstanden. Auch an die, deren Mut vielleicht nicht den ganz großen aktiven Kampf zuließen. Doch jede Stellung gegen das unmenschliche NS-System darf nicht vergessen werden.

Kommentar

von Hans Günter Thorwarth | 14.06.2013 | 08:51 Uhr
Noch ganz unter dem Eindruck einer Frankreichreise (Verdun – Chemin-des-Dames – Champagne) verfolge ich mit Spannung die Kommentare der interessierten Leser zu unserem Interview. Wirklich bemerkenswert, die unterschiedlichen Eindrücke, auch von Herrn Jensen und mir, beide in derselben Zeit geboren.
Nicht nur die bewegenden Eindrücke, die eine solche geschichtsträchtige Reise durch Frankreich bei uns hinterließen, auch das aktuelle Leben und der Umgang mit der Geschichte bei unserem Nachbarn verfolgten wir natürlich sehr aufmerksam.
Ein Höhepunkt für mich als „Stadtteilhistoriker“ war das Gespräch mit einer jungen französischen Historikerin in der „Drachenhöhle“ am „Chemin des Dames“, wo während des 1. Weltkriegs deutsche und französische Soldaten zeitweise nur durch eine Mauer getrennt, in unterirdischen Stellungen unter unmenschlichen Bedingungen ausharrten.
Bei unseren ehemaligen „Erbfeinden“ und seit Adenauer-de-Gaulle und Kohl-Mitterand „Freunden“ sieht man so manches im Umgang mit der Geschichte aber ganz anders.
Das nimmt manchmal sogar skurrile, makabre Formen an, indem man angemalte Geschütze auf die Friedhöfe und Panzer neben die Denkmäler auf öffentliche Plätze vor die Rathäuser stellt. Erste-Weltkriegs-Granaten aus Schokolade werden schön verpackt den Touristen angeboten!

Der 8. Mai (1945) sind ebenso wie der 11. November (1918) gesetzliche Feiertage in unserem Nachbarland.

Landstraßen – durch die geschichtlichen Ereignisse geprägt – wurden zum „Denkmal“ erklärt, ja geradezu „heilig“ gesprochen. Kilometersteine an der „Voie sacrée“ und „Voie de la Liberté 1944“ lassen die Geschehnisse des 1. Weltkriegs und die Befreiung durch die Alliierten während des 2. Weltkriegs nicht vergessen.
Bei uns sind Gefallenendenkmäler prinzipiell oft umstritten und wurden zum Politikum erklärt. In Frankreich würde garantiert niemand auf die Idee kommen, Gefallenen-Denkmäler abzureißen oder es zulassen, dass sie verfallen. Im Gegenteil: In jedem Ort, in jedem Dorf wo wir durchfuhren, findet man sie zumeist sehr gepflegt vor, mit Blumen und wehender Trikolore. Aktuell werden in einigen Kommunen die Plätze sogar neu gestaltet und die alten Steine aufwendig restauriert.
Zu den modernen Museen des „Grand Guerre“, den ehemaligen Stellungen und Schlachtfeldern kommen ganze Schulklassen und Touristen aus Frankreich, Belgien, Großbritannien und den Niederlanden – aber was uns wunderte – kaum Deutsche. Nebenbei bemerkt: Allein in Verdun starben 1916 in einem dreiviertel Jahr über 300.000 französische und deutsche Soldaten. Im Ossarium von Douaumont befinden sich die Gebeine von 130.000 unbekannten Soldaten – Deutsche und Franzosen im Tode vereint. Ein Eintrag im Besucherbuch der Kapelle: „In Frankreich erinnert man sich und ehrt die Toten, in Deutschland werden sie vergessen und verdrängt.“
Hierzulande wurde der 8. Mai dieses Jahr völlig ignoriert und auch der 11. November 2012 wurde nur noch als Anfang der Karneval-Saison gefeiert. Liegt es nur an der Nazi-Diktatur und den beiden verlorenen Weltkriegen, dass zwei Nationen im Umgang mit ihrer Geschichte so unterschiedlich erscheinen?
So gesehen, ist auch die Erinnerung an das Datum 8. Mai ein Beispiel dafür, wie ein Land mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Wir dachten eigentlich im Jahr 2013 gäbe es mehr Annäherung zwischen den beiden befreundeten Ländern. Aber meine aktuelle Einschätzung, gerade was die Gedenkkultur betrifft: Deutschland und Frankreich trennen Welten!

Kommentar

von Klaus-Felix Schneider | 14.06.2013 | 14:03 Uhr
Na ja, wen wundert es, dass der 08.Mai in DE nicht gefeiert wird ?
Dazu sage ich nur : "..the winner takes it all..."
...und die Franzosen sehen sich nun mal als Sieger !
Da ist es doch sehr verständlich, dass dort eine andere Umgehensweise
mit den Weltkriegen gepflegt wird.

Kommentar

von Ulrich Eisenblätter | 19.06.2013 | 15:15 Uhr
Mit großem Interesse habe ich das Interview gelesen und festgestellt, daß auch bei mir persönlich der 8. Mai als Gedenktag für das Ende des 2. Weltkrieges keine großen Emotionen auslöst. Woran liegt das? Nun, zu diesem Zeitpunkt war ich genau 6 Jahre alt und befand mich zusammen mit unserer Mutter und meinem Bruder auf dem mühevollen einwöchigen Rückweg von unserem 300 km entfernten Evakuierungsort bei Kolberg in Pommern in unsere Heimatstadt Berlin. Mein Vater wurde 1945 nachts von Russen “nur für eine Vernehmung” abgeholt und hatte Glück, nicht nach Sibirien transportiert zu werden, sondern durfte drei Jahre in Sachsenhausen am Rande von Berlin in einem russischen Lager verbringen. Meine Mutter wußte über zwei Jahre lang nicht wo sich ihr Ehemann befand.

Da unsere nicht ausgebombte Wohnung sich im sowjetischen Sektor Berlins befand, ging ich in eine von kommunistischer Ideologie geprägten Grundschule. Dort wurde uns der 8. Mai als Tag der Befreiung durch die Rote Armee erklärt, also wir mußten das so sehen, gezwungenermaßen. Da aber unsere Abneigung gegenüber den sowjetischen “Befreiern” sehr stark ausgeprägt war, waren wir auch nicht ansatzweise gewillt, deren Ideologie uns einzuverleiben. Also haben wir inneren Widerstand geleistet und somit auch den 8. Mai als Befreiungstag ignoriert.

Die Nachkriegsjahre waren stark geprägt vom Überlebenskampf. Wir litten zwar nicht an großem Hunger; u.a. sorgten die Alliierten abwechselnd in den Berliner Schulen für tägliche Schulspeisung. Aber der ideologische Druck der Kommunisten in den östlichen Bezirken war immens und vielleicht ist auch deshalb mein persönliches Interesse an einen Gedenktag nicht so stark ausgeprägt. Natürlich weiß ich, was während des Dritten Reiches alles geschehen ist, weil ich in späteren Jahren mich doch mehr mit diesem Thema beschäftigt habe.

Des weiteren kann ich nur noch Herrn Dr. Philipp Bockenheimer zitieren, mit dessen Sätzen, die ich nachstehend zur Orientierung noch mal anführe, ich voll übereinstimme.

"Eine wirkliche gesellschaftliche Auseinandersetzung mit unserer Geschichte in der NS-Zeit hat es aber bekanntlich trotzdem nur unvollständig gegeben. Der Kalte Krieg und die deutsche Teilung setzten eigene Akzente und beherrschten Politik und gesellschaftliche Diskussion. Nachdem diese Phase mit der Wiedererlangung der vollen Souveränität durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag 1991 abgeschlossen war, schien mir die Diskussion über unsere jüngste Geschichte und Erinnerungskultur überhaupt völlig zu erlahmen. Das war unserer politischen Elite durchaus willkommen. Zum Nationalfeiertag wurde ohne breite Diskussion der 3. Oktober, nicht der deutsche Schicksalstag 9. November, an dem es zu viel zu erinnern gäbe: 1918 Beginn der Novemberrevolution, 1923 Hitlerputsch in München, 1938 Beginn der Novemberpogrome ("Reichskristallnacht"), 1989 Mauerfall und Ende des Kalten Krieges. Derzeit scheint mir unsere Gesellschaft keinen Bedarf mehr zu haben, sich zu erinnern, ob es um die eigenen Gefallenen in Afghanistan oder die der beiden Weltkriege geht. Bedenklich. Mit dem Erlöschen der Erinnerungskultur geben wir auch an die nachwachsenden Generationen nicht mehr weiter, für welche Werte unser Land steht oder stehen sollte. Wir werden "orientierungslos".

Die heutige Jugend hat überhaupt kein Interesse für die Vergangenheit und schon gar nicht für irgendwelche Gedenktage; wir erleben tagtäglich soviel Grausames auf der Welt, daß für Erinnerungen an früher kein Platz mehr ist.

Kommentar

von Hans Günter Thorwarth | 26.06.2013 | 10:24 Uhr
Zum Kommentar von Ulrich Eisenblätter: Im Lager Sachsenhausen starb der Schauspieler Heinrich George. Siehe dazu die neuste Spiegel-Ausgabe mit dem Interview mit Götz George:

Für den ARD-Film "George" (24. Juli, 21.45 Uhr) hat Götz George, 74, nun zum ersten Mal den Ort besucht, an dem sein Vater starb: das nach dem Krieg vom sowjetischen Geheimdienst geführte Lager Sachsenhausen. "Mir war kotzübel. Ich habe mir vorgestellt, was dort passiert war. Aber das darfst du nur bis zu einem gewissen Grad zulassen, sonst fängst du an zu heulen. Das ist sentimental. Und das hätte der Vater nicht zugelassen."

Der Spiegel, 24.6.2013

Kommentar

von Hans Günter Thorwarth | 06.07.2013 | 10:24 Uhr
"In der Nacht auf den 8. Mai 1945 kam die Nachricht, wir seien befreit - später konnte ich in den Unterlagen lesen, dass wir am 9. Mai 1945 nach Auschwitz gebracht und vergast werden sollten."
Edith Erbrich als fünfjähriges Mädchen mit ihrem Vater und ihrer Schwester von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert. Aus: "Erinnerungen einer Überlebenden", FNP 6.7.2013. Edith Erbrich erzählte ihre Lebenserinnerungen den Oberschülern der Weibelfeldschule in Dreieich.

Kommentar

von Hans Günter Thorwarth | 08.05.2014 | 09:39 Uhr
Auch zum 69. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs scheint das Ereignis in den Medien vergessen zu sein. Vielleicht findet es ja im nächsten Jahr mehr Beachtung ...

Kommentar

von Hans Günter Thorwarth | 15.03.2015 | 12:56 Uhr
Am Dienstag, 21. April 2015, 9.00 bis 17.00 Uhr
findet im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
ein Symposion zum Thema statt:

Der 8. Mai im Geschichtsbild der Deutschen und ihrer Nachbarn

Anmeldung bis zum 10.4.2015 bei
Hessische Landeszentrale für politische Bildung
Taunusstraße 4-6
65183 Wiesbaden

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