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Dr. Klaus Radke | 19.12.2019 | 955 Aufrufe | Interviews

"Deprimierte Moll-Töne kannte Beethoven nicht"

Ein Gespräch mit Rüdiger Görner über Ludwig van Beethovens Tagebücher

Ludwig van Beethoven hat Tagebuch geführt - von 1812 bis 1818. Sein privates Notizbuch entspricht dabei weniger einer Alltagschronik als vielmehr einem Sammelsurium aus Gefühlen, Gedanken und Zukunftplänen, angereichert um Zitate und Aphorismen. Eine Art festgehaltene Selbstgespräche in bewegten Zeiten, die von den Napoleonischen Kriegen und der anschließenden Restauration geprägt waren. Der Literaturwissenschaftler und Autor Prof. Dr. Rüdiger Görner hat sich bereits in den 1990er Jahre mit Beethovens Briefen und Aufzeichnungen befasst. Ein guter Grund, ihn anlässlich des 250. Geburtstags des Bonner Komponisten nach dem Tagebuch zu befragen.

Dr. Radke: Im Jahr 1812 beginnt Ludwig van Beethoven Tagebuch zu schreiben. Was hat ihn dazu veranlasst?

Prof. Görner: Beethoven ist jetzt in seinen Vierzigern. Es verlangt ihn nach Kommunikation mit sich selbst. Trotz oder wegen seines Bekanntheitsgrades als Klaviervirtuose und Komponist ist Beethovens Freundeskreis überschaubar. Gespräche im Kreis von Freunden, wie bei Schubert, verbindet man mit Beethoven nicht. Auf Tuchfühlung mit ihm brachten es nur wenige. Zudem – und das ist ein Hauptfaktor für sein Bedürfnis, mit sich selbst zu kommunizieren – schränkte eine ab 1798 nachweisbare Hörschädigung seine Kommunikationsfähigkeit empfindlich ein; sein Gehörleiden verschlimmerte sich um 1801 dramatisch und verunmöglichte ihm gesprächsweisen Austausch. Dass er sich jedoch erst zehn Jahre nach seinem „Heiligenstädter Testament“, das von seiner existentiellen Krise unverblümt zeugt, Tagebüchern anvertraut, belegt wie entschieden er, von Briefen abgesehen, durch sein kompositorisches Schaffen ‚kommunizierte’.

Die Tagebuchabschrift hat die Signatur Stadtarchiv Iserlohn, Bestand N 1 - Familie Nohl, Nr. 142.

Dr. Radke: Folgt Beethoven dabei dem Beispiel anderer Komponisten?

Prof. Görner: Form und Inhalt des Tagebuchs sind ein Phänomen der Romantik. Vor dieser Epoche sind dergleichen Aufzeichnungen von Komponisten nicht überliefert. Beethoven ist der erste Komponist, der ein derartiges Tagebuch führt.

Dr. Radke: Auch Mozart, Bach oder Händel schreiben nie Tagebuch?

Prof. Görner: Ein Tagebuch von Mozart ist schlicht nicht vorstellbar. Ein Tagebuch von Bach genausowenig. Und eines von Händel auch nicht. Bei Beethoven ist das anders. Schon als junger Mann führt er vorübergehend ein Reisetagebuch. Nicht zu unterschätzen ist auch die Intensität seines Briefstils, der phasenweise literarische Qualität hatte.

Dr. Radke: Hat Beethoven hier Vorbilder in der Literatur?

Prof. Görner: Beethoven interessiert sich nachdrücklich für die römische Antike, und so kommt es, dass er auch die Lebensbeschreibungen Plutarchs liest und damit erste Biografien im unserem heutigen Sinne.

Dr. Radke: Beethoven liest Texte großer Philosophen?

Prof. Görner: Ja, übrigens ohne eine sogenannte höhere Bildung genossen zu haben. Beethoven war weitestgehend Autodidakt. Auch wenn man seinen Unterricht bei Christian Gottlob Neefe in Bonn und später in Wien bei Haydn, Albrechtsberger und Salieri bedenkt, in der Ausformung und Weiterentwicklung seiner Kompositionsweise wurde er von Schaffensphase zu Schaffensphase gleichsam sein eigener Schüler.

Dr. Radke: Man darf also annehmen, dass die Anlage seines Tagebuchs auch von der Lektüre Plutarchs beeinflusst ist?

Prof. Görner: Das ist ganz offensichtlich, denn Beethoven setzt im Tagebuch fragmentarisch dazu an, seine intellektuelle Biografie zu reflektieren. 

Rüdiger Görner (Juni 2019)

Dr. Radke: Schreibt er in einer bestimmten Absicht?

Prof. Görner: Beethoven möchte sich selbst Auskunft darüber geben, wer er ist und was er will. Schon bald wird ihm klar, dass er in seiner Musik noch deutlicher zum Ausdruck bringen muss, was ihn eigentlich antreibt. Wille und Kunst sollen ein und dasselbe werden. Und mit der Zeit wird ihm das Tagebuch zu einem Medium, das ihm Klarheit über den Stoff verschafft, an dem er arbeiten will.

Dr. Radke: Welche Bedeutung hat dabei seine Schwerhörigkeit?

Prof. Görner: Sie nimmt von Jahr zu Jahr zu und das ist dramatisch. Zu ertauben bedeutet für einen Musiker ungefähr das, was es für einen Maler bedeuten würde zu erblinden oder für einen Rezitator stumm zu sein. Beethoven hört nicht mehr, was er komponiert. Er verwendet eine Ohrtrompete, in die seine Gesprächspartner hineinschreien müssen. Es ist qualvoll für ihn.

Dr. Radke: Wie konnte er dann überhaupt weiter komponieren?

Prof. Görner: Man hat sich immer wieder versucht klarzumachen, was Beethoven eigentlich noch hörte. Bekanntlich ist der Taube nicht vollständig taub. Er hat das, was man auf englisch ´the white noise´ nennt, den ´weißen Lärm´, in sich. Trotz seiner rapiden, dann wieder verzögerten Ertaubung lebt Beethoven wohl nie ohne Geräusche, was aber für ihn auch nicht einfach gewesen sein dürfte. Es bleibt eines der größten Wunder, dass Beethoven trotz dieser zermürbenden Erfahrung solche Kompositionen hat schaffen können.

Dr. Radke: Umso mehr wird der Beginn des Tagebuchschreibens im Jahr 1812 eine entscheidende Wende in Beethovens Leben markieren.

Prof. Görner: Beethoven weiß, er muss sich entscheiden. Soll er sich gegen sein Schicksal auflehnen? Soll und kann er mit diesem Schicksal künstlerisch angemessen umgehen? Im Schreiben sucht Beethoven seinen Weg. Eigentlich würde man spätestens nach 1812 von ihm nur noch Moll-Töne erwarten.

Dr. Radke: Aber das geschieht nicht.

Prof. Görner: Das ist ja das Erstaunliche. Gedämpft deprimierte Moll-Töne kannte er nicht. Eher hören wir das Aufbegehren in dem, was er komponiert, aber auch das Abgeklärtsein, das Aufgewühlte und Beherrschte – vor allem aber das in jeder Hinsicht in seiner Zeit Unerhörte. Als Pianist kann Beethoven zwar nun nicht mehr auftreten, aber als Konzertmeister hat er noch große Auftritte, sogar auf dem Wiener Kongress 1814/15.

Dr. Radke: Und er strebt dabei zu neuen Ufern.

Prof. Görner: Beethoven beginnt jetzt tatsächlich mit der Suche nach Alternativen zum Bisherigen. Etwa um 1812 endet die mittlere Periode seines Lebenswerks. Ein Aufbruch in etwas, was man heute die späte Phase nennt, zeichnet sich ab. 

Dr. Radke: Was charakterisiert die mittlere Schaffensperiode?

Prof. Görner: Seit den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts nimmt Beethoven zunehmend Einflüsse der Wiener Welt auf und das bestimmt die mittlere Periode. In den beiden ersten Phasen arbeitet er sich vor allem an Haydn ab und an dem musikalischen Erbe der Barockzeit. Aber das schiebt er 1812/13 entschieden beiseite.

Dr. Radke: Von welcher Strömung grenzt Beethoven sich nun ab?

Prof. Görner: In der Spätphase hauptsächlich von Rossini, von dem er sich deutlich abwendet. Wobei man nicht sagen kann, dass Beethoven in seiner späten Periode nur hoch hochambitiöse Musik geschrieben hat. Er hat sich sehr wohl auf Populistisches verstanden. Was er für den Wiener Kongress 1814/15, den er gewissermaßen orchestrieren darf, komponiert, das ist Unterhaltungsmusik für die Diplomaten Europas. Was ihm noch einmal große Anerkennung sichert.

Dr. Radke: Im eigentlichen Sinne populär war Beethovens Musik zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr.

Prof. Görner: Das ist richtig. Beethoven ist eigentlich nie Mainstream gewesen und nach 1815 ohnehin nicht. Die musikalischen Trends seiner Zeit haben ihn letztlich vermutlich eher angeödet.

Dr. Radke: Reifen in den sechs Jahren von 1812 bis 1818, in denen Beethoven Tagebuch schreibt, Einsichten, wie das Musikalische sich für ihn zukünftig entwickeln könnte.

Prof. Görner: Im Tagebuch - durch die Art wie er reflektiert, wie er schreibt - deutet sich an, dass Beethoven wie nie zuvor bereit ist, als Komponist aus sich herauszugehen und über sich hinauszudenken. Beethoven glaubt an den Weltgeist - ein Begriff der damaligen Zeit. Mit seiner Musik will er dieses Höhere, das alles Irdische durchdringt, vor dem geistigen Auge seiner Zuhörer entstehen lassen. In überragender Weise wird ihm das später in der C Dur-Messe und vor allem in der „Missa Solemnis“ gelingen.

Dr. Radke: Spiegelt sich in Beethovens Kompositionen demnach nicht nur sein subjektiver Wille?

Prof. Görner: Genau das ist das Spannende an Beethoven überhaupt. Er ist ein Komponist, der ungemein subjektiv ist, willens, seinem Ich Gehör zu verschaffen. Aber er sieht sich auch dem Willen eines unbestimmt ‚Höheren’ ausgesetzt, das ihn, so kam es ihm offenbar vor, zu seinem musikalischen Werkzeug zu machen scheint. Es widerstreiten in ihm der unbändige Wille zum Ausdruck des Eigenen und der sublime Wille, das Sublim-Menschliche in Musik geradezu allgemeingültig zu gestalten. Vergessen wir nicht: das Jahr 1818/19 sieht auch den Abschluss eines Meilensteins in der europäischen Philosophie, des jungen Arthur Schopenhauers Schrift „Die Welt als Wille und Vorstellung“. In ihr definiert er die Musik als das unmittelbare Abbild des Willens. Von Beethovens musikalischer Willensmetaphysik ist das nicht weit entfernt, auch wenn Schopenhauer sich in Richtung auf etwas bewegt, was Beethoven letztlich fremd bleiben sollte: die Überwindung des Willens.

Dr. Radke: Würden Sie ihn als einen idealistischen Komponisten bezeichnen?

Prof. Görner: Beethovens Spätwerk ist sicherlich ungemein experimentell, gemessen an seiner Zeit. Aber Ihre Frage ist zu bejahen, denn Beethoven hat Musik mit Ideen verknüpft. Er suchte nach leitenden Gedanken. Es findet sich wohl kaum ein Komponisten, in seiner Zeit und später, den man in diesem Ausmaß als einen an Ideen orientierten Komponisten bezeichnen könnte. 

Dr. Radke. Woran erkennt man das?

Prof. Görner: Schon zu Beginn der späten Phase seines Komponierens beginnt er verstärkt mit Gegensätzen zu spielen. In der Aufführungsanweisung für den ersten Satz seiner Klaviersonate Opus 90 äußert er die Erwartung, dass dieser Satz sowohl mit Empfindsamkeit als auch mit Ausdruck gespielt werde, die Töne einerseits nur angehaucht würden, andererseits mit Vehemenz erklingen sollen. Nirgendwo wird dieses Spannungsmoment deutlicher zwischen dem Ego Beethovens einerseits und dem Beethoven, der über sich hinaus will, als hier. Es ist betont eruptiv, was sich im ersten Satz dieser Klaviersonate zuträgt. Das klingt schon so ‚gehämmert’ wie später die Hammersonate Opus 10.

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Klaviersonate Opus 90

Dr. Radke: Die Jahre von 1812 bis 1818, in denen Beethovens Tagebuch entsteht, sind eine Zeit historischer Umbrüche in Europa. Wie hat Beethoven das erlebt?

Prof. Görner: Beethoven durchlebt diese tiefgreifenden Veränderungen intensiv. Ursprünglich ein Verehrer Bonapartes - er widmet er ihm sogar eine Sinfonie, die Eroica - erlebt er mit, wie dieser als Napoleon Europa unterwirft und wie er die Habsburger Monarchie bedroht. Beethoven ist so erbost, dass er die Widmung aus der Eroica wieder auskratzt. Er erlebt den Zenit und den jähen Fall Napoleons. Dann setzt die Restauration ein. Aus Europa wird eine Gemeinschaft von Polizeistaaten unter Metternichs Führung. Die Zensur wird zum Normalfall. Beethoven, es ist bekannt, zeigt sich entsetzt. Nichts fällt ihm schwerer als Ergebenheitsgesten gegenüber seinen Auftraggebern und seien es Fürsten. Doch sein Ansehen beim Adel scheint ungebrochen. Zu seiner eigenen Überraschung kann er es sich auch während der Ära Metternich leisten, Musik zu schreiben, die entweder seine Auftraggeber brüskiert oder seinen Zeitgenossen unverständlich bleibt. Schubert hätte niemals in gleicher Weise folgenlos aufbegehren können. Er hätte mit Repressalien rechnen müssen.

Dr. Radke: Ihre letzte Antwort führt uns zu dem Lebensthema des Individualisten Ludwig van Beethoven. Es ist das Thema: Freiheit.

Prof. Görner: Freiheit ist unausgesprochen auch das Thema des Tagebuchs. In den Jahren, in denen Beethoven Tagebuch schreibt, beginnt er mit den Arbeiten an der Oper Fidelio. Beethovens Fidelio - seine einzige Oper und was für eine! - ist die große Oper überhaupt zu dem Thema Freiheit. Beethoven setzt übrigens hier die Freiheit nicht absolut. Denn wie in der Neunten Sinfonie singen auch im Fidelio Solisten und Chor immer im Wechsel. Die Gemeinschaft, für die der Chor steht, singt über die Freiheit immer im Wechselspiel mit den Individualisten, den einzelnen Stimmen. Vielleicht wird nirgendwo sonst Beethovens Größe als Komponist, sein musikalisches Genie, so deutlich sichtbar wie hier. Es ist beispiellos, wie ein Begriff wie die Freiheit unter seiner kompositorischen Regie geradezu eruptiert, in ekstatische Freude umschlägt, nein, sich als Freude verwirklicht. Wie ihm das gelingt, das machte Beethoven zu einem Ausnahmekünstler. Es erklärt, weshalb sein Werk bis in die heutige Zeit eine solche Tiefenwirkung hat. Es gibt nichts Vergleichbares.

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